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Neue jüdische Presse · 1920-07-09 · Heft 25 (9.7.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 25 (9.7.1920)
Date
1920-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis lUIUUUHIUI, Insertionspreis für die sech^ejpalteneNonp.Zeile^MPtz., für die Reklamezelle Mk.3.—. Lei Wiederholungen entsprechender Rabatt. / Platz» und Datum-Dorschrist ohne DerbkndllchkeLx Annoncen-Annahme bei der (tzped.und kn a.Annomen-Äurea«S. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr. 4864.. .. iuiiiiiiimmimumnmnnmmumiiiiimiiiimnmmimiimiin; ■ Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel.; : fahr: In Frankfurt am Main bei der Reuen Iüdischen Presse, : : auswärts bei der Post abonniert Mk.3.S0, stei ins Haus 15 pfg. \ , \ mehr./ÄeiZusendungburchStrelfbandfürOeutschlandMk.20.00, ] j für alle übrigen Länder Mk.M.oojährlich,lm Voraus zahlbar, j 18. Jahrgang. Freitag, den 23. I'niuus 5680 <9. Juli 19201 Rr. 25. Betrachtungen über den zionistischen Delegiertentag. ' Der letzte Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung -für Deutschland war seinem innersten Wesen nach von den bisherigen alljährlichen Tagungen grundverschieden. Zwar -ließen schon die letzten Tagungen eine gewisse Differenzierung innerhalb des deutschen Zionismus erkennen. Neben dem Misrachi, der die Gesetzestrene in den Vordergrund seines zionistischen Programms rückte, trat indes bisher noch keine straff organisierte zionistische Sondergruppe oder Föderation hervor. Sozialistische Strömungen machten sich auf* den Tagungen immer stark bemerkbar, und gegen den Plan -einer Nationalisierung des Grund, uild Bodens von Palästina 'wurden andere als technische Gedanken überhaupt kaum je geltend gemacht. Indessen sowohl von sozialistischer Seite -wie von seiten der sogenannten Maximilisten, die für eine "möglichst »beite Ausspannung des kolonisatorischen Rahmens im Sinne einer Lösung' der gesamtjüdischen Volksfrage eintraten, wurd eder Kampf der Meinungen fast ausschließlich in rednerischer Form von der Tribüne des Delegiertentages aus ausgefochten. Daneben schufen sich die 'Sondergruppen eigene Pretzorgane. Der Versuch aber, die "Anhänger bestimmter Sonderanschauungen zu fest organisierten Gimppen zusammenzuschließen, mit Gruppenprogrammen polemisch hervorzutreten und durch Gewinnung möglichst zahlreicher Mandate für diese Gruppe und Schaffung eines Blocks eine parlamentarische Mehrheit zu erzielen, wurde -erst auf der letzten Tagung gemacht. Die Gruppe um Trietsch, die noch auf dem Palä- -srina - Delegiertentag zu Berlin besonders in den Vordergrund trat, und deren Polemik gegen die Fachleute der Offizialität damals im Mittelpunkt der Verhandlungen stand, erschien dieses Mal als „Palästina-Föderation" mit einem fest umschriebenen Programm. Indessen 'hatten sich die Anschauungen weiter zionistischer Kreise in der Frage des Maximalismus im Laufe der letzten Monate — vor allem unter dem Eindruck der stark maximalistischen Vorschläge des als Sachverständigen allgemein hochgeschätzten Agronomen Dr. S o s k i n — den von Trietsch -vertretenen Ansichten so stark, genähert, daß es zu einer längeren Auseinandersetzung über diese Fragen überhaupt nicht mehr kam. Man ist sich, in breiten Schichten der zionistischen Judenheit darüber klar geworden, daß die beschleunigte Schaffung einer jüdischen Majorität im Lande ein politisches Erfordernis allerersten Ranges und eine Lebensnotwendigkeit für das jüdische Volk darstellt, und daß deshalb all die Methoden, die uns diesem Ziele näher zu bringen vermögen, den Vorzug verdienen — was man auch im einzelnen gegen sie einzuwen'den haben mag. Intensivierung der Landwirtschaft mit besonderer Bevorzugung der Gemüsekultur, niedriges Höchstmaß der dem Siedler zuzuteilenden Parzelle, Heranziehung auch nicht landwirtschaftlicher Methoden» möglichst weitgehende Ausschaltung der Lohnarbeit — über all diese Fragen haben sich die anfangs stark auseinandergehenden Ansichten soweit einander genähert, daß sich die Fortsetzung der auf dem Palästina-Delegiertentage mit großer Schärfe geführten Kämpfe großenteils erübrigte. Die Leitung des in Berlin zu schaffenden Palästinaämts, das weitgehende Befugnisse. und eine gewisse Selbständigkeit erhalten soll, dürfte daher Herrn ^Trietsch anvertraut werden. Umso schärfer entbrannte aber der Kampf der Meinungen um neue Fragen, die erst im Lause der letzten Zeit, in schärferen Umrissen sogar erst in den letzten Monaten, ans Tageslicht getreten waren. Die jungzionistische Organisation in Verbindung mit dem HapoölHazalr — einer Gruppe, die den „Bolkssozialismus" vröpagiert und, unter Ablehnung des Klassenkampfes, gegen, jede kapitalistische Form der Kolonisation auftritt — verfügte über eine beträchtliche Zahl von Mandaten. Wenngleich diese Zahl kein deutliches Bild von der Stärke dieser Strömungen m der zionistischen Judenheit Deutschlands gibt, da die Wahlen nicht ganz ordnungsgemäß vor sich gegangen waren, und bei den Jungzionisten bisher eine Begrenzung des wahlfähigen Alters nicht bestanden hatte — in dieser Be-; Ziehung hat der Delegiertentag durch neue Beschlüsse Wandel geschaffen—, so ist doch zuzugeben, daß der einheitliche Wille der zionistischen Jugend in den letzten Jahren zu größerer Klarheit und zu hohem Selbstbewußtsem erstarkt ist und, wenigstens in Deutschland, eiste Strömung darstellt, der von seiten der Leitung Rechnung getragen wer-' den muß. Die gegnerischen Anschauungen wurden durch die „Freie z i o n i st i s ch e Gruppe" vertreten, deren Führer Dr. Weil in den letzten Wochen durch eine eifrige Propaganda in Wort und Schrift seinem Standpunkt Geltung verschafft hatte. Die Freie Gruppe verlangt für die Zugehörigkeit zur zionistischen Partei ausschließlich das Bekenntnis zum Basler Programm und lehnt jede Bindung durch darüber hinausgehende Forderungen und Ansprüche ab. Die gesamte Judenheit soll in den Dienst der Verwirklichung des Basler Programms gestellt werden. Wenn radikalere Gruppen eine Intensivierung des Zionismus, eine Verarbeitung des zionistischen Erlebnisses bis zur völligen Durchdringung der Persönlichkeit mit neuen jüdischen Lebenswerten, in deren Dienst sich der einzelne zu stellen hat, propagieren, so kann es sich nach Ansicht der Freien Gruppe hierbei nur um einzelne — vielleicht auch besonders wertvolle — Teile der zionistischen Judenheit handeln; keinesfalls aber können diese radikalen Ansprüche die Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu der Partei des palästinensischen Aufbaus sein, sie können auch nicht die Richtlinien für die Betätigung der Organisation, die die große alljüdische Propaganda nicht vernachlässigen darf, ja nicht einmal den Maßstab für den Wert der zionistischen Gesinnung darstellen. Nur das ganze Volk kann die Judenfrage in Palästina der Lösung immer näher führen; jede Beschränkung des Zionismus auf bestimmte BolEteile, mögen sie nun wirklich oder angeblich wertvoller als andere sein, jeder Minimalismus im Sinne der Züchtung bevorzugter zionistischer Kreise, denen allein der Platz in Palästina gebühre, jeder Gedanke einer zionistischen Auslese wird von der Freien Gruppe energisch abgelehnt. Es wurde von den Wortführern der Gruppe mehrfach nachdrücklichst betont, daß auch sie den jüdischen Nationalismus als selbstverständliche Grundlage jeder zionistischen Bestrebung und Betätigung anerkenne. Bei der Wahl der Leitung kamen diese Gegensätze zum.sichtbaren Ausdruck. Die Freie Gruppe bildete mit der Palästina-Föderation und dem Misrachi einen Block zur Verteidigung des größeren, umfassenden Zionismus. Sie unterlag zwar der gegnerischen Seite, aber erstens wurde schon vor der Abstimmung durchgesetzt, daß ein besonders prononzierter Vertreter der sogenannten radikalen Gruppe auf seine Kandidatur verzichtete, und ferner siegte die Gegenseite mit so geringer Stimmenmehrheit, daß es schließlich zu einer Einigung kam: es wurden 2 Vorsitzende — einer aus jedem «der beiden Lager — mit möglichst getrennten Arbeitsgebieten gewählt, und diesem Direktorium ein geschäftsführender Ausschuß zur Seite gestellt, in dem Vertreter beider Meinungen sitzen. Es ist anzunehmen, daß sich die Geschäfte der Leitung trotz der tiefgreifenden Gegensätze — wenigstens bis auf weiteres — reibungslos werden abwickeln lassen. - Vielfach wurde auch das Verlangen geäußert, daß sich das offizielle Organ der Zionistischen Vereinigung fortan jeder einseitigen Stellungnahme zu enthalten habe. Auch in der Wahl der noch London zur Jahreskonferenz delegierten Herren kamen die dargestellten Meinungsverschiedenheiten zum Ausdruck. Unter diesen Delegierten sind die Vertreter der juqgzionistischen Gruppe und der ihnen nahestehenden Kreise in der Mehrheit, und es bleibt abzuwarten, in welcher Form und mit welchem Erfolg sie vor dem größeren zionistischen Forum in London ihre Anschauungen vertreten werden. Je näher die Verwirklichung der zionistischen Idee heranrückt, je ernster sich der einzelne Zionist vor die Frage gestellt sieht, ob und wann er für seine Person aus seiner zionistischen Entscheidung die Konsequenzen ziehen soll, umso stärker differenzieren sich die Anschauungen, umso lebhafter wird der Kampf der zionistischen Gruppen. Dieser Kampf ist Leben. Er weist über den formalistischen Parteibetrieb weit hinaus in das Reich der rauhen Wirklichkeit, wo allein die Blütenträume reifen können. Sd. Delegierteutag der Zionistischen Bereinigung für Deutschland. (Fortsetzung.) Die „Jüdische Rundschau" über de« Delegierteutag. „Es gab lebhafte Kämpfe, heftige Stürme, aber diese Kämpfe warendoch nicht rein parlamentarische Erscheinungen, vielmehr der unmittelbare Ausdruck des Gefühls, daß in . diesem Augenblick Entscheidungen.von höchster Tragweite bevorstehen. Beide Gruppen, die einander gegenüberstanden, waren von diesem Gefühl erfüllt. Rur meinte die eine, daß mit Rücksicht ans die großen Ausgaben es Sache des Zionismus sei, möglichst viele Kräfte dadurch zu gewinnen, daß man mit dem Begriff Zionismus gleichzeitig ein großes Maß persönlicher Lebensverpflichtungen verbindet, während die andere Gruppe der Ansicht ist^ daß gerade jetzt alles davon abhängt, zumindest eine Kerne truppe von Zionisten zu haben, die das Letzte auch im persönlichen Leben für die Verwirklichung der Idee einzusetzen entschlossen ist ..." „Trotz dieser Stimmung, die den Delegiertentag beherrschte. und die schließlich darin ihren getreuen Ausdruck fand, daß die neue Leitung, so wie dies bei anderen Parteien schon vorgekommen ist, von den Exponenten beider Strömungen zu gleichen Teilen und zu gleichen Rechten gebildet wurde, hat der Delegiertentag auch eine Fülle sachlAer Anregungen geboten. Mehr als Anregungen kann man es fteilich nicht nennen, denn wieder wurde klar, daß wirkliche sachliche Arbeit beim heutigen Stand unserer Bewegung vonderartigen kurzen, den verschiedensten Fragen gewidmeten Hagungen nicht mehr bewältigt werden kann. Unsere Aufgabe« sind heute so innig mit der Wirklichkeit verknüpf^ daß sie nur in kontinuierlicher, sachkundig geleiteter Arbeit erfüllt werden können. Auch daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines Umbaues unserer Organisation in der Richtung der Schaffung demokratischer Institutionen zur Führung der Arbeit nach sachlichen Gesichtspunkten. .Wir werde« chazu ein Heer geschulter Menschen brauchen . . ." Die Referate -es DelegierteulageS. Richard Lichtheim und Julius Berger hielten die großen politischen Referate. Lichtheim beschäftigte sich besonders mit den Schwierigkeiten der Araberfrage, der Bedeutung des Mandats Englands, den Aufgaben in Palästina und im Golus. Jn der Araberfrage kam er — unter Vorbehalt zeitlicher, zeitweiser Entwicklung — zufolgendem Ergebnis: ,^Das britische Protektorat hat uns den zeitlichen Spiekraum geben, um das jüdische Palästina zu errichten» trotz der Gegnerschaft, die die Araber uns heute noch entgegenbringen. Aber wir brauchen Englands Schutz, und dieser Schutz muß uns nachdrücklich und entschieden gewährt wevden.' Bei einer gerechten Behandlung der mimischen Landbevölkerung wird es uns möglich sein, schon heute, vorsichtig und ohne etwas zu überstürzten, die guten Beziehungen, die wir in Zukunft mit den Arabern dringend notwendig brauchen, anzuknüpfen. sie durch kluge taktvolle Behandlung zu gewinnen. Wir haben ihnen manches zu bieten. Sind wir erst stark geworden, so wird das Araber» tum sich mit uns nicht nur abfinden, es wird uns anerkennen;, und England hat ein Interesse an dieser Verständigung der beiden Nationen die dort unter seinem Schutze leb««." Die Bedeutung des Mandats faßte Lichth e i m folgendermaßen zusammen: „England gibt den Rahmen, in dem wir in Palästina arbeiten können. Der Friedensvertrag hat uns das eine Große gebracht, daß der Anspruch des jüdischen Volkes anerkannt worden ist. England gewährt ferner eine freie und ungehinderte Einwanderung sowie Erleichterung der Naturalisation (nach einjähmgem Aufenthalt). Die Zionistische Organisation wird das Recht haben, Juden nach Palästina zu bringen- Wir werden die notwendigsten wirtschaftlichen Konzeffiöne« erhalten. Vor allem werden die öffentlichen Arbeite«, die nicht von der Landesregierung selbst ausgesührt werden, der jüdischen Kolonisationsgesellschast zur Ausführung angebote« werden. Bolle Freiheit in Sprache und «Ähnle. Der Jewish Council, der der englischen Behörde beratend zur Seite stehen wird, wird gleichzeitig das jüdische Schulwesen überwachen. Der Sabbat wird als offizieller Ruhetag anerkannt werden. Die Münzen werden hebräische, englische undarabische Aufschrift tragen. Dörfer und Städte werden Selbstverwaltung erhaften." Die Aufgaben in Palästina verlangen die Verwirklichung folgender Forderung: .Wir müssen daS Land jüdischmachen durch jüdische. Arbeit. Wir muffe« die APden jüdisch machen, palästinensisch machen durch nationale und hebräische Erziehung. Wir müssen eine soziale Gesetzgebung haben, damit das Gemeinwesen auf gesunder Grundlage ersteht." Der letzte Teil des Referates beschäftigte sah mit der Goluspoliti?. Hier führte der Referent a-.auS: „guE den Zionisten hat daS Judentum den Vorrang vor allen andern geistig-sittlichen Bindungen, die ihn mit der Umwelt verknüpfen. Das natioualjüdische Bewußtsein, daS

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