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Neue jüdische Presse · 1920-05-14 · Heft 18 (14.5.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 18 (14.5.1920)
Date
1920-05-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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FrankfurterLsraelmsches Famklienblatt . juimuminiiiiiimiiiiHWimmiiiiiiiiiiiimimiiiiiiiiiiiiiiiinmm ‘: Erfiheini wöchenstich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel«; : fahr: Zn Franksurt am Main bei der Neuen Iüdischen Presfi, : : auswärts bei der Post abonniert Mk.3.S0, fiel ins Haus 15 pfe. j | mehr./VeiZusendung durch Streifband surDeutschland Mk.20.00, : : fiir alle übrigen Länder Mk.30.00jährlich, im Voraus zahlbar.! Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis \mi iiimiiiiiiiiiiiimimmmin—niiimimi sertionspreis fiir die sechsgespakteneNonp.ZeileilOOPfg., fiir die Neklamezeile Mk.3.—. Bei Wiederholungen entsprich«-« : Mbatt./ Platz- und Datum-Lorschrist ohne Verbindlichkeit. / : Annoncen-Annahme bei der (tzped.und in <nAnnoncen»Vure««ck. : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864. 48. Jahrgang. Freitag» de« 26. IZ»r 5686 (14. Mai 1626) Rr. 18. Der Antisemitismus i« Bayern. Die bayerische Judenheit war stets stolz darauf, mit item Antisemitismus brr „Saupreußen" nichts zu tun zu haben. Der bayerische Staat bemühte sich ehrlich, die Gleichberechtigung seiner jüdischen Bürger zu beachten, sodaß es sogar jüdische Offiziere in Bayern gab. Und das Verhältnis der christlichen Bevölkerung zu der jüdischen war gleichfalls ein freundliches. Der Krieg mit seiner Aufwühlung der Leidenschaften .und ganz besonders die demoralisierenden Nachwirkungen des Krieges haben die politische Lage der Juden Bayerns radikal geändert. Rein äußerlich betrachtet, hat der zufällige Umstand, daß einige Juden unter den Führern der Münchener Revolution waren, die antisemitische Welle, die gegenwärtig Bayern durchzieht, hervorgerusen, — in Wirklichkeit ist es aber die infolge des Krieges entstandene Not des Wirtschaftslebens, die in jeden:'Menschenbruder einen lästigen Konkurrenten sehen läßt und sich naturgemäß am ungehindertsten gegen den Juden austoben kann. Dazu kommt noch, daß nach der radikal-revolutionären Aera des vergangenen Jahres die gegenwärtige Regierung sich bestrebt» nur nicht in den Verdacht demokratischer Handlungen zu kommen und am bequemsten und augenfälligsten einen solchen Verdacht durch antisemitische Politik verhindert. So hatte die Regierung am 20. März dieses Jahres die Oeffentlichkeit mit der Ausweisung der Ausländer, d. h. der „Ostjuden", überrascht. Der Wohnungsmangel bot einen willkommenen Anlaß dazu. Die Ausweisung wurde zum Teil in der rücksichtslosesten, unbegründetsten Weise: vorgenommen. Und der Erfolg? In München wurden! dem Wohnungsamt die Adressen von 331 ausgrwiesenen Ausländern übergeben, — und gewonnen wurden damit 14 Wohnungen, 26 möblierte und 6 unmöblierte Zimmer: Der Erfolg war ein solcher, daß im Münchener städtischen Wohnungsamt der Berichterstatter über diese An- ^legenheit sein Urteil dahin zusammenfaßte, es wäre vielleicht Poch besser gewesen, wenn die Verordnung nicht erlassen worden wäre. . , ‘ Aber auch den bayrischen Juden zeigt die Regierung, daß sie.nicht'mehr auf Gleichberechtigung rechnen können. Zur Gleichberechtigung gehörte die freie Ausübung des . jüdischen Religionsgesetzes, und deshalb wurde seit der staatlichst Rationierung der Lebensmittel dem Juden die Möglichkeit gegeben, diese Lebensmittel nach den Vorschriften seines Religionsgesetzes zu erhalten. Aus Verbeugung vor der antisemitischen Stimmung im Lande hat die Regierung ' diese. Möglichkeit jetzt eingeschränkt, indem bei Milch und Käse keine Rücksicht mehr auf die religiösen Bedürfnisse der frommen jüdischen Bevölkerung, gerade des Teiles der Juden, der am wenigsten in den politischen Kampf eingreift, genommen wird. Rur nackter Antisemitismus kann für eine solche Handlungsweise die Ursache sein. Wenn sich so die Regixrung verhält, wie muß da erst die Bevölkerung gesinnt sein! In der Tat besteht in weiten. Kreisen eine unglaubliche antisemitische Berhetzupg. Für alles Unglück werden die Jude» verantwortlich Mmacht, — und dabei kommen in Bayern auf je 1000 Chri, fien ganze acht Juden. *1 Möchten die bayrischen Juden aus der Aenderung ihrer politischen Lage doch die Lehre ziehen, wie sehr das jüdische Geschick ein Spielball des Ungefährs ist, und wie notwendig ps daher ist, das gegenseitige Verhältnis der Juden und der , Richtjuden auf eine ganz,, andere Grundlage wie bisher zu stellen. Ällunser Streben galt bisher der individuellen Gleichberechtigung, für dieses Phantom assimilierten wir uns. Eine wirkliche Gleichberechtigung fordert aber unser Recht als j üdische Menschen, doch dazu müssen wir uns erst selber als selbstbewußte, stolze Glieder einer, jüdischen Gesamtheitbegreifen, die nach außen ein besonderes Gepräge und nach innen besondere seelische Werte hat. * Der Delegierteutag des Misrachi. Folgende Resolutionen wurden vom Parlamentausschuß vorgelegt: 1. Antrag Leo Kirschenbaum. Die Leitung wird vom Delegiertentag beauftragt,' mit den andern Organisationen zwecks Schaffung von Anstalten in Deutschland zu verhandeln, die der schulentlassenen Jugend die Möglichkeit geben, vor Eintritt in ihr Berufsleben sich 1—2 Jahre in dem jüdischen Schrifttum, speziell Bibel, Mischna, Talmud und hebräischen Sprache fortbilden zu können. Außerdem sind.für. die ostjüdischen Kreise Kurse in profanen Fächern einzurichten. Anschließend hieran soll eine Stelle für Berufsberatung eingerichtet werden, die von den Organisationen paritätisch zusammengesetzt wird und sollen Leiter bezw. Lehrer obiger Anstalten evtl. Sitz und Stimme hierin haben. 2. A n"t r a g Adler, Lübeck. Der Delegiertentag beschließt: Die Ortsgruppen haben tätige Mitarbeit in der Leitung der deutschen Misrachibewegung zu leisten. Sämtliche Gruppen sind verpflichtet, regelmäßige Berichte über ihre Tätigkeit an die Leitung gelangen zu lassen. Die Tätigkeit der M. - G. hat sämtliche Anregungen der Leitung mitzuberückfichtigen. Säumige O.-G. sind evtl, in dermisrachistischen Presse an die Erfüllung dieser Pflichten zu erinnern. Es wird eine von der Berliner Leitung getrennte Stelle geschaffen, die einen regen Gedanken-' und Arbeiter-Austausch dev' O. -G. untereinander zu entfaltvr haben. Diese Stelle ist der 'Leitung für ihre Tätigkeit verantwortlich. Es wird eine Stelle geschaffen, die den Einheitsgedanken zwischen Misrachisten und Allgemeinzionisten besonders fördern will. Diese Stelle hat mit sämtlichen O. - G. ständig Fühlung zu halten und Aufklärungsarbeit zu halten innerhalb der misrachistischen O.- G. und gegenüber den allgemeknen zionistischen O.-G. Die Stelle untersteht der Leitung des deutschen Misrachi. Beide Anträge wurden einstimmig angenommen. Frankfurt und Hamburg haben sich zur llebernahme der beiden Stellen bereit erklärt. 3. Antrag Gabriel Knoller für die Jugendgemeinschaft, Berlin. Der Dtlegiertentag beauftragt die Leitung, inV erhandlung mit der Z i o n i - stischenOrganisationzugemeinsamerGründun'g und Förderung der jüdischen Schulen einzutreten.. Einstimmig angenommen. 4. Antrag Hermann Struck. Alle literarischen Bestrebungen zur Verbreitung des Misrachigedankens sind in geeigneter Form zu unterstützen. Insbesondere wird das Zentralbüro ersucht, geeignete Maßnahmen zu treffen, um eine evtl. Schädigung der Neuen jüdischen Presse durch die Einführung des Zwangsabonnements auf unser Zentralorgan auszugleichen. Einstimmig angenomnten. . 5. Antrag Dr. Rabin und Fromm. Der Delegiertentag ersucht allen Orts- und Jugendgruppen, denen die Aufbringung des Mitgliederbeitrages schwersällt, die Mitgliedschaft dennoch möglich zu machen.-. Einstimmig angenommen. 6.'AntragRabin-Fromm: Das Abonnement der „Neuen Jüd. Presse" kann an Stelle des Zwangsabonnements der „Jüdischen Presse" treten. Einstimmigangenommen. ,7. Resolution Lazarus-Barth-Dr. Rabin. Die Kultur.d.es Judentums.ist eine national - religiöse. Im Mittelpunkt des Thoragesetzes steht das jüd. Volk und das jüd. Land. — Das Exil hat das Land, die' Assimilation hat das Volk uns seiner zentralen Lage verdrängt. Die Hinsicht auf die Galuthverhältnisse erschwert das volle Erleben und Ausüben des göttlichen! Thorahgesetzes, . Die.^kulturelle, Tendenz des Misrachi. ist, ’ dort anzuknüpsen, wo 'das Exil das Band zwischen Voll und Land zerrissen und diesen beiden Faktoren wieder ihm überragende Bedeutung zu verschaffen, um die volle jüdische Einheit herbeizuführen. Einstimmigangenommen. 8. Antrag Adler-Lübeck: Das Zentralbüro, wird ermächtigt, eine gesonderte Stelle für die gesamte Sammeltätigkeit, gegebenenfalls auch in einer anderen Stadt als Berlin, zu errichten. — Die Sammelstelle soll für die Aufbringung der misrachistischen ' Zwecken dienenden Gelder verantwortlich sein. Die Sammelstelle hat eine weitgehende, energische Propaganda bei den O. - G. durchzuführen. — Es sttht ihr das Recht zu, säumige O. - G. durch die Misrachi - Presse an ihre Pflicht zu mahnen. Die Sammelstelle untersteht der Leitung des Zentralstelle. Einstimmig angenommen. Herr Adler hat sich zur Uebernahme der Stelle bereit erllärt. 8. Antrag des Misrachi-Jugendverband Deutschland: Die soziale Gerechtigkeit ifl^ wie Gerechtigkeit überhaupt, eine Grundforderung der göttliche» Lehre. Beim Aufbau Palästinas muß diese Forderung auf jedem Gebiet, d. h. miP Bezug auf den Boden in Stadt und Land, auf Handel und Industrie, sowie alle sonstigen Zweige des Wirtschaftslebens, durchgesetzt werden. Einstimmig angenommen. 10. Antrag Knoller, der Jugendgemeinschaft Deutschland Mk. 30 000 für ihre besonderen Zwecke zg be-' Willigen, wurde aus finanztechnischen Gründen abgekhnt. Jedoch wurde die Leitung ermächtigt, von Fall zu Fall die Jugendgemeinschaften finanziell zu unterstützen, wo deren Mittel nicht ausreichen. * Wenn wir die Eindrücke der dreitägigen Tagung mihren hervorstechenden Merkmalen wiedergeben sollen, so können wir folgendes sagen: Wir haben heute baä Glück, eine Schar geistig hochstehender und mit dem Thorajudentum aufs innigste verwachsener Juden zu besitzen, die entschloffen sind, ihre Mnze - Persönlichkeit für vie Lösung der schweren ProbkdmL ei»» - zusetzen, die der Judenheit in den Goluslündern und in Palästina in der Gegenwart bereits erwachsen sind undin Zukunft noch erwachsen werden. Es zeigte sich in dieser Hinsicht ein einheitlich gerichtetes Streben unter den Jungen und uyter den Alte» - der Delegierten. Immer wieder llang ein Ton aus den Debatten, und der kündete: Propaganda für eine religiöse und sittlich-ethische Lebensanschauung und -Betätigung , gemäß der geosfenbarten Sinai-Lehre. In diesem Sinne wurdp dw Gründung einer Lehranstalt für das jüdische Wissen, die Herausgabe von Schriften für alle Gebiete des Geisteslebens, von der Warte des Judentums betrach-- tet, beschlossen, und von diesem Gesichtspuntte aus ttat man an die in Erez Israel erwachsenden Kultur-Probleme, besonders an die Fragen des Schulwesens und des soziale» Aufbaus, heran. Der.Misrachi hat eben kein polittsches, sondern ei» kulturelles Gepräge, — und deshalb war es nur korrekt^ baßj der Delegiertentag die Behandlung von Fragen, die - über diesen Rahmen hinausgingen, vermied. Das Mittelalter in Ungar«. Die Entente schweigt, — und in Ungarn. werben , weiter unschuldige Menschen beraubt, gefoltert, getötet.' Besonders in Budapest, dem Sitze der gegenwärtige» „christlichen" Regierung Ungarns, werden von verschuldeten Qffiziren, denen ein Drittel der konfiszierten Summe zugesprochen wird, täglich Menschen Perhastet, in die Keller des Hotels Royal oder Britannia geschleppt, Hort in perverser Lust gemartert und dann häufig Monate uwg ohne Verhör eingesperrt. So wurde z. B. der unschuldig verhaftete Julius Penz so lange geohrfeigt, bis er auf der einen Seite blind und' taub wurde. Nach sieben Wochen wurde er ohne Verhör wieder entlassen und ist nun ein Krüppel. Hinrichtungen sind alltäglich. Im MilitärgesängnH am Margaretenring kommen die politischen Häftlinge in Zeller^ wo Verbrecher und Raubmörder sitzen. Bei der Wiklkir des ganzen Verfahrens werden mitunter auch christliche Ausländer ergriffen, trotzdem natürlich Juden „bevorzugt" werden. So wurde der Italiener Antono della Rosa, ein englischer Untertan, fünf Monate ohne Verhör in das Militärgefängnis gesperrt. So wurden drei Serben ver«

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