Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 35 (24.9.1920)
- Date
- 1920-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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t KrankfurterLfraelittfches Familienblatt iiimiiiimiiiiiiiiiiiiiimiiiiiimniiiiiiiinnimiiHiuiiiiiiiiiiiiiiii'i; i Erscheint wocheMch am Frettag. Bezugspreis pro Viertel« i jahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Indischen Presse, : i auswärts bei der Post abonniert Mk.S.S0, frei ins Haus 15 pfg. j; mchr./VekZusendung durch Streifband surOeusschland Mk.20.oo, : : filr aNe übrigen Länder Mk.20.00jährlich,km Voraus zahlbar. : Redaktion und Expeditton: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2,903 Herausgeber: Sach Geis ■uiuiiiiiuimuniHnuimiumiwmimimnmiiiiiHUHiuHHKmuj I Insertionspreis für die sechsgespalieneNanp.Zeile10ly)fg., für j : die Reklamezeile Mk.3.—. Lei Wiederholungen enGrechender : : Rabatt. / plah- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. /; : Annoncen-Annahme bei der Exped.und in a.Annoncen-Äureaus.; : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864. : 18. Jahrgang. Frettag, de« 12. Tischri 5681 (24. September 1920) Nr. 35. Infolge der Feiertage erscheint die nächste Nummer Freitag de« 8. Oktober. Ein Bund. Suckaus wird nicht nur durch die Laubhütte, sondern auch durch die Vereinigung von v i er Pf l a n z e n a r t e ü charakterisiert- Samson Raphael Hirsch sagt in seinem Kommentar zum Pentateuch über - die vier Pslanzenartcn und ihre Vereinigung: „Unsere Weisen lassen in allen vier verschiedenen Pflanzenarten dich das Bild deiner Nation erblicken und sprechen: Wie der Ethrogbanm „Anchcl" und „Reiach" hat, der Wipfel trägt Frucht und der ätherische Wohlgeruch durchdringt den ganzen Baum in allen seinen Teilen, so findest du auch in Israel Menschen, die den Geist der Weisheit, zur Wissenschaft gestaltet/ gesammelt in sich tragen und deren ganzes Leben zugleich von diesem in „Maäsim täuwim", in guten Taten sich kundgebenden Geiste durchdrungen ist. Aber auch der fruchtreichen, doch dnstarmen D d t t elp a I m e Gleiche finden sich in Israel, die wohl „Auchel" aber nicht „Reiach", die wohl die Weisheit als Wissenschaft' gesanunrlt im Kopfe haben, deren praktisches Leben aber den Geist dieser Weisheit nicht in ^.Maasiiw tauwinr", nicht in guten Taten bekundet. Aber auch der fruchtarmen, doch duftreichen M 4 r t h e gleiche» andere in Israel, die „Reiach", aber nicht „Auchel", deren ganzes praktisches Leben vom Geiste der Thauro durchdrungen ist, die Liesen Geist aber nicht zur Wissenschaft gestaltet als geistige Frucht in sich tragen. Aber auch der frucht-und dnstarmen W e i d e gleichen Menschen in Israel, die weder die Wissenschast noch das praktische Leben der Thauro haben. Z u G ru nd e d a r f ke iner 0 b sei n e r M a n g el- Hastigkeit gehen, sondern in einen Bund lehrt Gott sie vereinigen, auf daß die Vollkommenheiten und Mängel sich gegenseitig ergänzen und einer den andern sichere. Zwei der vier Lulabpslanzen tragen Früchte, zwei sind unfruchtbar, die fruchttragenden sollen sich mit den unfruchtbaren, die unfruchtbaren mit den fruchttragenden verbinden, und die Pflicht wird nur erfüllt, wenn sie alle ineinemBundesindrso kann auch Israel das göttliche Wohlgefallen nur in einem Bund vereinigt erstreben." I . . * - Die Einheit Israels. — Suckaus' beginnt die lange Winterzeit. Einem Winter gleicht heute das Geschick Israels. Daß auS dem Winter Frühling werbe, daß das Wunder des millionenfach erwachenden jüdischen Lebei^ sich verwirkliche, dieses Wunder kann nur die Einheit bringen. Von außen und von innen zerrissen verblutet das Volk Israel. Es allein hat nicht mehr die Kraft, den Weg aus all dem.Wirrnis der Zeit zu finden. Gott, der dü Frieden schaffst in den Höhen, stehe du denk Volke Israel bei und führe es zuM Frieden. Du hast ja gesagt, daß es zu jeder- Zeit und zu jeder Stunde gut ist, dein Volk Israel mir dem Frieden zu segnen. Galnteiustellnng. Die Frage der Einstellung zum Galut ist so alt wie dos jüdische Galut — und noch älter; denn in jenem Moment, wo größere jüdische Volksteite in fremde bleiche ausgcwandert waren, erhob sich vor ihnen schon die Frage der inneren Stellungnahme zum Galut, die sie bewußt — durch die Gesinnung — oder unbewußt — durch die Tat irgendwie lösen mußten und lösten. Als erst die große nationale Wanderung ins Exil kam, als die ganze jüdische Nation in die Fremde verschlagen und in alle Winde zerstreut worden war, wurde das Problein der Einstellung zum Galur mit ungeheurer historischer Wucht aüfgeworfeu.— und wurde in aller Klarheit beantwortet. Beanlwortet mit einer heroischen Verneinung des Galut, einer leidenschaftlichen Absage an die Lockungen der Diaspora, einem Protest gegen die Notwendigkeit des Galut. Weil Palästina in der Vorstellung tebeudigfle Wirklichkeit war, konnte das Galut zunächst, kein eigentlichem Problem, keine Gefährdung des Glaubens an die Zukunft in Zion bedeuten. Die Jahrhunderte und Jahrtausende des Galut ließen allmählich die entschlossene Verneinung des Voltes gegen die Fremde er- ■* starren: sie wurde latent, blieb aber unerbittlich. Es wurde allerdings eine Verneinung in der Gesinnung, nicht durch die Tat. Denn schon das Dasein im Galut bedeutete Abfindung, halbe Aussöhnung mit der "cemüe, jchloß ein' Ja zum Galut in sich. Die Gesinnung aber war entscheidend, der Protest, die innere Verwerfung. s Das Problem der Galuteinstellung war für das Diasporajudentum gelöst, und die Lösung war zugleich Lebensrettung, Bewahrung vor Tod und Untergang. Die Einstellung zur äußeren Welt war gewiß nicht schöpferisch, wie sie es durch eine Bejahung nach langer, jahrhundertelanger Entwicklung vielleicht geworden wäre, sie wirkte aber für ein späteres Schöpfertum, indem sie gleichsam einen schützenden Panzer um die inneren schaffenden Kräfte legte und sie für eine spätere Zukunft bewahrte. Mit der tiefgreifenden äußeren Umwälzung in dein Leben der Gesamtjndenheit in der Diaspora, der Emanzipation, wurde das Problem der Einstellung zum Galut ivieder lebendig.und akut- Das Nein, das die jüdische Na- -tlo» achtzehn Jahrhunderte hindurch der Diaspora entgegengeschleudert hatte, erhielt einen Stoß, wurde von dem Zweifel bestürmt und berannt- Und das Ergebnis der neuen inneren Auseinatidersetzung mit dem Galut war, daß ein Teil — ein kleiner Teil — sich von dem Protest, den. Nein entschlossen lossagte und zur überzeugten, restlosen Bejahung des Galuts in Gedanken und Tat kani. Das war die schwächliche, an sich und an der jüdischen Zukunst verzweifelnde Assimilation. Damit war der Fluch der Verneinung von ihr genommen, der Weg in eine'neue, ihr aber fremde Zukunft gebahnt. Ein anderer Teil beharrtc bei seiner Verneinung, ja fand den Mut zu einer verstärkten, gesteigerten Verneinung auch in der Tat, fand die Kraft zur Ueberwindung des Galut; er löste die gefesselten inneren Kräfte zur schöpferischen Auswirkung. Das war der vorwärtsstiirmende Zionismus. Er verkörperte in sich die radikalste, die restlose Verneinung des Galut in Gesinnung und Tat- Er war die Lösung des Galutpröblems, die in eine wahrhaft neue große Epoche der jüdischen Geschichte hinübersührt- Damit schien die Frage der Einstellung zum Galut nach beiden Seiten hin — durch radikale Bejahung und radikale Verneinung — beantwortet. Dem war aber, erwies sich bald, nicht so. Denn die zionistische Lösung war keine Lösung für die jüd. G e s am t h e i t; der Galut war in seiner Totalität nicht mit einem Mal und offenbar für lange Zeiten hinaus überhaupt nicht aufhebbar und verwandelbar. Die Galutverneinung durch die Tat, durch Uebergang nach Palästina, konnte imr ein Teil, nicht einmal die Mehrheit verwirklichen. Oder doch? Das Galut im Galut überwinden, das Galut des Charakters der ewigen, feindseligen Fremde entkleiden?. Die Antworten hierauf, auf diese für die jüdische Zukunft entscheidende Frage, sind verschieden. Vielleicht ist das Galut nur durch Zion überwindbar, vielleicht birgt nilr Zion die Möglichkeit des wahrhaften Aufbaus in sich: vielleicht aber ist, das Galut gleichsam zu entgalutisieren; durch die jüdische Tat dortselbst zu überwinden. Damit ist die Frage der jüdischen nationalen Einstellung zur Umwelt m der Diaspora wieder wach geworden in all ihrer Schärfe und Bedeutungsschwere; damit erhebt sich die' Frage in kategorischer Form vor jedem Juden, klare zukunftsentscheidende Antwort verlangend: Eine Galutverneinung müßte iic jedem Falle die Antwort sein, nur sie ist national, nur sie kann in jüdischem Sinne schöpferisch sein. Ein Borbild jüdisch-sozialer Arbeit. Eine Eigenschaft ist den Juden bisher auch vom erbittertsten Antisemiten nicht abgestritten worden: die Hilssbereitschafi. Dank dieser sprichwörtlich gewordenen jüdischen Hilfsbereitschaft gibt es selbst in Gegenden, in denen die unter ,dem Druck unnatürlicher politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse proletarisierten, pauperisierten Mas--- sen der Judenheit leben, noch Systeme und individuelle! Erscheinungen gegenseitiger Hilfe, die bewundernsw.üroigsind. In Ländern, in denen die Juden nicht in dichten Siedlungen wohnen, und in denen sie Freizügigkeit in Handel und Wandel genießen, ist es dank die>er jüdischen Hilfsbereitschaft bis vor kurzem erreicht worden, daß es eine nennenswerte Anzahl. hilfloser jüdischer Existenzen überhaupt nicht gab. Der arme, der kranke, der schwache Jude, das jüdische Kind, — ihnen allen kam die Hilfe glücklicherer Stammesgenossen ihrer Gemeinde entgegen und bewahrte sie vor dem Untergang. Diese jüdisch-soziale Hilje beging allerdings fast überall-— vielleicht mit Ausnahme gewisser Einrichtungen in Amerika — einen großen Fehler: sie jah als hilfsbedürftig nur diejenigen an, die bereits in Not geraten waren, und unterließ es, das Hiljswerk durch Erziehung -zu einemvorbeugenden zu gestalten, das den Erzogenem moralisch, geistig und körperlich zum Kampfe mit dem Dasein tüchtig macht. Auch in Deutschland haben von jeher Juden in sehr erheblichem Maße sür jüdische Hilsszwecke gespendet, aber auch hier ivurden infolge der kurzsichtigen Ausfajfung sozialer Hilse von jeher beträchtliche-Mittel vertan und verzettelt. Nur wenige Institute fußen auf einer moderneren und vertiefteren Auffassung sozialer Gemeinschastspflicht. Zn diesen vom richtigen Geist getragenen Instituten gehört mit in erster Linie Das Heim für schwer erziehbare Mädchen das der Jüdische Frauenbund in Isenburg'bei Frankfurt a. M. unterhält. Die Gründung dieses Heimes entsprang der Erkenntnis, daß die Auflösung des früher so engen ZusammenhaltenS, der jüdischen Familie, die Hineinziehung junger Jüdinnen in das Erwerbsleben und in die Vergnügungen der Großstädte eine Fülle schwerer Gefahren sür diese jungen Milchen mit sich gebracht hat. Was friiher fast unbekannt gewesen war, das Stranden jüdischer Mädchen in sittlicher Hinsicht, wurde unter den veränderten Zeitbedingungen zn einer nicht ungewöhnlichen Erscheinung. Diese sexuell oder auf irgend einem anderen Gebiete Gescheiterten (das Wort „Gefallene" sollte endlich ans dem Sprachschatz gebildeter Menschen verschwinden) - aufzunehmen, wurde die erste Ausgabe des Jsenburger Heimes. Bei der weiteren Entwickelung des Instituts ergab es sich, daß dieser Gruppe auch Mädchen zugewiesen wurden, die wegen irgendwelcher Delikte vor.Gericht» gestanden hatten. Allen diesen Mädchen bemühte man sich, über die erste Zeit nach ihrer Verfehlung hinwegzuhelfen und sie zu rechtschasfener Arbeit zu erziehen, als der Grundlage für den eigenen Lebensunterhalt und — wo es sich um uneheliche Mütter handelte — denjenigen des Kindes. Die jungen Mütter, die im Heim üntergebracht sind, werden tunlichst schon mehrere Monate vor der Niederkunft ausgenommen und schon während dieser Zeit an Haushalts< und Kinderpflege gewöhnt. Nach der Entbindung bleiben sie im Heim, bis sie technisch und moralisch, gelernt haben, ihre Pflichten gegen, das Kind zn erfüllen. A^r getreu dem Grundsätze des Jüdische» Frauenbundes, daß Hilfe nicht erst da einsetzen dürfe, wo bereits Not und Verschuldung vorhanden ist, sondern scholl dort hingetragen werden müsse, wo' die Gefahr einer, solchen besteht, erstreckte das Heim seine Tätigkeit auch auf solche erwachsene und schulpflichtige Mädchen, die noch nicht auf ihrem Lebenswege gestrauchelt waren. Schon in solchen — durch» Familien oder Fürsorgestellen ihm zugewieseneu Fällen —, wo trübe und unklare häusliche Verhältnisse oder eine schwierige Charakterveranlagung nur befürchten lassen, daß eine junge Existenz sich dem Kampfe mit dem Leben nicht gewcrck"';« zeigen werde, entfaltet das Jsenburger Heim seine erfrische Tätigkeit.