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Neue jüdische Presse · 1920-03-26 · Heft 12 (26.3.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 12 (26.3.1920)
Date
1920-03-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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giimi'mmiiiiiiiiiinmniiiniMiimiiminiuimimiiiiiiiimiiiUHr l^rschelnt wöchentlich am Frettag. Äezugspreis pro Viertel« j : fahr: In Frankfurt am Main bet der Neuen Indischen Presse, : : auswärts bei der Post abonniert Mk. 2.50, stet inS Haus 15 pfg. :. j mehr./BeiZusendungdurchStreifbandfurOeusschlandMk. 14.00, > i für alle übn'gen Länder Mk. 20.00 jährlich, im Voraus zahlbar. : - NedaMon und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa rsÜ3 ■ V Herausgeber: GalyGeiS jiiiiTmmiiiiiinHmmmumiinmiiiiiiimiimnnminnimmni! ► [ Insertionspreis für die sechsgespalteneNonp.Zeile SO pfg., für j ■ die ReNamezeile Mk.LLL Vei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. / : [ AnnoncenÄnnahme bei der Exped.und in a.Annoncen.Lureaus. : l Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864. : ',»»i».»»i»».».»»»..».»».»,»».»,.,.».„».»»»,»»»»»»»i».»»»,»»»»„.......... 18. Jahrgang. Frettag, den 7. ^i88nn »680 (26. März 1920) Rr. 12. Nathan Birnbaum. Eine . kritische Studie. Gottes ist der Orients Gottes ist der Occident! Nord- und südliches- Gelände ruht im^F^ieden seiner Hände. Goethe. Einer, ' der sich aus sich selbst besinnt, nachdem eo nach mancher.Wandlung seine letzte Wahrheit gesunden zu haben glaubt, wird sich selbst historisch und gibt uns eins geistige Zusammenfassung seiner Persönlichkeit an Hand seines eigenen Werks.*) Er sammelt verschiedenartige Arbeiten aus dem letzten Jahrzehnt, die. schon die neues Richtung deutlich aussprechen, und versucht, an ihnen das Bezeichnende feiner gegenwärtigen Lebensauffassung zu »er-« deutlichen und unverkennbar zu machen. Und er führt uns durch Bekenntnis, Kritik und eine Art Lebensphilosophw, um ausihnen allen - die innere Einheit seines» gedanklichen Lebens in uns lebendigzu 'machen. Denn es strebt jeder Mensch, seine geistige Persönlichkeit unzweideutig und einheitlich zu gestalten und zu offenbaren, Sv scheiden wir sogleich seine Leistung gleichsam für sich selbst von einer objektiven Leistung. Denn es zeigt sich, daß seine Fragestellung ursprünglich ins Objektive gerichtet ist (welches Objektive aber auch das Politisch^ ist), zu jeder Zeit, da er das Wesen des Judentums nach, seiner Art. zu ergründen suchte, sei es als reinen Natio'-r nalismus, sei es als Volkstum schlechthin, sei es schließlich als Gottesvolkstum. 9hm sind dem kritischen Betrachter diese „Stadien" nichts Ueberraschendes, vielmehr eine Art innerer Folgerichtigkeit, wie sie schon manchen anderen politischen Denker» geleitet hat. Aber für den subjektiven Standpunkt verschwindet das Typische dieses Wandlungsprozesses angesichts der seelischen Ergriffenheit; und wir sind in der Lage, aus diesem Gegensatz von Objektivität, die sich typisch entfaltet hat> und Subjektivität, die sich immer für einzigartig hält, das Widersprechende, Unausgeglichene, das gelegentlich ganz Weltfremde und ganz Zwecklose seiner Gedanken zu entnehmen. Schon früher haben wir gezeigt, daß wir hier unmöglich einen philosophischen oder kulturphilosophischen Matzstab anlegen dürfen; daß Birnbaums Philosophie stets unzulänglich, ist; daß aber sein Weg ihn von der Peri-, pherie des Volksbewußtseins.zum Zentrum geführt hat und auch : ganz folgerichtig führen mußte. Heute möchten wir zeigen, daß seine gegenwärtig« Auffassung, fraglos eininent wichtig und folgenschwer ist, daß sie aber in ihrer gegenwärtigen Fassung ganz unzulänglich ist, wenn sie das eigentlich geistige Problem des. tadentums überhaupt, das Problem der Kultur, d. i. hnthesis aus den eigenstarken und fremden Elementen, nicht in eigner.Weise zulösen sucht. Dreses Problem aber hat Birnbaum weder genau bestimmt noch auch nur geahnt: ein Problem der Kultur, das' Goethe dahin dichterisch formuliert hat: „Dem Herrlichsten, was auch der Geist empfangen, drängt immer fremd und fremder Stoff sich an." . *• Es sei nur gleich gesagt, daß. wir versuchen werden, aus dem Gxista der Kultur das jüdische Problem zu ergreifen und zulösen, nicht etwa weil die gegenwärtige Kultur, so vorbildlich' ist, sondern weil jeder Sozietät'eine differen, zierte: Kultur ganz notwendig ist. . Dabei gehen wir selbstverständlich dom Religiösen aus. Ws religiöse Grundgefühl des Judentums, das sich in fast allen' Kundgebungen' seines wahrem Geistesenthüllt, bedeutet eine Gtzindstruktur, eine letzte 'Wgebenheit, über die sich'nicht streiten läßt. Die westeuropäische Judenheit (die- Birnbaum so gut zu kennen vorgibt, und'die er im Grimde gar nicht kennt) hat fast sämtliche religiösen Möglichkeikem in sich verwirklicht:, in innigstem Bestreben das Göttliche-, zu erkennen und nutzbar zu machen. Sie Hai; in. einer umfassenden Poesie ihre Ergriffenheiten geosfestbart, in Mystik religiöse Geheimnisse gestaltet, sie hat in Philosophie (die vorwiegend Religionsphilosophie ist) das Rationale vom Irrationalem gesthreden,- um zu jenem Gleichmaß zu konünendas^Erkennbares^und ewiges Geheimnis zur .Einheit verbindet^, Uitb; fie .hat? eine geistig« *)'NÄ'tih an Bir üb a um: Hin di« Ewigkeit: Jüdische Essays/ 189 S. 0'Mk? Berlin, Weltverläg.' ' Gemeinschaft wenigstens zum Teil gebildet, aus etnetrt g e istigen Bolksbewußtsein heraus, das; des äußerlichen Bblkstums kaum mehr bedarf, weil es sich ganz in sich selbst gewendet hat > Bielleicht ist es notwendig, an' zwei Begriffen das charakterisierende in der Differenz zwischen West- und Osbjudenheit aufzuzeigen: Natur und Kultur. Ebenso wie Natur das zeitlich Ursprüngliche ist:- auch das Mütterlich-Starke, das Naive, ist Kultur das zeitlich Abgeleitete, auch das Männlich-Starke, die geistige. Synthese, das Lebensernste. Denn 'in der Kultur erst schließen sich die geistigen Kräfte, die einen ganz notwendigen inneren Ablauf nehmen; in der Natur ruhen;sie friedlich, denn-'noch kennen sie nur sich selbst: So aber wird uns das eigentliche jüdische Problem wie das menschhcitliche Problem überhaupt: Was ist Kultur? — Es genüge für uns hier diese Definition: Kultur ist Einheit der geistigen Kräfte im Bewußtsein der jeweiligen Gemeinschaft. Und ferner: Jüdische K u l - tur ist Einheit der geistigen Kräfte im 'Bewußtsein der jüdischen Gemeinschaft. Dieses Kulturprob lein kennt Birnbaum nicht, ebensowenig wie fast alle anderen Theoretiker des Zionismus oder des politischen Judentums. Wir werden später aus'diesem Gesichtspunkt das gegenwärtige Judentum untersuchen, um an ihm sowohl das - Kulturproblem wie das'Problem des Judentums zu erörtern. Hier muß' es uns genügen, das Fruchtbare der Birnbaum'schen Gedanken aüfzndecken und auch das ganz Mangelhafte seiner Problemstellung nicht zu verbergen. Im Zentrum seines Denkens steht: das umfassende religiöse Erlebnis. Und fraglos ist „Gottes Volk" bedeutsames geistiges Dokument und machtvolle Aeußerung der Persönlichkeit. Mer wir staunen fast, daß hier Birnbaum glaubte, etwas derart Außergewöhnliches geleistet z uhaben, das seinesgleichen nicht kennt. In völliger Unkenntnis des WestjudentumS, seiner religiösen Krisen und Synthesen, Art völliger Unkenntnis des westjüdischen religiösen Bewußtseins baute er ein typisch, sein sollendes Zerrbild auf, während er das Normale kaum kannte; und eine für das westeuropäische Kulturbewußtsein typische große Gruppe von Zweiflern und Gleichgültigen wurde ihm Phantom, das ,er mit seinen Stößen allerdingstraf, dasaber natürlich 'nichts von den wurzelhasten Kräften verraten hat, die «das westjüdische religiöse Bewußtsein erfüllen. — Wir wehren uns gegen diese von ihm vielfach so kritiklos'gebrauchte Antithese: Ostjudentum — Westjudentum. /2Bir leugnen nicht, daß dort Natur ist, was hier" Kultur; daß dort unmittelbares Volksgut, was hier mehr geistige Struktur; daß dort die Naivität des täglichen Lebens noch von Dingen erfüllt ist, die uns mit gewissen äußeren: Daseinsbedingungen verloren gegangen sind. Wir leugnen es nicht und begreifen es sogar tieferaus dem Wesen des Kulturproblems überhaupt, da wirein ähnliches Verhältnis zwischen Movgenland und Abendland, zwischen Russentum und Europäertum' kennen. Aber wir leugnen, daß der wahre Geist der Westjudenheit jemalsvon den u-ncrsten- Ekstasen und tiefsten- Erlebnissen des Judentums sich entfernt hat; daß sich' in der seltsam-differenzierten Westjudenheit, die den Geist der Väter lebendig trägt, nur irgendwelche Anhaltspunkte finden könnten denen entsprechend, die Birnbaum kritisiert, ach ohne nur irgend ausreichende Sachkenntnis. * Ueberhaupt ist Birnbaums Einstellung, im Grunde veraltet. Wer fühlt von uns Westjuden, die wir das schwere.' Schicksal haben, in stetem inneren Kampf an unserer wahren Kultur zu arbeiten, noch etwas von dieser Problematik'?' Können Juden Dichter sein? Oder: Judentum und- Ratwnalismus? Wissen wir nicht, daß Dichtertum' Seelenausdruck und Gestaltung ist, daß Rationalismus ebensos ein Wescnszug des jüdischen Geistes sein muß (trotz Birnbaum) wie Mystik und» Ekstase. Begreifen wir, als Westjuden und nicht etwa bloß als Philosophen, noch diese ganz unzulängliche Untersuchung, über „die Juden und' .die Aesthetik?" Begreifen wir noch diese beengte künstlerische Anschauung, die sich hier im Begriffe „malerisch" so mangelhaft enthüllt? Kümmert uns km Grunde, daß hier im „neuen Typ" ein möglichst scharkes Zerrbild: zu entwerfen versucht wird, weil einfach der Menschheit^- liche Zug des Judentums übersehen ist? Begreifen wir, als Westjuden, diese übertriebene Geste, mit der das religionsphilosophische Problem überhaupt, dasMesen der'Gokthüih kühn und' ungenau und" so unsagbar banal erfaßt wird, ganz ohne Berücksichtigung aller Formen des' Theismus und Pantheismus, die den wahren Geist des Judentums erfüllen? Man lese diese Trivialität von „einer Art Gottespulver" (wie er den pantheistischen Gottesbegriff zu nennen beliebt), um das Beschränkte und Unzulängliche seiner Gedanken zu erkennen und um ihm aus dem wahren Geist des Judentums entgegenzutreten. Denn wir leugnen nicht, daß dieser wahre Geist auch in- Birnbaum wirkt. Er erkennt die höchste religiöse Selbstgestaltung als Grundzug des jüdischen Bewußtseins, aber mit der Unrast des Neophyten verkennt er unser westjüdrsches Problem, das wir selbst aufs höchste erleben, und zu dessen Lösung unsere letzten Kräfte wirksam sind. Wir lieben das Ostjudentum als die Urmutter, die' uns ewigstarke Kräfte spendet; aber wir sind nicht die abgefallenen Kinder, verderbt, sondern einem anderen Stadirun angehörig, und innig überzeugt, daß nur die Synthese von Natur und Kultur unsere Rettung sein kann: Wir sind die der westjüdischen Kultur Entsproßenen, volley Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit der ostjüdischen Natur, aber wir sind uns bewußt, ein notwendiges Problem, das der Kultur, auf uns genommen und in den geistigen- Stürmen zu einer Art Lösung gebracht zu haben. Diese Lösung aber ist: Bejahung des Volkstums, der naturellen sowohl wie der kulturellen, immenses Erfiilltsein von jüdischem Geist und jüdischer Tat, und Wille zur Nation. * Mag Birnbaum seine „esoterische Lehre" (Ho-Aulim) weiter ausgestalten, vielen wird sie Nutzen sein, sie wird neue geistige ^Zentren schaffen,, die uns neu beleben sollen. Mer er kann uns' Westjuden nur dann noch etwas lehren, wenn er selbst unser Kulturproblem erkannt hat, unseren Weg zur Befreiung und unsere sich allmählich anwachseird« Tat. Denn wir haben nach langer Zeit diesen Punkt erreicht, wo wir es Geivißheit nennen, daß nur so letzte Selbstbejahung möglich ist: sowohl aus dem Geiste der Kultur als auch zuinnerst voller Natur höchste Synthese aller schöpferischen jüdischen Kräfte zu schäften, isie allein jüdischem Geist« und jüdischer Tat zu bewältigen, das Volk zu lieben und unser Volkstum neu zu gvünden und doch in allem den überlegenen Blick auf daö Allmenschliche zu bewahren. Wenn Birnbaum auch nicht dieses Letzte untersucht hat, so kann doch sein Standpunkt uns nicht gleichgültig bleiben; es hängt davon ab, wie er sich zum Volkstum stellt. Wir wissen nur ungenau, welches Verhältnis Birnbaum nunmehr zum jüdischen Volke als einer Vorstufe zur nationalen Einheit hat. Er hat sich nirgends darüber entscheidend ausgesprochen. Aber so sehr geschichtsphilosophisch das Kosmopolitische in uns. vorgebildet und ausgebildet ist, unser gegenwärtiges Zeitalter verlangt eine volkliche Klärung, aus - dem Geist! sowohl der Natur wie der Kultur, d. h. aus dem Geist des jüdischen Bewußtseins. Warum hat Birnbaum nicht genauer dieses Problem berührt? Wir müssen von ihm verlangen, daß er seine neue geistige Einstellung dem jüdischen Volke in wahrer Weise Nutzbar macht: wir verlangen von ihm zu wissen: wie denkt er sich die Zukunft unseres Volkes? Hiervon hängt es ab, ob wir sein letztes Ringen, das uns geistig durchaus verwandi ist, als auch für uns fruchtbringend erkennen dürfen. oder ob er, als Mystiker oder als religiöser Rationalist endend, ganz die Verbindung mit dem wahrhaft letendigen Volke verloren hat. Wir aber sind lebendig im lebendigen Volke, Wir bejahen seine geistigen und uinnittelbaren Kräfte, einen' sie alle in dem religiösen Urerlebnis, das sich in ihi'-n-> auswirkt, wie der neuplatonisch« Geist, der sich über alles Sen ergossen hat. H. W. Ei« kritischer politischer Wetterwinkek. Anderhalb Jahr« währt schon das Feilschen der Diplo» tnaten, dsti der Welt den Frieden geben sollen und iw Wirklichkeit nur neue Verwicklungen schaffen. Hin >md her gehen die Schachzüge auf dem Tische der Friedenskonferenz, und wlw sie entscheiden. ist nicht der Völkerftieden. sonder» ein Mehr oder Weniger der Machtsphäre der das Schicksal der Welt in der Handhaltenden Großmächte. Währenddessen verhungern hunderttausende und demoralisieren Millionen^ Menschew — doch der Blick der Diplomaten lieht es nicht, das Schachbrett der Diplomatie hast ihn gebannt.

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