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Neue jüdische Presse · 1920-11-19 · Heft 42 (19.11.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 42 (19.11.1920)
Date
1920-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IrankfurierIsraelitisches Familienblatt iiiiiiiiiiiiiiummniinniiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnnnmiimmiiiim; : Gcscheint wöchentlich am Kektag. Äezugspreks pro Lierteli jahr: Zn Frankfirrt am Main bei der Neuen Iüdisihen Presse, : auswärts bei der Post abonniert Mk.SLO, stei ins Haus 15 Pfg. [ mehr./Äei'Zusendung durch Streifband fürDeusschland Mk.20.vo, i für aste übrigen Länder ML20.övfährlich, im Voraus zaWar. J^daktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Satz Geis iInsertionsPreisfur die fechsgespakteneNanp.ZeileWiy)tz^ De : die Nestamezeste Mk.L.—. Lei Wiederholungen enttzrrechender : Nabatt. / Platz, und Datum-Vorschrist ohne VerbindlkchkeL / : Annonren-Annahme bei ber^ped.und kn a. Annomen-Äureaus. : Konto bei dem Postscheckamt m Frankfurt a.M. unter NrsSSs. 18. Jahrgaug. Freitag, de» 8. Kislew 5681 (19. November 1929) Nr. 4L. Ei» Kapitel jüdischer Wohltätigkeit. Ersi am letzten Sabbat hat Maleachis Proohetenwerk in Israels Gotteshäusern verkündet, daß Gottes Name auch unter den Völkern groß ist und jeder Mensch ihm reine Huldigungsgabe darbringen kann. Gott ist kein Nationalgott des jüdischen Volkes, sondern Gott der ganzen Menschheit. Diese Gleichachtung all des>en, was menschliches Antlitz trägt, ist so sehr innerstes seelisches Gut des jüdischen Volkes, daß sie selbst den Verheerungen der Assimilation Trotz geboten hat und selbst in den entfremdesten Schichten und sogar in den Abgefallenen des jüdischen Volkes noch in einem warmherzigen Empfinden für Menschenleid zum Ausdruck kommt. Die jüdische Wohltätigkeit, sie klingt wie das Lied vom braven Mann durch alle Lande — und in der jüdischen Wohltätigkeit verwirklicht sich jene Denkweise, die nichts von Eigendünkel und Chauvinismus weiß und nur den Begriff Mensch kennt. Nach tausenden zählen in allen Ländern die jüdischen Stiftungen, die nicht dem Juden, sondern schlechtweg dem Menschen helfen wollen. Doch auch der Güte sind Grenzen gesteckt und zwar dort, wo aus einer sittlichen Tat eine unsittliche Tat wird. Eine solche unsittliche Handlung geschieht z. B., wenn bei Stiftungen von jüdischer Seite keine Vorsorge getroffen ist, daß wenigstens ein Mindestprozentsatz der Nutznießer filr die Dauer der Zeiten aus Judeir bestehen muß. Denn ohne diese Klausel können eines Tages Juden von den Wohltaten der Stiftung überhaupt ausgeschlossen werden, wie cs auch wirklich sehr häufig vorgekommen ist und vorkommt. Gronemann hat in seinem satyrischen Roman Tohuwabohu eine solche Umkehrung edler Stifterabsicht in ihr Gegenteil, in eine Betätigung engherzigster/ haßerfüllter Politik, vorgeführt. Die Stipendienstistung eines frommen Juden, die denr Studium des jüdischen Schrifttums dienen soll, wird bei Groncmann statt eineni Rabbinatskandidaten einem antisemitischen Studenten der christlichen Theologie zugesprock-en. Hier hat keineswegs die Gronemannsche Dichterphantaiie ein Erzeugnis ihrer Einbildung äusgebrütet, hundertfach ließen sich ähnliche Vorgänge aus dem Leben herausgreisen. Häufig freilich läßt sich dem Stifter nur der Vorwurf mangelnder Vorsorglichkeit machen. Welcher Urgroßvater kann bei .der Niederschrift seines Testamentes mit dem Gedanken rechnen, daß sein Urenkel, der künftige Verwalter, seiner.Familienstistung, Christ und als Renegat waschechter Antisemit sein werde. Oder der Erblasser war ein Vorkämpfer der Demokratie und lebte in einer demokratiichen Stadt, ihr vermachte er sein Vermögen zum Be -en ihrer Einwohner ohne Unterschied, — doch später N:rd die Stadtleitung antisemitisch und schließt selbst bei dieser jüdischen Stiftung jüdische Petenten aus. In allen diesen Fällen hatte der Stister das Gebot bet Selbstachtung verletzt, und mit seinen Mitteln geschehen später Dinge, die seiner Lebensanschauung entgegengesetzt sind. Das ist immerhin objektiv unsittlich, wenn auch der Mangel an Voraussicht die subjektive Unsittlichkcit.miloert. Cs tut sich hier ein eigenes Kapitel unserer jüdischen Wohltätigleit auf, ein Kapitel, das es verdient, von einem jüdischen Geschichtsschreiber erforscht und beleuchtet zu werten. - . * Heute haben wir jedoch ein Vorkommnis.von krasser subjektiver Unsittlichkeit zu registrieren. Der Fall kann vor der jüdischen Oeffentlichkeit nicht laut genug behandelt und nicht scharf genug verurteilt werden, denn nicht eine Einzelperson, sondern eine ganze jüdische Organisation trägt Schuld an ihm. Als Angeklagter steht vor dem Forum der jüdischen Oeffentlichkeit das Joint Distribution Committee, die Organisation, welche die für ihre unglüMchen Brüder in Europa gespendeten Gelder der amerikanischen Juden verteilt. Nach dem „Becsi Magyar Cjsag" übergab Liese Organisation im Oktober vorigen Jahres an Hoover, den obersten Beamten der Lebensmittelverteilung Amerikas, eine Fülle von Liebesgaben zu Gunsten der entlassenen Lehrer in Ungarn, die meistens Juden waren. Hoover händigte die Sachen der ungarischen Regierung aus und diese machte den Eintritt in die -christlich-soziale Partei zür Voraussetzung füt die Beteiligungen, der -Verteilung. Und jetzt hat die gleiche Organisation nach Budapest 25,000 Dollar gleich 11 Mllionen Kronen ungarischer Währung für den Ankauf von Winterkleidung ges hickt, und die Budäpester Kommission, deren Vorsitzender Minister a. D. P o l n a y ist, behändigte das Geld dem Bürgermeister Sipö n, einem Mitglied'der Organisation „Die erwachenden Ungarn", die die Ausrottung der Juden aus ihre "Fahne geschrieben und Hunderte von Morden und Räubereien an Juden sowie die Vernichtung vieler tausender jüdischer Existenzen bereits auf ihrem Gewissen haben. ■ ■ - Man steht vor einem Rätsel. Von Juden gesammeltes Geld jüdischer Organisationen darf nur für Juden Verwenoung finden, und wenn es für allgeineine Zwecke verausgabt werden soll, dann muß die Cimvilligung der Spender vorliegen. Aber selbst in diesem Falle müssen Juden bei der Verteilung die Bestimmenden sein. In der gegenwärtigen Zeit, da die größten Summen. nur ein Almosen für das gewaltige jüdische Elend bedeuten, ein Elend, das der Antisemitismus heraufbeschworen hat, in die'er. Zeit wäre es aber geradezu ein Verbrechen von jüdischen Organisationen, ihre Mittel nicht unter sorgfältigster Ueberlegung für ihre zweckmäßigste Verwendung ausschließlich der Linderung dieser Not zuzuwenden. Hier ist aber gar das Umgekehrte geschehen: von Juden gesammeltes Geld ist statt den Opfern der Peiniger den Peinigern selbst zugewendet worden. Wir sind neugierig zu erfahren, wie die amerikanische Judenheit auf die schmachvolle Handlungsweise einer ihrer Gesamtverttetungen reagieren wird. Die beschämenden, niederdrückenden Nachrichten über die Zustände im Danziger Auswandcrungslager,. für das ja auch die amerikanische Judenheit die Verantwortung ttägt, hatten uns schon tzezeigt, daß irgend ein Krebsschaden vorhanden sein itrafc — Budapest setzt aber allem die Krone auf. Interview mit Profeffor Dr. Pick, dem Leiter der Misrachi-Orgauisattou. Professor Dr. Hermann Pick gewährte vor seiner Abreise von London nach Jerusalem, wohin das Zentralbüro der Misrachi-Organiiation verlegt wiro, dem Vertteter der „I. P. Z." ein Interview, von dem hier das Wesentliche wiedergegeben sei. Der Frager: „Welche Stellung nimmt der Mis» rachi zur Aufbringung der Mittel für den Wiederaufbau ein, oder mit anderen Worten, was will der Misrachi für den Keren Hajessod hm?" Prof. Dr. Pich: „Unabhängig von der geplanten staatlichen Anleihe für Palästina, wird es für die nächsten Jahre die Hauptaufgabe des jüd. Volkes sein, die Millicnen von Pfunden aufzubringen, die zum Wiederaufbau Palästinas' nötig sind. Die Vorbereitungsarbeiten für. Len Keren Hajessod sind abgeschlossen. Es ist zu hoffen, Laß das jüch Volk in seiner Ges am theit sich an der Aufdringling dieser Millionen beteiligen wirü. Durch die Schaffung des „Economic Council", dem schon jetzt führende Persönlichkeiten des englischen Wirtschaftslebens angehörcn, und das wohl noch durch entsprechende Persönlichkeiten aus anderen Ländern erweitert werden wird, ist Vorsorge getroffen, daß die von dem gesamten jüd. Volke ausgebrachten Mittel möglichst nutzbringend und vollständig für Palästina verwandt werden. Der Misrachi kann bei dieser notwendigen Arbeit nicht beiseite stehen und wird sich mit aller Kraft an der Ausbringung der Mittel beteiligen. Voraussetzung dafür ist, das; er ein Anrechtdarauf hat, beiderBerwendnng der Gelder nckitzuwirken und Vorsorge dafür getroffen wird, daß diejenigen Aufgaben, die ihm besonders am Herzen liegen, durch die Mttel des Keren Hajessod.in möglichst großem Maße verwirklicht werden." Der Frager: ,Zegt man in den Kreisen des Misrachi die Hoffnung, daß auch die anderen orthodoxe» Kreise bei dieser großen Aufgabe m i t w i r k e >r werden?" Prof. Dr. Pick: „Die Aussichten scheinen z. Zt. gering, aber man möchte die Hoffnung nicht aufgeben, daß auch die großen Massen der Orthodoxie, — sei es der kleine 2£il der. in der Aguda organisierten, oder die anderen 'noch unorganisierten —, einen Weg zur Mitarbeit an diesen gemeinsamen großen jüd. Arbeiten finden werden. Palästina ist nicht den Zionisten gegeben worden, sondern dem jüd. Volke, aber die Zionistische Organisation ist, — man kann es bedauern oder nicht — z. Zt. das einzige Instrument, das» bereits etwas geleistet hat, und das zudem noch von der Mandatsmacht, — sei es mit Recht oder Unrxcht —, als Beauftragter des jüd. Volkes für den 'Aufbau Palästinas angesehen wird. Wilt man also Palästina, so ist es am zweckmäßigsten, mit dem Zionismus zu arbeiten. Neben ihm-'zu arbeiten kann wegen der Zersplitterung der Kräfte schÄ>- lich sein. Gegen ihn zu arbeiten, wird vielen Teilendes jüd. Volke? in diesem Augenblick als ei» Unverstand erscheinen. Manche werden noch schärfere Worte dafür finden. Die schreckliche Lage der Juden im Osten! und dich Dringlichkeit der Aufgaben in Palästina lassen noch urehr wie früher die Notwendigkeit eines gemeinsamen Ar-, beitens zum Bewußtsein kommen. Weder das Judenelend im Osten noch die Lage in Palästina gestatten es Ü» lange zu warten, bis die noch so schwache Aguda «der eine andere orthodoxe Weltorganisation so viel Anhänger» und was viel wichtiger ist, die ungeheuren Mttel zusammengebracht hat, um an eine solche Riesenausgabe heranzugehen. Das östliche und zum Teil auch das mittelenroppäische Judentum ist, leider Gottes, zerstört und Materiell nicht in der Lage, erhebliche Beträge auszubringen. ES ist sehr zu fürchten, daß die Expeditionen her Aguda nach England und Amerika nicht den gewünschten materiellen Erfolg haben werden. Nür ein geringer Teil der Orthodoxie dieser Länder teilt, wie man sagt, die vielleicht berechtigten, aber letzten Endes doch aus einer/gewissen Schwäche geborenen ängstlichen Bedenken, wie sie manchen Führer der Aguda beseelen. Die Zionisten^ — nicht der Zionismus — machen es gewiß vielen religiöse» Juden schwer mit ihnen gemeinsam zu arbeiten. Die Orthodoxie in England und Amerika ist aber nicht so ängstliche und die, die in Preßbnrg in einer feierlichen Resolution den Kanipf gegen den Zionismus unir noch inehr gegen den Misrachi als den Zerstörern alles Heiligen mit in das Programm der Aguda ausgenomucW haben, haben die Orthodoxie wahrlich schlecht be» raten. Das war, politisch besehen, ein kapitaler Fehler und sachlich machte es ein Zusammengehen zwisthen Misrachi und Aguda selbst in Palästina beiden Teilen fast unmöglich. Eben wollte man noch diesen bösen Misrachi als Bundesgenossen, und morgen kann man ihn vielleicht wieder nötig haben. Uns stehen Erez Israel und das jüd. Volk höher als alle Parteiinteressen, nicht zu reden von dem gemeinsamen Glauben und dem Gesetz, das für alle Teile der Orthodoxie gleich verbindlich ist. Noch scheint die Orths» doxie nicht reif für gemeinsame Arbeit» und der Misrachi arbeitet mit, wo er glaubt, seinen höchsten Zielen am besten dienen zu können. Unbehindert durch den Kamps von rechts und links, wollen wir unseren Weg gehen nÄ» wollen hoffen» daß die Zeit uns nach Ablauf einiger. Jahre recht geben wird." <£t»fte Worte zur Staude. Aus einem Artikel Qberrabbiners Dr. H. Brody, Prag.*) . In dem einen Lager stehen diejenigen, in deren Augen sowohl das Religiöse als auch das Nationale nichts gilt, oder die beides bekämpfen. .. Wir müssen sie aufaeben, sie sind für unser Volk verloren. Ueber kurz oder lang werden sie dort sein, von wo es kein Zurück mehr gibt. Im anderen Lager sammeln sich die bewußten Juden, die Religiösen, die Nationalen und diejenigen, denen sowohl die Religion als auch die Nation heilig find. Alldiese sind eines Sinnes und eines Herzens: jederzeit bereit alle ihre Kräfte und Fähigkeiten dem Wohl unseres Volles zu weihen. Können wir und sind wir berechtigt^ auch nur anr'einen Einzigen von diesen zu verzichten? Und doch sind sie in verschiedene Patteien gespalten, und jede betont das, was sie von der anderen scheidet, um» sieht nicht oder will nicht das Ganze sehen, ürs, was uns alle umfaßt, und das geeignet sein müßte, uns alle zu einigen zü einer einzigen starken Gemeinschaft. *) Nach der Prager „Selbstwehr".

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