Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 37 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2693178-2693215--11241-2706674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
FrankfurterZfraeniisches Familienblatt ■uiMHiiiiiiiiiiiiUHHunimiiinmiiiimiiiiiiiiiiiiiimminiiiimiiJ | GMei'nt wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel- £; fahr: 3n Franlfiirt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, £ : auswLris bei der Post abonniert Mk.3.S0, frei inS Haus ckS pfg. £ j mchr./Ne!ZusendungdurchStrelsbandjürL)eusschlandMk.20.oo, ■ i für alle übrigen Länder Mk.30.00 jährlich, im Voraus zahlbar. £ Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße X Fernsprecher Amt Hansa 2803 Herausgeber: Sach Geis ■imiJniimmiumiimiiiiiiiiin'iiminnTmiimmmiiiniiiiiiiHHi. 1 Znfertionspreks für die sechsgespalieneRanp.Zeile-ILopfg., für; : die Nellamezeile Mk.3.—. Äei Wiederholungen enffprechender £ : Nabalt. / Platz, und Datum-Vorschn'fi ohne Verbindlichkit. / £ ■ Annoncen-Annahme bei der ^ped.und in cuAnnoncen-Aureaus. > £ Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864. i Mm......................................... 18. Jahrgang. Freitag, den 3. Clieschwan 5681 (15. Oktober 1926) Nr. 67. Ein Appell an das jüdische Herz. „Wenn Du einen Juden siehst, der tein Rachmonus stätiges Mitleid) hat, so wisse,- daß seine Väter nicht «m Sinai geständen haben." DaS ist also das mindeste, was man von einem J.den. der überhaupt noch als Jude angesehen werden will, vcrkangen muß. daß sein Herz stets bereit sei, beinr Anblick großen Elends von Mitleiden erschüttert zu werde», und dann stets vom inneren Zwang erfüllt werde, mit seiner ganzen Krask tätige Hilfe zn bringen. Wer kein Ohr taub - macht vor dem stiotschrei unserer sterbenden Brüder, wer sein Auge zudrückt vor dem Blute unserer Jünglinge und der Schmach unserer Frauen, ist trotz aller Vorzüge 'und Verdienste, die er besitzt, ein so schlechter Jude, daß mau überhaupt an seiner jüdischen Abstammung zweifeln muß. r Es ist notwendig, gerade heute auf diese Dinge hinzuiveisen, tveil cs jetzt viele Menschen unter uns gibt, die glauben,, au-s dem langdauernden Anhören von Elend für sict> die Berechtigung ziehen zu . dürfen, unmenschlich jlt werden und bas größte Unheil geschehen zn lassen, ohne «uch nur innerlich daran teilznnehmen. Demgegenüber ist mit allem Rächdruck auf das Verhalten unserer Väter zum Teil auch unserer Brüder int Osten hinzuweisen, die unvergleichlich längeres, unmittelbares Unglück geschaut haben, ohne daß ihr warm cmpsindender Sinn abgestumpft wäre, oder ihre hilfsbereite Hand erlahmte. Wenn wir auch das noch verlören haben, das Rachmonus, diese edelste jüdische Eigenschaft, dann ist es aus mit unserem Judentum, dann sind wir bereits keine Juden mehr und wie weit wir dann noch Menschen genannt werden können, kann jeder mit sich selbst ausmachen. Aber noch ist es Gott sei Dank nicht so weit. Roch ist es unwahr zu behaupten, daß die deutsche Judenheit durcn den Tiefstand der Valuta eine Judenheit zweiter Klasse geworden ist. Mt Stolz haben wir. es gelesen, wie in der Versammlung der jüdischen Abgeordneten Pakäßinas Schemarja Lewin unter begeisteter Zustimmung der Anwesende gerade auf die deutsche Judenheit hinwies und sagte, daß sie jetzt nur durck lautes Aufrufen zur Tat enlslammt werden brauche, um zu den größten bewundernswürdigsten Opfern und Leistungen fähig zu sein. Denn jetzt ist ein Werk im Gange, das allerdings an unsere Opferbereilschaft und unsere Leistungsfähigkeit die 'höchsten '-Anforderungen stellt; ein Werk aber, das nicht nur gegenwärtige Wunden notdürftig zu flicken, sondern dauernden Ausbau zu leisten verspricht. 'Ein alles jüdisches Wort preist Gott, der jeder Wunde rm voraus schon ein Heilmittel schafft. Dieser Satz scheint sich auch jetzt wieder zu bestätigen. - Grausigeres, wie wir eS jetzt erleben, hat wohl selbst unsere Geschichte noch nicht gesehen. Völliger wirtschaftlicher Ruin oft der besten Teile des Judentums, Zerstörung uralter Stätten jüdischer Kultur, Vernichtung von Menschenleben ohne Gleichen — wohin, wohin soll das. noch alles gehen? Wo ist noch HosfnnNg, wo noch ein Weg zur Zukunft? Aber in diesem'Augenblick, höchster N'otgefährdung ist dem jüdischen Volk ein Geschenk und rin» Ausgabe zugefallen, die geeignet ist, auch dem Zlllerletzten Mut, Hoffimugsfxeude und Tatbereitschaft einzugeben: Palästina. Was. uns Palästina sein kann? Wir brauchen nicht M „ sagen, daß es der ewige Jungbrunnen sein ivird, aus dem der jüdische Genius Leben und stetige Verjüngung trinken wird; daß dort dem jüdischen Volke eine Stätte dauernden und vollkommenen Eigcnseins bereitet ist. Heute hat Palästina noch eine ganz andere Bedeutung. Es ist der Zufluchtsort für unsere verfolgten Brüder (als was es auch Herzl sich dachte), der Ort vor allem, wo die jungen Söhne unseres Volkes, welche heute FcindeShand oder die wirtschaftliche Not von heimischer Stätte und Arbeit vertrieben hat, Sicherheit und wirklich produktive Arbeit gewinnen können. Denn wo sonst in . der Well chaben sie Gelegenheit, zugleich für sich und die Gesamtheit Heil und Segen zn. schassen? .' Was wir dazu.tun müssen? Jeder weiß, wie cs heute um Erez Jisroel steht. Das Land soll nach Entgjäikder Friedenskonferenz jüdische Heimstätte jverdr». im'tatkräftiger (nebenbei gesagt konservativer) Jude ist sein Verwalter. Ruhe und Ordnuckg ist eingekehrt. Der Aufbau kann beginnen. Es fehlen die wirtschaftlichen' Mittel. Mit völliger Klarheit hat die Zionistische Jahreslonserenz die Aufgabe der Zukunft erkannt. Das große Kolonisationswerk ist einem engste» Rat hervorragender (auch »ichtzioiiistischec) Fachmänner übertragen worden. Die erste Tat, die er von uns verlangt, ist die Aufbringung von Geldern, die wir dem jüdischen Volke scheuten s.ülcu. Für Anleihe» und anderen Formen der Geldbcjchasftuig wird das „Ecoiwmie Eouncil" schon sorgen. .Heule muß der K e r e n H a j c s s o d, das „Grundkapilol" ansgebracht werden; und dieses kann, ja darf nicht aus anderem Wege geschehe», als durch die freiwillige Gabe des jüdischen Volkes. Wir wissen, daß das jüdische Volk diese Leistung vollbringen wird; nur muß es mit Macht zu dieser Tat begeistert werde», nur muß jeder einzelne sich über die Bedeutung der Stunde klar sein. Man kan« nur einmal in seinem Lebe» für de» Keren Hajessoi» gebe«. Gewiß, man weiß, daß das jüdische Volk ein armcs ist, heute znnml. Aber es gibt auch Besitzende unter uns; mögen diese doch ihren Besitz als heilige Aufgabe ansehen und eiiimal' darüber Nachdenken, ob sie nicht dieser heutigen Pflicht wegen zum Reichtum berufen worden sind. Aber -nicht an eine bestimmte Klasse; wendet sich der 'Aufruf des jüdische» Volkes, sondern an alle; >vie nach dem weisen Spruch unserer Alten ein j e d e r sich betrachten solle, als ob von seinem' Gutsein das Bestehen der Welt abhängig wäre, so muß jetzt ein jeder wissen, daß aucki er verantwortlich ist für die Zukunft ocs jüdischen Schicksals. .Es wird ja nicht nur Geld sein, was wir brauchen; wer Schmuck suchen hat, der bringe sie; wer seine Arbeit in deck Dienst der Organisation stellen kann, der bringe sie. Wir werden sparen, uns einschranken. und plage» müssen; aber wir werden auch die lebendige Frucht unserer Mühen sehen. Aus den öffentlichen Ausstellungen des Economic Council wird sich ein jeder überzeugen können, was mit srinenr Gelbe geschehen ist. Er wird es selbst erleben dürfen, ivie segenbringend seine Tat gewirkt hat. Darum nochmals: Oeffnen wir .unser Herz dem Leid unserer Brüder, seien wir erschüttert von.der Größe der Stunde, unterschätzen wir uns nicht selbst! Jede gute Tat ruft beispielgebend zehn neue hervor. Die palästinensische In d en h e i t r e ch n e t m i t uns; das jüdische Volt w ar te t ans n n ser Tn n. Schdag. Der Fall Dr. Magmrs Hirschfeld. In Deutschland haben Christen einen Juden mißhandelt und verletzt, nur weil er Jude ist. Der bekannte Berliner Sozial-Ethiker Dr. Magnus Hirschfelt> wurde bei einein wissenschaftlichen Vortrag in München — er sprach über die Verjüngungshheorie — von Antisemiten überfallen nnd derart mißhandelt, daß er ein Krankenhaus oufsuchcck mußte. . Wenn cs eine politische Veranstaltung gewesen wäre, in der die Meinungen aufeinanderplatzen, ließe sich die Tat wenigstens iwch verstehen. Doch so kann nur die; wüsteste, gewissenloseste antisemitische Hetze, die jeden Menschen, der ccks Sohn jüdischer Eltern geboren ist, als Paria, als Freiwild wertet, das Geschehene erklären. Nicht genug des traurigen Ausgangs des Krieges, nicht genug des drückenden Elends, unter dem das deutsche Volk lebt, muß es sich auch noch mit Schuld beladen. Statt brüderlich alle Glieder des ^Volkes zu vereinen suchen, damrü der Genius des deutschen Dolties wieder sei» Haupr erhebe, kämpft in Deutschland einer gegen den andern, überall wuchert Demoralisierung und jeder beschuldigt den anderen der Schuld air dem Unglück, nur nicht sich selber. In solcher Situation ist noch stets 'der Jude der Sündcnbock^gewesen, so auch jetzt. Daß unter 1000 Christen in Deutschland durchschnittlich nur 9 Juden leben, daß die Landwirtschaft und' die Bergwcrkiudustrie, die beide judenrein sind, durch rücksichtsloseste Ausnutzung der Situation ein gerüttelt Teil schuld .an einem Teil der Preissteigerung tragen, was verschkägt's, — der Jude wirb beschuldigt und damit im ' Interesse so vieler Christen der Blick von der Lösung der Pröblcine abgelenkt. Wie moralisch wertlose Christen, gibt cs auch morakischs wertlose Juden. Doch warum soll der Jude, der anständig ist, leiden? Warum sollen unschuldige Kinder eine Zielscheibe der Verhöhnung sein? Warum Jünglinge, die die Stätten der Wissenschaft besuchen und noch nichts mit dem Lebe» zu tun habe», ans Schritt und Tritt in die 'Gefahr koimneu, von nichtjüdischcn Jüngern der Wissen» schaft augepöbclt zu werden? Warum . . . Ach. es ließen sich noch viele Warum» fragen. Der Christ kann leben wie er will. — der Juda ist in seinem Tun ständig der Kritik ausgesetzt. Er soll ein Engel sein — und er ist doch auch, nur ein Mensch —; und wenn in einer schweren Zeit vieke tausende Christen nicht die Probe bestehen, die Reinheit ihrer Persönlichkeit zck wahren, warum soll es da nicht auch unter den Juden solche zu schwachen Menschen geben? Der Münchener Fall, in dem ei» völlig unschuldiger Mensch, nur weil er Jude ist, mißhandelt und verhetzt; wurde, hat schwere Schuld nicht nur auf. seine BerWer geladen, die Tat lastet auf jedem Deutsche»-, der den Llntisvmitismus hätschelt. Möchte der Münchener Fall wie mit einem Blitzstrahl dem deutschen Volk den Weg zeigen, auf den verantwortungslose Demagogen es treiben wollen. - Die Bartholomäusnächte im Oste». Wettere Nachrichten. Dem Lemherger , Tagbl." teilte ein aus L a s z c; o w b: r Hruvieszow (Wolhynien) eingetrosfencr Jude mit: Am l. und 2. September begannen die Petljura- Kosaken ihre Ausschreitungen, Freitag und Samstag verhielten sie sick passiv, — aber am Sonntag den 5. September begannen sie eine» regelrechten Pogrom. 95» Prozent der jüdischen Bevölkerung wurden äusgeplündert, einige Häuser wurden in Brand gesteckt. Greise, Weiber und Kinder wurden mörderisch geprügelt, esgal» mehr als 50 Schwerverwundert:, oarunchr solche mit abgehackten Händen. 80 Prozent aller Mädchen von l3 Jahren aufwärts wurden geschändet. Die Tochter des Baders, welche in die Gewalt der Kosaken fiel und ihnen Widerstand leistete, wurde vor die Wahl gestellt» geschändet oder erschossen zu werden. Sie wählte das letztere und fand den Tod durch Erschießung. Am folgenden Freitag kamen Petljnra-Ofsiziere >« das Städtchen und verlangten von der Gemeinde eine' Bestätigung, daß die Bolschewisten und nicht die Ukrainer den Pogrom veranstaltet hätten. Auch in der Umgebung von Laszezow,'unter anderem in Uhnow, geschahen furchtbare Greucltaten. So nahmen Kosaken eine Judenfrau ihr Kind weg nnd schleuderten es so lange za Boden, bis es vor den Augen der Mutter tot liegen blieb. Die Mutter wurde so lange geprügelt, bis sie bewußtlos zusammenbrach. Erez Israel. Lehrerkonferenz. Die in Jaffa tagende Lehrerkonferenz sagte u. a. folgende Beschlüsse: Die Versammlung legt der Zentrale die Pflicht auf» binnen einem Jahre Arbeitspläne für die verschiedenen Schulen des Landes auszuarbeiten. Der Zentrale liegt ob» den Filialen das ansgearbeitcte Material für die Programmanordnung in den städtischen Volksschulen und Kindergärten zuzustellen. Noch im Laufe, dieses Monats soll das Komitee denj Plan einer ländlichen' Volksschule ausarbeiten und das Material so rasch als möglich an die Zweiganstalten weiterleiten. Diesem Komitee ist das Material der einzelnen Filialen zn seiner, eigenen Arbeit zuzuführen. Im Nissan soll der Rat der Hifladrutlj sich versammeln, um über die technischen Vorschläge betr. der Kindergärten und der städtischen und ländlichen Volksschulen zn beraten und zu beschließen. Die Zcnkrale hat, zusammen mit den Komitees, den Unterrichtsplan laut den vorgelegten Plänen vorzubereitech Der Zentraleliegt ob, das Komitee zur Ausarbeitung der Pläne der Mittelschulen zur Arbeit, aufzufordern und es zu; verpflichten» die Arbeit noch in diesem Jahre zn vollenden mib die Pläne während der Sommerfcrien dem