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Neue jüdische Presse · 1920-12-10 · Heft 45 (10.12.1920) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 45 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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' -.. 9to: 45 A.H. Thyssen Stets Eingang W Neuheiten in Tapeten TN8 feppiche Läufer Vorlagen 20 Nene Mainzerstrasse 20 •Ecke WeisafraneiiBtrasse. Telefon: Hansa 1784. „Loge Einigkeit", Kaiserstrabe 37. Die Feier beginnt um 11 Uhr. Die Festrede hält Rabbiner Dr. Emil Cohn- Bonn." Personalien Elias Gottselig ist am Vorabend de» Chanukkah heimgegangen. Ein Zaddik, ein stiller Wohltäter, ein Mensch, der fein Dasein nur anderen weihte, — so lebte dieser intelligente, humorvolle Mann. In den 23 Jahren seines Frankfurter Aufenthaltes hat er aus den bescheidensten Anfängen ein angesehenes Geschäftsunternehmcn geschaffen?. Seine künstlerische Begabung vererbte er auf seine Kin- -der; ein Sohn von ihm ist der bekannte Maler Heinrich Gottselig. Frankfurter Veranstaltungen. J<ül< Frauenvercinigung, Dienstag, Kaffee, Kursaal, 4(4: Gesellige Zusammenkunft. — Talmud- Dhora-Verein, Hörsaal (Börneplatz), Samstag, 11» Schulchan Aruch*) (Unna), 3(4 Raschi (Lipinskyh nach Mincha: En Jaakauw (Unna), Sonntag, nach Schacharis: Mischna (Groß), 9(4: Schulchan Aruch (Lipinsky), 9(4: Gemoro*) (Unna), Dienstag, 6Ve: Mikro (Unna), Mittwoch nach Schacharis: Mischna (Groß), 6(4: Chauwaus lewowaus (Dr. Braun), Donnerstag, 8: Gemoro*) (Unna), Fortbildung für junge Leute, Montag, 8(4: Gemoro (Unna), Fortbildung für Knaben, Samstag, 3: Schulchan Aruch, Dienstag und Donnerstag, 5(4: Mischna, Gemoro. Montefiore, Freitag, 8(4 Uhr: geselliger Abend. Samstag, 71/2: Chanukkahfeier, Sonntag, 7(4: Chanukkahfeier '(Wederholunig), Mittwoch 8(4: Jüdisches bei Karl Marx und Ferdinand Lasalle. Wer* . . . Im Newyorter Judenwinkel. Bon S. L i b i n. Uebersetzt von B e n e l l i. (Jac. Klatzkin.) Ein wunderschöner Maimvrgen. Cs geschieht gar zu oft, daß ich arbeitslos bin. Aus purem Nichtstun sitze ich am offenen Fenster undergötze mich an der Aussicht auf den schmalen, von allen Seiten umzäunlen Hof. Ich erhebe mein Haupt — und ein Stückchen ent- zückender Himmelblaue erstrahlt meinem müden Auge. Das hervorguckende Zipfelchen des unbewölkten Himmels liebkost mein im 5kampfe mit dem Elend vertvunp detes Herz und beschwichtigt seinen pressenden Schmerz. Doch bald bewegt es Mich stürmisch, und in meiner Brust entzündet sich die Sehnsucht mit noch stärkerer Glut. Stumm erzählt mir dieses Stück Himmel ein wunderliches Zaubermärchen, ein Märchen voll unsagbarer Schönheit — voll unsagbarer Trauer.; Es erzählt mir, daß irgendwo, weit — weit — hinter unserem engen Hof, hinter unserem vielstöckigen, von oben bis unten mit Menschen vollgestopften, steinernen '' Ameisenhaufen, hinter unserer dumpfen, staubigen und wimmelnden Gasse, daß irgendwo weit, weit der Himmel selbst zu sehen ist — und dort ist' er so groß, so tief . . . ' Wie eine Leinwand hat er sich drüben über die Erde auSgebreitet, und seine blaue Ferne kennt keinen Rand und kein Ende; dort am weiten Horizont, den ein Auge kaum zu erfassen vermag, läßt er sich' herab, als wollte er die festlich mit Grün verschwenderisch geschmückten Gefilde in mächtiger Umarmung an sich pressen. Und dort ist es so wohl, so erquickend frisch und; frei. - j Dort... I O Gott, welch' grenzenlose Sehnsucht brennt in mir! ' * -st . * j Das Hinaufschauen ermüdet mich, und ich muß mein i Haupt sinken lassen...! Eiserne „sire-escape" beschmutzt, besudelt und mit Rost ) bedeckt. . . hölzerne Posten Und über sie ausgesvannte, Stricke zum Wäschetrocknen. . Wo man auch Hinblicken ■! *) Religionsschule Hermesweg 27. ll Auch für Damen. Carl Grebenau - Joh. Wohack Nachf. amtL'beeidigfer Taxator. Gegr. 1798. Tel. H. 913 n. 6069. :—■ - ■■ ■ Kaisers trasse 1. =- - Joarelan. Uhren, Gold - und Sllkerwaren ijBraeLKnltnsgegenstäntlefür Synagoge u. Hausgebrauch» Answahlseqduog -gerne zu Diensten. *VS Äeue Jüdische Presse. mag — überall hängt reingewaschenes Weißzeug» das vom Winde leisebewegt wird . . . Nirn treffen meine Blicke eine von den vielen Rettungsleitern. Aus dem kleinen Balkon nebenan lüftet sich eine alle, halb verfaulte Matraze und eine alte zerfetzte Bettdecke, aus deren vielen Löchern die Watte hervorkriecht. Hie und da liegen alte Tücher von unbestimmbarer Farbe; ein Haufen bestaubter Bücher in zerissenen Einbänden; gespultem: Hölzchen, die zur Befestigung der nassen Wäsche am Strick dienen; abgehaarte Bürsten, schmutzige Lumpen. Und aus diesem übelriechenden Schutt starrt mich ein Blumentopf an, mit frischer Erde vollgeschüttet, aus der ein junges grünes Pflänzchen hervorsvroßt. Ich betrachte das Blümlein. Es schwär»,t wie ich von einer märchenhafter Ferne und träumt von alt jener jüßen Schönheit, von der mir das Stückchen Himmelblaue so viel erzählte.... Ich betrachte, es, das zarte Blümelein und fühle, auch das Blüniclein hat ein Herz, ein unfchuldig rindliches Herz. Auch dies Pflänzchen wird von einer unendlichen Sehnsucht geplagt — von einer flammenden Sehnsucht nach Lust und Licht, nach Freiheit, nach Leben. Und es wird allmählich absterben, da all dies ihm fehlt, wie es ja auch meinem kranken Herzen ergeht. . . Ach siehe! Das Blümlein weint. . . und die stillen Tränen rollen wie Tautropfen über den bestaubten 2 »enge! nieder ... Als ob das Blümlein vorwurfsvoll fragen wollte: „Bin ich denn hier am richtigen Platz? Ich werde da verwelken, ehe ich meine Knospen entfalte . . Armes Blümlein mein, wie tust du mir leid! Einer der Hausbewohner hebt den Fenstervorhang und öffnet das Fenster. Bor mir scheint ein zinnerner Käsig, mit Rost und einer Licken Staubschicht bedeckt. I» dem Käfig sitzt ein Kanarienvogel, der traurig den Schnabel gesenkt hält. Ärs Böglein scheint zu schlafen. Nebenan auf dem Fensterbrett sitzt lauernd, eine Katze und wirft blutrünstige Blicke auf den hilflosen, gefangenen Vogel. Der Kanarienvogel erwachte und schaute hinauf. ■ Vielleicht bemerkte er jenen blauen Himmelssehen — jenes Stückchen Hinimelsbläne, das zu uns in den Hof herunterblickt, und neckt und reizt uns. die wir in dieser Mistgrube verfaulte Luft einsaugen und in ihr ersticken'. . . Der Vogel taucht sein Köpfchen in den schmutzigen Wasserbehälter, den jemand in diesen Käfig gestellt hat. Der Vogel erzittert — und nun schwingt er seine Flügel und beginnt zu zwitschern. Und er weint so bitterlich und flehl. Er sehnt sich mich dort hin . . . Er möchte dorthin fliegen, wo dir Bäume ihre weiten Aeste wie Zelte ausschlagen, dorthin, wo junges Gras grünt und duftende Blumen blühen. Wie gerne möchte er dorthin, in die Ferne, in die weite Ferne.... Dorthin, wo die Himmelstzöhe in eine grundlose Höhe übergeht, dort, wo die Luft so rein und frisch, so trunkensüß ist. Dorthin. . . Und er singt und weint und klagt — und seine Triller sind voll schluchzender Sehnsucht, namenloser Sehnsucht. Wozu sehnst du dich fort, armes Vögelchen du? Wozu das Weinen und Klagen? All dies wird dir ja doch nichts helfen. Du bist gefangen und mußt nun im verschimmelten Käfig Dein Dasein fristen. , Vielleicht wird man dich auch vor der dösen Katze schützen, die nur auf eine günstige Gelegenheit wartet, um über dich herzufallen und dir die Gurgel zu zernchzem Ja. vielleicht wird man dich vor der Katze schützen -— doch nur, um dich eines langsamen Todes im dumpfen Kerker sterben zu lassen. *, * ■ „Nimm Dir das Kindchen auf die Arme" — sagt meine Frau und ich nehme mein liebes Töchterlein, meine teure Dwurele zu mir auf die Knie. Ach, sie ist so schwach und kränklich. Das Körperchen abgcmagrrt, das Gcsichtcheu blaß — nur Haut und Knochen.... ■' Sie schwindet wie das Licht, langsam, langsam . . . Ach Gott, wie blutet doch mein Herz. Die Mutter meint zwar, daß Dwurele Fähnchen bekommt. Mir aber scheint es', meick Kindchen, daß dir dasselbe fehlt, was dem weinenden Bögelchen und dem jungen Blümchen fehlt. Dort, im Freien, dort wärest du, mein Kleinod, frisch und gesund, die Wange .rosenrot und das Gesichtchen voll. Tort, dort könntest du, mein Liebes, wie ein Mohnblüm'lein ausblühen und mit deinem silbernen Lachen die glitzernde Lust erfüllen. ffleiit Kind, dein Vater ist arm und kann dir nicht helfen. Und du mußt mit mir zusammen in diesem finstern Grabgewölbe vermodern. . . * ij.-« * Das Blümlein wird hier vor der Zeit verwelken. Das Bögelchen wird auch nicht mehr /lange aushalten. Und du, mein Kind? .Mir wird so bange, wenn ich daran denke. * # * . Wer hat hier das Blümlein eingepflanzt? Wer hat Hier das Bögelein eingesverrt? Und wer hat hier die Luft und die Sonne meinein Kinde genommen — diese milden Gaben der Natur? Wer? . . . Wer? . . . Literarische Rundschau. S. An skr. (S. Rap-oport.) S. A n-j ki (S. Rapoport) ist, wie wir ichon meldeten. Seite 5 Bllllo GelegenheitakSufe in Flach-, Büro-, Schrplh— maschlnentiachen, Stühlen, Sesseln» eiserne Kontor-Schränke. Freya, Bnro-EinrichtnngHB,Theaterpl.l4. am 8. November in Warschau gestorben. An-ski hat zu den volkstümliche» jüdischen Schriftstellern rm Osten gezählt. Sein literarisches Schaffen erstreckte sich auf verschiedene Gebiete: er war Novellist. Dichter und Publizist. Erne Reihe von Darstellungen jüdischen Lebens in Ällrßland, von inhaltlich wie formell ,r»hlgelungenen künstleri- >chen Arbeiten sind aus feiner stets gespitzten Feder geflossen: um nur die beüeureudsten zn ncmren, „Die Geschichte einer Familie", „Mendil Teck' — ein breiter angelegtes episches Werk, „In einer jüdischen Familie" und „A s m o d a i", eine größere Dichtung. S. An-ski ist es gelungen» den jüdische« 'Arbeitern eine jüdische „Marseillaise" zu schassen: die pathetische, feierliche und ofr gesungene „Schwnw' (Schwur). Sehr^ verdienstvoll waren auch An-skis Bemühungen um die «Sammlung der jüdischen Volkserzählungen» -legenden und -lieber; er hat vor allem in oen letzten Jahren eine Reihe solcher Volksschöpfungen veröffentlicht und wird wohl eine noch größere Zahl hinteclassen haben. 'Als Publizist bar sich An-ski schon in den achtziger Jahren des vorigen Javrhnnderts im rufsifch-revolntionärM Sinne betätigt; damals hatte er auch sich ganz in den Dienst der sozialistische» Bestrebungen in Rußtand gestellt. Später hat er sich jedoch mit seinem gackzrn Interesse dem jüdischen Lebe» und der jüdischen Sache zugewandt; und er hat hier erfolgreich vor allem aus kulturellekn Gebiete gewirkt. —tz. Notizen. Der I n s e l v e r l a g gibt eine Sarnmlnng von Werk» der deutschen Mystik unter dem Titel „Der Dom" heraus. Uns liegen nun zwei Bücher aus dieser Sammlung vor: G M. Fech nerS „Zend-Avesta" und „Eine deutsche T h e o l o g i e". Fechners wohlbekanntes Werk ist das Zeugnis einer geschlossenen, in ihren Grundlage« logisch nicht widerlegbaren, wenn auch nicht beweisbaren Weltanschauung und wird deshalb seinen philosophischen Wert bei allen seinen wissenschaftlichen Schwächen auch für die Zukunft behalten: es ist ein geistvolles, anregendes lesenswertes Buch. Die „Theologin Deutsch", ein Dokument deutscher Religiosität aus dem 14. Jahrhundert,^ faßt die gedanklichen Ergebnisse und die Lehren der deutschen Früh-Mystik zusammen und gibt Aufschluß über die Wellerfassung und Äelteinstellung der Mystiker jener Zeit. „lieber die Wirtschaftsorganisation S o w j e t r u ß l a n d s" unterrichtet ein gleichnamiges Werk von Dr A. G o l d s ch m i d t (E. Rowohlt-Verlag. Berlin). Es wird auch von den Gegnern des gewalttätigen (Bolschewismus mit Gewinn gelesen werden; denn es gibt eine instruktive und einigermaßen sachliche Darstellung der Bestrebungen und Placke Sowjetrnßlands. Das Urteil über die Ergebnisse der bolschewistischen Politik. wie es a»3 dem Buche abzuleitcn ist, lautet allerdings sehr ungünstig und bedenkenerregend. —tz. Mlevdaeder Druckloit-Anlage] Qffeobaoh a. >» Telefon 123. Unübertroffene Teppiehreintgnng mittelst Druckluft I I0 L fBoAettsJtalesfter. Samstag, 11. Dezember (— 30. Kislew.. Sabbat-Anfang in Frankfurt 4 Uhr. Sabbat-Ausgang in Frankfurt 5(4 Uhr. Wochenabschnitt: Mikeiz. Schabbos Chanukkah und Schabbvs Ranfch-Ehanoeschr Sonntag: 2. Tag Rausch-Chandesch. Wochengottesdienst in den meisten Synagogen: morgen» 7 Uhr, nachm. 4 Uhr. 'FamMermachrichte». Gestorben. Gustav Kaufmann, 50 I., Mannheim- — Samson Mendel, 27 I., Hamburg. — Jacob Wertheim, 62 I., N'ew York. — Josef Engländer, 50 I., Stuttgart. — Daniel Alexander, 66 I., Köln. Auswärtige Familirmmchrichte». Gestorben. Emilie Ansbacher geb. Dinkelspiel, 47 Jahre, Beethovenstr. 8. — Julius Kleeblatt. 52 I. — Daniel Pincus, 57 I., — Elias Gottselig. 78 I., Jahnstraße 33. — M. Eichenberg, 63 I., Eschersheimerlnndstraße 70. — Julius Jsaac Linz, Scheffelstr. 25. — Paul David Sinzheimec, 48 I. Bei der Nationalfondskoinmifsiou (I. Hermann. Zeil 21, Postscheckkonto 41441) gingen ein: ' . Wochenbett-AnsstattimgeK Hugo Rofhschild LangestrasHe Sö Telefon Hansa 9828.

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