Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 44 (3.12.1920)
- Date
- 1920-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FranksurterZsraelliisches Kammenvlatt Liinimiimiininiiinniiiiiinuiniiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiuiiiii, | Lßhelnt wöchenlllch am Arettas. Bezugspreis pro Viertel» j | jahr : 3n Frankjurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, : : auswärts -ei der Post abonniert Mk.3.50, stet knS Haus lLPfg. : : mchr^SelZuse»du»gdurchStreifbandfllrDeusschlandMk.20.00,; | für alle übrigm Länder Mk.30.oo/Lhrltch,im Voraus zahlbar. : I............................................................................! Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis xN»I»II»III»,II„NI»»>>III»IU»UU»»UIUIIIU»IUU»UU»»IUp i Inseritonspreis für die sechsgespasieneRonp.ZesteüOiPfg., für : die Rellamezeffe Mk.3.—. Lei Wiederholungen entsprechender i : Rabatt. / Platz« und Datum-Dorschrrst ohne Verbüldllchleit. ✓ j I Avnomen-Annahme bet der ttzped.und ür a.Annomen»2ureauL \ | Konto bei dem Postscheckamt fn Frankfurt a>M> unter Nr. 4864. : m 18. Jahrgang. Freitag, de« 22 Ll8lvir S681 (3. Dezember 1920) Nr. 44. Die Alliance Jsraettte Universelle und der Aio«ism«s. Die Alliance Jsraellte Universelle veröffentlicht folgendes Communlqnö: Die Konferenz von San Reino hat die Schöpfung eines internationalen jüdischen Heims in Palästina sanktioniert. Obwohl das Zentralkomitee keine Veranlassung nehmen will, für oder gegen die zionistische Bewegung Parte» zu ergreifen, hat es wiederholt seinen Willen ausgedrückt, sich nicht mit dieser Bewegung zu verbinden, aber ebenso wenig sie zu bekämpft:«. Ws Repräsentant der Juden alle: Länder und aller Meinungen hat das Zentralkomitee stets darauf Bedacht genommen, jede Politik zu vermeiden, die den Ideen und den Gefühlen eines Teils seiner Mandanten entgegengesetzt ist. Da aber das Zentralkomitee andererseits die Gefahren kennt, die die zionistische Bewegung noch jetzt in sich birgt, so. ist es seine Pflicht, eine neutrale Haltung zwischen Zionisten und Antizionisten zu beobachten und eine abwartende Stellung einzunehmen." Dieses Kommunique schreibt der Wliance eine Bedeutung zu, die sie niemals vor dem Kriege gehabt.hat und seit dem Kriege noch weniger hat, denn der Charakter der Alliance als französische Organisation ist heute klar, — und die Juden der Mittelmächte können unmöglich eine Organisation anerkennen, die französische Kulturpolitik treibt. Eine internationale Organisation hatte wohl den Gründern der Alliance vorgefchwebt, sie ist es aber nie geworden, und ihre Mitglieder haben sich fast ausschließlich auf Frankreich und Deutschland beschränkt. Die deutsche Konferenzgemeinschaft der Wliance ist mit dem Kriege gegenstandslos geworden, man hat nichts mehr von ihr vernommen, und man darf wohl annehmen, daß sie nicht wieder in die Erscheinung treten wird. .Die Alliance Jsraelite Universelle in Paris gleicht dem Hilfsvcrein der deutschen Juden in Berlin, nur mit dem Unterschied, -daß der Hilfsverein, solange er im Orient Schulpolitik treiben konnte, neben der von ihm betriebenen , deutschen Kultur doch stets n»ehr das jüdisch: Moment betonte als die Wliance in ihrem Schülweck. Das Motto der Wliance »Lol jisroel arewim se boseh", b. h. „Ein Band .umschlingt die ganze Judenheit" tft.-nie durch ein« jüdische Politik, sondern nur durch hpmane'Politik verwirklicht worden. Diese humane Politik hatte aberwLhrenddes.Krieges vor den Juden der Länder, mit.denen Frankreich Krieg führte» ihre Grenze gezogen. Das -braucht nicht zu verwundern, denn. die Herren, die in PariS die Zentrale der Alliance^in ihrer Hand.fyiben, fühlen vor allen. Dingen als Franzosen. Sa, lomonReinach, Wohl.auch,heutenoch der ausschlaggebende Mann. ^mMnnt sogar die jüdische Religion nicht, als'das? Spezifikum des Judentums an, für ihn ist Judentum eine ' Madtigimg füx Fortschritt, Wahrheitsstreben und Humanität. ' . Die Männer der Alliance sind geschworene Gegner des Zionismus, ein bei ihrer Denkweise verständliches Verhältnis. Das Cvvlmuniqub bedeutet nicht, etwa eine Mäßigung oder gar Aenderung ihrer Anschauungen, sondern zeigt nur, daß die veränderte Gesamtsituation her Jubenheit hie LeiturW .her.Alliance zwingt,, sich Reserve «mszulegen, Der Beschluß-ponSanRemohat die neue Situation herbeigesührt,-.jenxr Beschluß, der trotz! Gegenarbeit von, französischer jüdischer Seite Wbcklichkeit geworden 'ist. Jüdische Aktionen gegen die Pogrome. In Paris fand unter Leitung des Komitees der Jüdischen Delegationen eine Sitzung' führender russisch-jüdischer Persönlichkeiten statt, um gemeinsam gegen die Pogrome zu arbeiten. Winawer, Sliosberg und Pasmanik sprachen als Vertreter der Kadettenpartei die Ansicht aus, die jüdischen Organisationen müßten als Gesamtheit eine öffentliche Erklärung gegen den Bolschewismus erlassen und damit das Unhaltbare dieser Beschuldigung auszeigen. Demgegenüber wiesen Sokolow, Motzkin und andre darauf hin, daß das jüd. Volk in seinem politischen Auftreten nicht über den Rahmen des Kampfes gegen Entrechtung Stellung nehmen könne. Der Kampf gegen die Pogrome ist eine nationale Aufgabe, jenseits aller Politik, aller Massen und aller Parteien. Der Antisemitismus habe mannigfältige Ursachen, und. die ungerechten Beschuldigungen wechseln einander ab. Erllärung -durch eine Ursache könnte sehr bald zu Mißdeutungen führen. Das Komitee der Jüd. Delegationen führt den Kanrps gegen die Pogrome jenseits aller Politik, und cs wünscht, daß sich alle Kräfte in diesem Kampfe mit ihm vereinigen. . Zum Schlüsse der Sitzung tvurde u. a. beschlossen» an die Gründung einer jüdischen Gesellschaft für den Völkerbund heranzutreten. m Ueber den Verlauf der Verständignngskonferenz zwischen dem polnischen Gesandten Fürst L u b o m i r sk i und de» Vertretern der amerikanischen Jubenheit — Rabb. Wise, Richter Mack, Morris Rothenberg, Redakteur und Misrachi-Führer Bublrk, Richter Hartmann usw. — sind Einzelheiten nicht in die Oeffentlichkeit gedrungen. Lubomirski veröffentlichte eine Erllärung, in der die in Polen herrschenden anormalen Verhältnisse als Ursache der letzten Exzesse bezeichnet werden; Aenderungen seien erwünscht und würden sicherlich bald' nach Friedensschluß eintreten. In einer Gegenerklärung betonte Rabb. Wise, daß LubomirSki aufrichtig wünsche, die polnische Regierung auf die Dringlichkeit der jüd. Frage in Polen aufmerksam zu machen; die amerikanische Jubenheit könne sich jedoch nur init der sofort» g e n Einstellung aller Verfolgungen zufrieden geben. Die Tragödie der ukrainische« Jude«. Der Verband der Ukrainischen Juden »n London hat eine von den Abgeordneten Grün bann», Farbstein und Podlischewski in Warschau Unterzeichnete Mitteilung erhalten, wonach in der Ukraine neuerliche, tum den Bolschewisten und den Banden Petljuras veranstaltete Pogrome stattgefunden hätten. Warschau sei von Flüchtlingen überfüllt, die auf die AuSreisemög» lichkeit Nach Amerika harren. Die Not sei groß, und rascheste Hilfe tue not. . Das Prager jüdische Archiv. Das Prager jüdische Archiv, das einen Bestand von 860.600 gut erhaltenen Originalakten und 860 gebundenen Beständen aus der Zeit 1527—1846 hatte, dessen Bedeutung für die Geschichte der böhmischen Juden und Böhmens überhaupt gar nicht.abgrschätzt werden kann, ist heute ein Haufe von Trümmern und Papierfetzen. Wer nur. einen Blick in diese Stätte des Grauens gewocken hat, wird es nicht mehr vergessen. Man erstarrt her dem Gedanken, was für ein Maß von Sinnlosigkeit und -Wut -dir antisemitische Propaganda der tschechischen nationalistischen. Presse im Volke bereits erzeugen konnte. Es wird jahrelanger Arbeit bedürfen, um diesen Haufen zu sichten und festzustellen, was endgültig verloren »st. Leider werden schon heute die pertvollflen Urkunden vermißt. Ter Bearbeiter des Archivs hatte die wichtigsten Urkunden separat in seinem Schreibtisch ausbewahrt, unglücklicherweise; denn sie wurden zuerst ein Raub der Volkswirt; der Schreibtisch wurde ausgerissen und sein.unschätzbarer Inhalt in alle Winde verstreute Darunter war eine große Zahl von Privilegien, von Ferdinand I. angefangen; weiteres äußerst wertvolle und vollkommen unersetzliche Dokumente zur Geschichte der Frankistcn. Kalender, bis ins 15. Jahrhundert zurückreichend: die für die Geschichte der Prager Juden s» wichtigen Akten der Familianten, weiter Urkunden zur Geschichte des Teilhauswesens in Prag, die ein interessant^ Kapitel der Prager Wirtschaftsgeschichte bilden. Ebenso sind Gubernialverordnnngen und Magistratserlässe, insbesondere aus dem 13. Jahrhunderte, die sorgfältig geordnet waren» vollkornmen verwüstet. Die Katalogisierungsarbeiten fint» zerstört, die Müh: lang:r Jahre ist dahin. Der Zettel» kästen (an 12.000 Zellel) ist vernichtet; sämtliche M a» nnskrkpte Dr. Adlers, das wissenschaftliche Resultat se»ner Arbeiten im Prager Archiv, sind verloren gegangen. Das Prager Archiv hohen schon mancherlei UnglücW. fälle getroffen, Naturereignisse, Feuersbrünste u. dgl. Nie haben bisher Menschenhände das Archiv verletzt. DaS blieb dem 16. November des Jahres 1920 Vorbehalten. ..Selbsvmhr-. Deutsches Reich. Bon der , vrgefch". ..Orgesch", so nennt sich die reaktionäre militärische, Organisation, die der Forstrat Escherich begründete. Bei einer Debatte über das Tiroler Festschietzen und die mit der deutschen Orgesch verbrüderten österreichischen Einwohnerwehren lam im österreichischen Parlament ein in München Vorgefundener Befehl der Orgesch zur Verlesung, .in dem es heitzt: . Bei Rechtsputschen wird der Mannschaft anbesohlenr Sozmlistenführer und größere Schreier in der Wohnung gleich erschießen, die Juden festnehmen.und in den vierten Reserveplatz führen, wo sie samt und sonders gehenkt werden. Eher noch mit Sozialdemokraten Erbarmen haben als mit den Jrrden." Sntspaunung in »er Sage »er jüöische« Arbeiter t» Lderfch'rfieu. Obwohl die überwiegende Mehrzahl der in Ober— schlesien sich aufhaltenden jüdischen Flüchtlinge im Berg» bau und in der Schwerindustrie produktive Arbeit-'rate« und mrt ihren brutschen Arbeitskollegen durchweg vortrefflich auskaucen, wurden in den Gruben unter Tag die polnischen Arbeiter derartig verhetzt; daß während' der Unruhen im Juli und August es zu schlimmen Gewallttätigkeilen kam. Es dürfte auch noch bekannt sein» mit wie grcrnsamen Mitteln mehr NE 500 jüdische Arbeit« nach Polen abgeschvben und dort einem fürchterliche» Schicksal entgegengeführt wurden. Nunmehr scheinen aber die Bo» mühungen und Verhandlungen, die das Arbeitersürsargsamr Berlin in Zusammenhang mit sein« ZweigstLke Kattowitz geführt hat, ein Ergebnis, erzielt zu haben, das gleicherweise di« Interessen des oberschlesischen Landes wie die d« Humanität und der Neutralität den Flüchd» lingen gegenüber befriedigt. Die Interalliierte Kommission in Oppeln hat Bestimmungen über das Aufenthaltsrecht der in Oberfchldsien befindlichen ostjübischen Flüchtlinge herausgegeben» die sich von jeder antisemitischen Voreingenommenheit - fteihalten. Düse , im Interesse der Staatsraison liegende Regelung ist auf der einen Seite, soviel wir hören, tatkräftig gefördert worden durch den deutschen Bevollmächtigter be» der Alliierten Kommission: auf der anderen Seite war es ganz besonders Major Watts» der die Berhandlnngen durch keine vorurteilslose Haltimg besonders erleichtert hat. Wohlkahristagvug. Die Zentralwohlsahrtsstelle der darrt» scheu Juden (B«lkn, Schelllngstr. 4) veranstaltet am