Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 40 (5.11.1920)
- Date
- 1920-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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gniwimiiiiiiiimiinminmiiiiiiiiiiiinmiiiiiiimiim'iiiiiiiwiwr : C&föeinf wöchenfllch am Frettag. Äezugspreis pro Dtertel. Z : fahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Iüdischen Presse,; : auswärts bei der Post abonniert Mk.3.5Ü, frei lnS Haus 15 pfg. :; mchr./Lei Zusendung durchEtreifbandfürDeusschland Mk.20.0v, ■ i filr alle übngen Länder Mk.30.00jährlich,im Daraus zahlbar. : Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galt) Geis jiiiiHiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiimiiiiiiioiiniiiiimiiiiHwmiiiuiiiBi | Insertionspreis für die fechsgetzwlKnLAonp.ZeilelMPtz^fllr | : die Reklamezeike 2M.3.—. Lei Wiederholungen entgrrechender : : Rabatt./ Platz- und Öatum-Lorsihn'st ohne Verbindlichkeit./ : Annonken-Annahme bei der Exped.und in aAnnonren-LureanL - : Konto bei dem Postscheckamt in Frankßrrt a.M. unter Nr.486«. : 18. Jahrgang. Freitag, de» 24. Cheschwan 4681 (5 November 1930) Nr. 40. Zehn Gerechte. Sine Parallele »wische» Bibel und Gegenwart. Selbst Menschen, die ihr Lebtag sich Rechenschaft über ihr Tun gaben und einen festen moralischen Halt in sich trugen, sieht man in unseren Tagen schwankend werden. „Was schert mich Gesamtheit, was der ycebcnmensch, — für sich selber sorgen!" Diese allgemeine Losung der Gegenwart hat auch auf Kreise übergegriffen, deren Denken und Tun stets von den Grundsätzen lauterer Moral geleitet war. Der Anreiz ist in dieser Zeit 1>cr Verderbiris und des Elends auch viel stärker als sonst. Das Auge sieht, Uj« der moralisch Hemmungslose gedeiht, während der moralisch. Gehemmte trotz Sparsamkeit und sorgfältiger Ueberlegung von schwerer Sorge niedergedrückt wird. Und der Verstand sagt: Was für ein Unrecht ist cs, gemäß dem Zuge der Zeit zu tun? Ist es denn z. B. unuroralisch, wenn zehntausende unbescholtene Bürger in Valuten spekulieren, nun auch einmal sein Glück "zu versuchen? Wohl stören diese Spekulationen das gesamte Wirtschaftsleben, — aber: es wird doch aud> ohne mich spekuliert! Wie mancher swird seine .aujsteigenden Gewissensbedenken nicht schon mit derartigen Argumentationen beschwichtigt haben. 3ii>cg ein weiteres Beispiel aus dem Füllhorn des Lebens sei herausgegrisfen. Ein Händler würde für irgend ein wichtiges VolKnahjrckngsmittel, regulär berechnet^ 37 Mar, nehmen, doch, da die Nachfrage besonders dringlich ist, überlegt ,er sich, warum er die günstige Situation nicht ausnutzen solle, und fordert 42 M. Das Gewissen klopft wohl beiihm an, doch Gcgenerivägnngen sind midi gleich zur Stelle, die es einlullen. Man müsse das Geld als eisernen Fonds für ungünstige Zeiten zurücklegen, oder die Sorge für die Zukunft der Kinder verlange die Ansammlung eines Kapitals, und was dergleichen Gründedie sich stets einstellen, mehr sind. Diese Handlungen bedeuten — man mag sie drehen, wie man will — eine Ungerechtigkeit dem Mitmenschen gegenüber und sind darum unmoralisch, auch wenn sie dem Zuge der Zeit entsprechen. Die jüdische Religion hatstets' dor dem Zuge der Zeit gewarnt. Sie kennt nur eine» Wegweiser in allen Zeiten, mögen sie noch so schwer sein: die .Heiligungdes göttlichen- Namens, — und Gottes Name heiligtnur der, darinehrlicher Arbeit sein Brot zu' verdienen sucht und dabei die Grenzen scines Nächsten nicht verrückt. (5. Buch Moses 27, 17.) Gerade an den drei letzten Sabbaten, da die ersten Kapirel des Buches der Bücher in Israels Gotteshäauscrn voigelesen wurden tritt in plastischen Lebensbildern und gewaltigen geschichtlichen Ereignissen der Standpunkt des Judentums -dem 'Zuge der Zeit gegenüber hervor. Jeder dieser drei Sabbate hat sein'Charakteristikum in dieser Lehre. In den Wochenabschnitten „N'auach", „Lech-Lecho" und „Wajeiro" ist sie der mächtige Akkord, der aus ihnen tönt. Muh war ein gerechter Mann. Einwandsfrei war seine Lebensführung trotz eines sittlich verkommenen Geschlechts. Deshalb. nrurde er, als die Sündilut die Erde Überflutete,.als einziger gerettet. An Abraham ergsiig die. Stimme Gottes: Gehe für Dich, damit Du einer höheren Bestiminung als Deine Umgebung, und Deine Zeit lebst! Und dann in dem vorwöchentlichen Wochcnabschnitt: Wären . mir zehn Gerechte in Sodom oewesen, die Stadt wäre nicht dem Verderben preisgegeben morden. Zchil Gerechte! Wie hebt das hie Bedeutung des lRenjchcn im Menschen. Gerecht sein kann jeder Mensch »»abhängig von seinen geistigen und materiellen Gütern, und. mit seinem Leben eine Atmosphäre der Gerechtigkeit um sich schaffen und so vielleicht einen Kreis von zehn Gerechten als das Werk seines Daseins Hintertassen, diese Möglichkeit ist jedem Dienschen gegeben. Zehn bilden aber eine Gemeinschaft, und eine Gemeinschaft entsendet ihre Ausstrahlungen in die große Oeffentlichkeit. Werde ein Ecktztzn-für dick Menschheitward das Wort Gottes an 'Abraham. Dieser - Ruf ist. die ungetrübte Gottesstimme injeher Mcnschenseele. - .Zehn Gerechte,. können . zur Errettung, zum Segen Mr emo Gesamtheit^werden. Ist "dieses wmchervollste aller erstrebenswerten Ziele nicht wert/- aufgegrissrn und begriffen zu werden, besonders in dem Reihen derjemg-.n. denen seit ihrer Urväter Zeiten .Zedokoh, Gerechtigkeit" als Höchstes menschlichen Streben» gelehrt ward??-sr das Bewußtsein, mit eickem solchen Ziel aus einer der trübsten aller Zeiten am Ende doch unversehrt und als Sieger hervorxugehen, nicht -hin Fels, der gegen alle feindlichen Anstürme der unsittlichen, ungerechten Selb-tsucht schützt? / Zehn. Gerechte hätten Sodom gerettet, zehn Gerechte würden auch heute wieder zur Rettung werden, — das sei in - unseren Tagen jedem einzelnen gesagt, niemand, der nicht Schuld auf sich laden will, kann sich von dieser Pflicht ausnehmcn. Der A«tise«Msm»s der vemokralischerr Schweiz. Die demokratische Schweiz bietet ein Musterbeispiel dafür, daß der Antisemitismus mehr ist als ein Instrument im politischen Parteileben, daß er eben seinen Ursprung hat in. dem seelischen Derhältnis deS R i ch t j u d e n z u m I u d e n. So waren es seiner Zeit in der Schweiz die demolratischen Parteien, die das wirklich nicht ans dem Tierschutz, sondern nur aus einem antisemitischen Gesühl verständliche Schächtverbot zum Siege brachten, während die konservativen Parteien aus Erwägungen der Ueberlegung, diktiert von ihrer Respektierung religiöser Sonderart, dagegen stimmten. In einer Eingabe der drei jüdischen Gemeinden Zürichs an den Großen Stadtrat der Stadt Zürich liegt heute ein weiterer Beweis sür diese Erfahrung vor. Die Eingabe wurde durch den Beschluß des Stadtrates veranlaßt, O stjud e n nur dann das Bürgerrecht zu gewähren, wenn sie „15 Jahre ununterbrochen in Zürich gewohnt, sich gut angepatzt und als nützliche Elemente der schweizerischen Volkswirtschaft erwiesen haben", während sonst nichts als lOjähriger Wohnsitz in der Schweiz verlangt wird. Auf diese Unverschämtheit, die mir möglich ist, weil wir Juden bisher nirgends in der Welt ein autonomes Heimweien hatten, führt die viel £u sanft gehaltene Eingabe in ihren wesentlichsten Stellen aus: „Einmal zeigt schon die Art und Weise, in welcher der Stadtrat bisher in dieser Einbürgerungsfrage verfahren ist, daß die Aufnahme der Juden schlechthin zur Diskussion gestanden hat. Der Stadtrat hat nicht nur die Einbürgerungsgesuche von Ostjuden mit Rücksicht auf eine allfällige Neuregelung nicht behandelt: er hat vielmehr, was in der Weisung dicht gesagt ist, seit mehr als einem Jahr die B ü rg e r rech ts g e su ch e sämtlicher jüdischer Bewerber für einin"al zurückgelegt. Unter diesen Ausnahmegesuchen finden sich solche angesehener, längst hier niedergelassener Männer, wo es an jedem Grunde fehlt, der das Mchteintreten auf diese Gesuche rechtfertigen könnte: einzig die Zugehörigkeit der Petenten zum Judentum an sich soll diese Aufnahmebehandlung begründen! Weiterhin hat der Stadtrat im Ssiiril dieses Jahres zwei Be-, Werberinnen westjüdischer Herkunst zur Ausnahme ins Bürgerrecht empfohlen, mit dem Bemerken, „dieGesu ch - stellerinnen seien seit etlichen Jahren ans der Israel. Ku l t usgemei nde ausgetreten/' Sodann aber mutz die Begründung, mit welcher der Stadtrat die Ausnahmebehandlung der Ostjuden rechtfertigen will, zu ernsterem Widerspruch herausfordern. Es wird nämlich den Ostjuden ein „starkes Festhalten an einer orthodoxen Ausübung ihrer Religio n" vorgeworsen und anderseits behauptet, die in Westeuropa lebenden Glaubensgenossen hätten sich mehr und mehr vqn diesen Satzungen freigemocht. Das trifft in dieser -allgemeinen Form von vornherein nicht zu; auch unter den Westjuden gehören noch weite Kreise der Orthodoxie an. Wir stellen aber durchaus ip Abrede, daß irgendwelche Staatsnotwendigkeit vom Indern die Ausgabe seiner Religionsübung fordere. Die Tatsache, daß der Mische Kultus für den Nichtjuden etwas Fremdartiges bedeutet, berechtigt nicht, in dem Juden selbst ein „Fremdtum" zu erblicken. Wohl behauptet der Jude bei uns, wie überall, sein Eigenleben; und so lange er sich als Jude fühlt, wird er es auch nicht aufgeben; aber dieses- Eigenleben hindert ihn nichtam geistigen undöffentlichen Leben des Landesin .denk er sich niedergelassen' hat, lebhaften Anteil zu nehmen, mit dem Nichtjuden zusammen für dessen Wohl zu wirken. . . Mit aller Entschiedenheit wenden wir uns gegen die Tendenz des Stadtrates, wie sie in der Weisung zwar nicht wörtlich zum Ausdruck gelangt, im ganzen Verfahren dennoch deutsich zu Tage tritt; demjenigen bei der Einbürgerung größere Schwierigkeiten zu bereiten, der sein Judentum offen vertritt. Als Beweis dafür, daß diese Tendenzbesteht, diene auch die Tatsache, daß in den letzten Jahren; solchen Juden — und zwar sowohl WestjudenwieOstjuden —, die ihre Kinder am Samstag in der Schule nicht schreiben ließen, aus diesem Grunde die Einbürgerung versagt worden ist. In der Weisung wird den Ostjuden weiter zum Vorwurf gemacht, sie hätten im Wirtschaftsleben teils wegen ihrer einseisigen Einstellung auf den Handel mit der einheimischen Bevölkerung nicht in Wettbewerb treten könnenteils mit it;rer Betätigung, besonders im Kleinhandel ruck» Hausiergcwerbe, Anstoß erregt. Was den ersten Punkt üe» trifft, so beachtet der Stadtrat nicht, daß unter den ans! den» Osten eingewanderten Inden durchaus nicht nur Handelsleute und Hausierer, sondern auch zahlreiche Handwerker und Arbeiter zu tresfen sind. Laut einer Statistik der Jsraelittschen Toleranzkommission waren inr Jahre 1914 von 218 Tolerierten (Schriftenlosen) nur 29 Kauf- und Handelsleute, die Mehrzahl Handwerker und Ar» - beiter der verschiedensten Berufsarten, die übrigen Studenten. Auch nach der in der Weisung selbst erwähnten Feststellung des Stattstischen Amtes der Stadt Zürich betätigten sich Mitte 1918 die in Zürich ansässigen Ostjudrrr mir zu ca. 22 Prozent im Haiäel, nämlich ungefähr iw» gleichen Verhältnis wie die übrige Bevölkerung; dies alst» im letzten Kriegsjahre, obschon während des Krieges vorzugsweise Kaufleute hergezogen waren. Ueberdies erfolgte die Einwanderung während des Krieges meist nur zu vorübergehendem Aufenthalt. Der Stadtrat behauptet auch gar nicht» daß dick Ost» juden nach lOjähriger Niederlassung^ den hiesigen Verhältnissen nicht angepaßt seien, sondern er betrachtet dick 13jährige Medelasfungsdauer einfach als Prohititivm aß nähme. Zwar sagt er wörtlich, daß er für dick , neuen Leiden, welche die Vorgänge des letzten Jahres tat 1 Osten über den dort seßhaft gewordenen Teil des iüdischen' Volkes haben kommen lassen, nicht unempfindlich sei. Tcotz» dein will er die Einbürgerung der Ostjuden erschweren; er erklärt, die Schweiz könne nicht Zufluchtsort und Heimat der sozialem Druck Ausweichenden aus aller-Herren Länder werden. Bisher war es aber in der Schweiz, und besonders in Zürich Hebung, den Bedrückten Zuflucht zu gewähren Auch wir verurteilen die sogenannten ,Lonjunk° ttir-Einbürgerungen"; eine Anpassung an das neue Heimatland darf vom Einzubürgenden verlangt werden; aber der Maßstab, mit welchem die Bewerber gemessen werden, soll kein verschiedener sein. Die Geschichte und vor allem die Geschichte des Judentums lehrt uns, daß die Ausnahmebehandlung einer Be» völkerungsschicht dem Staatsganzen niemals nützen kann. Gerade in den Besten der Zurückgesetzten erzeugt sie Erbitterung/ verletztes Rechtsgefühl. Heute flutet eine antisemitische Welle durch Mittel- und Osteuropa. Wir hoffen aber, daß ihr der demokrattsche Geist unseres Landes einen starken Stamm entgegensetzen, sie als etwas ihm Fremdes und Unnatürliches fernhalten wird. Wir richten daher an Sie'das Gesuch) Sie wollen den vom «tadtrat ausgestellten Grundsätzen ihre Zustimmung, versagen und demgemäß verlangen, daß die Bürgerrechts-, gesuche von Ostjuden formell und materiell in gleicher Weisck behandelt werden wie diejenigen aller anderen Ausländer." Wir lieben die in der Eingabe angewandte Apologetik nicht, denn sie schwächt in den Augen der Nichtjuden, die Position der Juden. Wir Juden verlangen unsere Gleichberechtigung ohne Apologetik und ohne Statistik. Heute' liegen die Dinge in Zürich so, daß ein für die Allgemeinheit bedeutungsloser und als Mensch minderwerttger Nichtjude ohne weiteres nach 10 Jahren das Bürgerrecht erwirbt^ während ein für die Allgemeinheit wertvoller, ftttlich hochstehender Jude dieses Bürgerrecht nicht vor 15 Jahren und dann auch nur mtt Schwierigkeiten erhalten soll. Diese Tatsache ist ein' Fauststhlag auf das nackte Menschenrecht, sie beleuchtet die Tragik des GoluHinden» tumS» dem das nackte Menschenrecht jkts nur als G e s ch e n k gegeben und nach-Belieben verweigert wird/