Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1920-04-23 · Heft 15 (23.4.1920) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 15 (23.4.1920)
Date
1920-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2693178-2693193--11087-2706498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

FrankfurterLsraeüüsches Fammenvlatt : Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel».: - fahr- In Frankfurt am Main bei der Neuen IMschen Presse, : i auswärts bei der Post abonniert Mk. 3.SO, frei ins Haus 15 pfg. i ■ mehr./ÄeiZusendungdurchStreifbandfirDeütfchlandMk.20.00, ■ j für alle übrigen Länder ML30.öofährlich, im Voraus zahlbar. : Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis svvnnnvRTfYiTiYvnviivivivinHfViivvinifininiHvvinfiiiiiiiviiiiiisnMi > | Insertionspreis für die sech^efpaltenLlkoap.ZeileMYM, Ac : : die Reklamezelle Mk.3.—. Sei Wiederholungen enWrechender j | Rabatt. / Platz» und Datum-Dorschrist ohne Verbindlichkeit. /> i 1 Annomen-Annahme bei der (Wed.und in a.Annonken»Vureaus.; ' : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.4S6L.: juiumnm..lllm....m.. 18. Jahrgang. Freitag, den 5. har SS8« (SS. April 1921» Nr. 15. ' - — - .~ Zur Misrachi-TagElg i» Berlin. Auf der Amsterdamer Misrachi - Weltkonferenz waren Die deutschen Elemente als die Führenden ausschlaggebend. Ans diesem Grunde muß dem Verlauf des Delegiertentages des deutschen Misrachi. der zum 25.-27. April nach Berlin einbcrufen ist, Bedeutung für die weitere Entwickln«»; des gesamten Misrachi zugesprochen werden. Die weitcrc Entwicklung Des Misrachi hängt davon'ab, ob er sich endlich nach bald zwanzigjährigem Bestehen zu einem klar und fest vorgezeichneten Weg durchringen wird. Der Programmsatz: „Der Misrachi ist eine Vereinig'.mg von Zionisten, welche die Verwirklichung des Baseler Programms auf der Grundlage und im Sinne deK' traditionellen jüdischen Gesetzes erstreben", sollte eigentlich keinen Zweifel darüber lassen, daß der» Misrachi innerhalb der zionistischen Gesamtheit und im Lande des "Zionismus, in Palästina, innerhalb der jüdischen Gesamtheit für die Verwirklichung seines Zieles zu arbeiten hat. - Das Programm' des Misrachi ist klar, — und trotzdem ringen von jeher zwei Strömungen innerhalb dieser Organisation Miteinander und erweisen damit, das; eine dieser Strömungen es mach nicht zum Erfassen dieses Programms gebrächt hat. Das Bekenntnis zuin Zionismus, verlangt eine Prüfung und Modefizierung der bisherigen Einstellung zu den Angelegenheiten der Judönheit, — und da ein Bekenntnis leichter ist als eine innere ^Umwandlung mit ihren Konsequenzen, für die es ja nur den erstens Schritt bedeutet, so ist auch stets ein Prozentsatz der' ..westeuropäischen! Misrachisten in seiner Orientierung wcst-i europäisch orthodox geblieben und hat durch sein von den Einflüssen' -der Assimilation mitbestimmtes Gedanken-l gepräge eine zielbewußte Politik des Misrachi verhindert. Bereits vor acht Jahren hat der Misrachi dadurch eine schwere Krisis durchgemacht. Die ihn damals verließen, sind zur Agudas Jisroel übergegangen, deren Sorge die orthodoxe Gesamtheit, aber nicht auch die große jüdische - Gesamtheit ist. Inzwischen hat der Misrachi tausende neue Anhänger.gewonnen und darunter wieder eine Anzahl, die ihre Entwicklung zur Anschauungsweise eines wirklichen Misrachisten noch nicht abgeschlossen haben. Konnte es da verwundern, daß^die erste Stellungnahme des Misrachi,zu schwierigen Fragen manche Unausgeglichenheit innerhalb der Anhängerschaft der Organisation aufzeigte und Oppositionen hervorrief? .Die Wellen, die die Amsterdamer Konferenz hervor- . gebracht hat, haben sich noch nicht gelegt, — und es ist 'wahrscheinlich, daß sie auf der Berliner Tagung gespürt werden. Es war die Schulfrage in Palästina, die - in Amsterdam und nach Amsterdam die Gemüter so stark erregt hat. Die mit ihrer/Lösung Unzufriedenes glauben noch heute, es müsse sich «in Modus sindenl lassen, der bei Wahrung, aller Pflichten der Orthodoxie der Verpflichtung der Gesamtheit gegenüber vollauf gerecht wird, und sie glauben, daß die orthodoxen Elemente in Palästina stark genug sein werden, die Interessen des traditionellen Judentums innerhalb eines in der Leitung einheitlich gestalteten Schulwerkes zu joahren. Y Doch wie dem auch sei, —-jedenfalls bedarf es seitens des Berliner Delegiertentages einer bündigen Antwort, auf welche Weise der Misrachi, diese Kulturfraktion der zionistkschen Beweigupg, die Propagierung ihrer Kulturaufgaben: durchzuführen gedenkt. Grade die Schulfrage in Palästina bietet den Anlaß, die Grenzen für die Wirksamkeit des Misrachi endlich einmal klar zu stecken. Möge der Delegiertentag den Beweis erbringen, daß die Schulfrage keine prinzipielle Differenz sein wollte, daß der Misrachi sich des Weges zu seinem Ziele klar ist. Die Wiener Protestversammluug aögeu die ungarischen Pogrome. 1 Äns Einladung des Zionistischen Landeskomitecs. für Oesterreich hatten sich viele.Tausende jüdischer Frauen und Männer Wiens in; Komödienhaus eingefunden. Nach den Eröffnungsworlen des Abgeordneten Strickes ergriff Oberrabbiner Dr. C h a j c s das Wort. Es sei die Pflicht der Juden außerh^b Ungarns, das Gewissen' der Welt wachzurütteln, denn in Ungarn habe auch der mutigste Jude nicht die Möglichkeit, vor dem Forum seiner Oeffentlichkeit und vor den Vertretern der Entente in Budapest zu sprechen. > Jeder Jude, der mit einer Klage oder Beschwerde sich an irgendeine Stelle wendet, die auf Ungarn einen Einfluß üben kann, verschwindet ben nächsten Tag, und kein Mensch weiß, wo er geblieben ist. (Bewegung.) Die Richtung, die jetzt in Ungarn herrscht, nennt sich christlichnational. Es gibt Vertreter des Christentums, die die Nächstenliebe üben; es gibt Vertreter des Christentums, die Vertreter der Inquisition, der Hexenprozesse und der Rache sind. Es gibt ein Christentum des Genfer Roten Kreuzes und ein Christentum des mittelalterlichen Hexenabcrgtaubens. In den Verfassungen aller zivilisierten Volker ist ausgesprochen, daß das Glaubensbekenntnis frei ist, so lange die öffentliche Sittlichkeit nicht verletzt wird. Das Christentum der Machthaber Ungarns ist ein solches, das die öffentliche Sittlichkeit zerstört und der Moral ins.Gcsicht schlägt. (Stürmischer Beifall.) - ■ In Budapest herrscht die g e h e i m e Fe m e der weiße» Offiziere. Jedermann in Budapest kennt die neun Lager dieser Offiziersgruppcn. Wieviele Nichtjuden und Jude» verschwunden ftttbv wissen wir nicht. Wir wissen nur von 700 Juden, über deren Verbleib und Schicksal sich nichts feststellen läßt. Diese 700 Juden sind Ungarn, die galizischen und russischen Inden sind überhaupt Freiwild. Aber es werden auch Juden' anderer Staatsangehörigkeit in Ungarn inißhandelt. Ein belgischer Flüchtling, der durch Ungarn fahren mußte, wurde aus dem Zug gerissen, mißhandelt, seiner Barschaft beraubt, und es wurde ihm auf die Stirn der Davidstern und das Wort „Schleichhändler" tätowiert. Ein tschechischer Jude sah in Komorn die Mißhandlung eines Juden, da er sich darüber empörte, wurde er verhaftet. Die tschechische Vertretung in Budapest forderte die sofortige Freilassung, und trotzdem erst 20 Stunden nach der Verhaftung verflossen waren, war der Mann bereits irrsinnig geworden. Wie es.dem Mann in der Gläserne ergangen ist? Sein Körper war so schwarz wie mein Rock. (Bewegung.) 1 , Die Entente muß wirklich eine Kommission schikken oder erklären, daß sie mit einer Regierung picht verhandeln könne, die eine derartige Rechtsunsicherheit duldet. Es ist nicht allein im Interesse der Juden, sondern auch im Interesse Ungarns gelegen, daß endlich einmal diese Raube r h ö h l e i m H e r z e n E u r o p a s zu existieren aushört! (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Der nächste Redner, Dr. Schaltt, führte aus: Wir appellieren nicht an Mitleid oder Schutz, sondern wir verlangen Gerechtigkeit. Die Judenschaft der ganzen Welt hat erklärt, daß sie mit dem Bolschewismus nichts zu tun hat. Es ist eine Lüge, wenn sich die Horthyschen Banden bei ihrer Menschenschlächterei auf die jüdischen Mitglieder der Räteregierung berufen. In welcher Ecke der ungarischen Nationalität stehen denn die vielen Tausende jüdischer Soldaten, die für die EhreiUngarns geblutet haben? Wo steht Bambery, der die Verbindung Ungarns mit der Kulturwelt hergestellt hat? Man schreit in Ungarn vom jüdischen Hochverrat. Das hat auch der Pharao getan, als die Juden sich dem Osiriskillt nicht fügen wollten, dashaben die Reaktionäre der ganzen Welt noch immer gesagt, wenn die Juden bei ihren Plänen nicht mittun wollten. In den ungarischen Juden ist alles zusammengebrochen, und^die tiefste Verzweiflung hat sich ihrer bemächtigt, so daß sie gegen die Pogrome der Weißen Garden keinen Widerstand leisten. Sie haben nicht gelernt, aus der eigenen großen Geschichte ihres Volkes Mut und Kraft zu schöpfen, und die AssimilationHwlitik der ungarischen Juden trägt viel Schuld an diesem tragischen Zusammenbruch. (Lebhafte Zustimmung.) Dr. Plaschkes, der dritte Redner, forderte für jeden Juden das Recht, nach seiner wirtschaftlichen, Listigen und ■ politischen Richtung das zu sein, was er null, solange er im Rahmen des Gesetzes bleibt, und fuhr dann fort: Die ungarischen Juden haben an Knechtseligkeit ujib Selbstentäußerung das Größte geleistet, ihre Oberschicht hat den magyarische«; Chauvinismus noch übertrossen, :— aber trotzdem sagen wir, daß die Judenverhetzungen keine innere Angelegenheit iUngarns sind. Sie sind ein Teil des jüdische» Weitproblems! Kein Christ in Ungarn spricht. Auch die Presse schweigt und stellt die Morde in den Kasernen als Selbstmorde der Juden hin. Kann sie nicht die Wahrheit schreiben, so > möge sie um ihrer eigenen Ehre willen schweigen! (Stürmischer Beifall.) ' Empörend ist auch die Jnsamie der österr. Judenpresse, ' die sich nicht einmal auf ein Zensurverbot ausreden kann. Freilich, wir haben jetzt eine jüdische Presse, die seit Wochen und Monaten die ungarischen Schandtaten der Welt bekanntgibt, wir haben die .Wiener Morgenzeitung", die in Ungarn verboten ist, weil sie l>ie Wahrheit spricht. Diese Aufklärung lprt den Brief des Grasen Apponyi Hervargerufen. Die ungarischen Pogrome sind ein Teil der Weltjudensrage. Gelingt es uns, unser Heim, in Palästina apfzurichten und .das Selbstbestimmungsrecht des jüdische»: . Volkes zu erlangen, dann werden wir uns als .selbständiges Volk mit den anderen Völkern auseinandersetzen und dann . kann die Kraftprobe der Judenverfolgungen schwinden. Bis dahin aber mutz sich' das Bierzehnmillionenvolk der Juden züsammenschließen, um den bedrohten Lolksteilen eipe Existenzmöglichkeit zu schaffen. (Stürmischer Beifall.) . Zum Schluß sprach Dr. K i e w e über die Vorgänge an. der Budapester Universität, und dann wurde eine Resolution' aiürenommen. DL RiesenDersamnilniig verlief sehr würdig. Zur Palästiuasrage. Das „Bulletin der jüdischen Delegation bei der Friedenskonferenz" veröffentlicht den Wortlaut der Eingabe der Delegation an die Friedenskonferenz — Datum: 6. Februar 1920 —. Die Eingabe lautet: „Das Komitee der Jüdischen Delegationen bei der Friedenskonferenz. welche, namens der verschiedenen Unterzeichneten Organisationen handelt und zwölf Millionen Juden vertritt, hat die Ehre, an die Friedenskonferenz die Bitte zu richten, die historischen Bestrebungen und Forderungen des jüdischen Volkes,, betreffend Palästina, anzuerkennep, .die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, damit der souveräne Besitz Palästinas an den Völkerbund übertragen und zur Berwaltmtg dieses Landes Großbritannien als Mandatar' oder Kommissionär des Völkerbundes delegiert werde. Unter diesem Mandat oder unter dieser Verwaltung müßten in Palästina politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen geschossen werden, welche Garantie für die Etablierung einer nationaljüdischen Heimstätte in diesem Lande mit dem Endziel der Schaffung eines autonomen Staates bieten. Es ist hierbei selbstverständlich, daß nichts unternommen werden dürfte, was Vorurteile gegen die bürgerlichen und religiösen Rechte 'der inLPalästina bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften! oder Agen die politische Stellung erzeugen, könnte, ür deren Genuß die Juden in anderen Ländern stehen. Ebenso selbstverständlich ist, daß in Palästina immer und für sämtliche Religionen volle Freiheit der Betätigung der religiösen. Kulte herrschen, daß schließlich zwischen den Bewohnern des Landes aus religiösen oder Rassengründen Hinsicht-» lich. der politischen und bürgerlichen Rechte keine Unterschiede gemacht werden." , . . . Deutsches Reich. Zur Hebung des Judentums auf de» Lende. Don der .Kommission für länd.liche Wohlsahrtspslege" der Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums wird uns geschrieben: Wir beabsichtigen, die bereits vor dem Kriege begonnenen Bemühungen um Erhaltung und Hebung, des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.