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Neue jüdische Presse · 1920-05-07 · Heft 17 (7.5.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 17 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt ywmniiiiiHimiinimnininiiiiiiimiiiiiiiiiiiiimiiiiiniiinMinJ ■ tzdfiheinl wöchenllich ««»Frettag. Vezugsprels pro Viertel' : : fahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Kretz, : : auswärts bei der Kost abonniert 3JW.3.50, frei ins Haus 15 Ktz. : ■ mehr./ÄeiZusendung burchStreifband furOeutschland Mk.20.00,; \ flir alle übrigen Länder Mk.30.00jährlich, km Voraus zahlbar, j i»—--.■„■..............■.■...»....■....niuiiinn«uniiuni<! Dredaktion und Expedition: Frankfurt a.M.> Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis uimiiiiiiuiiiiiiiiiiiuiRi Insertionspreis fffr die sechsgegraltenLrkaap.ZeileioüKtz, stbr die Reklamezelle Mk.L.-. Lei Wiedecholungen entsprechender Rabatt. / Platz, und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. > Annoncen-Annahme bei der Exped.unü in a. Annonren-Vurraus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864.. 18. Jahrgang. Freitag, den 19. Har 5889 (7. Mai 1929) Nr. 17. Sa« Re«o. Die wechselrriche Geschichte des jüdischen Bottes dürste-sich seit der egyptischen Knechtschaft vor dreieinhalb Jahrtausenden noch nie so hoffnungslos gestaltet haben wie in der Gegenwart durch, die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Weltkrieges. Auf dem Boden der Älter »ad selbst in den trübsten Stunden das Land den Halt, und.seit der Beitreibung ms cGolus. war stets die Ge- Mosseyheit des jüdischen Bolkskörpers die Mauer gewesen,. die in den fürchterlichsten Lagen Widerstand bot. Die, Vernichtung der- Juden Deutschlands während der Kreuzzügc oder ihre Austreibung' von der Pyrenäischen Halbinsel, zwei der katastrophalsten Episoden der jüdischen Geschichte, trafen nur einen Teil der Volksgesamtheit und bedeuteten nur einen Verlust in der Zahl, nicht aber in der Einheit des jüdischen Volkes, im Gegenteil: diese Einheit wurde noch gestärkt. Nicht so in der Gegenwart. Schon mit dem Ausgang des Mittelalters zeigt sich die schöpferische, gesunde Krast des jüdischen Volkskörpers sichtlich gemindert, und bald flutete überall, wo die Judengasse gesprengt wurde, das Leben, Las von draußen seine Wellen schlug, heran und untergrub die normale Festigkeit und Sicherheit dieses Körpers immer inehr und mehr und in immer schnellerem Tempo. Da kam der Weltkrieg, durchwühlte die Menschheit bis in Ihr Mark und tat auch hier sein Letztes. Er zerriß das Ostjudentum, das letzte und stärkste Bollwerk, das nocb am meisten Halt in sich hatte, das am wenigsten ein Opfer der Assimilation geworden war. Nicht, daß hunderttausend Juden im November vorigen Jahres in der Ukraine hingemetzelt wurden, nicht, daß Millionen Juden in Polen durch de» Pogrom eines schleichenden wirtschaftlichen Boykotts der Vernichtung anheimgegeben werden, nicht, daß die politische Lage der Juden selbst in den sogenannten Kulturländern wie Oesterreich', Ungarn und sogar Deutschland seit Jahrhunderten nicht so gefährdet war wie jetzt, all das nicht und auch nicht das, was wir noch aufzählen könnten, ist das Fürchterliche, Hoffnungsberaubende, — sondern die Zersplitterung und Zerrissenheit innerhalb der Judenheit, die Indifferenz, »er Witte unterzutauchen in der Kultur der Umwelt, die mehr als 50 Prozent Mischehen und die Taufen im Westen und die Zerstörung und Verödung der Lehrstätten der Thora und die Entfremdung Hunderttausender von dem lebendigen Thoraquell im Osten. Aus den schwersten .äußeren Schicksalsschlägen kann Rettung werden, doch der innere Zerfall eines Volkes ohne Land muß zur Vernichtung führen. . * Und nun in diesem finsteren Gewölk plötzlich ein •jctter Lichtstrahl, in der Stunde des Sterbens mit einem 'Male Leben, zuknnstsfrohes Leben: Schon die Balfoursche Dettaration im November 1918 -ab den ersten Lichstrahl. Doch bei den so häufig unöer- Kändlichen Wegen der Machthaber der Weltpolitik, bei den so häufigen Widersprüchen zwischen ihren gesprochenen Worten und ihren Taten leuchtete die Balfoursche Deklaration vorerst nur wie eine Fata morgana. ’ Und als dann am vergangenen Pessach unter. dem - Schutz der englischen Okknpationsbehörden in Jerusalem ein Pogrom drei Tage wütete, als wäre es unter zaristischer oder polnischer Herrschaft, nachdem trotz der Baljourschen Dettaration die gleichen Behörden schpn längst durch die Unterbindung der jüdischen Einwanderung ihre Gegenarbeit, gezeigt hatten, —da schien wirklich Englands Versprechen' mrr eine Fata morgana gewesen zu sein. Dochzur Zeit der Nacht ward es Tag, die Friedenskonferenz von San Remo hat am 24. April die Aufnahme der Balfourschen Erklärung in den Friedensvertrag mit der Türkei beschlossen. Die Judenfrage ist nun .nicht mehr eine innere. Angelegenheit der einzelnen Länder,, sie ist Sache des Völkerbundes. der die Judenheit als ein Volk und dieses Volkes Anrecht aus Palästina als sein nationales Heim anerkannt hat. Ueber albe Zersplitterung hinweg ist so wieder die Volkseinheit und die Verbindung des Volkes mit seinem Lande eine Tatsache geworden. * In dieser Stunde muß jener als Schwärmer verspotteten als Störer des As similatio nsstreb ens bekämpften Pioniere, muß der Streiter für den ZionSgedanken gedacht werden, deren unermüdlichen Arbeit dieser einzige Rettungsweg einer jüdischen Zukunft zu danken ist. Denn der Beschluß vou San Remo ist nur ein Rettungsweg; — daß er aber zur Rettung werde, darüber entscheidet kein Bölker-Areopag, sondern einzig und allein das jüdiscko Bol! selbst, wenn es die Einsicht und die Kraft hat, aus Palästina Erez Israel zu gestalten, ein Land) in dem mit dem Göttlichen gerungen wird. Hoffen wir, daß kommende Geschlechter den 6. Jjar 5680 als einen der größten Tage der Mischen Geschichte feiern können. Jüdisches Volk, vor dir liegt das Leben und der Tod. — so wähle das Leben! Der Delegierteutag -es Misrachi. Fortsetzung.) In der Nachmittagssitzung reserierte nach der Debatte Dr. Weinberg, der Leiter des Palästina-Amtes für Deutschland, über Palästina. Er sprach über die Vorbereitungen für die Einwanderung und ihre Ueberwachung, damit sie sachgemäß sei und nicht durch.eine ungezügelte Einwanderung in Palästina eine Katastrophe, entstehen könne. Dann kam er auf die.Schwierigkeiten für die Einwanderung zu sprechen, die dadurch entstanden sind, daß die Ostjudenheit verarmt ist. Es ist daher die Gründung einer Darlehnskasse erforderlich, die den Eingewanderten die Möglichkeit zur Errichtung einer Existenz gibt. Ferner muß aus gleichem Grunde die Ansiedlung möglichst einfach und billig gestaltet werden. > Redner zeigte dann, daß die inneren Bedingungen Palästinas für die Aufnahme größerer 'Bevölkerungsmassen sich inden IV- Jahren britischer Militärverwaltung bereits ganz bedeutend gebessert haben.' Eine Reihe neuer Eisenbahnlinien durchzieht das Land. Esbesteht bereits ein täglicher Güter- und Personenverkehr mit Aegypten. Außerdem sind die sanitären Zustände in außerordentlichem Maße gehoben worden. Im letzten Teil seines Vortrages behandelte Redner den landwirtschaftlichen Aufbau, der nur auf Grundlage der Nationalisierung des Bodens, die ihn als einen Gegenständ des Handels ausschließt, .geschehen könne, und streifte zum Schluß das arabische Problem, dessen günstige Äsung er bei der traditionellen friedlichen und gerechten Politik des jüdischen Volkes. und seiner bald sichtbar werdenden Arbeit in Palästina, die auch.der arabischen Bevölkerung nur eine Hebung ihres Lebensstandes bringen wird, erhofft. Die Dienstag -Sitzung brachte zwei großäReferate über Erziehungs- und Kulturfragen. Professor Dr. Pick, der erste Referent, ging von dem Wesen unserer Kulturfragen aus. Es gelte nicht, Kultur zu machen, sondern Kultur zu erschließen. Es handle sich nicht um ein Kulturprogramm» sondern um ein kulturpolitisches Programm. Daß das jüdische Volk, nicht heute wie jedes andere seine Kultur unbewußt lebt, sondern über das Wesen seiner Kultur philosophiert, ist die traurige Folge des Golus, das die Einheit des jüdischen Volkes „Gott, Volk und Land" zerrissen hat, — und diese Einheit soll nun wieder geschossen werden. Auf der Amsterdamer Weltkonferenz des Misrachi nahmen die Kulturfragen die ersteStelle ein. Indem die Konserenz für das Schulwesen in Palästina — bis zur Entscheidung durch die jüdische Gesamtvertretung Palästinas.— Autonomie verlangte, hatte die Konferenz das einzige Mögliche getan, was bei dem gegenwärtigen Stand des jüdischen Schulwesens in Palästina zu tun 'war. Die Einheitsschule ist eine Unmöglichkeit, da wir nicht Wissensunterricht, sondern Jndividualunierricht, fußend auf der Thora, zu gebe« haben. Esmuß daher als Lehrer eine positive, überzeugte Kraft auf das Herz des Kindes einwirken. Das Schulwerk in Palästina soll zunächst die dortigen Talmud - Thora - Schulen in ihrem bisherigen System als Grundlage nehmen. Aber auch in den Golüsländer» ist das Augenmerk auf die jüdische Ausbildung der Jugend zu richten. - Der Misrachi hat sich für die Beteiligung an der Jerusalemer Universität ausgesprochen, da eS bei Erwachsenen nur einen freien Kampf -der Geister geben kann, — und es ist sicher, daß dieser Kampf sich in Palästina in einer anderen Form volhiehen wirdals auf dem ungesunden Boden des Golus. Der Misrachi ist nicht von selbst zu dieser Entscheidung gekommen, sondern hat sich vorher die Zustimmung der maßgebendsten rabbinischen Persönlichkeiten in Deutschland gesichert. Gestützt auf diese Zustimmung, wird er es versuchen, trotz der unzweifelhaft überaus großen Schwierigkeiten des Werks, seine Aufgaben auch an dieser Stelle zu lösen, wie er überall seine Aufgabe darin sieht, nicht getrennt, sondern vereint mit allen denen zusammenzuarbeiten, die ein hohes jüdisches Ziel sich vorgesetzt haben. Hermann Struck, der Vorsitzende, unterbrach die Tagesordnung und verlas, tief bewegt und indem sich die' ganze Versammlung erhob, eine Depesche des Zionistischen §entralbüros in London, die davon Kenntnis gibt, daß die riedenskonferenz in San Remo Palästina. als nationales Heim der Juden unter Englands Oberaufsicht erklärt hat, und daU das Zentralbüro in London mit Blumen und Fahnen geschmücktist und eine Festsitzung tagt. Die Versammlung sang spontan die Hatikwah, Rabb. Dr. Tschernowitz sprach den ScheAchejonu-Segensspruch. Es war ein Unvergeßlicher .Augenblick. , Montag abend fand eine vqn 2000 Personen besucht« össentliche Versammlung statt. Hermann'Struck, Rabbiner Dr. Liebermann, Professor Dr. Pick, Dr. Arnold Barth, Dr. Rabin, Erich Fromm, Laz> Barth usw. sprachen. . Dr. Rabin begann sein Korreferat über die Kulturfragen mit der Bemerkung, daß taktische Wwägungen zu den Beschlüssen von Amsterdam geführt hatten. Ein Programm für die Palästina-Mbell wurde nicht ausgestellt, dagegen wurde die Art der Schulverwaltung behandelt. Auch, er, als Opposition, habe keine Einheitsschule, sondern ein Einheitsschulwerk verlangt. Wie soll das Lehrprogramm beschaffen sein? AuS Lehrstätten des Ostens ist der jüdische Geist geschwunden, well sich im Gegensatz zu früher zwischen der Tradition und der Entwicklung der Zeit eine Kürst aufgetan hat, indem man sich den geistigen Strömungen der Zell fernhielt, statt sich nnt ihnen auseinanderzusetzen. Das hat keine Entfernung des Jüdischen zur Kultur der Umwelt zur Folge, sondern eine Entwicklung ans dem Boden und im Rahmen der Thora. Redner ging nun auf Probleme wie Bibelkritik, Darvinismus näher ein. Er verlangte u. a. in Deutschland eine Lehranstalt für jüdisches Wissens Gerade die Kulturfrage durchzog die Detriten zwischen den Referaten immer wieder. Wir geben einiges Hervorstechendes wieder: Frau Barth meinte, daß eine gesunde Jugend den sittlichen Halt gegen ungünstige Einflüsse in sich haben müsse.' In dem Streben, sich an jeder modernen Jugendbewegung zu betclligen, sieht sie Assimilation. Der Lehrer Lars nie aus. sich heraus bibelkritische Fragen in den Unterricht hireiubringen. Unsere Mische Jugend beschäftigt sich zn sehr mit Fragen moderner Problematik. Es ist übrigensf gefährlich, jedes Problem, das einen selbst beschäftigt, in einen weiteren Kreis zu tragen. Prof. Pick forderte, daß der Grundsatz der Engländer: „Das. was aus meinem Volk kommt, hat in meinem Bewußtsein das Recht auf Priorllät", endlich auch bei uns Juden zur' Anerkennung kommt. Die meisten rhulturvrobleme lassen sich erst wieder beantworten, wenn wir in Erez Israel wieder zu einer Ganzhell geworden sind. Heute denken wir ja garnicht jüdisch. In der Bibelkritik ist Wellhausen längst abgetan.

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