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Neue jüdische Presse · 1920-11-12 · Heft 41 (12.11.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 41 (12.11.1920)
Date
1920-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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t L \% jmmnminumuuiimiinHiniimuHmuminiunuuHHUiiimi, jMwiuHmmümuumimiiiunHmnimiinminimiimiiiiu»»1; | Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vieriei- > fahr: Zn Frankjurt am Main bei her Neuen Jüdischen Presse, : auswärts bei der Post abonniert Mk.3.S0, ftei ins Haus 15 pfg. | wehr./BeiZusendung durchStreifbandfirDeusschiandMk.20.vv, : Ar olle übrigen Länder Mk.30.00tährlich, im Voraus zahlbar. —...■.■.«..■■■■..pminimyiniMiminnnnnmninminm^ Mdaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galt) Geis Insertionspreis für die fechsgespalielManp.Ze>lelü0pd., We die Neklamezeile 2M.S.—. Bei Wiederholungen entftrrechender Nabati. / Platz- und Daium-Dorfchrist ohne DerbüidlkchKit. > AnnomenÄnnahme bei der Sxped.und in nAnnomen-BureauS. Konto bei dem pofi^eckamt in Frankfurt a.M. unter Nr.4S6L. illllllllllBUIIIIIIU miiiinuiii '-4 18. Jahrgang. Freitag, de» 1. Kislew 5681 (18. Notzenrber 1980) Nr. M. Znr «asiensrage. Eine Besprechung des Buches Fritz Kahn: „Die Juden als Rasse und Kulturvolk."*) Das Gebiet der Rassenfragen ist eines der wenigen Gebiete, aus die von jeher am meisten Dilettanten und Ignoranten sich gewagt haben, indem sie Wissenschaft mit Politik verquickten und zu nationalistischen'und antisemitischen Zwecken mißbrauchten. Daß, die phantastischen Theorien dieser Dilettanten lange als unumstößliche Wahrheit ausgegeben werden könnten, ist daraus zu erklären, daß diese Theorien den Vorurteilen und Instinkte» entgegenkommen -und' dem Nationalismus und Antisemitismus als „wissenschaftliche" Grundlage zu dienen geeignet sind. Heute wissen wir, daß die Ariertheorie falsch ist. Sprachübereinstimmung berechtigt höchstens zum Schluß auf Kultürberührung, nicht aber auf Rassenverwandtschasi. Auch die Germanenthcorie ist umgestürzt. Wir wissen von den Rasseneigenschaften irgend eines europäischen Volkes nichts. Rassengeschichtlich kennen wir Leber die Anfänge und Ursprünge Roms noch die Griechenlands. Wir wissen nicht, wer die Dorer, wer die Etrusker »sw. sind. Auch über die Kelten wissen lote nichts. Verschiedene Forscher schreiben ihneu verschiedene Eigenschaften. 3»: Ebensowenig wissen wir, wer die Germanen sind, die sich über die Kelten ergossen. Was wir mit Sicherheit wissen, ist, daß die jetzigen Völker durch Kreuzung und Rassennüschung sich auseinander gebildet und entwickelt haben. 7,ich das jüdische Volt' hat währeird tanger Perioden seiner Geschichte durch Proselytismus und Mischehen im großen-Maße fremdrassige Elemente in sich ausgenommen, wie her Verfasser des vorliegenden Buches ausführlich darlegt. Das jüdische Volk unterscheidet sich nur dadurch von ändern Völkern, daß es seit dem Jahre -1000, mit der Beendigung des Proselytismus, in einer in der Geschichte der westlichen Völker beispiellosen Inzucht lebt. In dieser letzten Epoche der Reinheit ist das jüdische Volt »ach allen vorangegangenen Kreuzungen und Mischungen als eine anthropologisch umgrenzte Einheit, als eine Rasse entstanden. Da die Reinzuchtperiede kurz ist und., die Komponenten vielzählig sind, ist innerhalb, dieser Rasse ein großes Typenreichtum anzutresfen. Nachdem also die hervorragendsten Naisenforscher, wie tz., Luschan, von der Ariertheorie abgekommen sind und nie Grrmanentheorie Chamberlains namentlich auch von Herz zerjlückt und, Chamberlain selbst als Ignorant ans sämtliche.!! von ihm behandelten Gebieten entlarvt ivorden rst, dringt jetzt Fritz Kahn in seinem Buche „Die Juden als Rasse und Kulturvolk" noch reiches Materail bet, das die Germanentheorie völlig zerstören Hilst. In einem kurzen Artikel, ist cs nicht möglich, auf alle Punkte dieses gedankenreichen Buches einzugehen, wir beschränken uns daher aus die Darlegung des Grundgedankens.. Rasse und Milieu sind zwei zusammenwirkendc und sich ergänzende Faktoren. Unter Rasse ist nicht etwas Starres, eine feste Daseinssorm, sondern vielmehr ein erreichter Zustand zu verstehen, der dauernd genug ist, daß er für die kurzfristige Geschichte der Völker als Habiler Faktor „Rasse" in Rechnung gestellt werden kann; j«Pych für die Riesenspanne der Naturgeschich-e ist Rasse «pr ein Werdezustand. Die Rassen der Kulturgeschichte von den Babyloniern bis zu den Amerikanern sind keine Milieuprooukte, keine Rassen im zoologischen Sinn, sondern sie sind durch das Schicksal »er Geschichte zusammengesetzte Komplexe. Durch die Vermischung der Völker entsteht etwas völlig Neues. So entstand auf den Trümmern des römischen Reiches ein ganz neues Volk. -Es sind weder Etrusker noch Römer oder Germanen, weder Goten noch Äaydolen oder Hünen» weder Syrier, Inden oder, Araber, ohz.var alle diese in dickem Gemisch enthalten siilö.' Es ist. rin völlig neues Volke die.Italiener der Renaissance, ein Volkmit einem Charakter und neuen Fähigkeiten. - Im Gegensatz also zur Germanentheorie,' wonach. in allen. Ländern des Völkerwanderungsgebiets eine . bestimmte - Rassenkomponente zum Durchbruch kommt: die blonden Germanen, von denen alle großen, schöpferischen *) Welt-Derlag, Berlin. Kreis 18 M., geb. M. 22. Leistungen auf allen Gebieten vollbracht werden, während die Semiten, insbesondere 'die Juden, minderwertig und zu keiner schöpferischen Leistung auf irgend einem! Gebiet befähigt sind, im' Gegensatz zu dieser Theorie, wird gesagt, daß aus Rasse und Milieu in verschiedenen Ländern, je nach Kultnrepoche, mit ihren Traditionen, Sitten, Sprache usw., jeweils verschiedene Bölkerindividualitäten sich bilden. Dieses Produkt ist die Nation. Der Historiker erkennt die Unmöglichkeit, die Nation in ihre lUnnponenten zu zerlegen; biologisch betrachtet, ist die Nation, das Resultat der Rassenmijchung, nicht die Stumm dieser Komponenten, sondern sie stellt ein völlig neues Nalurphäitomen dar, das sich weder im Voraus aus diesen Fättoren berechnen, noch hinterher begründen, läßt. Kultur ist nicht durch Rasse zu erfassen. Kultur ist Lokal- und Nätioua'.erscheirmng. Durch den Maisenbegriff' Germane sind Erscheinungen wie Athen, Florenz oder Nürnberg nicht zu erklären. tzLoch weniger vermag die Rassenlehre die Erscheinung der einzelnen Geister begreiflich zu machen. Es gibt keine germanische Genies. Watteau, Boucher, Fragonard und Poussin mögen blonde Haarrj gehabt haben, sie sind keine Germanen, sondern spezifisch französische Meister — Antigermanen. Dasselbe gilt von den italienischen Künstlern der Renaissance und den Meistern anderer Läicher. Ebenso verhält es sich mit der Behäuptayg mancher Vertreter der Germanenthcorie, daß Germanen nach Judäa gekommen und sogar auch David, Salomo und auch, die Propheten Abkömmlinge von Germanen gewesen sein sollen. Denn selbst, wenn das der Fall wäre,, vollbrachten sie keine Großtaten germanischen Geistes; groß geworden sind sie als Glieder der jüdischen Gemeinschast. Jede Rasse, richtiger Nation, da es sich nicht' um zoologische Gruppen handelt, ist spezifisch begabt, ilckrh der gegenteiligen Behauptung des bekannten Anthropologen Kollmaim, wonach alle europäischen Rassen gleich begäbt für jede Aufgabe der Kultur seien, ist nicht'zu erklären, warum kein anderes Volk eine italienisch: Renaissance, Helleiientuur oder die Propheten zu erzeugen vermag? Also gleichviel, ob di« 'spezifische Rassenbegabung primär und iimnanent wie nach den Raskentheoretikerw oder Erziehnngsprodukt und etwas Veränderliches wie nach den Milieutheoretikern ist, bleibt die Tatsache, daß sie ist. Der jüdische Prophetismus, die italienische Malerei, griechische Wissenschaft und Kunst, deutsche Musik ist einmalig und einzigartig, niemals wiederkehrend, für alle Völker und alle Zeiten unnachahmlich; denn sie 'sind die Manifestation der absoluten einzigartigen und einmaligen Individualität. In einer gesehestreuen Zeitung soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Verfasser nicht auf dem Boden der Tradition steht und der traditionelle Jude mancherlei Stellen de:- Buches ablchnen muß. Poleuschau. Antisemitismus ist überall in Europa langlebig und in den Köpfen oder den Instinkten der Menschen tief eingewurzelt. In keinem Lande ist er aber im Lause des letzten Jahrhunderts so unverändert geblieben wie in dem geknechteten und nun freien Polen. Hier ist er fast zu einem Glaubensdogma erstarrt und zu eineni halb festen Kern innerhalb der politisch-geistigen Anschauungen des „echten" — int Lande heute herrschenden — Polentums geworden. Und das gestaltet darum den Kampf gegen die polnische Judenfeindschaft und Judcupolitit 'so schwer, so mühsam und imr langsam fortschreitend, wie er seither immer gewesen ist. Der Krieg zwischen Polen und Rußland hat eben in Riga seinen endgültigen, vertraglichen Abschluß gefunden. Ungefähr zur selben Zeit hat die poilnische Nationalversammlung mit ihrer eigentlichen Arbeit, der Schaffung einer Verfassung für das Land begonnen. Bon hier' könnte ein neuer Abschnitt in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Polens, eine Aera innerer Festigung und Erstarkung ihren Anfang nehmen. Der Zeitpunkt ist gewiß günstig und ermutigend; denn die politisch militärischen Gefahren fiir Polen, sind in dem Kriege gegen Rußland vom Lande äbgewendet worden; und Angriffe hat-das Land von den Nachbar» aus längere Zeit hinaus nicht zu befürchten. Jetzt müßte eine! kluge Politik den innerpoliti scheu Problemen — so groß an Zahlundan Bedeutung — mit konzentrierten Kräften zu Leibe gehech Und es bann nur eine Politik des politischen und wirtschaftlichen Ausgleichs sein, eine Politik des Rechts für alle und der Verständigung zwischen allen, di« die inneren Schwierigkeiten — die sozialen und nationalen Antagonismen — allmählich aus dem Wege räumen könnte. Heute ist aber von diesen Tendenzen und Strömungen ' in der inneren Politik, von der äußeren gar nicht zw reden, kaum etwas wghrzunehmen. Riga bezeichnet in der Außenpolitik Polens einen neuen Sieg des politischen- Imperialismus und des allzu übersteigerten Militarismus. Zur selben Zeit erringt der Geist der unbelehrbare» Reaktion synrptomatische Erfolge auf innerpolitischem ®c»* biete: die Einführung des Zweikammersystems wird gegen den heftigsten Widerstand der Fortschrittsparteien tut Sejm beschlossen, der Belagerungszustand wird in strenger Fort» auftechterhalten und eine Berwaltungspolitik voller' Willkür und Ungerechtigkeit wird von den Einzelbehörden getrieben. Vor allem anderen aber erhebt der.Antisemitismusüberall, so unverhüllt wie nur je das Haupt: im Wirtschaftsleben, im' Heer, in dem Parlament und— in der Regierung. Im Verlaufe des russisch-polnischen! Kriegs' . ist der Judenhaß und die Pogrompokitik gegen Jude» wieder erschreckeich ausgelebt. Wenn das ganze Lmck iw der Zeit der Bolschewisteninvasion in einer schweren $e» fahr gelebt und geschwebt hat, so war das Leben der. jüdischen Bevölkerung im Lande von zwei Seiten her furchtbar bedroht, von dem Bolschewismus und von dem aufs äußerste gesteigerten, brutalen, mordbereüen Antisemitismus der Polen. Vielleicht hat der Umschwung ln der Kriegsentwicklung den Ausbruch und die Entladung der antisemitischen Leidenschaft verhindert — oder doch eingedämmt. Eingedämmt — denn es find Pogrom: -- allerdings nicht int Lemberger Stil — vorgekommen» sind Gewalttaten an Juden verübt, unschuldige jüdische Menschen als Bolschewifwnfreunde, Hochverräter und Spione! vor Kriegsgerichte gestellt und zum Tode verurteüt worden. Und das ganze Land hallte wieder von dem Rnf: .Kampr gegen den jüdischen Bolschewismus" an der Front und im Land«, ein Rnf, den vor allem dipolnische Presse- — vielleicht die gewissenloseste und. verdorbenste Presse der Welt — immer wieder ertönen ließ. Zur hlbwehr des jüdischen Bolschewismus gab die Regierung., den ungeheuerlichen Befehl, Misch« Freiwillige — 3000 an der Zahl — in ein Lager zu stecken, in der Absicht, sie dort für die ganze Dauer des Krieges zu behalten. Welches Martyrium die Internierten in dem Lager zu erdulde» hatten, llingt kn seiner Furchtbarkeit fast unglaublich. Die Welt wird bald das von der Regierung /wohlgehütete Geheimnis des Lagers in Jablona erfahren — diese und alles andere, was in den letzten vier Monaten an. Juden gesündigt und verbrochen worden ist. Heute sickert die Wahrheit, die von der Zenfirr bisher streng verheimlicht worden ist, allmählich durch; die dicken Interpellationen der jüdischen Abgeordneten im Sejnr betreffen», sämtlich Willkürakte und Ungerechtigkeiten gegen Indem Bestrafung und .Whilfe wird von der Regierung nüht immer versprochen — die Zusagen nicht immer erfüllt. Während noch die Erde von dem Blut der in der allerletzten Zeit ermordeten und verwundeten Inden gerötet ist. kommt die Nachricht von einem neuen polnischen Pogrome, von einem Pogrom in Wilna. Allen ijotitischen Abmachungen entgegen erobert ein von der Warschauer Regierung dirigierter General Wilna, alle Grundsähe der Moral höhnend, läßt er seine wilde Soldateskn auf die wehrlosen Juden los. Der Völkerbund hat sich xnä: Gefecht geworfen; mit welchem Erfolg? — Polen hat bisher durch geschickte diplomatische Manöver seine Eroberung zn behaupten gewußt, und hat vor allem gewußt» das Unrecht, die Pogrome gegen die Juden in harmlose Borko-mmnifle nmzufälschen. Es ist hier Pflicht der Mischen Welt in Europa und in Amerika der Wahrheit über die Dinge rücksichtslos nachzugehen in Wort nick Tat lauten Protest einzulegen g'gen das polniiche Bluthellientnm und allen ihren politischen Einfluß iw den ein-, zelnen Ländern aufzubieten, um Polen zur Vernunft zurückzubringen und zur Gerechtigkeit gegen seine Jude» zu zwingen. Der Völkerbund kann uns hier hcksen heute — vor' allem aber in der Zukunft Wir. werden an de» Böllerbund, und immer wieder-an die europäischen Nationen appellieret^, dem empörenden Unrecht an einzelnen. Glledern des jü- - 3 ij

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