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Neue jüdische Presse · 1920-05-21 · Heft 19 (21.5.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 19 (21.5.1920)
Date
1920-05-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt .iiiiiiiiwiiiiiinniimiimiiiiiiiiiiiniiiiiiii'iiniiiiiiimiiiiinniiiiiii! Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel- : : jahrrIn Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, : : auswärts bei der Post abonniert Mk.3.S0, ste! inS Haus 15 pfg. j j mehr./BeiZusendungdurchStreifbandfürDeusschlandMk.20.00, ■ : für alle übn'gen Länder Mk.30.00sährlich, im Voraus zahlbar. : Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis ■niminiiinnimimmnnmn«iinunmnuminiiimnmmmiiin. j Infertionspreis für die sechsgestralteneRonp.Zeile^MVb-, fwr : : die Reklamezeile Mk.3>—. Lei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkit. / : I Annoncen-Annahme bei der ^ped.und in a.Annoncen-Bureaus.; : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.4864. : Freitag, den 4. 8i>vnn 5689 (21. Mai 1920) 18. Jahrgang. Zur inneren Lage des jüdischen Volkes. Von Nachum Goldman«. - D r Nachnm Goldmann, unser langjähriger Mitarbeiter, übersendet nns den Korrekturbogen eines Artikels, der in der nächsten Nummer der bekannten Wiener Monatsschrift „Der Jude'" unter der tleberschrift „Zionismus und nationale Bewegung" erscheint, und den wir hier — veranlaßt durch die aufgezwungene Raumökonomie/— mit einigen Kürzungen wiedergeben. G. bringt in einer sehr ernsten Zeit überaus ernste Probleme zur Sprache. Wir stimmen init ihm in den einzelnen Tatsachen, jedoch nicht im letzten Aspekt überein, von dem aus sich bei ihm diese einzelnen Tatsachen zn einem Gesamtbilde vereinen. Wir habe» den sestin G auben an die regenerierende Kraft des neuen jüdischen Palästinch wir haben diesen Glauben, weil in uns der Glaub« an die Göttlichkeit unserer Thora und die Ewigkeit des jüdischen Volkes lebt, und noch so ungünstig scheinende Zeitkonstellatione» können uns nicht an dem Leitstern unseres Glaubens irre werden lassen. Sämtliche Völker der Welt lechzen heilte vergeblich- »ach Führern von überragender Größe, damit ihnen ein Ausweg aus der furchtbaren Wirrnis der Zeit werde, - und trotz allem hofft jedes Volk ans seine Zllknnft. Unserm jüdischen Volk hat sich vor 3Ve Jahrtausenden mit der Gabe der zehn Gebote vom Horeb herab das größte Wunder der Menschheit offenbart, — und dieses Wunder hat sich in seine Volksseele versenkt, es kan» zeittvcilig verkümmern, aber nie schivinden. In dem jüdischen Palästina wird es wieder zur Entfaltung kommen. Deshalb sollen wir wohl warnen, die Gefahren der Gegenwart zeigen, aber nicht zn pessiinistisch und resigniert sein. ' Denn nur eine innere Grundhaltung, die bestimmt ist von Zukunstsglauben und hoffnungsstarker Zuversicht , in die werdenden Dinge, die geistig-religiöse Verfassung, der unser Volk seine Rettung und Erhaltung in der Diaspora verdankt, wird uns die schwere innere Krise des Irrewerdens an dem Sinn des jüdischen Keubeginnens/ die Gefahr einer Abwendung von der nationalen und der geistigen Erneuerungsbewegung des jüd. Volkes in ihren Anfängen überwinden lassen. - * Der kurzsichtige' Wahn, mit der Unterzeichnung des Friede ns sei die Periode der Zerstörungen, Kümpfe, des Chaos und des' Zerfalls beendet und die neue. Zeit des schöpferischen Aufbaues, des Aufstiegs und des Wachstums bereits an ihrem Beginne, ist wohl heute von den Einsichtigen und Weitblickenden aller Völker als eine dummmechanische Vorstellung erkannt, erzeugt von einer Generation, die nicht stark, klug und hellsichtig genug ist, sich der Folgen ihrer Taten klar zu werden. Auch unter, uns gab es viele, die solchem Wahne anhingen, glaubten viele, das Martyrium' des jüdisthrn Volkes habe mit dem Versailler Friedensschlnß lein Ende gefunden. Zukunftsgläubig, ja begeistert und berauscht traten wir in die neue Friedenszeit ein; ein weltpolitisch anerkanntes Judenvolk, nationale Minoritätsrechte im Osten und — vor allem anderen — die nationale Heimstätte in Palästina, schien es uns allen nicht, als ob auch wir glaubeir durften, als Sieger aus dem Kriege hervorgcgangen zn sein? Dieser Glaube ist in diescni letzten Jahre uns gründlichausgetrjeben worden. . . Und heute ivissen wir, daß wir Uns inmitten einer Krisis befinden, wie Ivir sie ärger, ja wie wir sie gleich arg in keinem -der fünf Kriegsjahre durchlebt haben. Durch alle Länder flutet eine antisemittische Welle von einer im Werlaus des letzten Jahrhunderts »»gekannten Heftigkeit und Mächtigkeit. Alle Elemente der Reaktion und des Chauvinismus in der Welt sammeln sich zu gemeinsamem Stnrmlauf gegen uns. Stärkstes Selbstbewußtsein,. opferfreudigste Solidarität, intensive innerste Anspannung täte not, um solchem Angriff standznhalten. Unsere innere Verfassung aber ist trauriger noch, kritischer, als es unsere äußere Lage ist. Die jüdische Masse des Ostens ist in den fünf Leidensjahren des Krieges müde Leworden. Die furchtbare Not ihrer Existenz, die Entwurzelung aus dem überlieferten. Milieu, aüs den traditionellen Lebensformen, die völlige Zerrüttung ihrer äußeren und inneren .Struktur/ all bas hat einen großen Teil der jüdischen Masse demoralisiert; hat 'Bindungen gelöst, Hemmungen vernichtet, hat einen niedrigen Egoismus, Gier nach Geld, eine Sucht nach Genuß großgezogen. Das Judentum im Westen aber fühlt sich durch den Antisemitismus in seiner gesicherten Existenz gefährdet; es fürchtet sich, zittert, schreckt bor jeder Art selbständiger, nnitiger Politik zurück, gibt jede Gemeinschaftmit den heftiger angegriffenen Ostjude» feige preis und wird immer haltloser. Alles -in allem: Apathie und Indifferenz, Angst und kleine Sorge, Selbstzucht und Verantwortungslosigkeit beherrschen in einem hohen Maße die' jüdische Welt und machen Uns schwach, verwundbar und unsicher. Auch nns fehlt — cs ist arg, es konstatieren 51t müssen — die neue schöpferische, hinreißende Idee, die allein heute noch stark genug ioäre, uns seelisch zn verjüngen und moralisch zn erneuern. Auch wir leiden am großen Uebcl der Ztjlt, an ihrer Ideenlosigkeit, an ihrer Unfähigkeit zu glauben, an ihrem Mangel an schöpferischer Phantasie, an ihrer unsagbaren Kleinheit. Eine einzige Bewegung hat versucht, eine neue Idee zn verkünden, hat vermocht — für eilte Weile wenigstens — Massen zu begeistern, sie zu Opfern bereit zu machen: der Bolschewismus. Er ist keine jüdische Idee. Auch wo Inden seine.Führer sind, stcht er nns fremd, indifferent gegenüber. Er hat uns national geschadet, nns starke Kräfte entzogen und unsere Solidarität erschüttert. Wir aber haben keine an Kühnheit, Energie, Rodikolität ihm gleichwertige Idee ihm cntgegenznsetzen. Ter zionistische Gedanke hätte es vermocht. Er hat c3 für eine Weile getan. Und zweifellos' hat er genügend Tiefe, Größe und Erhabenheit, um, richtig geformt, richtig genützt, unser Volk Hinreißen zu können. . . . Doch ihm ist die hinreißende Kraft, die revolutionäre Kühnheit, der große Schwung und das begeisternde Pathos seiner ersten Jahre in hohem Maße abhanden gekommen. . . Die jüdische Masse kann für die Dauer nicht ideallos leben. Der kleine Egoismus' materieller Art sagt uns nicht zu. Viertausend Jahre lang von Ideen beherrscht, zum Glauben gezüchtet, seelisch dazu erzogen, das Morgen für wichtiger zn nehmen als das Heute, die Idee für'wesentlicher als die Realität, das Postulat für maßgebnder als die Praxis, können wir nicht gut den Zustand idealloser Selbstsucht ertragen. Was das jüdische Laster so unerträglich, -häßlich und widerwärtig macht, ist eben dies, daß es >uns nicht gut ansteht. Wir werden seiner nicht Herr: so wird es grob, plump, krasser als bei jedem anderen Volk. Die jüdische Masse wird sich ein neues Ideal suchen. Geben wir es ihr nicht, gibt es ihr nicht die Vergangenheit und Ideenwelt des Judentums, so wird sie es sich ans der nichtjüdischen Sphäre .holen, und da der bolschewistische Gedanke inniitten . der furchtbaren Oede des heutigen Europa der einzige Gedanke ist, der Massen entflammen nnd führen jfann, wird sie bolschewisiert werden. Die Symptome sind bereits da. Weiß man, daß der „Bund" int Osten-heute stärker ist als der Zionismus; daß die sozialistischen Gruppen täglich an Stärke nnd Umfang gewinnen? Ich habe jüngst in Warschau einem Demonstrationszug des „Bundes" beigewohnt: zum ersten Male sah ich im Zuge Chassidim, lutere Juden mit Schläfenlocken und Vollbart. Das wäre uns vor zwei Jahren unmöglich gewesen und zeigt, wohin die Entwicklung führt. Ihr entgegentreten könnte — ich wiederhole es — lediglich der Zionismus. Das alte Judentum kann es nicht mehr; man konstatiert es mit Schmerz, denn, gerade am gegenwärtigen Zustand der jüdischen Masse nimmt man wahr, welch ungeheure strenge, zuchtvolle, lebenssteigernde, geistschöpferische Daseinsform das traditionelle Judentum unserem Volk bedeutet ... Von. der Seite des zionistischen Ideals her müßte das Volk ergriffen, erschüttert, bezwungen werden. Seiner Sehnsucht nach einer neuen, besseren Welt, die ein erheblicher Teil der jüdischen Masse im radikalen Sozialismus erfüllt sieht, müßte durch das Bild der.künftigen jüdische» Lebensform in Palästina Erlösung geboten werben. Sein Drang nach Tat, Aktion, sein sich selbst unerngestanden-s Sehnen, Opfer zu bringen, leiden zu dürfen im Dienste einer Idee, müßte bei Uns Erfüllung finden können. Alles, was es an revolutionärer Energie, an Erneuernngswillen, an Schöpfertrieb hat — trotz aller Demoralisation, Apathie und Ziellosigkeit hat — müßte bei uns Bctätignngsmöglichkeit, Bewährungsmöglichkeit sinden. Müßte — mack kann nur im Konjunktivum davon sprechen. Die Aussicht ist gering, daß es .so werden kann. Wir waren schon vor dem Strie&e an revolutionärer, massen¬ Rr. 19. begeisternder Energie nnd Schwungkraft arm geworden; die Politisierung der letzten Jahre, die überstarke Einstellung auf weltpolitische Wtion und diplomatische Arbeitsmethoden hat uns innerlich noch ärmer werden lassen. So fehlen nns die Männer, fehlen uns die Zentren, fehle« uns die Mächte, von denen eine solche .fortreißende, beschwingende, bannende Wirkung auf die Bolksmasie ausgehen könnte. Man lese die Berichte der letzten Aktionskonnteejitzung. Sie war die erste nach dem Kriege. Was wurde nicht alles von ihr erwartet! Was gab sie? Beratungen, Resolutionen, Vorschläge, manche klug, mairche praktisch: wo aber der große Zug, wo irgendein neues Wort, Ivo die zündende Parole? Keine Wirkung ging vou ihr auf das Volk aus. Dies' alles ist nicht als Vorwurf für die Führer des Zionismus gesagt, nicht als Anklage, nicht als Tadel. Niemand kann bedeutender sein, als er Ist: und auch für Führer einer Bewegung gibt es keine Pflicht zur Größe. Vieles wurde von den Leitern der zionistischen Bewegung geleistet: vieles erreicht. Daß ihre Größe und ihr Format nicht der Zeit entspricht, ist nicht ihre Schuld. Es liegt nicht an ihnen, die sie Anspruch auf Dank nnd Respekt haben. Es liegt an der Bewegung; es liegt am Zionismus. Wo die große Idee da ist, da findet sie ihre Repräsentanten, ihre Wortführer. Weil der Zionismus an Größe verloren hat, hat auch das Primat seiner Führer Einbuße gelitten. Was not tut, ist eine Erneuerung, eine Steigerung des Zionismus, tlnier Volk lechzt nach Glauben,-Ideal nnd schöpferischer N'enbelebnng. Wissen dio meisten von nns, wie sehr es sich danach sehnt, wie es sehr an dieser noch unerfüllten Sehnsucht, an diesem Hunger leidet, sich quält. Halt nnd Ziel verliert nnd immer mehr dem Abgrund zntaumelt? Zwei Stimmen über Palästina. H e r b e r t S a m u e l, der jetzt zum Generalgouverneur von Palästina ernannt worden ist, weilte bereits vor Pessach im Aufträge der britischen Regierung zwecks Studium administrativer und ftnanzieller Angelegenheiten zwei Monate dorten. Samuel hat einen Bericht über seine Eindrücke verfaßt, und in diesem Bericht heißt es: „Nachdem ich selbst Palästina besucht habe, fühle ich den Zauber, der über dieses Land ausgegossen ist. Die Erinnerungen seiner reichen Vergangenheit, seine herrliche Natur und sein angemessenes 'Klima, — dies alles zusammen bringt einen gewaltigen geistigen Einfluß hervor, wie er nicht seines gleichen hat." Samuet schildert sodann die aussichtsreichen wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten des Landes und fährt dann fort: „Ich sah die antizionistischen Demonstrationen. Meines Erachtens geben sie zn keinen Bedenken Anlaß, denn sie gründen sich nur auf falscher Anschauung vom Wesen des Zionismus, auf dem Glauben, die Nichtjuden könnten den Juden ausgeliefert, die Gutsbesitzer und 'die landwirtschaftlichen Arbeiter könnten durch die Juden vertrieben werden. Palästina hat genug Platz für eine starke Einwanderung. Doch muß diese Einwanderung planmäßig unter Leitung der Behörden vor sich gehen und. produktive jüdische Arbeitcr ins Land bringen. Wer die jüdischen Kolonien gesehen hat, weiß, welchen Segen sie für Palästina bedeuten. Die Scheichs uni» die Fellachen in der Nachbarschaft der jüdischen Kolonien leben in den freundlichsten Beziehungen zn den Juden. Wie die Kolonien der nichtjüdischen Bevöllerung gezeigt haben, daß sie ein Segen für alle sind, so muß auch die zionistische Bewegung beweisen,' daß sie ein Segen für das ganze Land ist." Major Franz Carl Endres in München, ein Kenner Palästinas, gewährte einem Vertreter des „Jüd. Echo" eine Unterredung, in der er u. a. sagte: „Das große vorderasiatische Programm Englands, das lange vor dem Weltkrieg vorbereitet, in diesem zmn militärischen Abschluß kam, enthüllt die Forderung einer gesicherten Landverbindung Aegyptens mit Indien. Diese Landverbindung erfordert die Herrschaft Englands in Südpersien, Mesopotamien und in Südsyrien. Ohne diese Herrschaft ist auch die schönste Bahnlinie Cairo—Jerusalem—Damascus—Jsfahan—Kirman—Haiderabad nur ein blaßer Gedanke. Ein Königreich Syrien (mit Palästina) unter einem arabischen Nationalisten, wie es Emir Faisul ist, kann England ans die Dauer nicht ertragen und wird es nicht ertragen. Ein jüdisches Palästina, über das England ei»

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