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Neue jüdische Presse · 1920-08-13 · Heft 29 (13.8.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 29 (13.8.1920)
Date
1920-08-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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FrankfurterZsraelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel- : Lahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Iüdlschen Presse,; auswärts bei der Post abonniert Mk.3.S0, stei ins Haus 15 Pf-. | mehr./Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk.2v.0ü, : für alle übn'gen Länder Mk. 50.00 /äh rlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis wmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHuiiiimnuiiiiiHninnimiiiiiiiiilBU Insertionspreis für die sechsgefpalteneAonp.ZeilelütPtz., für die Reklamezeile Mk.S.—. Bei Wiederholungen entfprechmder Rabatt. / Platz- und Datum-Vorfchrifi ohne Verbindllchkeit. / i Annomen-Annahme bei der Ekped.und in a.Annoncen-Bureaus^; Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. j ........i 18. Jahrgang. Freitag, den 29. Aw 5680 (18. August 1920) Rr. 29. -.6 Jüdische Politik. In ihrer Beurteilung der Londoner Zionistischen Jahreskonferenz schreibt die Berliner „Jüd. Presse": „Für die Regelung der kulturelle» Angelegenheit hat man eine glückliche Lösung gefunden. Es wird nur ein „Wand" geschaffen, von dessen neun Mitgliedern drei orthodoxe Zionisten mit der Berechtigung zur autonomen Ausgestaltung des religiösen Schulwerks sein werden.? Dagegen läßt sich der „Israelit" wie jvler vernehmen: „Nun scheinen die Pessimisten wieder einmal recht behalten zu haben, die dem „Misrachi" die Kraft nicht zutrauten, feine Beschlüsse dnrchznsetzen. Herr Wcizmann soll in London laut geschrieen haben, er dulde in Ercz Jisroel keine „zwei Judentümer", also auch keinen doppelten „Waab hachinuch", und vor der Wucht dieser Stimme von »beit ist der misrachistische Mannesmut offenbar zusammengobrochen. Biel dürste allerdings hierzu beigetragen haben, daß innerhalb des „Misrachi" die Richtung Tschernowiß-Rabin, die in religiöser Hinsicht ungefähr auf dem Boden des Breslauer Senrinärs steht, offenbar mehr und mehr Oberipasser erlangt und den Mnflnß der Herren Struck, Pick, Barth, Fränkel, Schönfeld und Berlin — so seltsam es klingen mag — stark zurückgedrängt hat. Denn daß diese Herren selber sich zwischen Amsterdam und London so sehr „entwickelt" haben sollten, daß sie nun plötzlich des geradezu entscheidenden Unterschieds zwischen einem coordinierten thoratreuen Waad und einem subordinierten Aussichtsrat sich nicht Mehr bewußt sein sollten, ist nicht anzunehmen, Die kraftvollen Worte, mir denen R. Meir Berlin in Amsterdam die Zumutung zurückwies. Misrachi solle sich mit einem Drittel der Sitze in einer Erziehungsbehöcke begnügen, haben nicht verhindert, daß inan sich bescheidcntlich mit einem Viertel begnügt und dabei noch allerlei'Konzessionen an die Hoheitsrechte derer macht, die ihre Hoheit an die Stelle des entthronten Thora- Willens erfolgreich zu setzen bemüht sind. Ein Viertel oder ein Drittel! — darauf kommt es wirklich nicht an; wird schon dem erwachenden Kindesgemüt. der ganze Stolz des nur dem Willen seines Gottes gehorchenden, jede gesetzeslose Autorität verwerfenden Thora- Juden geraubt, dann wird die „innere Autonomie" den orthodoxen Schulen verzweifelt wenig nutzen können. „Es geht um die Zukunft unserer Kinder" — hat Herr Berlin m Amsterdam gesagt'. Der Israelit" befindet sich stets in einem Zustande der Sicdhitze, wenn es die Bekämpfung des Zionismus und besten orthodoxen Fraktion, des Misrachi, gilt.' Aus diesem Grunde brauchte man seine Erregung nicht zu tragisch zu nrhinen: — doch scheint es uns zweckmäßig, einmal einige Worte über die Angelegenheit zu sagen. Die Orthodoxen, die sich der Zionistischen Organisation im Misrachi anschlossen, taten cs im Interesse des orthodoxen Judentums. Es sind reife Männer, die genau wissen, was sie wollen, und die sich darüber cunüsieren würden, daß der „Israelit" sie in jeder Nmmneo wie Schulbuben schulmeistert, wenn die Zeit für das Schicksal des Judentums nicht gar zu ernst wäre. Aus diesem Grunde möchten sic von ihren andersdenkenden orthodoxen Gesinnungsgenossen eine andere Methodik in der Stellungnahme zu den jüdischen Problemen wünschen. Denn sich als den weißen und jeden Andersdenkenden als den schwarzen Mann malen, ist doch eine gar zu primitive Handhabung der Behandlung der Dinge. Und wi« leicht sich da Demagogik hinzugesellen kann, zeigen die oben sestgehaltenen Ausführungen der Zeitung. Wer gibt ihr das Recht, Dr. Tschernowitz und Dr. Rabin zu Vertretern der Breslauer Richtung zu machen? Oder, waS ist das für Art zu schreiben: ,Weizmann „soll" laut geschrieen haben" und dann Folgerungen ä«. ziehen? Der Misrachi ist selbstverständlich nicht umgefallen, er hat bas Thorajudentum so unverrückt fest tut Auge, wie nur,jemand von den politisch Andersdenkenden im orthodoxen Lager. Sein freies Verfügungsrecht über die Gelaltung des religiösen Schulwerks ist ihm in London verbürgt wocken, und dazu ist ihm noch die Möglichkeit gegeben, auf bas gesamte Schulwerk der Zionistischen Organisation durch seine Vertreter in der 'obersten Schulbehörde Einfluß auszuüben. Die Orthodoxen des Misrachi wissen, daß ihrer in Srej Israel ein mühevoller kultureller Kampf wartet; sie wissen aber auch, daß sie dorten für eine jüdische Zukunft arbeiten, während all die Arbeit in den Golusländern wie in einem Faß johne Boden' ist. Furchtlos schauen sie den Problemen, mit denen sich auseinanderzuseyen gilt, ins Auge, sie haben für das geistige Ringen einer jeden jüdischen Seele Mitgefühl. Nur inmitten ihres Volkes, in Fühlung mit allen Gliedern ihres Volkes sehen die Orthodoxen des Misrachi die Möglichkeit, eine jüdische Zukunft zu erreichen. Und das ist des Misrachi — jüdische Politik! Die Bedeut««- der Ziöuistische» Jahreskouserenz. Bon einem Teilnehmer. Die Zionistische Jahreskonferenz in London war von einem tiefen Ernst getragen. Icker war sich der großen Verantwortlichkeit der Tagung für die Gestaltung des Schicksals des jüdischen Volkes bewußt. Ans diesem Gefühl heraus zeigte auch die Konferenz einen geradezu bewundernswerten Arbeitseifer. Dreihundert Führer der Zionistischen Organisation berieten während drei Wochen Tag und Nacht in Plenar- und in Kommissicknssihungen. Im Bewußtsein der Stunde wurde offen und ohne Rücksicht Kritik geübt. Der Zionismus ist heute stark genug, Kritik zu vertagen. I» ihrer Zusammensetzung bot die Tagung kein ganz getreues Bild aller Kreise und Schichten der Zionistischen Organisation. So fehlten die Russen. Auch der Misrachi, der mir über 40 Vertretern anwesend war, war aus äußeren technischen Gründen nicht vollzählig vertreten. In der Auffassung des Programms für die Palästinaarbeic zeigten sich zwei Strömungen. Die Amerikaner stellten, wie das ihrem Wesen entspricht und auch nach ihrem noch jüngeren Verbundensein mit dem Zionismus verständlich ist,^ nur die rein wirtschaftliche Betrachtungsweise in den Vordergrund und wollten sie nicht von Erwägungen geistiger Natur erschwert sehen; während die andere Strömung die Kulturjrage» als mit dem Palästiimproblem verbunden ansah. Volle Einigkeit herrschte über die politischen Erfolge. Es war darüber nur eine Stinmie, daß alles erreicht worden ist, was sich erreichen ließ. Wenn vertraglich nrckit mehr ausgesprochen wurde, als geschah, so entspricht das dem Wesen der englischen Politik, die stets mit Realitäten rechnet. In der Ernennung des Juden Sir Herbert Samuel zum Generalgouverneur von Palästina.hat England den Arabern gegenüber deutlich genug gezeigt, wie es sein Mandat über Palästina auffaßt, daß die Balsour-Erklnrung von der nationalen Heimstätte der Juden in Palästina bindende Kraft hat. Nun liegt es nur an den Juden, sich in Palästina durchzusetzen. Die Konferenz gewann auch die Ueberzeugung, daß die Schwierigkeiten in der Araberfrage übertricken worden sind und daß sich mit den Arabern ein Einvernehmen erzielen lassen werde. Die Konferenz hielt auch nicht mit ihrer scharfen Verurteilung der Tätigkeit der bisherigen Militärverwaltung Palästinas, die zu dem Pogrom in Jerusalem führte, zurück. Doch es ist eine Erfahrung, daß Militärbehörden gern Politik eigener Wege machen. Äon den Beschlüssen der Tagung waren die bedeutsamsten: Aufbringung eines Palästina-Aufbaufonds vow 25 Millionen Pfund, von denen sofort 1 Million gezeichnet wurde, Gründung eines Advisory Council (Minister Sir Alfred Mond und andere bedeutende Finanziers Englands gehören dazu), der alle Beschlüsse finanztechnisch prüft und darüber wacht, mit geringsten Mitteln das Größte zu erreichen, und eines Eocnomic Council, dem auch Nichtziönisteil angehören, die, ohne besondere Bedingungen zu stellen, Mitarbeiten wollen. Der Verlauf der Tagung berechtigt zu der Erwartung, daß iu der kommenden Zeit die äußersten Kräfte seitens der Zionistischen Organisation angespannt werden, ihrer Riesenaufgabe gerecht zu werden. Die gesamte Zionistische Organisation ist nach dieser Richtung ein geschlossenes Ganze. Zur jüdische» Frage i» Pale». Der Bericht Stuart Samuel». Erst jetzt liegt der lang erwartete Bericht-Sir Stuart Samuels über die Ergebnisse» seiner Studienreise nach Polen vollständig vor. Der Bericht ist von der britischen Regierung in Form eines .Weißbuches" veröffentlicht worden und stellt eine gründliche und durchaus sachliche Arbeit dar. Stuart Samuel macht darin wesentlich andere Mitteilungen über die jüdische Lage in Polen in der nahen Vergangenheit und Gegenwart als Sir Henry Morgenitz au in seinem Bericht. Zunächst stellt Samuel fest, daß die antijüdischen Ausschreitungen in Krakau, Lembergs Lodz, Wilna nichts anderes als Pogrome in dem einfachen Sinne des Wortes gewesen sind. Er legt weiter dar, daß ein scharfer privater, sozialer und kommerzielkr Boykott gegen die Inden geführt wird; viele Schuld an der Entstehung der Boykottstimmung und -bewegung trage die polnische Presse. Samuel beschäftigt sich dann mit dem ständigen Vorwurf der Polen gegen die Aden, sie seien alle Bolschewisten. Er kennzeichnet.diese Beschuldigung aE eine absurde Verdächtigung und Verleumdung, indem er die soziale und wirtschaftliche Gliederung der jüdischen Bevölkerung darstellt und ihren ausgesprochen antibolschewistischen Charakter aufzeigt. Zum Schlüsse seines Berichts, der eine Reihe von Protokollen und Dokumenten, vor allem über die Pogrome, umsaßt, macht Samuel Vorschläge zur Besserung der jüdischen Lage in Polen. Es sind folgende, an die englische Regierung gerichtete Vorschläge: 1. Die polnische Regierung solle dringend aufgesordert werden, die Minderheitsbestimmungen des Vertrages vom 28. Juni 4349 im Sinne von Sympathie gegen ihre jüdischen Bürger durchzuführen. Ein Staat kann nur dann stark sein, wenn alle Teile seiner Bevölkerung in Eintracht und gegenseitigem Vertrauen für sein Wohl arbeiten. 2. Daß der jüdischen Bevölkerung in Polen eine tatsächliche Gleichhe.it gewährt werde. 3. Daß alle Vergehen gegen die Person oder Eigentum eines Untertanen ohne Rücksicht auf seine Religion oder Rasse unverzüglich bestraf t und die Namen der Delicmenten verössentlicht werden. 4. Daß die Juden Ostgaliziens ebenso wie die Richtjuden zu ihren amtlichen Stellen wieder zngelassen werden. 5. Daß die jüdischen Bahn- und Postbeamten in ihre Aemter wieder eingesetzt werden. 6. Daß keine Einschränkung in der Zulassung von jüdischen Hörern zu den Hochschulen gelmacht wecke. ' 7. Daß ein Dekret erlassen werde, das den Boykott als ungesetzlich erklärt und alle Boykottpublikationen konfisziert. 8. Daß alle Gefangenen in den Internierungslagern unverzüglich vor das Gericht komyren und daß eine menschliche Behandlung aller Internierten zugesichert werde. 9. Daß Erleichterungen für die Einführung neuer Industrien zum Zwecke der "Zuführung eines größeren Teiles der jüdischen Bevölkerung zur produktiven Arbeit geschaffen werden. 10. Daß die britische Regierung diejenigen Juden, welche aus Polen auszuwandern wünschen, durch Gewährung von Reiseerleichterungen nach Ländern, wie Palästina. Kanada, Südafrika. Algerien und Südamerika oder nach anderen Ländern, die sie aufnehmen wollen, unterstütze. 44. Daß Banken errichtet werden, die das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung besitzen, damft diese ihr Geld dort sicher deponieren können. 42. Daß erwogen werde, Zeinen Sekretär, der jüdisch versteht und spricht, bei der englischen Gesandtschaft in Warschau anzustellen- Wohrmrrgssürsorge für ostjüdische Arbeiter. Vom Pressedienst des jüdischen Arbeiterfürsorgeamts, — das bekanntlich,eine gemeinsame Gründung der jüdischen Organisationen Deutschlands ist — wird uns geschrieben: Wie bereits in der Tagespresse bekannt gegeben worden ist, beabsichtigt das Arb etter für sorge amt, in der Nähe von Berlin Teile eines Lagers zu mieten und hier Unterkunft und Arbeitsgelegenheit^ für eine größere Zahl ostjüdischer Arbeiter zw schaffen. Für diesen Plan war ausschlaggebend, day augenblicklich in Groß-Berlin die WohaungsverhSÜnisse unter den Flüchtlingen von Tag zu Tag katastrophaler werde»

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