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Neue jüdische Presse · 1920-12-24 · Heft 47 (24.12.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 47 (24.12.1920)
Date
1920-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Jamilienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galt) Geis pgiminiiiiiiimiuiHrnniiniuiniHimiiiiiminiimmiinimiimB | Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel« : : fahr: Zn Frankfurt am Main bei der Neuen jüdischen Presse, : : auswärts bei der Post abonniert Mk.3 L0, stei ins Haus -15 pfg. i; mehr./BeiZusenbung durch Streifband furOeutschland Mk.20.00,; j für alle übrigen Länder Mk.30.00jährlich, im Voraus zahlbar. : .iiiiiiiHmiiHimiiimmminiiHimniniminuimiuimniimwu. [ Insertionspreis für die sechsgespalteneÄanp.Zrile'lüopfg., für | I die Neklamezeile Mk.3.—> Bet Wiederholungen entsprechender : : Vabatt. / Platz« und Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. / : : Annoncen-Annahme bei der ttzped.und in a.Annoncen«Bureaus. : : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864. j ..................1... 18. Jahrgang. Freitag, de« 13. Tewes 5681 (24. Dezember 1920) Rr. 47. - Hillel und Schammai. Bemerkungen zur jüdischen Gemeindepolitik. In seiner Rede auf der ersten Sitzung der neugewählten Genieindevertretung der Frankfurter Israelitischen Gemeinde verglich Justizrat Dr. Blau die zwei großen Parteien, in die sich die Gemeinde scheidet, mit dem Hanse Hillel und dem Hause Schammai, von denen es heißt: „Ein w'elu diwre elankint chajim." Die Aeußerung wollte sagen, daß jede dieser Parteien von reinem, idealem, das Beste des Judentums wollenden Streben getragen sei; — wir möchten jedoch - die Gelegenheit nehmen; an sie eiitige prinzipielle Bemerkungen zur jüdischen Gemeindepolitik anzuschließenf. Hillel und Schammai und ihre Lehrhäuser standen auf dem gemeinsamen Boden des geofsenbarten Judentums mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Von den beiden großen Parteien im jüdischen Gemeindeleben baut die konservative, traditionstreue auf dieser Grundlage weiter, die andere jedoch, die liberale, verneint den Osfenbarungscharakter der jüdischen Religion, und die Tradition ist ihr deshalb zu einem Stosf geworden, den jede Generation nach freien! Ermessen zu ändern befugt ist. Diese zwei Standpunkte streben in ihrer. Entwicklung naturgemäß so sehr von einander weg, daß man zu einem 'Schisma kommen müßte, wäre das Judentum nur eine Religion. In der ungarischen Judenheit hatte sich vor mehr als fünfzig Jahren zum ersten.Male die Anschauung von der Notwendigkeit der Zweiteilung der Judenheit gebildet; sie zeitigte Ungarn orthodox-jüdischer Konfession und Ungarn ncolog-jüdischer Konfession, trennte diese vollständig von einandex und schnitt beide von dem Interesse an dem Geschick der großen jüdischen Gesamtheit ab, wenn auch. bei dem orthodoxen Teil immer noch etliche Berbindungsfäden blieben. Keine internationale jüdische Organisation faßte in Ungarn Boden, kein Hilfswerk für ausländische Juden fand in Ungarn entsprechende Unterstützung. Anders ist es in unseren deutschen jüdischen Gemeinden. Hier gibt es noch ein brüderliches Nebeneinanderarbeiten ' der beiden so verschiedenartigen religiösen Strömungen unter einein gemeinsamen Dach. Doch dies geschieht keineswegs gedankenlos, vielmehr im vollen Bewußtsein der klaffenden Differenz in dem Verhältnis zu den Grundlagen der jüdischen Religion. Und es geschieht deshalb, weil uns Juden unabhängig von unseren "Beziehungen zur jüdischen Religion als Menschen eine Fülle gemeinsamer Gefühlswerte verbinden. Djx stillschweigende Anerkennung unseres jüdischen Volkscharakters und der jüdischen Gemeinde als einer jüdischen Volksgemeinde sind die Faktoren, die beide so verschiedenartigen religiösen Strömungen Zusammenhalten. Sind Ivir Juden ein Volk, so lebt selbst in den der Religion des Judentums entfremdesten Teilen unseres Volkes noch ein Stück vom Wesen, vom Geiste des Judentums, und es bedarf nur der richtigen Propagierung, um für die bewußte .Erfassung des traditionellen Judentums Verständnis zu finden. Weil iin Judentum Religion und Nation ein unlösliches Ganze bilden, verharren die sygenannten Gemeindeorthodoxen in gemischten Gemeinden. Wenn sie jedoch ihre Aufgabe treu erfüllen wollen, dann ist ihre Position eine überaus verantwortungsvolle. Es heißt da, den Kampf mit den Problemen .des jüdischen Lebens mutig aufnehmen, — und dies setzt voraus, sich selber des traditionellen Judentums klar bewußt zu sein und es mit seinem eigenen Leben mit aller Kraft zu verchirklicheN: Der Strenge Schammais bedars's für die Gestaltung der eigenen jüdischen Pflichterfüllung, damit diese der beste Propagist für die erzieherische 'Bedeutung des traditionellen Judentums sei! Dann wird sich dieser Strenge SchanimaiS gegen sich selber die Milde Hillels in der Beurteilung Andersdenkender hinzugefellcn, denn immer wieder lvird der Vertreter des traditionellen Judentums sich vor die Frage gestellt sehen, ob er es selber nicht an gutem Beispiel durch das Tun seines Lebens und an Eifer in der klaren Vertretung der jüdischen Gedankenwelt habe fehle» lassen. Die Zukunft unserer jüdischen Gemeinden hängt davon ab, wie die Traditionstrcnen ihre eigenen Massen vrganisieren und erziehen. Nur dies ist bestimmend für das Mehr oder Weniger ihres Einflusses ans die liberale Judenheit! Sich selber überlassen, müssen die Massen der liberalen Judenheit trotz der Anstrengungen ihrer Führer allmählich ein Opfer der Assimilierung werden. Italien, Frankreich, Dänemark haben es gezeigt, — und auch die Geschichte der deutschen Judenheit in den letzten hundert Jahren er-- zählt genügend von dieser nivellierenden Kraft der Assimilation. Im Zeichen V-s Völkerbundes. Bo» -er Tragödie in Osteuropa. Balachowitsch, der Führer der russischen Fceiwilligcnarinee, mit der er ein „freies, demokratisches Rußland" schaffen wollte, jedoch nur Raub, Plünderung und Mord unter der wehrlosen jüdischen Bevölkerung geschaffen hat, ist in W a r s ch a u eingetroffen, nachdem seine "Armee entwaffnet wurde. Von den Heldentaten dieses Günstlings Polens und Frankreichs bringt eine Interpellation des Abgeordneten Schipper einiges. Nach dieser auf amtlichen Feststellungen beruhenden Interpellation sind im Gebiet von Cholin 22 Juden getötet, l8ö verwundet und etwa 250 Jüdinnen geschändet worden, während alles jüdische Hab und Gut geraubt oder zerstört wurde. Auch Pctljura, ein anderer Schützling Polens und Frankreichs, wird nächster Tage in W a r s ch a u erwartet, da auch seine Armee der „Roten Armee" weichen mußte. Zwei Jahre hat dieser Unmensch in der Ukraine gewütet, und wie der nach W a r s ch a u geflüchtete Sekretär der Jüdischen Nationalversammlung in Kiew, Leiserowitsch, angicbt, gegen 000 003 Juden ermordet und mehr als eine halbe Million durch Mißhandlungen und Berwniidungen zu tranken oder verkrüppelten Menschen gemacht. Selbst der Säugling in der Wiege, die Frau vor ihrer Niederkunft, der Greis im Krankenbett wurden nicht geschont. Was in den letzten zwei Jahren in der Ukraine geschah,-wird für alle Zeiten als eines der dunkelsten Blätter der Menschheitsgeschichte zum Schandinal unserer Tage bewahrt bleiben! Der vogelfreie Juve in Ungar». Du nichtungarischen Juden, die jedoch vor dem Zusammenbruch des Reiches österreichisch-ungarische Juden waren, werden auf Veranlassung der Regierung in nächtlichen Razzien zusanimcngefangen und ohne Rücksicht darauf, ob sie während des Krieges oder noch vor dem Kriege eingewandert sind, ob ihnen Ausweisungsbefehle bereits eingehändigt wurden oder nicht, mit ihren Familien, Frauen und Kindern ins Schubhaus in der Mosonyigasse gebracht, wo sie in Kellern und ungeheizten Räumen, in Zimmern ohne Fensterscheiben, mit Verbrechern,! Vaganten und Straßendirnen zusammengepfercht, bleiben niüssen. Auf diese Weise sitzen im Schubhaus bereits etwa 1000 Juden und in der weiteren Etappcnstation, dem Internierungslager in Pilis-Csaba, etwa 800 Juden. In letzterem Lager leiden die Juden nicht nur durch Kälte und ungenügende Nahrung, sondern auch durch Krankheiten, da das Lager als ehemaliges Kriegsgefangenenlager verseucht ist. Es sind bereits zwanzig Todesfälle in Pilis- Esaba vorgckouimen. Die Razzien dauern ununterbrochen fort, — und was das unglaublichste dabei ist: sie werden durch das von der jüdischen Organisation „American Joint Distribution Committee" errichtete „Rechtschutzbüro" gefördert, indem die Behörden sich bei diesem Büro das Adressenmaterial verschaffen. In diesem Büro sitzen übrigens keine jüdischen Juristen, sondern drei ungarische, christliche Juristen, die sich an den armen, verfolgten Juden bereichern. Das Jorni - Komitee besteht fast ausschließlich aus adeligen Inden radikalster Assimilation, Bankdirektoren. Hofräten u. dglch., die selber de» nichtungarischen Juden gegenüber gehässig fühlen. Es sind die gleichen Individuen, die, wie!vir bereits jüngst verzeichneten, mitverantwortlich dafür sind, daß die von den amerikanischen Juden gesammelten- Hilfsgelder zum größten Teile nicht den Juden, sondern de» "Autiseinireu zugekoimnen sind. Pogrome i» Armenien Der WarsclMuer „Nene Hajnt" meldet: In Bombay (Indien) ist kürzlich ein großer Transport von jüdischen Flüchtlingen aus Armenien angekommen, n-elche erzählen, daß die Juden dortselbst von den Armeniern schrecklich zu leiden haben. Der Transport besteht aus 197 Personen, davon 112 armenischen und 85 persischen Juden. Wie sie einem Vertreter der „Times o s I n d i a " erzählten, sind sie zumeist Handelsleute; sie waren türkische Staatsbürger und wohnten in Anatolien und den benachbarten Provinzen. Vor einigen Mo»' naten — so erzählen sie — kamen die Bolschewiken nach Anatolien und vertrieben die Türken. Als sie abzogen, übergaben sie die Verwaltung ihren armenischen Verbündeten. Das erste, was die Armenier nach dem Abzug der Bolschewiken taten, war, einen grauenhaften Pogrom gegen die Juden zu veranstalten und ihrer Hunderte abznschlachten. Ganze jüdische Familien wurden von den Armeniern in grausamer Weise erniardet. Die Juden, welche ihr Leben retten konnten, wurden all ihrer Habe beraubt." Die .^Wiener Morgenztg." bemerkt zu dieser Mchr.: „Run ist auch 'Armenien in die Reihe der Pogromländer eingetreten. Es zeigt sich überall der gleiche, typische Geschichtsverlauf. Man will in diescin Falle Rache an den türkischen Bedrückern nehmen und begnügt sich in deren Abwesenheit mit den Juden. Daß sie türkische Staatsbürger waren, genügt. Und daß solches geschieht, während der Völkerbund über Abhilfe der armenischen Verfolgungen berät, läßt die jiidische Tragik, deren Opfer nunmehr die Flucht mich ins ferne Indien trägt, in umso schärferem' Licht erscheinen." Erez Israel. Festsetzung der Rorvgrenze. Folgendes llebereinkommen ist zwischen der englischen und der französischen Regierung getroffen worden: Alle zur Zeit bestehenden jüdischen Kolonien im Nor»' den Palästinas einschließlich Metulahs sowie ferner die Stadt Banias sollen innerhalb der Grenzen Palästinas verbleiben. In Bezug auf die Wasser des Jarmuk so-, wie seiner Nebenflüsse und des obersten Jordanlanfes joll die Frage ihrer Nützbarmachuug.für Palästina durch eine Kommijsion festgesetzt werden, die aus Vertretern.dev franzöjischen und der englischen Regierung und aus zionistischen Ingenieuren besteht. Sollte keine Einigung zuflaiidekonrmen, so wird die Sache an die beiden Regierungen zurückgegeben, und die Vereinbarungen werde» alsdann ein Teil eines internationalen.Abkonimens. Die französische Regierung hat die Erklärung abgegeben, daß sie diese Angelegenheit in sehr entgegenkommendem Geiste erledigen will. Sine bemerkenswerte Szene. Bei der Vermählung des Sohnes des Genrralgouverneurs Sir Samuel mit der Tochter des hebräischen Schriftestllers Grasovsky, an welcher Feier mehr als 900 Personen teilnahmen, schmückte der greise Scheich A b li Midi nach der Trauung den Bräutigam mit der arabischen Tracht und erklärte ihn feierlich zuni Scheich von Bersaba. Auch dieser Vorgang ist ein Beweis dafür, welche große Sympathien Sir S a in u e l sich bereits in de» wenigen Monaten seiner Regierung bei der gesamten Bevölkerung erworben hat. Wirtschaftliches. In Deutschland lebende Zionisten haben eine Gesellschaft zur Errichtung einer großenDampfwäkcherer gebildet. Dr. M. Jewnin, Berlin, ist der Geschäftsführer. Ein Teil der Maschinen ist bereits in Jaffa aingetrosfen.

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