Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 32 (3.9.1920)
- Date
- 1920-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurlerLfraelitifches Famikenblatt yiiiiiiiinmiiniHiiw»»niminw»nmriiiiiiimuii»iiiiwiiimii»imi; I Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel» : jahr-. In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, : auswärts bei der Post abonniert Mk.3S0, stei ins Haus -15 pfe. | mehr./Aei Zusendung durch Streifband fiir Deuffchland Mk.20.00, : für aNe übrigen Länder ML30.0vjLhrlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis;miniuminiiiiinmiinmiinmm«KmnimiTmnnwinnnnu«inq Insertionspreis für die sechsgespaltenL»onp.Zrile1MPfg., Abc die Reklamezeile Mk.L.—. Lei Wiederholungen entsprechender Rabatt. / Platz» und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. / Annonren-Annahme bei der (tzped.und in a. Annoneen-Äureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.4SS4. «».».»»» »».., ....... »....H...... ............ ............. 18. Jahrgang. Freitag, de« 20. Ellul S680 (3. September 1920) Rr. 32. Poleuschau. Der Kampf im Osten scheint noch nicht bis zur letzten Entscheidung gediehen zu sein. E i n Ergebnis dieses russisch-polnischen Krieges aber liegt schon vor. Es ist die Tatsache des Fchlschlagens der polnischen Angrisss- und Eroberungspläne für absehbare Zeit, die Tatsache einer schweren Niederlage des verblendeten polnischen Imperialismus. Sicherlich war eine solche Gestaltung der Dinge im Osten leicht vorauszusehen. Denn wer nicht in dem gefährlichen politisch-militärischen Größenwahn befangen war, der aller politischen Vernunft in Polen ein Ende zu setzen suchte, und deren gab es jenseits der polnischen Grenzpsähle nicht wenige, wer, die chauvinistische Kriegsromantik und die unsinnige Großmachtspolitik des neuerstandenen Polen ablehnend, die Entwicklung der Dinge genauer versolgte, kam leicht zu dem Schluß, daß die Ueberspannung der Ziele und der Kräfte im lange noch nicht genug gefestigte» polnischen Lande zu einem unausbleiblichen schweren Unheil führen müsse. Hiervon, von diesem Umschlag und Umschwung in der gesamten politischen Lage erhoffte man allein eine Rückkehr der politischen Vernunft in den verworrenen polnischen Köpfen, aus denen sie bis dahin ganz verbannt schien. Eine zeitlang, in den Tagen der höchsten Not, schien sich .in der Tat eine solche erfreuliche Entwicklung anzubahncn. Heute aber, nach der Abwendung einer völligen Katastrophe von dem Lande, scheint die alte Macht- und Kriegspolitik in alter Stärke wieder aufzuleben, falls sie jemals wirklich eine kurze Zeit vergessen war. Sie scheint heute wieder zu triumphieren über die ruhige politische Einsicht in die Dinge — nach außen und nach innen. Mit den Mißerfolgen auf den Schlachtfeldern schien endlich mich in der Stellung zu der mit wichtigsten innerpolitischen Frage von außenpolitischer Bedeutung, zur jüdischenFrage, eine gewisse Veränderung znm Guten zu ersolgen, die allgemeinpolitische Friedensneignng und ' Verständigungsbereitschaft übertrug sich auch auf die Haltung in der Judenfrage. Es begannen die Ausgleichsverhandlungen zwischen Polen und Juden. Die Regierung bewies durch , ihr ganzes Verhalten bei den Verhandlungen ein unverkennbar ernstes Interesse an einem günstigen Verlauf der Konferenz und zeigte den Willen zu einer Fühlungnahme zwischen ihr und den Vertretern der jüdischen Bevölkerung zwecks Herbeiführung 'eines Ausgleichs zwischen Polen und Juden. In den Verhandlungen selbst war auch ein Streben der Polen zur Sachlichkeit in der Behandlung der so verwickelt schwierigen Frage und der Wunsch, zu einein Ergebnis zu-kommen, nicht zu verkennen. In dem Moment jedoch, in dem die eigentlichen Beratungen über die jüdische Frage und über die Mittel zu ihrer Lösung beginnen sollten, wurden die Verhandlungen abgebrochen und auf unbestimmte Zeit vertagt; wie eS von polnischer Seite hieß, „im Hinblick auf die Rot des Landes". Man ist nun — nach früheren Erfahrungen — geneigt zu fürchten, daß diese Absichten und Pläne allzu rasch vergessen und aufgegeben würden. " Daß schließlich diese Verständigungsbestrebungen doch einmal — wohl erst nach Friedensschluß — wieder ausgenommen und fortgesetzt werden, ist gewiß; denn sie können aus dem heutigen polnisch - jüdischen Dilemma heraussühren und einer einigermaßen befriedigen» den Lösung der Judenfrage in Polen den Buden bereiten. Währenddessen wächst die jüdis che Not aus politischem, wirtschaftlichem, sozialem Gebiete, wachsen die Gefahren des exzessiven Antisemitismus für die jüdische. Bevölkerung zugleich mit dem weiteren Fortgang des Krieges gegen Rußland. Wie schon so häusig, geht heute wieder eine Flutwelle des Judenhasses durch das Land. Die alten Peinigungen und Mißhandlungen von Juden geschehen auch häufiger und werden immer brutaler und zynischer. Es ist für den Außenstehenden schlechthin unvorstellbar, mit welcher Grausamkeit und Niedertracht hier Tag für Tag Schandtaten an Jüden verübt werden. Trotz aller Regierungserklärungen und'-zusagen geht dieser Kleinkrieg gegen die Juden in ziemlich unverhüllter Formfort. Die Hetze der polnischen Presse — die Nationawcmokratie, die Partei Dmowskis, marschiert hieran der. Spitze — tut ihre verhängnisvolle Wirkung und peitscht geradezu die judenfeindlichen Leidenschaften auf. - * Es zieht hier ein gefahrdrohendes Unwetter über die Zudy» herauf, das sich bei einer ungünstigen Wendung in der Kriegslage mit Wucht und zerstörender Wirkung über | ihnen entladen kann, wenn nicht mit allen Mitteln dem brutalen Antisemitismus — in der Presse, im Heer, im Wirtschaftsleben — entgegengearbeitet wiro. Dies war auch die e r st e Forderung, die die jüd. Vertreter bei Beginn der Ausgleichsverhandlungen gestellt haben, die unumgängliche Voraussetzung für jedes weitere Verhandeln. Sir konnten sich hierbei, auf die unleugbare Tatsache berufen, daß die jüoische Bevölterung ihren Pflichten gegen den Staat mit Eifer und in voller Loyalität nachkommt, daß ihr aber durch die unaufhörliche Hetze und den Kamps gegen die gesamte Judenheit Polens diese Erfüllung der Pflichten gegen das Land erschwert und teilweise unmöglich gemacht wird. Die Regierung sagte dann einen tatkräftigen Schutz der jüdischen Bevölkerung gegen die Ausschreitungen des Antisemitismus zu. Wie schwach aber ihr Wille ist und vor allem ihre Macht, dem Antisemitismus wirksam zu begegnen, lassen die letzten Nachrichten über Greueltaten der' polnischen Truppen gegen die jüdische Bevölkerung erschreckend klar erkennen. Nähere Berichte flehen noch aus. sollten sie sich bestätigen, dann müßte ein einziger Empörungsschrei durch die jüdische Welt gehen und «in drohender Protest gegen das polnische Barbarentum erhoben werben. Das jüdische Volk in der gesamten Welt wird seine Söhne im Osten mit - aller Macht zu beschützen und -zu retten wissen. Die Polen aber mögen wissen, daß sie mit Pogromen und Judenverfolgungen das morsche Gebäude ihres Staates nur vollends unterhöhlen und zerstören. Die Karlsbader Taguuff. Die Karlsruher Jüd. Welthilfskonferenz hatte zum ersten Male Vertreter aller jüd. Parteien und Organisationen der Gesamtjudenheit zu einer Tagung vereinigt. Nur die längst zu einem Institute französischer Interessen gewordene Alliance Jsraelite Universelle und die ihr angeschlossene Jca fehlten und das amerikanische Joint Distribution Committee war nicht offiziell vertreten, weil es merkwürdigerweise die Zeit für eine solche Hilfskonserertz noch nicht für gekommen erachtete. Dieses gemeinsame Raten und Taten von führenden jüdischen Persönlichkeiten aus allen Lagern der Gesamtjudenheit und dazu nach fünf Jahren, tausende bestehende Fäden zerschneidenem Weltkrieg ist an für sich schon ein Ereignis von ungenreiner Bedeutsamkeit. Dazu gesellt sich Zeitpunkt und Ziel der Tagung. Die Zeit ist eine solche, wie sie die Judenheit nur wenig in ihrer schicksalsreichen dreieinhalbtausendjährigcn Geschichte erlebte. Die Ostjudenheit, das Rückgrat, die Kraft, der Halt des jüdischen Volkskörpers blutet aus tausend Wunden. *Jynner wieder und wieder sind seit sechs Jahren die Wogen der Verheerung und Verwüstung über sie hingefahren. Nicht nur der die Jünglinge und Männer mordende .Krieg wie bei den anderen Völkern, sondern außerdem noch seitens ihrer eigenen Landsleute unzählige Greise, Frauen und Kinder mordende Judenpogrome. Mehr als zweihundertiausend jüdische Menschenleben dürften nur auf diese Weise im Osten vernichtet worden sein. Politisch und gesellschaftlich in großen Bezirken des Ostens, in den von den Polen beherrschten, degradiert wie nicht in der schlimmsten Zeit der Zarenknute, wirtschaftlich boykottiert und in ihrer großen Masse weit schwerer getroffen als die nichtjüdische Bevölkerung, von denen ein erheblicher Prozentsatz schon als Beamte und als Bauern wirtschaftlich geschützt ist. All dies zusammen mit seinen entsetzlichen physischen und psychischen Wirkungen bezeichnet eine Katastrophe von solcher Gigantenhaftigkeit, daß sie selbst in dieser furchtbaren' Gegenwart der Gesamtmenschheit auf sich aufmerksam macht. Und. nach dem Ausmaß dieser Katastrophe ist die Gewaltigkeit der Aufgabe, die für die Judenheit des Westens zu einer wirksamen, durchdachten Hilfeleistung erwachsen ist. Die Karlsbader Jüdische Hilfskonferenz hat durch die : besten Vertreter der Ostjuden Umfang und Tiefe der Katastrophe ^WsMdigt, hat über die Möglichkeiten der. Hilfe beraten und hat eine ständige Körperschaft eingesetzt, die das Hilfswerk bearbeitet und deren Aufgabe es' ist, in der .Judenheit Amerikas und Westeuropas das wahre Mitgesühl und Verständnis zu erziehen, das erforderlich ist, damft sie ihre Pflicht tue und sich nicht mit der schweren Schuld belade, bei der Gefährdung des Lebens seines Nächsten untätig zu stehen, statt mit bester Kraft einzugrcifen. Generalversammlung des israelitischen Lehrervereius für Bayer«. Ueder die Eröffnungssitzung ist bereits in der vorigen NuMmer berichtet worden. ES folgen nun die Referate. Oppenheimer -Laudenbach spricht über den,.Berband der isr. Gemeinden und seine Berfa s s u n g." Einleitend schildert er die Geschichte und den Untergang des bayer. Judenediktes, den Kampf in der Revi» siousfrage und den endgültigen Abschluß in der Gründung des Verbandes am 20721. April 1920 in Nüricherg. In begeisternden Worten gedenkt er vor allem des L-chöpsers der Gemeindeverfassung des O-L.-R. Dr. Neumcner-München, denk dre Versammlung ein Danktelegramm sendet. In der Erörterung über die Berfasiung behandelt der Referent hauptsächlich die Wahl der Vertreter im Rate, die Organe des Verbandes und besonders 8 18 die Ausschüsse für Kultus, Ritus und Unterricht, die getrennt für Liberale uni» Orthodoxe organisiert werden sollen. Der Orthodoxie sinddie weitgehendsten Sicherungen gegen Vergewaltigung und unbeschränkte, unabhängige Bewegungsfreiheit sür ihre eigenen Angelegenheiten gewährleistet. Sie hat die Möglichkeit, sich in einctzn besonderen „Bunde" zu organiüeren als Zweckverband innerhalb des allgemeinen Verbanses. (Der „Bund" ist bereits am 8. August unter zahlreicher Beteiligung in Würzburg gegründet worden. Der Referent vermochte leider nach dieser ersten Versammlung dem Bunde seine 'Mitarbeit nicht mehr zu gewähren, weil seines Erachtens die Gefahr der Separationsbestrebung einzelner orthodoxer Kreise gegeben ist und damft die Möglichkeit eines Kulturkampfes.) Des weiteren erörtert der Referuat die Steuerftage. In der Diskussion dankt. zunächst Dingfelder Oppenheimer und beglückwünscht ihn dazu, daß er nach 30jährigem Kampfe seit l890 dieses gute Ende erreichen durfte. Als Vertreter' im Rate wählt die Versammlung Dingfelder und Oppenheimer (Mandel bäum und Rosenwald Ersatzleute). Blumenthal-Aub regt an, Delegierte in die Gemeinden zu senden zur Aufklärung über den Verband. Sonn, Ding selber', Fulder und Wähler fordern Einigkeit der Lehrer, Sitz und Stimme für sie ick' der Kultusversammlung. Dr. H anno v e r - Würzburg wünscht von Herzen Einigkeit zwischen Lehrern und Rabbinern, tritt dem Referenten in seiner Auffassung über den Bund entgegen und spricht warm sür den Eintritt in den Bund. Mit allem Nachdruck tun das auch Dr. Bamberger-Nürnberg und Mandelbaum. In seinem Schlußwort erkennt der Referent die dringende Not-- mendigkeit des Bundes an» aber die Ablehnung des § 4 des Bundesstatutes zwingt ihn zum Fernbleiben. In der Nachmittagsversammlung gibt Dingselder zunächst einige geschäftliche Mitteflungen, unter anderem: aktive Rcligionslehrer erhalten vom 60. Lebensjahre an die Pensionszulagen. Nunmehr folgt das Referat „Religionsschule Und Religionslehrer. 1. Normalverträgs und deren Durchführung." Referent: Ehrenreich - Forchheim. In der Hauptsache gibt er den Tätigkeitsbericht der Kommission für diese Frage und stellt den Antrag auf restlose Durchführung der Gewerkschastsorganisation und deren Finanzierung. Im Anschluß daran erfolgt 2. „Einreihung iit die Eehaltsklassen". Referent Rosenwald-Winn- Weiler. Die einzige Hllfe für uns kann nur der «rtaat bringen, ähnlich wie es in Baden schon geschehen ist; mit Hilfe einer grundsätzlichen Festlegung der Pflichten un-. Rechte der Religionslehrer. Ter Referent entwirft ei« Zukunftsbild der Einreihung der Religionslehrer in die verschiedenen Gehaltsklassen. Antrag im Landtag: Die Staatsregierung wird ermächtigt, die Angleichung der Gehälter der Religionslehrer, Kantoren usw. an die Gehälter der Gemeindebeamten vorzunehmen. In der Deckungsfrage Niuß der Verband cinspringen. In der Diskussion über beide Referate werde« die Anträge Ehrenreich besonders in der Finanzfrage der Gewerkschaft als zu weitgehend abgeletznt» sie Anträge der Verwaltung: M. 20 Vereinsbetrag, M. 30 Gewerkschafts kcftz finden Annahme.