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Neue jüdische Presse · 1920-05-28 · Heft 20 (28.5.1920) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 20 (28.5.1920)
Date
1920-05-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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r A. II. Thyssen Stete Eingang - WM' Neuheiten in Tapeten Teppiche Läufer Vorlagen 20 Nene ttainzerstrasse 20 Ecke Weissfrauenstrasse. : : Telefon: Hansa 1784. Misrachi-Orts- und Jugend gruppe, Donnerstag, 8 Uhr, Hermesweg 27: Bericht über Delegiertentag. Literarische Rundschau. Das neue Palästiaa. (Bon Davis Trietsch. 48 Seiten. Frankfurt a. M., L. Sänger, Verlag.) Inhalt: Die neue Bedeutung der PMstinafrage. — Die Parteien. — Eine neue Spaltung. — (Segen Palästina. — Das Land und seine Fassungskraft. — Die Landwirtschaft. — Der Handel Palästinas. — Die Industrie. — Klima und Gesundheitsverhältnisse Palästinas. — Die Anbaufähigkit Palästinas. — Zur Frage der Ansiedlungskoflen. — Die Juden Palästinas. — Der Kapitalswert der Mischen Kolonien. — P.ilgerwesen und Touristik. — Schlußwvrt-Anh ang. „Je mehr Juden nach Palästina kommen, einem um so Krößeren Teil der Gesamtheit wird die Tradition, das Soziale, die hebräische Sprache nähergebracht. Die Konzentration in Palästina bedeutet Judaisierung in jedem Sinne, — während ebenfalls jn jedem Sinne das entgegeng^etzte Prinzip der weiteren Zerstreuung eine Entjirbnng bedeutet." ..»In unsere Hände, in die der heutigen jüdibischmt Generation, ist mehr als je seit fast 2000 Jahren bas' Schicksal aller kommenden jüdischen Geschlechter gelegt. Groß ist unsere Verantwortung, -ber größer noch solltt unsere Dankbarkeit dafür sein, daß, es uns vergönnt ist, mitzuwirken an der Wiederaufrichtung unseres Volkes ick Unserem Lande, an der Sicherung der' jüdischen Zukunft für alle Zell." Wir können diesen Worten Trietschs nur voll und ganz zustimmen, — mögen auch seine Ansichten und Berech- Freyä-Büro-Einrichtungen Werner, Noll & Cie. Frankfurt a. 31., Theaterplatz 14. BMF* Hau eröffnet. “98 jningen für den 'wirtschaftlichen Ausbau von Erez Israel ebenso wahr sein. Gerade in wirtschaftlicher Hinsicht ist das Büchlein ein sehr praktischer, schnell informierender Leitfaden. „Sumpf". (Drama von Leopold Schwarzschild, in einem Vorspiel und drei Akten. Perlag Änglert u. Schlosser, Frant» surt a. M. 1»20.) Dies Drama des sckyp als Wirtschafts-Politiker bekannten Schriftstellers isr eine Abrechimng mit sich ielbst, mit der Gegenwart und mit ider Menschheit. Es ist ein zwangvoll (und daher auch dramatisch) sich abwickelndes Geschehen: wie Revolution entstand, wie sie von niederen Instinkten' zu eigenem Nutzen erniedrigt worden ist, wie der Befreier als Märtyrer sein -Werk in der noch unreifen Menschheit scheitern sieht. Ws ewig wirksame Aufgabe bleibt bestehen: edles Menschentum. Hierin verbinden sich die beiden äußeren Gegengestalten: der Revolutionär Wilkert und der General, beide äußerlich gescheitert/innerlich aber beide Sieger. Dramatisch ist das Vorspiel bedeutend. Die drei Akte siiü> wohl folgerichtig aufgebaut; aber im Vorspiel wirkt ein dichterischer Dämon, an ihm erkennen wir den Dichter Schwarzschild. Br Kaffee Kuuittuti Eaiseratrassä 56 Kaiserstraßso 88 Täglich erstklassig« BSF Vnteriialtingsmiisik "MW Einzelheiten sind noch zu erwähnen. Im ersten Teil des dritten Aktes ist das Verhältnis Wilkerts zu Anna Witkop etwas zu sentimental gestaltet. Später aber wird .es wieder gutgemacht, bis am Schluß Wittert ins Riesengroße wächst und Anna zum Gefäß wird, ganz von Göttlichttit und Hingabe erfüllt. Sie „küßt den kalten, blanken Stein", darüber Wittert ins Todesschicksal geschnitten ist. Trotz der äußeren Fremdheit des Stoffes halten wir es notwendig zu betonen, daß auch hier ein von jüdischer Sittlichkeits-Sehnsucht erfüllter Geist wirksam ist, vielleicht ohne daß es selbst der Dichter weiß. H. W. Sozialismus «ud Zionismus. (Von Max Brod. 1920. Wien, R. Löwit.) Brvd. findet im Zionismus nicht nur -ein jüdisches, sonder», auch, ein allmenschlichps Gefühl befriedigt. Der Zionismus soll das Judentum als lebendige Quelle sozialer Gerechtigeit verkörpern, deshalb muß er einen dem Geiste nach, jüdischen Sozialismus zu verwirklichen bestrebt sein. Einen solchen Sozialismus hat zwar der „Hapoel- Hazair" im Sinne, fein Programm ist jedoch, meint Brod, noch nicht konsolidiert. Den Marxismus lehnt Brod ab, weil er trotz des Genialen, das er enthält, nicht überzeugend und vornehmlich nicht jüdisch ist. Er'ist nicht jüdisch, weil er alles von der Evolution abhängig macht/ den Willen des Einzelnen aber ausschaltet, und so sehen wir denn auch, daß der Marxismus gerade von jüdischer Seite: von Landauer und Popper-Lynker u. a. verworfen wurde. Ein jüdischer Sozialismus muß nicht alles von der Entwicklung' erwarten, er muß vielmehr klare Formulierungen des Zieles aufstettcn. Der Kämpf gegen die antisoziale 'Gesinnung muß ein Kampf der Gesinnungen, Condttorei und Caf£ Wilhelm Wendel . Alte Gasse e. Während der Sommermonate bis abends 10 Uhr geöffnet. Feinste Torten und Desserts — Kafffee, Tee, Schokolade, Eis« — nicht ein Kampf der Klassen sein. Nach den Verfechtern des Klassenkampfes hat es kernen Sinn, überzeugen zu wollen, da nach ihnen der Mensch lediglich! durch die Klasse in ihm sich für etwas bestimmen läßt. Sie können aber -auch garnicht überzeugen, da sie kein klares Programm zukünftiger Formen haben. Ueberhaupt haben sich die Sozialdemokraten bisher wenig um die - psychische Beziehung des Arbeiters. zum Arbeitsprozeß, um den Geist, nm die Gesinnung gekümmert, offenbar deshalb nicht, weil nach Marx materialistischer Geschichtsauffassung die jeweiligen ökonomischen Bedingungen,, die Materie das Primäre, die Idee dagegen das Sekundäre ist, die eben durch -diese ökonomische Bedingungen erst erzeugt wird. Brod stellt nun im vorliegenden Buch eine geistreiche Kombination von Sozialismus und Individualismuslauf unter Anlehnung an das Popper-Lynker'sche Minimum- Programm, das Brod zwar kritisiert, dennoch wegen des Hohen ethischen Gesichtspunktes, den dieses Programm in den Vordergrund stellt, als die geeignetste Grundlage einesjüdischen Sozialismus bettachtet. Brods Vorschläge, auf die hier nicht eingegangen werden kann, stellen ein hohes- Ideal und eine Vergeistigung des Sozialismus dar und dürften auch von nichtjüdischer Seite Beachtung finden. Ob freilich dieses Programm beim Ausbau einer neuen : Wirtschaft in Palästina leicht durchführbar sein wird, diese Frage mag hier unerörtert bleiben. Notizen. In Haifa beginnt demnächst eine h e b r ä i sch e Tageszeitung unter dem Namen „Hed CHaifa" (Das Echo Haifas) zu erscheinen. Die „Iüdische Verlagsgesellschaft" in Amerika hat, wie aus einem Bericht hervorgeht, in der Zeit ihres seither mehr als 30jährigen Bestehens 115 Werke herausgegeben und von ihnen '(SOOOO Exemplare verkauft hat. Unter den Autoren, deren Werke sie ediert hat, befinden sich Abrahams, Achad-Haam, Dubnow, 'Graetz.Laza- . rus, Perez, Schechter, Zangwill und viele andere. Die Gesellschaft beginnt jetzt mit der Herausgabe einer SerieerfütIK DIE ÄTELEFON 'ALLE'^Ansprüche. FRANKFURTER-PRIVAT-TELEFON-GESELLSCHAFT^b« Balte t;FRANKFURT A..M> Tetnspf Hansa C256/S7 Stempeuju. Roman von Schalem Slechem. AuS dem Jüdischen bearbettet von Samuel MelselS. (Fortsetzung.) ' »Das frag' ich ja auch," sagte Stempenju und schloß sie in seine Arme. „Das schrei' ich ja eben, warum bist Du-nicht lieber meine' Ich lieb' Dich so' ich sterbe! Ich bin krank, wenn ich Dich nicht seh'! Ruchele, sag mir doch, mein Schatz, meine Seele, Du bist ja meine, Ruchele? Du bist ja meine!" »Was heißt, ich bin Deine, Stempenju? Wieso kann »ch die Deine sein?" „Du bist meine, verstehst Du mich, mein Herz, Du bist mein, weil ich bin 'Dein, Dein auf ewig, bis ins finstere Grab bin ich Dein, mein Leben!" ■ „Benjamin hat auch so gesagt ... er hat geschworen — imd am End —" .Was für BenjanMi?" fragte Stempenju und sah sie an, wie man ein kleines Kind ansieht, wenn es Dummheitmi spricht. ,Don wem sprichst Du, meine Seel!" „Bürjamin, Chaje Ettels Süefbruder. Meine Freundin Chaje Ettel war eine'Waise und hatte einen Stiefbruder, der hieß Benjamin, — er schwor ihr ewige Treue — hntb 'am End — Chaje Ettel ist jung gestorben — sie hat mir alles erzählt — sie steht jetzt vor meinen Augen — / ich seh sie am Fenster sitzen, ich sing ihr Liedchen und sie tveint und flüstert: »Glaubs ihnen.nicht, glaubs ihnen nicht, -den Mannsleuten!'" / Ruchele erzählte ihm von ihrer Freundin Chaje Ettel, und Stempenju küßte ihr die Hände, streichelle ihr das blonde Haar und bückte ihr tief in die Augen — und Ruchele erzählte ihm von Chaje Ettel, die jung gestorben, die an der Sehnsucht nach Benjamin zugrunde gegangen ist. »Wozu nützt Dir das, mein Herz, mein Kätzchen, wozu brauchst Du davon reden, am Abend sich an solche Dinge erinnern!' Sieh mich lieber an mll Deinen schönen, leuchtenden Augen —" - •* Kaum hatte Stempenju das letzte Wort ausgesprochen, da entwand sich Ruchele plötzlich seinen Armen. Sie sprang von ihrem Sitz ans und warf chm einen Blick zu, daß Stempenju erschrecktanssprang. „Gott ist -mit Dir»- Ruchele,- was ist Dir geschehen?" Er wollte sie in seine Arme 'schließen, abersie stieß ihn mll voller Wucht von sich. 'Zähneklappernd Mst«te sie: „Siehst Du nicht? da ist sie ja! hier steht sie ja! Sieh 'mal her! hier —" ,W«r steht? wo steht? besinne Dich! hier hast Du meine Hand!" .„Ach, laß mich! laß mich, Stempenju! Laßt mich! Ihr seht ja hier — da steht sie ja — in Weiß gehüllt — da ist sie ja! — Ach, Chaje Ettel! Chaje Ettel! — Ach, läßt mich! laßt mich! — Was für eine Frechheit!" — Ruchele verschwand im Schälten der Bäume. Stempenju sah nur von ferne zwei Enden von ihrem weißen Shawl. Sie flatterten im Winde umher. Sie sahen aus wie zwei -weiße Flügel . . . XIV. Gerettet. Als Ruchele nach Hause kam, empfand sie das unwiderstehliche Bedürfnis, alles zu erzählen, wo sie gewesen und mit wem sie zusammengekommen war. Aber sie fand alle Familienmitglieder um den Tisch versammelt und einige Gäste dazu. Das schüchterte sie ein. Aus dem Tisch stand ein kochender Samovar. Die Versammelten waren in ein eifriges Gespräch vertieft; mau sprach von. geschäftlichen Angelegenheiten, vom morgigen Jahrmarkt, von allgemeinen politischen Dingen. „Ich werde mich morgen auf dem Jahrmarkt mit . meinen Schnittwaren nicht hinstellen," 'Jagte ein untersetztes Männchen. „Solls die Erd verschlingen! Ich Hab die Jahrmärkte satt, nur Aergernisse und Herzweh hat man von ihnen." .Warum?" mischte sich Dwosche Matte ins Gespräch. „Ich begreife nicht, warum Ihr auf die Jahrmärkte so schlecht zu sprechen seid? Vor acht Tagen sah ich gerade vor Eurem Kramladen viele Kunden. Allen jüdischen Kaufleuten nicht ärger! Ihr habt, scheint's, gute Losung gehabt." „Bei Dir heißt ja alles/gute Losung," erwiderte Eisik Naftali kurz. „Ich wünsche mir keinen ärgern Jahrmarkt als den vor acht Zagen/1 nahm nun Mosche Mendel das Wort und kontrollierte, dabei eine Rechnung. „Ich versteh nicht, zu was man's zu leugnen braucht." „Das ist ja die Sach,"'versuchte das untersetzte Männchen zu widersprechen,- „wenn Ihr zehn Gojim beisammen seht, glaubt Ihr schon, man macht a Bombengeschäft." »Wißt Ihr was?" rief ein jüngerer Grünschnabel da- . zwischen. ,Was kümmert uns jetzt der Jahrmarkt; dafür »ist doch der morgige Tag da. Laßt uns ueber über etwas Wichtigeres reden." Die Gesellschaft akzeptierte einstimmig diesen vernünftigen Vorschlag. Der Samovar kochte und dampfte, die Männer steckten sich Zigaretten an, die Stube füllte sich, mit Rauch und Dampf. Unter den Männern entspann sich eine lange Debatte Aber allerlei wichtige Dinge, wie: Eßrogim, Bethhamidrasch-Angelegenheiten, den Krieg und andere Weltsachen. „Wo bist Du gewesen, Ruchele?" wandte sich Dwosche Walke an die- Schwiegertochter. „Nicht weit — auf der Monastersker Gass' . . ." »Wie ist's draußen? schön? Soll Gott helfen, daß wir morgen schönes Wetter haben! — Aber was ist Dir, Tochter, hast Du Kopfschmerzen?- Du 'bist so bleich! Geh auf Dein Zimmer und leg Dich aufs Bett!" Bei den letzten Wollen wandten sich aller Blicke auf Ruchele. Sie sahen ihr bleiches Antlitz und erklärten einstimmig, daß das nur-von dem DMpf des Samovars herrühre. Ruchele ging auf ihr Zimmer und legte sich aufs- Bett. Die Gesellschaft, hatte nun ein neues Thema: „Dunst". Der „Rauch von Kohle," meinte 'einer, sei keine Kleinigq keit: das könne einen lebendigen - Menschen tot machen. Ein anderer erzählte, bei seinem Großvater wäre einmal infolge eines „Dunsts" das ganze Hausgesinde beinahe ums Leben gekommen. „Dunst" ist gefährlich, bestätigte ein drit- ( ter, aber wenn man bedenkt, kan» man sich auch mit! Fischen eine Vergiftung zuziehen. Dieser Hinweis bildete den Uebergang zu einem neuen Thema: der Tod. . „Was man nicht alles reden soll, immer kommt's auf den Tod hinaus!" bemerkte das untersetzte Männchen. Mosche Mendel hatte unterdessen die Gesellschaft verlassen und -war in sein Zimmer geeilt, um zu sehen, was Ruchele mache. Nach Verlauf von einigen Mintueu Hölle man Plötzlich die Stimme'Mosche Mendels: „Juden! rettet! Wasser! Wasser!" Alle stürzten ins Zimmer: Ruchele lag aus dem Bett mit kreidebleichem Antlitz; sie hielt die Augen geschlossen und die Lippen fest aufeinandergepreßt. Mosche Mendel stand neben ihr und rang verzweifelt die Hände. \ *v ,W"s ist? Jn Ohnmacht gefallen? Wasser! rascher!" »Wasser! Wasser!" schrien alle Anwesenden; und niemand rührte sich von der Stelle. Dwosche Malle kam mit einem> Krug Wasser und bespritzte Ruchele das Gesicht. . „Den Doktor rufen!" schrie Mosche Mendel. . ' „Den. Doktor! den Doktor!" schrien alle, und niemand rührte sich von der Stelle. (Schluß folgt.)

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