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Neue jüdische Presse · 1920-06-11 · Heft 22 (11.6.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 22 (11.6.1920)
Date
1920-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt immwnimiiiiiiiiiiiiwimunnmiiniiiiiiiiiiiiiniuiiiiiiiiiiiiiiuj lSfcheint wöchentlich am Freitag. ÄezugSpreis pro Viertel« j : jahr- In Franljurt am Main bet der Venen IüWhen preffr, : : auswärts bei der Post abonniert Mk.3L0, frei ins Haus 15 pfg. j mehr./VeiZusendung durchStreifbandfürOeutschland Mk.20.00,; : für alle übrigen Länder Mk.30.00/Lhrlkch, im Voraus zahlbar. : Jredaltion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis piiwHinmuiuiiiiiiiiiiunniiiuBiiimmiiimMiniwiiwi Insertionspreis für die sechsgetznilleneNonp.ZeileMlPtz., fic die Vellamezeile Mk.3.—. Äei Wiederholungen entfprechmder Vabatt. / plah. und Datum-Äorjchrist ohne VerbkndlichKit. / Annoncen-Annahmebei derttzped.und ln cuAnnonren-VureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Vr.48S4. 18» Jahrgang. Freitag, de» SS. Siwan 5680 (11. Juni 1020) , Rr. SS. Jahredkouferenz der englische« Zionisten. Die 21. Jahreskonferenz der Englischen Zionistischen Föderation wurde am 30. Mai in London eröffnet und bor ein glänzendes Bild. Als Dr. Weizmann, Solo l o w und Lord Rothschild auf dem Podium erschienen. brach die Versammlung in einen Beifallssturm aus. Dr. Weizmann führte irr seiner mit Spannung erwarteten Rede aus: Die Einwanderung nach Palästina dürfte für die ersten zwölf Monate bis 30,000 Seelen — falls die Elektrisierungs- und Bewüsserungsarbeiten ausgenommen werden — durch die dadurch notwendigen Arbeiter 60,000 Seelen fasse» können. Die mit den: 1. Juli beginnende Zivilverwaltung wirb eine britische, keine jüdische sein. Doch werden die Juden eine ökonomische Kontrolle durch Abwachungeu mit der Landesverwaltung ausüben können: auch dürfte die Regelung der Einwanderung jüdischen Körperschaften unterstehen. Es werde wohl nicht gelingen, im Norden de» Litanisluß dem Lande einzuverleiben. Jedoch habe dienglische Regierung versprochen, ihr Möglichstes zu tun, um zu eine»! Erfolg zu gelangen. Die Benützung der Wasserkräfte zu Zwecken der Entwicklung des Landes dürftjedoch frei sein. Der Wiederausbau des Landes müsse in wirtschaftlicher, industrieller und kultureller Hinsicht geführt wer-! den. Es gibt für die jüdische Kolonisation große, uichebaute Ländereien, die früher der türkischen Regierung und jetzt der Mandatarmacht zur Verfügung stehen. Es gibt genug Räum für -eine Flächenbesiedclung mit einer Bevölkerungsdichte von 100 Einwohnern per Quadratkilometer, ohne die Eigentumsrechte der jetziger Besitzer dadurch in irgendwelcher Weise zu beeinträchtigen. Palästina besitzt weder Goldfelder noch Kohlenbergwerke; es dürfte baber kaum zum Tummelplätze des internationalen Spcbilantentums werden. Es besitzt jedoch in seinen natür- I licheir Wasserkräften eine genügende Voraussetzung für eine I große industrielle Entwicklung, die nicht durch! internationales, sondern durch von den Zionisten aufgebrachtes jüdisches Kapital und nationale Arbeit bewirkt werden solle. In kultureller Hinsicht forderte Weizmann ein Schulwerk auf Grund jüdischnationaler Erziehung. Die glatte-Durchführung der gezeichneten Aufgaben werde durch bas Mandat gewährleistet^ Bedingung sei, daß das jüdische Lol? durch persönliche und materielle Opfer die Kraft zur Durchführung aufbringe. Heute ist es nicht mehr allein die Aufgabe der Zionisten, sondern auch der Nichtzionisten, für die Errichtung der nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina zu arbeiten. ' Sodann ergriffen Sokolow und Lord Rothschild das Wort. Rothschild sprach die Erwartung aus, daß die nationale jüdische Heimstätte in Palästina ein Heim des Friedens, eines sozial gesunden Lebens und der höchsten kulturellen Stufe sein wecke und so die kleine jüdische Kation der ganzen Melt zum Muster diene. Sie werde der Welt zeigen, daß sie nicht vergessen habe. ihre alte Zivilisation; ihren Gott, ihr' altes Heim. * Die weiterem Sitzungen galten den Debatten. Die Debatte über Kultur- und Erziehungsfragen wurde hebräisch geführt. David Jellin -Jerusalem s> und Slatopolski referierten.u. a. und^ machten Vorschläge hinsichtlich Beschleunigung der Hebraisierung. Für den PalästinmAufbau-Honds der Geula-Woche kucken auf der 'Konferenz 62,000 Pfund gesammelt. Das Budget wurde mit 9500 Pfund veranschlagt. Die Zahl der Mitglieder beträgt 15000. Die Wahl ergab: Dr. Weizmann (Präsident), Rabb. Goldbloom, Dr. S. Deiches, P, Goodman und Jos. Cvwen (Vize-Präsidenten) usw. In die zionistische Jahreskonferenz wurden abgeordnet: Lord Rothschild, Goldbloom, Shiro, Horowitz, Goodman, Dr. Brodetzky, Baker und Frau Ginsb urg. Gi» Blick iu die Verwüstung -es Ostens. Das gegenwärtige Litauen — einen Teil Litauens mit Wklna halten ja die Polen besetzt^— zählt etwa 150 000 Juden gegen 300 000 auf dem gleichen Gebiete vor dem Kriege. Während des Krieges wurden fast sämtliche Juden ausgewiesen. Noch heute sind mindestens 100 000 der Flüchtlinge im Jnnenrußland und warten auf die Rückkehr. Bedarf es besonderer Worte, um bei diesen Tatsachen noch zu sagen, wie unendlich schwer die litauische Judenheit heimgesucht worden ist! Ein Fünftel von ihr ist heute so verarmt und so sehr aus der früheren geregelten Existenz hcrausgerissen, daß ganze oder teilweise Unterstützung notwendig ist, um nur die bescheidenste Lebensnnterhaltung zu fristen. Dabei bestand vor dem Kriege mindestens ein Drittel der litauischen Juden aus fleißigen Handwerkern. Natürlich ist nach solchen fünf Jahren auch auf den Gebieten des jüdischen Lebens unendlich viel, zerstört worden. Ein Glück für die litauische Judenheit, daß ihr — im Unterschied von den anderen Judenheiten des Ostens — wenigstens die Möglichkeit gegeben worden ist, sich zu erholen. Der neue litauische Staat hat seinen Juden volle nationale Autonomie und ein Ministerium für jüdische Angelegenheiten gegeben, — und dieses Ministerium hat als erstes eine Organisation der Selbsthilfe in die Wege geleitet. In kurzer Zeit sind bereits 46 jüdische Volksbanken — richtiger gesagt: Darlehnskassen — gegründet worden, und mit großer Energie wird daran gearbeitet, einen Teil der jüdischen Bevölkerung zu Kleinbauern zu machen. < ■ - Berichte aus Siebenbürgen. In Cluj (Klausenburg) wurde der Beschluß von S a » R e m o in allen Tempeln gefeiert. Im großen Tempel der orthodoxen Gemeinde hielt Oberrabb. Moses Glas ner eine Ansprache, in der er den Beschluß von San Remo vom orthodoxen Gesichtspunkt aus beleuchtete und ihn als wichtigstes ©ceigni# in der jüö. Geschichte seit der Zerstörung Jerusalems, als den Anfang der Erlösung würdigte. Beim Thoraaufrufen wurden hierauf 100,000 Kr. für den Jüd. Nationalfonds gespendet. Jüngst ist ein „Sieberbürgisch-Jübischer Schulverein" gegründet tporden mit der Aufgabe, das gesamte Schulwesen auszugestalten. Als Grundkapital des Vereines wird eine Summe von. 30 Will. Kronen aufgebracht werden. Die eingeleiteten Sammlungen haben bereits sehr schöne Ersolge aufzuweisen. Die beiden Clujer Kultusgemeinden, die orthodoxe und neologe, haben das gesamte Schulvermögen samt Gebäuden dem Vereine übergeben: Bemerkenswert ist auch ein Beschluß der beiden Gemeinden, wonach eine Schlachtungssteuer, die 1 bis 2 Kronen per Wo Fleisch ansmacht, eingeführt wird, die ganz dem Schulverein zugute kommt. Die erste. Tat des Schulvereines wird die Errichtung eines jüd. Lyzeums in Cluj im September 1920 sein. Lcmt Statuten müssen nach 8 Jahren alle Gegenstände in hebräischer Sprache unterrichtet werden: Kürzlich hat auch die Gründung eines jüd.-nar. Sport- Vereines, .Hagibor" in Cluj stattgefunden, dem die besten Kräfte der früher ungarischen Sportvereinen angehörenden jüd. Mitglieder beigetreten sind. Offizielle Sprache des. Vereines ist die hebräische. Weiters wurde der Musikverein „Hakinnor" und. der Gesangverein .Hasammir" gegründet, denen ebenfalls die! besten und hervorragendsten Kräfte und Talente Siebenbürgens als Mitglieder ««gehören. - (I. P. Z.1 .»Auch ete Fall Rothschild." Wien, Anfang Juni. Während es in London und in Paris noch Rothschilds gibt, die sich aufs innigste mit dem Wohl und Wehe deq jüdischen Gesamtheit verbunden fühlen, kann man dies von dem Wiener Hause Rothschild nicht mehr sagen. Ein kleines Vorkommnis, wirst ein helles Streiflicht auf die heutige Verfassung dieses Hauses. Die Gattin des ehemaligen Freiherrn Siegmund von Springer, Valentine Noemi geb. von Rothschild, übernahm die Patenschaft für zwei neue Kirchenglocken und ließ sich bei der Handlung durch ihre katholisch gewordene Schwägerin, Ella geb. Springer, Witwe des getauften Bezirkshauptmanns Dr. Friedrich Kohl von Kohlenegg, vertreten. Die Glocken erhielten die Namen Valentine und Ella. Die .Wiener Morgenztg." bemerk hierzu: .Da gewinnt man wieder einmal einen abstoßenden Einblick ist das Seelenleben jener jüdischen Kirchenväter, die heute als Taufpaten einer katholischen Kirchenglocke, morgen als Paten eines nichtjüdischnationalen Wahlkomitees Geld hergeben und sich einen Einfluß auf die größte jüdische Gemeinde sichern wollen." Der Antisemitismus in Bayern. Wie uns berichtet wird, sind auf der bayerischen Grenzstation Lichtenfels eine große Zahl von Ostjuden, die zum Teil seit langen Jahren, einige seit dem Jahre 1912. in Deutschland wohnhaft sind, in brutaler Weise aus dem Z»ge heraus verhaftet, in das Gefängnis überführt uni» nach Absitzung von 14 Tagen Haft gefesselt nach Ingolstadt in das dortige Jnterierungslager gebracht worden. Dort sollen diese völlig unbescholtenen Personen solange sestgehalten werden, bis sie nach Polen abgeschoben werde» können. Das einzige Verbrechen dieser Opfer der schlimmsten antisemitischen Willkür ist, daß sie keine Kenntnis davon hatten, daß in Bayern eine besondere Einreiseerlaubnis vorgeschrieben. ist! Das Betreten bayerischen Bodens ohne Einreiseerlaubnis zieht heute also schlimmere Folgen nach sich, als wenn man sich heute im demokratischen Deutschland eines wirklich gemeinen Verbrechens schuldig gemacht hat. Das ist wahrlich unverständlich. Aber als noch unverständlicher muß folgender Fall registriert werden. Ei» jüdischer Gymnasiast aus der Stadt Posen, ein Deutscher von Geburt und Erziehung, wollte seine Großeltern in Bayern besuchen, — jedoch die Zugreoision an der bayerischen Grenze ließ ihn nicht sin Bayern hinein, — uni» er mußte zurückkehren. Nenordrmrm der badisch-jüdische« Berfaffuug. __ Zwei Zionisten i» Sen Lberrat gewählt. Die aus dem demokratischen Wahlrecht hervorgegangene Synode der badischen Juden, tagte vom 31. Mm bis 2. Juni in Karlsruhe. Der Initiative der zionistischen und konservativen Vertreter gelang es durchzusetzen, daß, der bisherige Oberrat, an dessen Spitze ein nichtjüdischer Ministerialkommissar gestanden hatte, zurücktrat. Es wurde, eine kurze provisorische Verfassung einstimmig angenommen,' wonach von nun an die Synode die Oberratssitze zu besetzen hat. Anstelle des zurückgetretenen Oberrats, unter dessen weltlichen Mitgliedern sich nur ein Orthodoxer uni» sonst lauter liberale Herren befunden hatten, wurde eia neuer 8gliedriger Oberrat gewählt. 4 Sitze erhielten die Liberalen, dje^ 4 anderen wurden durch die vereinigte« Konservativen und Zionisten besetzt. Stuf Vorschlag, der Zionisten wurde Dr. Moses (Mannheim), das langjährige Mitglied des Zentralkomitees des Z.-V. s. D., svwieR^A. Dr. Pfälzer (Weinheim), ein besonders bewährter-Kenner der badisch-jüdischen Rechtsverhältnisse, zu Qberräten gewählt. Geheimrat Mayer, der 37 Jahre lang das einflußreichste Mitglied des Oberrates gewesen wm, ist aus dem Ober-

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