Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 33 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurterLsraelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Ealy Geis : Erscheint wöchentlich am Freitag. Äezugsprels pro Viertel- | £ fahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, £ : auswärts bei der Post abonniert Mk.3 .50, frei inS Haus 15 psg. j \ mehr./Ve!Zusendung durch Streifband fürOeutschland Mk.20.00, : £ für alle übrigen Länder Mk.Z0.00/Lhrltch, im Voraus zahlbar. £ ..............mm.... jiiiiimiiiiiiiiiiimiiiiiiminmiiiiiiiiiiiiHiiHiiiiiinniHiiminnij : Jnsertionspreis für die sechsgestralteneNcmp.Zeileioapfg., für : £ die Rekiamezeile Mk.3.—. Vei Wiederholungen entsprechender £ £ Rabatt. / Platz« und Datum-Dorschrist ohne Verbindlichkeit. / £ : Annomen-Annahme bei der Ltzped.und in a.Annoncen>Äureaus.; £ Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.4S64. £ 18. Jahrgang. Freitag, de» 27. Lllul 5680 (10. September 1920) Rr 33. An der Wende. . An der Wende eines Jahres wie des jetzt beendeten, das vielleicht als eines der schwerwiegendsten und bedeutungsvollsten in den Geschichtsblä.ttern Israels verzeichnet werden wird, wäre es ein Verbrechen, ernsteste Worte durch konventionelle Liebenswürdigkeiten zu schwächen. An der Wende dieses schicksalsschweren Jahres muß einmal mit aller Deutlichkeit und Rücksichtslosigkeit gesagt werden, wie die Dinge bei uns Juden stehen. Nicht, daß wir alles sagen könnten, was zu sagen wäre. Wir müßten dann nicht einen Artikel, sondern einen dicken Band Zeitgeschichte schreiben. Unsere Worte können in dem zur Verfügung stehenden Rahmen nur die sichtbarste Wunde zeigen, nicht mehr. Drei Tage im Jahre dem Judentum geweiht — und dreihundertzweiundsechzig Tage Gleichgültigkeit dem Juden-' lgm gegenüber' drei Tage im Jahre wie eine Ahnung vom Geiste des Judentums empfindend — und die übrigen Tage im Jahre in jedem Atome bewußten Denkens untertauchend in die Kulturen der Umwelt; — das ist heute das Bild der überwiegenden Mehrheit der Judenheit des Westens. Welch unfaßbare Gedankenlosigkeit! Da pilgern alle, die sich sonst nie zeigen, an drei Tagen des Jahres zu den Stätten der 'Verkündigung des Judentums, des jüdischen Geistes, des Denkens ihrer Ahnen und der jüdischen ZulunftShofsnungen, —' und in der ganzen übrigen Zeit des Jahres ist ihnen die Ideenwelt des Judentums nichts. Deshalb auch werden in den Mußestunden nicht mehr die Schriften der Ahnen vorgenommen, bleibt man in dir lebendigen Verbindung mit ihnen und ihren Idealen nicht jung bis ins Greisenalter, sondern sucht meist beim Kartenspiele der Langeweile zur Zeit, wenn nicht die Derusspflichten binden, Herr zu werden. Und dabei bctrifft's das Höchste: die Religion und die Verbindung mit der Kette der Ahnen, wie ein jeder es auch als das Schönste seines Lebeiw betrachtet, daß er in seinen Nachkommen weiterlebt und diese die Kette zu. ihm nicht zerreißen. Nichts anderes ist auch das „Ehre Vater und Mutter, damit du lange lebest" der Zehn Gebote!'' •, Und wenn nur ein einziges Mal der Schofarton der drei Tage lebendigen Widerhall fände, wenn nur einmal ihr dreifacher Ruf „Teschuwoh, Tefilloh und Zedokoh" den Seelen zum wahren Bewußtsein käme, zum Bewußtsein käme als das, was diese Worte decken: Edelwerte, Gcundsäulen des Judentums, — dann würde das Verlangen, noch mehr von diesem Judentum kennen zu lernen, und der Wille, im Geiste dieses Judentums sein. Leben zu gestalten, geweckt werden. Gerade in der Wirrnis unserer Zeit, da die Gewalt triumphiert, öffnen die drei Worte „Teschuwoh, Tefilloh und Zedokoh" den Blick in eine lichte, friedliche Oase. „Teschuwoh" sich stets vor dem Richtstuhl des eigenen Gewissens verantworten, „Tefilloh" Gottesfurcht und „Zedokoh" tätige Güte gegen die Mitwelt als Ausfluß des Rechtsempfindens, — dieser dreifacher Talisman des Judentums gibt auch in den zerstörenden, entwurzelnden Stürmen der Gegenwart Ruhe und Festigkeit und lehrt in einer, diese Werte zertrümmernden Welt die« Lebensrettung in die Welt, die, am Sinai verkündet, die Ahnen mit klarer Seele durch alle Finsternisse der Zeiten geführt hatte. . . ■ j i '! Doch die überwiegende Mehrheit der Westjuden läßt sich von',Men - geistigen Stürmen,! die. außerhalb des Judentums-toben, emporheben mit» durcheinauderrütteln,. — überall sucht sie nach einer rettenden Hütte, — nur im Judentum sucht sie diesen Schuh nicht, sucht ihn nicht trotz des ausriittelnden Schosarrnsts jener drei Tage, die ihr im ganzen Jahre vom Judentum und für das Judentum übrig geblieben sind, — und verscherzt so das wahre LebenSglück, ein durchdachtes, für sich und die Umwelt segensreiches Dasein zu führen. * Ein Gefühl der Scham und der Pietät vor den vergangenen Geschlechtern und der Scheu vor der Religion als der Verbindung mit dem Jenseits hemmt den Fntz au den drei Tagen. Dach der Fuß steht an einer Wende des Weges, wo der Blick rückwärts- und vorwärtsschaut — und zu diesem Rückwärts« und Borwärtsschauen Und der inneren Verarbeitung des Geschauten bringen es die meisten nicht, gehen achtlos an der Wende des Weges vorüber und lassen mit jedem neuen Jahre immer mehr, waS noch jüdisches Gut in ihnen ist, von den umslutenden nichtjüdischen Kulturen nivellieren. Seien wir ehrlich: leeres Lippenwort, eine Lüge sind Rausch-haschonoh und Jaumkippur für die meisten Unwürdig ist dies eines Denkenden, eines ehrlich denkenden Menschen. . . Doch wer Rausch-haschonoh und Jaumkippur auf sich wirken läßt, der nimmt jüdischen Willen, jüdisches Interesse mit hinein in das ganze Jahr, der lernt im Jahre um die Erhaltung und die Vertiefung seiner jüdischen Seele ringen — rund.-findet den Weg, der zum Judentum führt! . Agnda und Miörachi. In Bratislava (Preßburg) fand eine Konferenz der Vertreter der Landesorganisationen der Agudas Jisroel statt, bei der I a c o b Rosenheim - Frankfurt über das Verhältnis. zum Misrachi referierte. Dem Referate schloß sich eine Debatte an. über die der „Uraelit" wie folgt schreibt: „Die Debatte, die sich über den ganzen Vormittag hinog und stellenweise zu recht lebhaften Auseinandersetzungen ührte, zeigte absolute Einheitlichkeit hinsichtlich der prinzipiellen Stellung zum Misrachi. Verschieden waren die Auffassungen nur darüber, ob der prinzipielle Gegensatz mit voller Schärfe betont, oder mit Rücksicht aus künftige Entwicklungen ein möglichst freundschaftliches Verhältnis angebahnt werden solle. Die Vertreter aus Polen, der Tschechoslovakei und Deutschland vertraten den scharfen Standpunkt,insbesondere erblickt man in den beiden ersten Ländern, welche die große Mehrheit der Aguda-Mitgliesder umfassen, im Misrachi den gefährlichsten und unversöhnlichsten Gegner, den Zerstörer aller religiösen Autorität in den Gemeinden und will darum von irgend einem Paktieren überhaupt nichts wissen ..." Diese Ausführungen zeigen, wie richtig wir in unserem jüngsten Artikel ,^8ruderkamps innerhalb der Orthodoxie" die Situation beurteilten. Wir brauchen uns daher nicht zu wiederholen. Hinzugvfügr sei nur, daß, wie der „Israelit" mit seinen Worten beweist, die Bekämpfung dä Misrachi bereits die gehässigsten Formen angenommen hat. Denn den Misrachi als den gefährlichsten und iui» versöhnlichsten Gegner hinzustellen und ihn gar als den „Zerstörer aller religiösen Autorität in den Gemeinden" zu. verleumden, offenbart eine Kampfesweise, die wenigstens mit Worten töten will, da sie es mit Kugeln nicht kann. * Herr Direktor Willi David-Berlin, Mitglied des deutschen Zentralbüro der zionistischen Foederation Misrachi, schreibt uns: „Gestatten Sie mir zu Ihrem Artikel in Rr. 31 „Bruderkampf innerhalb der Orthodoxie" das Wort zu zwei Feststellungen: 1. Nach Ihren Angaben hat der Führer der Agnda, Herr Jacob Rosenheim, es ausgesprochen, daß er nunmehr zu der Ueberzeugung gekommen sei, der Misrachi müßte mtt aller Energie bekämpft werden; denn seine Idee sei nach' Urteil rabbinischer Größen als dem Wesen der Thora widersprechend anzusehen. •. Ich stelle demgegenüber fest: Herr Hermann Struck, Herr Dr. Barth und ich haben im letzten Jahre Herrn Professor Dr. Hossmann besucht, um uns mit ihm über den Misrachi auszusprechen. Wir erwähnten u. a., daß Herr Rabbiner Dr. Munk in einer öffentlichen Aguda-Bersammlung erklärt habe, daß nach seiner Ansicht die Zugehörigkeit zum Misrachi eine schwere Aweroh sei und baten Herrn Professor Hossmann um seine Stellungnahme hierzu. Herr Professor Hosfmann erwiderte uns, daß, wenn jemand an ihn mit der Frage herantreten würde, ob es gestattet sei, sich dem Misrachi anzuschließen, er ihm erwidern würde, daß dies nicht nur gestattet sei, sondern, daß der Anschluß an den Misrachi eine Mizwah sei, wenn der Fragende tätig Mitarbeiten wollte. Herr Professor Hosfmann gilt gemeinhin als die größte rabbinische Autorität in Deutschland. Wir haben bislier von seiner lileußerung auf Wunsch des Herrn Hermann Struck keinen Gebrauch gemacht, weil dieselbe uns gegenüber privatim geschehen ist. M. E. muß eine derartige Rücksichtnahme aber jetzt fallen. 2. Sie haben bereits in Ihrem Artikel ' die Unstimmigkeit glossiert, die zwischen Theorie und Praxis der Aguda in Bezug auf das Frauenwahlrecht besteht. Da» einzig Sichere in dieser Frage ist, daß eine allgemeine Unklarheit herrscht. Herr Professor Hosfmann hat sich für daS aknve und gegen das passive Fraueuwahlrecht ausgesprochen. Andere rabbinische Größen haben auch das aktive Frauenwahlrecht verweigern zu müssen geglaubt. Ich stelle heute nur fest, daß Herr Oberrabbiner Landau aus Zawierce erklärt hat, daß auch gegen das passive Frauenwahlrecht nichts einzuwenden sei. Die Herren von der Aguda dürften etwas bescheidener sein. Wenn sie von dem Geist der Thora sprechen,' dann meinen sie den Geist, wie ihn die deutsche Orthodoxie »ersteht. Daß diese Auffassung von dem Geiste der Thora gottseidank nicht überall geteilt wird, erweist klassisch die Antwort, die ein bekannter Berliner Arzt und Rabbiner in einer Besprechung zwischen Vertretern der Aguda und des Misrachi Herrn Oberrabbiner Schapiro mrs Kowno gegeben hat. Als dieser dort über die von jenem vorgebrachten Meinungen in maßloses Erstaunen geriet, da war die einzige Antwort: „Ein littauischer Gaon versteht eben nicht die Psyche eines deutschen Orthodoxen." Traurig genug, daß es so weit gekommen ist." Ob der „Israelit" nun auch gegen Professor Dr. Hoffmann, den Direktor des orthodoxen Rabbinerseminars, sein Geschütz richten wird? Rach Erez Israel. In den Monaten Juli und August haben Triest 1800 jüdische Auswanderer passiert, meist Zhaluzinr, junge Palästinapioniere mrs Polen, die häufig mit den größten Entsagungen und Entbehrungen bis nach Wien gelangten, wo dann die Jüd. Pal. Reise- und Transport- Gesellschaft sie übernahm. Die Regulierung der Wanderung wird gegenwärtig organisiert. Samuel Landmann, der Generalsekretär der Zion. Organisation in London, ist unterwegs, um in Prag, Wien, Triest und.Konstantinopel, den Hauptdurchgangspunkten, alle» Erforderliche zu veranlassen. Lankmann äußerte sich zu einem Vertreter der „Jüd. Preßzentrale, Zürich", u. a. wie folgt: ,Z-ic schon heute feststcht, wird bezüglich der Einreiseerlaubnis nicht der geringste Unterschied zwischen den Juden der verschiedenen Staaten gemacht. Angehörigen der ftüher feindlichen Länder wird die Einwandrung ebenso offen stehen, wie den Inden der Enterfte- Staaten und neutralen Länder. Die zweite wichtige Bestimmung ist, daß Jude», die aus gewissen Gründen nicht im Besitze ron Pässen sind, trotzdem das englische Visum erhalten, wenn sie zu dauerndem Aufenthalte nach Palästina einwandern wollen. Die englischen Vertreter werden jedoch die Einreiseerlaubnis nur denjenigen Juden erteilen, die von bestimmten Organisationen, rrsp. Personen bezeichnet werden. Der zweite Teil meiner Aufgabe besteht darin, diese sogen. Emigrationsämter zu organisieren, die die nötigen Erkundigung«» emzieheu und befugt sind, die Empfehlungen an die englischen Vertretungen auszustellen. Ich Lin überzeugt, daß die Festsetzung der verschiedenen Bestimmungen, Einrichtung der Emigrationsämter, wie auch die Regelung der Enft-