Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 23 (18.6.1920)
- Date
- 1920-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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miiimiiHiiiimimiimHnuHHimmmnwiiiiniiiiimummiiHr , (Scheint wöchenMch am Freitag. ÄezugspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Iüdischen Presse, Auswärts -ei der Post abonm'ert Mk.SL0, stei inS Haus iS pfg. [ Mehr./ÄeLZufendung burchStreifbandsurOeusschland Mk.2v.oo, M< “ "" '. alle übrigen Länder Mk.30.00lährlich,im Voraus zahlbar.; Herausgeber : Sgly GeiS .. lKe-aktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 EHiwni HUimiiimiiilriiiwiiiiiiimiiiiiiHiiiUHHiiiii InsertionSpreis für die sechsgetzralteaeNonp.ZÄleWvptz., flir die Neklamezeile Mk.S.—. Sei Wiederholungen enGrechmddr Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. / Annoncen-Annahme bei derHg>ed.üad in a. Annoacen-ÄureanL. Konto bei dem Postscheckamt in Frankjurt a.M. unter Nr. 4864. » ■ 18. Jahrgang. ' Freitag, den 2. 5680 (18. Juni 1920) «r. 23. Aur gefällige» Beachtung. Die «Schste Rrrmmer, die letzte im laufeudev Vierteljahr, erscheint erst Dienstag, 29. Znni. Schlntz für Berichte und Inserate Montag, 88. Juni, früh 9 Uhr. Polenschan. Bon Be» Jephuue. Mehr als sechs Wochen sind nun seit dem Tag o o n Kan Remo vergangen, — und noch immer zittert eine Endige, starke Erregung in der polnischen Judenheit nach. So mächtig von der Welle der Begeisterung, die nach dem Beschluß vo» San Renio über die gesamte jüdische Welt niedergegangen ist, erfaßt'werden konnten nur Jndenheiten, die in solcher Not und Beengtheit leben wie die Polens. Bei den Festversammlungen und feierlichen Reden blieb man aber da nicht stehen; mit der Kundgebung der nationalen Freude ging eine großzügige finanzielle Sammelarbeit' für den Ausbau des jüdischen Altneulands einher. Die seitherigen Ergebnisse dieser ausgezeichnet in die Wege geleiteten und durchgeführten Sammlung für den Geulah-Fonds spiegeln scharf die Tiefe und Stärke des nationalen 'Gefühls, das in der polnischen Judenheit lebendig ist. Der Nationalisierungsvorgang innerhalb der Judenheit Polens, der mit größerer Wucht und in weiteren Ausmaßen erst nach Kriegsbeginn eingesetzt, hat heute schon säst die gesamte jüdische Welt Polens erfaßt und-innerlich gewandelt. Mehr vder minder offen und eindeutig wird der jüdische Dolksgedanke von allen jüdischen Parteien bekannt. Bon allen? Eine Aendernng ist an der Behauptung notwendig. Bei den Linken, den Arbeiterparteien ist der eine Flügel ausgesprochener Gegner des jüdischen Nationalismus, weil des Nationalismus überhaupt: der internationalistische ,^3und" nebst der geistig von ihm stark befruchteten und beeinflußten Partei der „Vereinigten Sozialisten". Hier ist starrer Widerstand, geheiligt und verstärkt durch Tradition, gegen die nationale Bewegung, gegen die Palästinaforderung im besondern lebendig. So konnte es kommen, daß in diesen Tagen der Freude über die Beschlüsse von San Remo, der geschlossenen, imposanten Kundgebung des nationalen Fuhlens und Willens, der „Bund" sich nicht nur unversöhnlich abseits von der Masse der polnischen Judenheit hielt, sondern auch in törichtem Protest die Nationaljuden noch heftiger bekannte und würdelos schmähte. Die Einheitsfront der polnischen Judenheit auch nur in der Palästinafrage war dadurch unvollständig geblieben, zumal auch die Orthodoxie der „Schlome Emune Jisroel" aus Gründen der Politikmacherei zuerst nicht ganz mit dem Herzen bei der nationalen Feier war. lieber alle diese kleinen Hemmnisse und kleinlichen Widerstände schritt das Volk in seiner Festesstimmung hinweg und die zahlreichen Versammlungen und Kundgebungen, die naturgemäß am imposantesten in Warschau waren, doch auch in allen größeren undkleineren Städten der Provinz bei stärkster allgemeiner'Begeisterung verliefen, lassen deutlich, fast überdeutlich, erkennen, wie tief und mächtig -der Palästinagedanke in ber polnischen Judenheit Wurzel geschlagen hat. Die schwüle politische Atmosphäre im Lände, die trübe virtschastliche Lage, die das jüdische Leben in Polen kenn- >eiMen, sind wohl dazu angetan, den Palästinagedanken zu tärken, die.Palästinaarbeit mächtig zu fördern und srfolgmch zu gestalten. Dringend erheben sich aber zugleich Ke F o r d e r u n g e n der Gegenwartsarbeit, die »t bem Losungswort: Wiederaufbau zusammenzufassen: ind. Vor allem tut eine Festigung der w i r t,s ch a f t l i che n Arundlagen des "jüdischen Lebens not. Zertrümmerte Exiirnzen sind wieder aufzurichten, Arbeitsmöglichkeiten zu chafsen, soziale Einrichtungen, wie Gemeinde und Schule, nnzugestalten und neu zu fundieren, die kulturellen Güter »r;dem Verfall zu retten und dem Volk zuzuwenden —; kurz eine Riesenarbeit ist zu leistest, ein Werk in Angriff >u nehmen und zu vollbringen, das nur von-der geeinigten jemeinfom handelnden Judenheit ganz Polens unter Mitwirkung der amerik- Judenheit bewältigt werden kann. Daß Selbsthilfe in jedem Fall (von fruchtbarer, anspornender und vertrauenerweckender Wirkung ist, beginnt.man in der jüdischen Welt Polens klar zu erkennen. In dem Plan einer Wiederanfbauko nfe renz der gesamten jüdischen Gesellschaft, aller bürgerlichen jüdischen Parteien (die Arbeiterparteien haben ihre Mitarbeit versagt) ist diese Einsicht zum praktischen Ausdruck gekommen. Das Einberufungskomitee umfaßt außer Vertretern der politischen Parteien (Zionisten, Bolkisten usw.) im einzelnen: Jüd. Gemeindeverwaltung und Rabbinat von Warschau, Vertreter der Vereine Jüd'. Handwerker, Kaufleute und Kleinhändler. Man müß nur hoffen, daß die Konferenz zu der i Gründung eines Vertreterkomitees der Parteien und Organisationen; führt, das eine groß angelegte planmäßige Hilfsarbeit anbahnen und fortsetzen wird. Sicherlich bildet der unerwartete Rücktritt der „Schlome Emune Jisroel"-Leute von der Teilnahme am Organisationskomitee aus „Prestige"- Gründen, aus gekränktem Ehrgefühl der Partei keinen erfreulichen Auftakt zur bevorstehenden Tagung. Aber auch ohne die Mitwirkung der um-die Wahrung der parteipolitischen Interessen so besorgten polnischen Aguda wird sie Zustandekommen und viel Segen für die Zukunft stiften können. Ueber den wirtschaftlichen Notwendigkeiten darf nicht das jüdisch-politische Programm für Polen bergessen und vernachlässigt werden. Die nationale Gleichberechtigung bleibt als Ziel aller jüdisch - politischen Arbeit im Lande bestehen. Wenn Fortschritte in der Durchsetzung dieser Grundsorderung nur langsam gemacht werden, so liegt dies an der starr ablehnendenHaltung des Polentüms und an der ungünstigen Lage der allgemeinpolitischen Dinge im Lande, — nicht aber etwa an einem Nachkassen und Erlahmen der jüdischen Parteien in diesem Kampf um die nationale Anerkennung, nicht' an der Unentschlossenheit und Tatenlosigkeit der jüdischen Vertretung im Landtage. Im Gegenteil: hier wird die jüdische Sache bei jedem geeigneten Anlaß mutig und folgerichtig verfochten; und wird so für Aufklärung der polnischen Mehrheit über die jüdischnationalen Ansprüche Sorge getragen. Durchschlagende, bedeutsamere Erfolge fallen allerdings bei der ganzen Lage der Dinge den jüdischen Vertretern im judenseindlichen Sejm nicht zu. Bon eimr Morgendämmerung im polnischen Lager im Verhältnis zur jüdischen Minderheit kann heute nur bedingt , die Rede sein. Eine einzige harte Absage ist wie seither auch heute die Antwort auf die jüdisch-nationalest Grundforderungen. So nimmt es nicht wunder, wenn der polnische Berfassungsentwurf, der nun seiner Vollendung entgegengeht - und in kurzem dem Landtag zur Beratung zugehen wird, die Rechte 'der nationalen Minderheiten nur ganz vage andeutet und ganz unbefriedigend festsetzt. Der Einspruch des jüdischen Vertreters in der Versajsungskommission, sein Hinweis ans die Minderheitsbestimmungen des Versailler Vertrags glitten an den Polen einfach ab. Grundlegende Aenderungen wurden hier, vor allem an den Gesetzen über das Schulwesen, nicht zugelassen; denn das nrUecht an den Juden soll verewigt werden. Grund zu einem verzichtlerischen Rückzug auf jüdischer Seite ist nicht da, nicht einmal die innere Möglichkeit. Wir wissen, daß der Kampf um die nationalen Rechte des jüdischen Volkes gerade' in Polen schwer und von langer Dauer ist; daß er dennoch zum Ziele führen muß» ist unser durch manche europäische Erfahrung gestützter starker Glaube. Gefestigt wird die jüdische Stellung im Lande durch die Rückkehr des Friedenszüstaudes werden,, der allein die allmähliche Gesundung des staatlichen Lebens, die wirtschaftliche, politische und soziale'Erholung und Aufwärtsentwicklung verbürgen kann. Wie gefahrvoll und opferreich jede kriegerische Unternehmung ist, wird in den letzten Wochen nach den wechselnden Erfolgen in den Kämpfen mit Rußland mancher polnische Politiker mit heimlicher Bänglichkeit erkannt haben. Im Interesse des Landes liegt es, wenn die heute in ihm führenden Staatsmänner ihre Ähren hieraus ziehen und ihre Politik danach einstellen. Für die Jbldenheit Polens wäre ein Friedensschluß in der nächsten Zeit. von entlastender und impulsverleihender Wirkung. Die R-twe«-igkett der Reuorievtierrrrrg. »o» Dr. ftUUHte. Dr. Jakob Klatzkin stellt uns de» nachfolgenden Abschnitt aus einem Brief zur Verfügung, den er am W. April, vor dem Eintreffen der Nachricht aus Sa» Rem», an 'eine führende zionistische Persönlichkeit geschrieben Hatz- Trotz der nunmehr geänderten politischen Sachlage bleüien Dr. Klatzkins Worte auch heute noch beachtenswert, D- Red- . . . Die Mitteilungen von den Vorgängen in Jerusalem haben mich begreiflicherweise beunruhigt, aber nicht überrascht. Ich war auf solche pnü ähnliche Rückschläge immer gefaßt, und habe gar oft davor gewarnt, unsere diplomatischen Infolge zu Propagandazwecken in einer Art auszuschlachten, die dazu angetan ist, überschwängliche Hoffnungen im Volke zu wLken und damit auch den Boden für etwaige Enttäuschungen vorzubereiten. Wie Sie wissen, habe 'ich auch in einigen kleineren Auffätzen schon vor 21/» Jahren — bei aller Würdigung unserer diplomatischen Erfolge — auf die Gefahr hingewiesen, die entstehen muß, wenn wir das Schicksal unseres Bvlksideals mit dem Schicksal der gegenwärtigen Machthaber verknüpfen und unser Los von ihrem Los abhängig machen, Ich jagte wörtlich: „Alle unsere Beziehungen zur Realpolitik sind schwankend und ohne Dauerkrast. Nicht weil sie uns im Stiche lassen, sondern, weil das Leben ihnen untreu werden könnte." ,Sönutze" — ich war vorsichtig. In meinem tiefsten Innern aber war und bin ich überzeugt, daß sie, die als die reale Grundlage der zionistischen Verwirklichung heute angesehen wird, früher oder später in die Brüche gehen wird. Was hat unsere Diplomatie erreicht? Eine papierene. Erklärung. Ich zweifle nicht, daß es England mit ihr ernst war und wohl noch ist. Ich nehme an, daß der Fricdensvertrag mit der Türkei uns Palästina in dieser oder jener Form znerkennen wird. Sind wir aber damit au der Schwelle der Verwirklichung angelangt? Haben denn die Versailler und die ihnen folgenden Verträge die Dauerkrast, die erforderlich wäre, um dem Aufbau unseres jüdischen Palästina als Basis -zu dienen? Ist nicht eher damft zu rechnen, daß in absehbarer Zukunft die Freiheitsbewegung auch innerhalb der Völker des Orients greifbare Formen annehmen und die Vorherrschaft der europäischen Völker brechen wird? Läßt sich denn noch heute der Orient ohne Zusammenhang Mit den in Europa vor sich gehenden Umwälzungen sozialer und politischer' Natur beurteilen? Also, selbst wenn es England mit uns sehr gut meint — woran ich, wie gesagt,"nicht zweifle — und wenn es sogar bereit wäre, die Interessen seiner arabischen Politik zu unseren Gunsten tzu opfern, wäre dieser Gewinn nicht entscheidend — will sagen: nicht von Dauer. Heule entscheidet die Politik überhaupt nicht mehr,— sie wird von den Böllern entschieden. Unsere auf diplomatischem Wege errungenen Erfolge hätten nur dann Sinn und Wert, wenn uns England die Möglichkeit geben würde, sofort mit einer großzügigen jüdischen Einwanderung nach Palästina üud - der Bildung von jüdischen Legionären — ja, Legionären' — zu beginnen. Die Erklärung Balfours hätte dann de» hohen Wert eines Sprungbrettes. Wenn sie uns vorläufig die Hände bindet und für fpäter Versprechungen macht, so bat sie wohl schon (für die nächsten paar Jahre kein«» größeren Wert, als eine Versprechung eines Hermann Müller für das nächste Halbjahr. Auch wenn wir'solche diplomatischen Neugestaltungen nur als Möglichkeiten bewerteten — für mich sind sie mehr als bloße Eventualitäten —, sollten wir uns davor hüten, das jüdische Volk in beseligende Hoffnungen einzulullen. Die Leitung hatte mithin Grund genug, die zionistische Oefsentlichkeit vor überspannten Erwartungen geradezu zu warnen. 'Das hat kie aber nicht getan. Ja, bei aller meiner gewohnten Nachsicht kann ich sie von der Schuld Sticht ganz freisprechen, daß sie viel dazu beigetragen hat, die zionistische Denkart aus Momente politischer Sensation einzustellen. Nun ist «s klar, daß jeder politische Rückschlag ungeheure Enttäuschungen nach sich zieht, die, wie Sie auch besürchten, die zionistische Organisation tief erschüttern müssen. Sehen Sie sich mal die zionistische Jugend an! Was ist aus ihr in hen letzten Jahren geworden? Wie vieles ist in ihr vom Glauben an die historische Macht unserer Idee geschwunden, von jenem Glauben, der die Weite des Weges kennt und durch Augenblickserfolge und Mißerfolge nicht irre 'wird! Selbst unsere Jugend lebt eben seid Jahren in der Atmosphäre politischer Sensationsnachrichten, von der sie gespeist und genährt wird aus Kosten der idealistischen Gesinnung und Glaubensstärke. Sehen Sie sich die zionistische Organisation in Polen an! Es ist kein zu starkes Wort, wenn ich sage: Sie ist geradezu demoralisiert. All die schreienden Nachrichten über große Erfolge unserer Bewegung in diesem Lande sind mindestens Selbst-