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Neue jüdische Presse · 1920-08-20 · Heft 30 (20.8.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 30 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2S0L Herausgeber: Saly Geis : Fnfertionspreis für die sechsgespalieneRonp.Zeile^RPfg., für^: : die Vekkamezeile Mk.3.—. Sei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / 'Platz- und Datum-Vorschrifi ohne Verbindlichkeit. r : | Annomen-Annahme bei derKkped.und in a-Anaoncen-Äureaus.; : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Är.4864. : \ Erscheint wSchenkttch am Freitag. Bezugspreis pro Viertel- : : fahr: Fn Frankjmt am Main bei der Reuen Füdkschen Presse,; : auswLrtS bä der Post abonniert Mk.ZLO, fiel ins Haus 15 pfg. 1 j mchr.XSeiZusendung durchStreifbandfürDeusschkand Mk.20.00, : : str cüle übngeu Länder Mk.30.00jährlich,ün Voraus zahlbar. : .... 18. Jahrgaug. Krettag, de» 6. LUnI 5080 (20. August 1920) «r. 80. Die jüdische Wetthilfslanferenz i» Karlsbad. Die «ms 38 .Ländern besuchte, zu!m ersten Male tagende Mssche Welthilfskonftrenz war dem Zwecke einberusen worben, die jüdischen phrlantropischen Organisationen der Welt zur Feststclüurg der wirtschaftichen Situation der Juden, besonders der osteuropäischen Länder, in denen dem größte« Teil der jüdischen. Bevölkerung die Existenzmögüchkeit zerstört worden ist, zu vereinigen und ein gemeinsames Hilfswert ju' organisieren, eine Aufgabe von gewaltigen» Ausmaß. Dr. Leo Motzkin, der verdienstvolle Generalsekretär des Komitees der Jüdischen Delegationen in Paris, hteü die Aröffcmngsrede, in der er der Abwesenheit des außerordentlich wichtigen amerikanischen Joint Distribution Committee, bas sich mit einer Stimme Majorität gegen die! Beschickung der Konferenz mit Rücksicht <nif den „Antisemitismus" ausgesprochen hatte, besondere Worte widmete. Räch Vorlesung eines Bägrüßungstelegramms des tschecho-slonückischen Präsidenten Masaryk und Worten Dr. Ludwigs Singers, des Präsidenten des jüdischen Rationalrats für Sie Tfchecho-Slowakei, erklärte Professor Dr. Simonsen-Kopenhagen, es sei keineswegs zu befürchten, daß durch eine derartige interterritorial? Versammlung der Antisemitismus erweckt werden würde, da er schon erwacht, s«. Er vermisse mit Schmerz jene flcofjen Organisationen, die die Zeit für eine derartige Versammlung noch nicht reif gehalten haben und dank deyr Komitee der Jüdischen Delegationen in Paris für die Einberufung -er Konferenz. '• Sliosberg-Pätrograd sprach -tat Namen aller Brüder, die gelitten haben und verbluteten,' aber auch im Namen derjenigen, die noch zw leiden hüben unbj die leider noch als Opfer fallen werben. Die Leichtgläubigen, die da denken. Laß dieJudcnheit mit geheimen politischen Mitteln die Welt beherrschen will, mögen hier hör^n, was für ein ungeheures Verbrechen an der Menschheit velübt worden ist. Das jüdische Blut schreit nicht um Rache, «her um Gerechtigkeit. Alexander Kahan, Vorsitzender des „People Relief Committee", sprach die Hoffnung aus auf baldige Beteiligung von. Delegierten sämtlicher amerikanischer Juden. Die Amerikaner seien gekommen, um die Wünsche der europäischen Judenheit zu vernehmen. Sie wollen ihren Brüdern helfen, ohne/ dabei jedoch an Almosen zu denken. Die «mcerikäniscyei^ Juden werden dafür. Sorge tragen,, daß das jüdische Volk nicht untergeht. llssischkin»Jerusalem betonte, baß die Brüder in Erez Mräel und die in der Diaspora eine Seel« und ein Körper sind. RUr in Palästina kennen die Juden seelische Ruhe, und von dort wird Licht und Sonnenschein ausgehen. Allen Reben folgte langer Beifall, der sich nach der Rede. Ussischkins geradezu zu einer Ovation steigerte. . Auf der Nachmittags-Sitzung wurde die Tagesordnung sanktioniert und vom 15gliedrigen vorbereitenden Komitee folgendes Präsidium vorgeschlagen: Prof. Simonsen (Kopenhagen), Dr. Motzkin Maris), Dr. Salkind und Sliosberg (Petrograd), Dr. S»l»weitschik (Kowno), Dr. Birnbaum (Berlin), Epsteinund Rottenberg (Newyork) Und Dr. Singer (Prag). Sliosberg referierte sodann über die Verhältnisse ick Großrußland. Rußland sei stets das klassische Land der hilfebedürftigen Juden gewesen. Da es auf Selbsthilfe anwiesen war, bestanden dort von jeher verschiedene Hilfsorganisationen. Bei Kriegsausbruch wurden Komitees gebildet, um die Not der Kriegsopfer zu lindern, aber ball» zeigte es sich, daß es mehr Opfer des Unfugs im Kriege waren, als eigentliche Kriegsopfer. Er bespricht die Tätigkeit, der .Zekopo", ,F)rV, ,>Ofe" und ,^)pe". Die Gesetze für diese Institutionen seien nicht etwa vomj.Petrograd diktiert worden, sondern das Komitee habe sich allmählich demokratisch ausgebildet, und in den letzten Jahren gab! es ein Zentralkomitee, worin alle Parteien vertreten waren. Die Freude über die Erreichung der Gleichberechtigung nach der Revolution währte nicht lange, da die Juden in ihrer wirtschaftlichen Listen; volllommen vernichtet wurde»? Gercche -die städtische Bevölkerung .habe ihre ökonomische Selbständigkeit gänzlich eingebüßt. Die Judenmassakers, von denen die Ukraine heimgesucht wurde, schlugen auch ihre Bellen bis'nach Großrußland, wö viele Städte von de» vagiereckden Banden Überfällen wurden. Wieder gab es Flüchtlinge in Menge. Ueber die Zahl der Hilfebedürftigen in Sowiet-Rutzlcmd kann man kaum! feste Angaben machen, da. der Begriff Sowiet-Rußlcmd kein fester ist nnd sich oas betreffende Gebiet immer mehr nach Westen ausdehnt. Ohne soziale Hilfe Muß das ruffischs Judentum zugrunde gehen, und niir die Hoffnung auf Wiedergeburt erhält es am Leben. Vor allem müssen die Kinder gerettet werden. Wenn die Zahl der in den Städten Sowiet-Rußlands leberchen Juden mit dreieinhalb Millionen angegeben wird, so ist auch damit die Zahl der Hungernden fepgestellt, da cs reise« einzige» gißt, per sicht hsosert: , Viele Elemente haben sich der Landwirtschaft zu-zewendet. Wenn auch der Boden nationalisiert ist, sr> ist doch die freie Arbeit nicht verboten. Es besteht als» die Möglichkeit der Hilft, man muß nur den Juden die nötigen Geräte beschaffen, damit sie sich mit der Landwirtschaft beschäftigen können. Eine weitere große Aufgabe ist es, den Handwerkern die Möglichkeit zur Ausübung ihres Handwerkes zu geben, welche Möglichkeiten sich mehren. Eine weitere Notwendigkeit ist die Aeditbeschasfung, wozu kooperative Kreditorganisationen notwendig sind. lieber die Verhältnisse in der Ukraine referierte Ing. Temkin. Das größte Unglück sei der häufige Wechsel der Macht gewesen, der stets von fürchterlichen Massakern begleitet war. Jüdisches Blut wurde überall in Strömen vergaßen, nicht blos durch Banden, sondern auch durch organisierte Armeen einzelner Heerführer. Bereits die ersten Pogrome Ende 1918 und Anfangs 1919 versetzten die Juden in größte Besorgnis und Angst. Furchtbarer waren die April-Pogrome. Die darauf einsetzenden Wat-Pogrome unter Hemann Gregoriesf waren schon nicht mehr einzelne Pogrome, sondern . Pogromorkase, die den ganzen SoMmer hindurch währten und denen 4M Orte zum Opfer fielen. Bis jetzt wurden 568 Orte von Pogromen heimgesucht und 138,9M Juden ermordet. Die Zahl der Kranken, Verwundeten, Mißhandelten »st gar nicht zu übersehen. Von den 3 Millionen Juden' sind 1,2M,0M völlig ruiniert. Die Zahl der Waisen beträgt 120—150,000, 400 Millionen Dollars dürften für Hilft nötig sein. Minister S o low ei tschik-berichtete über die Verhältnisse in Litauen. Litauen, das vor kurzem' nur «ms dem Gouvernement Kowno und dem nördlichen! Teil Suwalki bestand, stehe auf Grund des Friedensvertrages mit den Bolschewisten in nächster Zeit größerer Gebietszuwachs bevor, wodurch mich die Zahl der Juden bedeutend zunehmen wird. Die Repatriierung der nach Rußland entführten 1M,0M Juden hat bereits begonnen und stellt Litauen vor eine große Aufgabe. Der Jüd. Nationalrat. der politische Führer der litauischen Judenheit, hat aus seiner Mitte ein Organ für Hilfsarbeit gebildet, in dessen Hand die ganze Arbeit zentralisiert ist. Diese Zentralisierung dürste überall von allergrößter Wichtigkeit sein. Dr. Nathan Birnbaum, Delegierter der Agudas Jisroel, erheb Protest, daß das Organisationskomitee weder den verlangten zweiten Delegierten zugestanden noch eine ganze Reihe der von der Agudas Israel bezeichneLrn orthodoxen Hilssorganisationen eingeladen habe. Ten Massen des strenggläubigen Mischen Volkes sei dadurch die Möglichkeit genommen, in einer der Zähl und der religiösen Nnd sittlichen Bedeutung der OÄhodoxie entsprechenden Anzahl «ms dieser Tagung vertreten zu sein. Seine Delegierung seitens der Aguda sei zu dem Zwecke erfolgt, um d-'e Orthodoxie über die Verhandlungen und Entschließungen der Konferenz zu informieren, ferner «ms der Erwägung/ daß die Konferenz in die Lage kommen könnte, bas vor ihrem Zusammentritt geschehene Nnricht gutzu-. machen, indem sie die Grundlage schasst, aus der es der Orthodoxie möglich werden soll, für den Fall einer im Anschluß an die Konferenz einsehenden Hilfstätigkeit, an dieser mit allen Kräften und unter gesicherter Wahrung ihrer Interessen teilzünehmen. Bon dem Willen geleitet, diese Möglichkeit herbeizuführen und unter dem Vorbehalt, der durch diese Protesterklärung gegeben ist, wolle er sein Mandat ausüben und die Wahl ins Präsidium annehme». Auf der 3. Sitzung (Donnerstag Abend) referierte Rabb. Dr. N'iemirower, Präsident der Großloge Bne Brith in Rumänien, über die Lage und die Hilfstätigkeit in Rumänien. Es handle sich um eine Welthilfskonftrenz, und man solle nicht jedes einzelne Land ins Auge fassen, wenn auch die Rot in einem jeden spezifischer Hilft bedarf, sondern die ganze Judenheit im Auge behalten. Ueber dm Verhältnisse in der Bukowina berichtete Dr. Krämer: Es erhebe sich vor allem der Ruf nach einem geordneten Kreditwesen, langfristig und mit westlichen Zinsen, dann werde es möglich sein, die Judenheit ne« zn organisieren. ' Für die Tschecho-Slowakri sprach Prof. Eng ell Große Geldsummen wurden für die 25,000 KrkegSflüchtlinge aufgebracht. WaS die kulturellen Hilfsaktionen betrifft, k» haben hier die Sudetenländer ihren besten Erfolg. Es bestehen Schulen und Kinderheilstätten, die vom Staat» gefördert werden und in denen 12,000 Kinder wirklich jüdisch erzogen werden. Wenn nicht nach dem Umsturz ein Jüd. Nättonalrat gebildet worden wäre, wäre die Lage der jüdischen FlüWttnge furchtbar geweftn. Für die aus Ungarn nach Prag und Preßburg in großer Zähl! slüchienden jüdischen Studenten sei Hilfe auch von auswärts nötig. Auch für die die Tschecho-Slowakei passierenden Emigranten benötigte man dringende Hllft. Ueber die Lage in der Slowakei referierte Dr. Eisler. ' ' I Fritz Kaufmann (Deutschland) hätte es für besser gesunden, wenn die Berichte vorher zusammengestellt und die wichtigsten Probleme daraus gruppiert worben wären, sodaß eine Art' Arbeitzkonferew; hätte stattfinden könne». Er bespricht die jüdische Zlüchaingssrage und deren Regelung in Deutschland und verweist auf die Hilfsleistungen des Arbeitssürsoraeamtes der jüd. Organisationen. AnittaMüller schilderte die .Verhältnisse in Oesterreich. Das allgemeine Elerck in Wien sei ja bekännt, und da könne man sich leicht das besondere der Juden vorstellen.. Dr. Churgin behandelte Weiß-Rußland. Aüs einer Konftrenz der zirka 80 jüd. Gemeinden ging ein Nationalrat hervor, in dem, bis auf die Sozialisten, alle jüd. Parteien vertteten sind. Bis zum bolschewistischen Regime war die Mot keine «rllzugrvße, darauf habe sich jedoch die Lage zum Schlimmen verändert. In letzter Zeit wurden für ■ alle Zwei« der Fürsorge moncrtlich 4 Millionen polnischer Mark ^braucht, wovon 3 Millionen vom ,^oint" kamen. Vor Schluß der Sitzung wurde nach ziemlich erregter Diskussion ein Antrag Dr. Emil MargulieS angenommen, einen Permanenzausschuß zu wählen, da der bisherige lögliedrige Ausschuß nicht vom Plenum der Konftrenz eingesetzt worden ist. * v' ' Dr. Sluzki sprach über die Lage in Bes sar ab ieu» der Wiener Oberrobb. Dr. Chäjes über die Verhältnisse in U n g a r n. Die Juden in Ungarn schweigen und müsse», schweigen. Darum HÄte er es für seine Pfli^. die Anfmerksamkeit daraus zu lenidn, damit von hier aus ein Protest an die WÄt ergehe. Sodann ging Dr. Chajes auf Italien über. I» Trieft wird in großzügiger Weift für die Kinder gesorgt. Am wichtigsten ist jetzt dort die Sorge für die Emigranten. Triest allein kann die Arbeit nicht leisten unbj ersuche um Unterstützung. Oberräbb. Dr. Eh re «preis-Stockholm warnte vor einem Proteste, wie ihn Dr. Ehafts vorschlug, da ein solcher Protest für die ungarischen Juden schwere Folgen haben könne. Dr. Chajes erwiderte, daß es sich für ihn mrr um die Ausllärung der öffentlichen Meinung in den einzelne« Ländern durch die Konferenzteilnehmer gehandelt habe. Motzkin erklärte, daß sicherlich eine jüd. Konftrenz nicht auseinandergehen könne, ohne gegen die Verfolgung der Juden Protest zu erheben, worin niemand einen Eingriff in die Politik erblicken könne. Eine entsprechende Resolutton werde vorgeschlagen werden. * - Auf der 5. Sitzung von Freitag Nachmittag gerichtete» Salzmann über die Lage in Kanada, »iochwak- Marseille über die Lage in Fra nkrei ch/Dr. Reissner über die Türkei, Dr. Cohen über die Verhältnisse in Holland, Prof. Simonsen über Kopenhagen. Robb. Dr. Litimann über die Schweiz. Dr. Klee-Berlin reilte die Konstituierung des Permonenzausschusses mir, der besondere Kommissionen für die Emigrationsftage, Fürsorgetätigkeit im engeren Sinne (Kinder, Jugend, Kranke und Greise, alles was man unter dem Schlagwori ,',schnelle Hilfe" zusammenfasftn kann), Aufbau iBeruisumfchichtung, Arbeitshilft, Rohstoffversorgung.

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