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Neue jüdische Presse · 1920-12-17 · Heft 46 (17.12.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 46 (17.12.1920)
Date
1920-12-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Zsraelitisches Familienblatt j Erscheint wöchentlich am Freitag. Sezugspreks pro Viertel«! fahr: Zn Franljurt am Main bei der Neuen Indischen Presse,! auswärts bei der Post abonniert Mk.3L0, frei lnS Haus -iS pfg. | mchr./ÄeiZufenbung durch Streifband sürOeusschland Mk.20.00, s für alle übrigen Länder Mk.30.00jShrlich,im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße I Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis iiinmiiuuiiiiiiiiinnuniiniiiiiinnuinnmnnnmmmm Insertionspreis für die sechsgestxilteneNonp.ZelleAXVtz^ fid die Rellamezeile Mk.3.-. Vei Wiederholungen entjprrchmder Rabatt. / Platz« und Datum-Dorschrist ohne DerbkndlkchKit. / AnnomenÄnnahme bei der (tzped.und in a.Annonten«Äureaus. Konto bei dem poMeckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4064. ■ inm.M.i 18. Jahrgang. Freitag, de» 6. 5681 (17. Dezember 1926) «r. 46. Poleuschau. Gilt ec noch heute, der stolze Ausspruch „Noch ist Polen nicht verloren?" — Heute ist er noch Wahrheit. Was mag aber schon .-die nahe und Nächste Zukunft. bringen? Jedenfalls läßt!ich sagen, bai\ das Land mit der „glorreichen Vergangenheit" ans eine weniger glorreiche und glänzende Zukunft zu rechnen hat, wenn eS ireiterhin mit der gleichen weisen Staatskunst und politischen Weitsicht regiert werden wird wie in den paar Jahren seiner neuen Selbständigkeit und Selbstherrlichkit. Vielleicht keiner der im Kriege neugegründcten Staaten hat eine solche Machtfülle und eine so günstige Machtstellung so leicht und plötzlich gewonnen, kein Volk ein ^solches Verständnis für "seine Wünsche, Bedürfnisse und Ideale in der Welt gefunden wie die Polen. So schnell das politische Ansehen und die politische Macht in weitem Maße verloren und so sehr sich die tiefe Sympathie der Welt verscherzt zu haben, kann sich gewiß keine von den befreiten Nationen rühmen. Heute ist Polen wieder — zum wievielten Male schon? — in eine sehr unbequeme und unsichere politische Lage hineingesteuert. Es droht ihm neue Gefahr von dem bolschewistischen Rußland her. Der polnische Imperialismus, der in Riga einen Augenblick lang triumphiert hat, braucht jetzt nicht mehr auf sein Werk stolz zu sein. Wird dr Polen,jemals die notwendige Ruhe und den Frieden geben? Politisch-militärisch: eine ungewisse Zukunft. Wirtschaftlich geht es in noch schnellerem Tempo abwärts. Die polnische Währung, ein unfehlbarer Barometer des Wirtschaftslebens, sinkt und sinkt: das Land verarmt und verelendet fast unaufhaltsam. Aber — „noch ist Polen nicht verloren." Eine verfahrene Außenpolitik, eine ebenso verfehlte Innenpolitik, — sie reichen sich in trautem Bunde die Hände. Die inneren Spannungen und Gegensätze sind lange nock nicht geschwunden, und Ueberraschungen aller Art sind noch möglich. Reaktion und Sozialismus kämpfen miteinander einen heftigen Kampf um die Macht. Den größten Schaden von all dem trägt wie immer die Judenheit des Landes davon. Sie ringt noch immer . um die tatsächliche '• Gleichberechtigung vor dem Gesetz. Sie ist auch heute noch zum Teil vor dein Gesetze, vor allein aber in der Praxis der Verwaltung entrechtet. Sie führt einen schweren. Kampf um ihr Recht. Durch ihre. Vertreter im Parlament erhebt sie immer von neuem ihre Forderungen und wird immer wieder damit einfach abgewiesen. Die jüdischen Abgeordneten stehen, sobald sie jüdische Interessen verteidigen, einem festen Block gegenüber. Gelegenheit und Anlaß dazu bietet sich seit der Beratung des DersassungswerkcS häufig genug. Judendebatten folgen sich in immer kürzeren Abständen, immer heftig, manchmal nicht ganz fruchtlos für die jüdische Sache. Hier ist 'große Aufklärungsarbeit von jüdischer Seite geleistet worden, — Vorbedingung für' eine nicht aussichtslose Vertretung von grundsätzlichen Forderungen. Heute sind die Juden noch fast ganz von der Abwehr in Anspruch genommen. Sie treten aber allniühlich aus der bloßen Defcnsivstellung heraus, um Rechte, die ihnen noch streitig gemacht werden, zu erkämpfen. Sie sind auf einen langen Kampf gefaßt, 'aber sie glauben an einen schließlichen Erfolg. * Es sind Kleinigkeiten, aber immerhin Anzeichen von vielleicht symptomatischem Wert; die Juden werden im Parlament Und von der Regierung jetzt häufiger wirklich ruhig angehört, aber, um. es gleich zu betonen, in der Regel mit dem festen Entschluß, das Verlangen abzulehnen, zu hemmen und zu leugnen. . Wichtiger: es wird von einer Fortsetzung der polmfch-jüdifchen Beratungen zwecks Verständigung zwischen Polen und Juden gesprochen. Die Judenfrage wird immer mehr in ihrem' ganzen schweren Ernst erkannt; und die Notwendigkeit irgend einer vernünftige» Lösung beginnt von klugen Polen langsam «ingesehen zu werden. Daß Pogrome zu diesem Ziel nicht führen können und nur die politische Stellung Polens in der Wett er- Siüttern,' wird von besonders scharfsinnigen Kövfe» auch lmählich begriffen. Die Pogrvmbeioegung in den Sommermonaten dieses Jahres ist denn auch abgeebbt, d. h. es sind diesmal nHt so sehr die. Polen als, ihre wArdigeuDerbündeten, die Generäle Petljüra und Balachowitsch, die in der allerletzten Zeit in wolhynischen und pvdolischen Ge-. biete» furchtbar unter den Juden gehaust haben. — Verbündete, die nichts als blutrünstige. Banditen sind. Heute erst, nachdem diese Bluthelden erledigt und ihrer Macht beraubt sind, hört Polen auf, sie zn unterstützen: das Blut der ermordeten Juden aber kommt nicht allein auf die Häupter der Bandengeneräle. Ist es nicht endlich auch für Polen hoch an der Zeit, die Pogromgefahio in und an den Grenzen Polens durch entschlossene Maßnahmen zu bannen? Polen hat allen Grund, dafür Sorge zu tragen. Aus Rücksicht auf die Juden in den strittigen Landesgebieten, wo .Abstimmung sicher die Angliederung des Landes an einen von zwei Staaten entscheiden soll: vor allem in Wilna. Ein Land der Pogrome, der schnöden Jndenpolitik wird niemals eine ihm günstige Haltung der Judenschaft in irgend einem Abstimmungsgebiet vorfinden. Im Falle Wilna ist naturgemäß der Drang zu einem Staat einer gerechten, großzügigen Judenpolitik wie Litauen viel größer als zum' antisemitisch-reaktionären Polen. llnd die Entscheidung der Juden ist hier von vielleicht ausschlaggebender Bedeutung. Daß die Polen die einfache Sachlage schon begriffen haben, geht ans ihrer maßvollen und versöhnlichen Judenpolitik in Wilna selbst hervor; ob der Köder, die unsicheren Zusagen die erirünschie Wirkung tun, ist nicht ganz sicher. . Eine zweite Tatsache zwingt die Polen, in ihrer Gewaltpolitik gegen die Juden innezuhalten: der energische Protest der amerikanischen Juden gegen den polnischen Pogromismus, der Protest, wie er in der letzten Zeit vor allem in der geschlossenen Kundgebung des amerikanisch-jüdischen Kongresses gegen Polen zum Ausdruck gekommen ist. In Washington hat sich Fürst Lubom i r s k i, der polnische Gesandte, beeilt,' offiziell zu erklären, daß die polnische Regierung mit aller Macht dem gewalttätigen Antisemitismus entgegentreten werde. Und er har weiter vorgeschlagen, mit ihm zu verhandeln über die Wege zu einer Verständigung zwischen Polen und Juden. Zu wünschen ist ein befriedigendes greifbares 'Ergebnis dieser Beratungen. Vor allem aber tut eine entschiedene Aenderung der Judenpolitik im Lande selbst not. Je länger Polen damit zögert, umso schwerer wird es für seine Uubelehrbarkeit politisch und wirtschaftlich büßen. Die Erinnerung an einstige Macht und Glorie, an den Ruhm einstiger Humamtät und Toleranz, genügt gewiß nicht, ein neues zukunftsreiches Polen zu schaffen. B e n - I e p h u n e. Anmerkung der Redaktion : Nachdem die vorstehenden Ausführungen schon niedergeschrieben waren, erhielten. wir zwei neue Nachrichten aus Polen» die aus die Aussichten der jüdischen Lage ein günstigeres Licht werfen als die Meldungen in der letzten Zeit. Die eine Nachricht besagt, die polnische Regierung habe endlich die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrags über den Minderheitsschutz in ihrem amtlichen Organ (dem „Dziennik Ustaw") veröffentlicht und damit endlich offiziell dieie Bestimmungen als gültig und verpflichtend anerkannt. Ueber die Bedeutung dieses Schrittes hat sich der Vizeministerpräsident, der Sozialist Das zy ns ki» dahin ausgesprochen, daß nun auch 'mit der Erfüllung der Friedeusbestimnmngen über nationalen Minderheitsschutz Ernst gemacht werden solle. Inzwischen werden, wie die zweite Meldung mitteilt, die polnisch-jüdischen Ausgleichsberatnngen fortgesetzt; über die seitherigen Ergebnisse soll die Regierung eine amtliche Mitteilung veröffentlichen. Damit wäre ein, erster Schritt getan zu einer Verständigung zwischen Polen und Juden. Sollten diese Erklärungen den Auftakt zn einer neuen polnischen Politik gegenüber den Juden kein, zu einer Politik der Anerkennung und Durchführung der jüdischen Rechte, dann könnte man mit größeren Hoffnungen als seither in die Zukunft der polnischen Judenheit und auch — man vergesse es nicht! — des polnischen Staates blicken. Wird man es uns aber versagen können, wenn wir nach den trüben Erfahrungen vor allem in den letzten vier Jahren alle Erklärungen der polnischen Regierung mit großer Vorsicht onfnehmen und jetzt Taten sehen wollen, bis wir neue Stellung zu den Dingen nehmen? Rabbiner Israel Hildesheimer »«d Rabbiner Marens Hrravitz*) von Rabbiner Dr. Jacob Horovitzi. 1 Schluß.) Die Jüdische Presse hatte geschrieben: „Ein einwandfreies Zeugnis .Über Hit» desheimers Stellung liegt aber vor «rllem i n F o lgendem. Seit kurz nach der Gründung des Rabbiner-Seminars wird jedem als Rabbiner autorisierten Schüler eine matO njmn mir auf den Weg gegeben, in der er in der Stunde des Abschieds noch einmal ernst auf die Grundlehren des Seminars hin« gewiesen und ihm ans Herz gelegt wird, nicht von ihm« zu weichen. Er wird austnerkfam gemacht, daß er deine Stellung übernehmen dürfe, die ihn in Synagogen führe, in denen die Orgel eingeführt oder Ähnliche Verstöße gegen das Religionsgcsetz vorgenommen würden. Dann heißt es: nnra uns 1V8 r6np 'Dürr o« Tp pn nnjr* roNn üb .rmoi or6 nvrfr *psnp» rüto niKtanrr rrao biVaa rnom mnn nw» ip onV yawn üb '2 ,7tv6d dü? %snnb -£> ira» iwr rfonn nm -ra itt 12 -1V8 .nD»n rp2 nna anpb Vdw .oti mpa Hier wird ausdrücklich den Schülern die Uebernahme der Stellung erlaubt, sobald die notwendigen Maßnahmen in ihrer zukünftigen Synagoge getroffen sind. B»n autorativster Seite wird uns bestätigt, daß. dieser Wortlaut deshalb gewählt sei, weil das Seminar die Uebernahme von Stellungen auch an religiös verschiedenartig zusammengesetzten Gemeinden nicht vermehre», sie als» nicht als verboten bezeichnen wollte. Die Wahl dieses Wortlauts stammt aus der Zeit Jsr. Hildesheimers, und er hat m Dutzenden von Fälle» unter diese njTPiY seiner» Namen gesetzt. 'Damit erledigt sich diese Frage wohl ohne' weiteres." , Wie findet sich der „Israelit" mit dieser Auseinandersetzung ab. auf die die Jüdische Presse das Hauptgewicht legt? Wer den zuversichtlichen Ton zn Beginn des Aufsatzes im „Israelit" mit dem verhältnismäßig immerhin bescheideneren vergleicht, der jetzt angeschlagen wird, hört aus dieser Aenderung der Tonart die ganze Verlegenheit deutlich heraus, in der sich der Verfasser der Erwiderungbefindet. Er schreibt: „Der dritte Beweis scheint uns an mancherlei Unstimmigkeiten zu kranken. Es handelt sich hier um ein Formular, das in derselben Fassung aus Jahre und Jahrzehnte hinarcs gewisse Minimalprmzipie« festlegen soll. Es ist also vollkommen verständlich, daß mm», sich dabei eine gewisse Beschränkung auserlegt, da ja die Berschiedenartigkeit der Verhältnisse eine eindeutige Stellungnahme zu allen möglichen, im vorhinein nicht voraus- ' zusehenden Gestaltungen des Gemeindelebens gar nicht angängig erscheinen läßt. So z. B. wäre es ja — auch; im Sinne der Hirsch'schen Auffassung — für die Annahme oder Ablehnung einer Rabbinatsstelle von entfcheibenber Bedeutung, ob an einem Orte neben der Reformgemeinde eine selbständige orthodoxe Gemeinde überhaupt besteht oder nicht. Das Formular' des Seminars kante also in diesem Punkte gar keine einheitlichen Normen aufstellen. Daraus aber Schlüsse auf die Gesinnung ober gar auf eine Gesinnungsänderuug Israel Hildesheimers ziehen zu wollen, ist u. E. durchaus unzulässig." Davon, daß die Jüdische.Presse sich für ihre Auffassung auf eine ausdrückliche Bestätigung der „autoritativsten Seite"' beruft, nimmt, wie man sieht, der „Israelit" in seiner Entgegnung keinerlei Notiz. Was das Rabbiner- Seminar meint und nicht meint, weiß er besser als der Rektor des Seminars und dessen Dozenten und Kuratoren. Beachtenswert ist übrigens die beiläufige Aufllärung» daß. ein Rabbiner nach der Auffassung Hirschs eine Stellung an einer .Mesormgemeinde" annehmen dürfe. Das Interesse an der Betonung der angeblichen Pflicht des Austritts aus den Gemeinden, zumal aber des Austritts aus der Frankfurter Gemeinde, läßt es ihm taktisch klug und wünschenswert erscheinen, der Frankfurter Gemeinde schlechthin den Beinamen einer Reformgemeinde zn geben, wie er neuerdings das Rabbinat der Israelitischen Religious- **) Mit Erlaubnis des Verfassers der Jüdischen Presse entmmünen. D. Redakt.

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