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Neue jüdische Presse · 1920-11-26 · Heft 43 (26.11.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 43 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel, fahr: In Frankfurt am Main bei der Reuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk.3.50, frei ins Haus 15 pfg. mchr./LeiZusendung durch Streifband surOeutschland Mk. 20.00, fiir olle übn'gen Länder Mk.30.00jährlich,im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis Insertionspreis fiir die sechsgefpalteneRonp.ZeilelMPK, flr die Veklamezelle Mk.3.—. Lei Wiederholungen entsprechend« Rabatt, s Platz« und Datum-Vorschrist ohne DerbmdlkchkeL / AnnonrenÄnnahme bei der ltzped.ünd Kl «.Annomen-Aureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr. 406*. 18. Jahrgang. Freitag, de» 15. Xislew 5681 (26. November 1926) Nr. 4ft Bei de« Lehrer« i« Erez Israel. GedaljehBnblik, der Hauptredakteur der anseheneil Newyörker Zeitung „The Jewish Gazette", und eine der leitenden Persönlichkeiten des Aöisrachi rn Amerika, ist Ende Oktober nach viermoiiatlichem Aufenthalt aus Erez Israel zurnckgekehrt. Offenen, kritischen Auges hat er' die jüdischen Zustände des Landes studiert, und manche herbe Stritif enthalten feine Briefe, — er hat aber das Land unserer Väter mit noch größerer Begeisternng und noch größerem Optimismus fiir seine Zukunft verlassen, als er es betreten hat. Seili Hauptaugenmerk hat Bublik natürlich auf das jüdisch-kulturelle Leben gerichtet, — die Beeinflussen dieses Lebens sind ober die Lehrer. Er benutzte daher gern die Gelegenheit, der in Jazza tagenden, von der gesamten jüschcn Lehrerschaft — mehr als 200 Lehrer — besuchten Konferenz als äufmerksamer Gast beizutvohnen nnd so seine über das - jüdische Schulwesen bereits gesammelten Eindrücke zn ergänzen und zu klären. Hier nun Bubliks Urteil: „Ich habe vor deni Erez Israel-Lehrer großen Respekt, denn er hat ein gewaltiges Werk geleistet: er hat eine Sprache fiir sein Volk geschasfen, er hat ein hebräisch redendes Erez Israel geschaffen. Es ist nicht möglich, ihm für diese Leistung.genug zu danken, die das schönste Kapitel jüdischer (Kschichtc seit dem Churban, seit 2000 Jahren, 'darstellt. Wie kann man sich dem Lande zuwenden und nicht seiner Sprache? Und doch haben Jahrhunderte Juden in Crez Israel gewohnt und die verschiedensten Sprachen gesprochen. nur nicht die hebräische; sie waren zerrissen und nicht vereinigt durch das Wort, das die erste und wichtigste Vereinigung zwischen Menschen ist. Der jüdische Lehrer' nun hat innerhalb zweier Jahrzehnte den Fehler ganzer Generationen richtig gestellt. Alle Juden des Landes, woher sie mich gekommen sind, haben jetzt eine Sprache: die hebräische. Die Grundlage ist geschaffen worden, das weitere ist demgegenüber leicht. Dieses unschätzbare Verdienst des Lehrers darf jedoch nicht über die Fehler*seines Wirkens hinwegtänschen. Er hat. in seiner Schule keine Atmosphäre der Jüdischkeit geschossen: 'Die Traditionen des jüdischen Volkes mit ihren erhabenen Gedanken und mit ihren wunderbaren Gefühlen, die große Kette all der jüdischen Geschlechter der Vergangenheit, sie haben in ihm keinen Fortsetzer gesunden. Die Kinder bekommen die Bibel iin Original kn der Schule nie in die Hand, und fie lernen nur sehr wenig von ihrem Inhalt. Dabei ist die Beherrschung der Bibel eine Grundfordernng, die unsere nationale Kultur und unsere nationale Sprache verlangen, denn sowohl die eine wie die ändere bauen sich auf der Bibel auf. Ist etwa deshalb die Bibel „poßul" geworden, weil sie fromme» Juden heilig ist? Die jüdischen Lehrer von Erez Israel sind ein glänzendes Menschenmaterial, sie sind Männer von hoher Intelligenz und bewundernswertem Idealismus, sie stehen ans einer höheren Kulturstufe als die Lehrer selbst der zivilisiertesten Länder. Aber sie haben zu viele und zu starke politische Interessen und sie tragen in sich noch ihre Goluskrankheiten: den russischen Nihilismus, den Hasknlab- Geist mit seinem Hast zUm traditionellen Judentunl. Diese Krankheiten sind russischer Herkunft,, in Erez Israel müsirn sie mit der Zeit schwinden! Das ist unser Trost für die Zukunft. Dieser Schüle, wie sie heute noch 'ist und von der Zionistischen Organisation gestützt wird, kann mit größtem Erfolg entqegengearbeitet werden, wenn ein Aetz von Schulen auf traditioneller Grundlage errichtet wird." Und dies ist die große Aufgabe des Misrachi. Ei«e Episode der jüdische« Delegiertenversammlrwg i« Jerusalem. *" Im Warschauer „Moment" schildert Emanuel den unvergeßlichen Eindruck, den die Eröffnungssitzung der verflossenen ersten Session der Jüd. Dslegiertenversammlung in Jerusalem machte, die erschütternde Verrichtung des „Eil Molei rachamim" seitens der Dlegierten an der Westmauer im Andenken der jüdischen Opfer, der letzten Jahre .und den-Augenblick gleichfaM won historischer. Bedeutung, als der bisher wegen des Wahlrechts der Frauen abseits stehende Flügel der Orthodoxie in den Sitzungssaal trat. Aus der Eröffnungssitzung hatte man die Wahlen dieser Orthodoxen bestätigt, obgleich sie nicht nach dem für die Wahlen vergeschriebcnen Modus vorgenommen waren, und hatte ihnen so die Türen geöffnet. Samstag abend erschienen sie auf der Sitzung und lösten — so schreibt Emanuel — im ganzen Saal eine Gefühl der Begeisterung aus. „Einer nach dem anderen kamen sie herein die Führer der alten Jerusalemer Orthodoxie. Ernste Gestalten mit längen Bärten und Stirnlocken, mit langen Kaftanen und breiten Mützen. Fromme Juden von jenem bekannten Typ, wie ihn die Bilder von der Westmauer zeige». Man muß diesen Typ kennen: unsere osteuropäischen frommen Inden tragen auf ihrein Gesichte einen Arrsdruck von Niedergeschlagenheit, Elend und Golnsnot, — .in Erez Israel aber fühlt sich der orthodoxe Jude frei und stolz in seiner nationalen Kleidung. Der wahre Typ eines frommen Juden ist nur in den Gassen von Jerusalem zu tressen. Als diese Männer in den Saal traten, war es, als wenn ein erzürnter Vater endlich seinem Sohne,, der ilM Kummer machte, die Hand reichte. Alle Delegierten, Gäste und Journalisten erhoben sich spontan, nur die Linken blieben sichtbar ungern aber aus Prinzip sitzen. Etwas Großes war in diesem Augenblicke geschehen. Das Bild der vollkommenen jüdischen Einheit schwebte vor den Angen aller, als sich jetzt im Saal alle Kinder des jüdischen Volkes fanden. Greisgraue Rabbiner, aristokratische «sefardim mit ihren Chachams an der Spitze, Kaufleute, Lehrer, Akademiker, Kolonisten und Arbeiter in Arbeitskleidung. Nur in der altneuen jüdischen Hauptstlwt war ein solches Bild der jüdischen Einheit möglich, eine solch reiche Zusammenstellung jüdischer Typen. Und der Führer der sozialistischen Arbeiterpartei^ Blumenfeld, der gerade den Vorsitz führte, wandte sich an die Eintretenden mit den Begrüßungsworten: .Mir haben auf euch gewartet, daß ihr kommt und mit uns das jüdische Heim baut." Und wieder fühlte ich, daß solche Worte eines Sozialisten an einen Orthodoxen man nur in Erez Israel hören kann, nur dort, wo sich echte jüdische Arbeit und echtes jüdisches Leben verwirklicht. Ich fühlte die gewaltigen Kräfte von Erez Israel und die gewaltigen moralischen Kräfte unseres Volkes." Anschließend sei erwähnt, daß die Orthodoxen, soweit sie gegen das Frauenwahlrecht gesinnt sind, am nächsten Tage bei der Abstimmung über die Verfassung der Delegiertenversammlung wieder den Saal verließen. Dieser nochmalige Protest war jedoch nur eine Episode, denn die Obstruktion ist heute endgültig aufgegeben und in den jüdischen Nationalrat, den Sir Herbert Samuel als die repräsentative Körperschaft der palästinensischen Judenheit anerkannt hat, mit Rabbiner Knk, N. Saphir, I. Zwebner und M. Margowski eine Vertretung auch diesen orthodoxen Flügels entsandt worden. 3«r politische« Lage. Der politische Barometer zeigt Veränderungen an. In der Ukraine hat Sowjet-Rußland gesiegt, und neuesten Nachrichten zufolge scheint der bluttrunkene Genera! Petljura mit seinem Stab in die Gefangenschaft der roten Armee gefallen zu sein. Eines der tränenvollsten, grausigsten Kapitel der tränenreichen jüdischen Geschichte hat damit ihren Abschluß gesunden. Dieser Sieg Sowjet-Rußlands wird aber nicht nur von Einfluß auf das Geschick der ukrainischen Judenheit sein, sondern voraussichtlich auch die Lage der Juden Polens ändern. In welchem Sinne diese Aenderung vor sich gehen wird, läßt sich noch nicht beurteilen. Man kann aber nur sehr wünschen, daß eine günstige Gestaltung, des Geschickes der Judenheit Polens die Folge sein möge.! Die letzten Sitzungen des Parlaments lassen hoffen, daß' Regierung und Parteien in Polen zu ahnen beginnen, daß sich der Wind gedreht hat. Die Reden der jüdischen Deputierten — Dr. Thon und Hartglas sprachen für personale Autonomie der polnischen Judenheit — wurden zum ersten Mal mit Ernst und ohne die üblichen antiseinitischen Zurufe angehört. - Die Auswanderungsmöglichkeit nach Amerika, die heute nur solchen Personen gegeben ist, die dort Verwandte haben —' und welcher Qjffnde hat dort keine Verwandte! —, dürfte allem Anscheine nach in nächster Zeit auch diesen Personen genommen werden. Das heißt dann jür große jüdische Massen des Ostens Europas, wie bisher weiter auszuharren, bis einmal die -Tore Palästinas sich für eine Masseneinwanderung öffnen; — und deshalb ist eine baldige Erleichterung ihrer unerträgliche» politischen und wirtschaftlichen Situation dringend Die Zerstörung in der Ukraine. Ing Temkin, einer der angesehensten Juden der Ukraine, übersandte der ,)J. P. Z." Mitteilungen über die Lage in der Ukraine. . Die Ukraine zählte etwa drei Millionen Juven. Bis znm 1. Januar 1020 sind allein 569 Ortschaften mit fast ausschließlich jüdischer Bevölkerung vernichtet worden. All diese zerstörten Gemeinden können nicht aufgebaut werden, da die in die Städte geflohenen Juden sich fürchten, ausS Land zurückzukehre». Milliarden jüdischen Vermögens sind. vernichtet worden, und nur für augenblickliche Hilfe allein wären 400 Millionen Dollar erforderlich. Die Judenheit der Ukraine befand sich in einem glänzenden kulturellen Zustande. Allein '6 Lehrerseminare, zahlreiche Gymnasien, Volksschulen, Spitäler. Altersasyle nannten sie ihr Eigen. Heute sind allein an 2500 Synagogen und mehr als 1000 jüdische Schulen zerstört. Bis Anfang des Jahres waren bereits 138,000 Juden ermordet. Während Petljuras Armee nur geplündert und Schmuck und wertvolle, leicht tragbare Gegenstände mitgenommen hat, mordeten die Banditen Grigorieffs viele Juden und schändeten einzelne Frauen, wo hingegen die „Freiwilligem^ zuerst die Frauen geschändet und erst dann gemordet haben. Am größten waren die Leiden der Juden in den Gouvernements Podolien und Cherson. In dieser Zeit der großen Rot haben die jüdischen Bezirkshilsslomiters sehr viel geleistet. So bildete sich in Elffabetgrad in einem einzigen Tage eine jüd. Selbstschutztruppe. Die Juden flüchteten vor den andrängenden Pogrombanden immer in die Nächstliegende Stadt, die dann einige Tage später das gleiche Schicksal erreichte, woraus alle wieder zur nächsten Stadt flüchten mußten. Jüdische Millionäre waren bei ihrer Flucht häufig bloß mit einem, Sack bekleidet. Dementsprechend groß war auch die Opferbereitschaft der Juden der kleinen Städtchen der um» liegenden Kreise. Sie schickten sofort'Brot, Reis, Wäsch-, Kleidung und Geld, wenngleich sic wußten, oah sie selbst bald nichts mehr besitzen würden und eventl. schon in den nächsten Tagen einem Pogrom entgegengingen. Auch die jüd. Kolonisten, die im Gouvernement Jekaterinoslaw in drei Kolonien verteilt waren, wurden von de» „Freiwilligen" ihrer Kolonien beraubt. Die Kolonisten selbst 'wurden von den „Freiwilligen" mittels List in eins Scheune gelockt, unter der Angabe, sie würden zu einer Besprechung eingeladen, worauf die Scheune abgesperrt und niedergebrannt wurde. Alle jüdischen Kolonisten fanden dabei den Tod. Der so geraubte Bodenbesitz wurde unter die Bauern verteilt. Als Ausrede für die Pogrome wurde häufig angeführt, die Juden wären Bolschewisten, was natürlich ganz und gar nicht stichhaltig war. So bestand der jüdische Ge» meinderat in Elisabetgrad aus 30 Zionisten, 15 Halbzionisten, 2 Bourgeois und nur aus 5 Sozialisten. Der große jüdische Nationalrat in Kiew bestand bis zn 10 Prozent aus Zionisten. Einen sozialistischen Gemeindevorstand gab es einzig und allein in Berditschew. Wo ein Wille ist, da fehlt es eben an keiner Ausr^ie» und so kam es, daß die einst blühende Judenheit der Ukraine, soweit sie nicht ausgerottet ist, an den Bettelstab gebracht wurde. Ter Wiederaufbau des zerstörten jüdischen Wirtschaftslebens wird nur unter Aufbietung aller Kräfte der ukrainischen Juden und der denkbar größten Opferwillig keit der Juden der ganzen Welt und nur bei Gewährung großer staatlicher Mithilfe gelingen. B«»d -er jüdische« Kranke«- «ud Pflegeaustalte» Deutschlands. Anläßlich der Mitgliederversammlung des Reichsverbandes der privaten gemeinnützigen Krankenunk» Pflege» anstalten Deutschlands, die am 29. Oktober in Frankfurt a. M. stattsand, hielt auch der dem ReichAverbwch angehörende Bunt» der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalterl Deutschlands seine erste Mitgliederversammlung ab.

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