Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 10 (12.3.1920)
- Date
- 1920-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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-ssS-s-? FrankfurterLsraelittfches Familienblatt Tkebaktton und Expeditton: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa rsvZ Herausgeber: Saly Geis j»inininniiunnfniiniinmiinnw»iimiiiiiiiniimii»iiimiiimj \ Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Bierlei. « ■ fahr: In Frankfurt am Main bet der Neuen Iüdischen Kresse, :! auswärts bei der Kost abonniert Mk. 2.50, frei ins Haus 15 Kfg. } ■ mehr./ÄeiZusendung durchStreifbandfurOeutschland 3Hf.14.00, ] : für alle übn'gen Länder Mk. 20.00/äh rlich, tm Voraus zahlbar. j u,..... jnrmimnnnmmnt : Insertionspreis für die sechsgespalteneNoap.Zeile so Kfg., Wc : die Neklamezeile Mk.22L Bei Wiedecholungen entsprechend« : Nabatt. / Klah- und Datum-Borschn'fi ohne Bechindlkchkest. / : Annoncen-Annahme bei der (tzped.und kn a.Annoncen-BureauS. : Konto bei dem Postscheckamt ln Frankfurt a.M. unter Nr.4S64.-i 18. Jahrgang. Freitag, de» 22. Adar 5680 (12. Marz 1920) «r. 10 Kur Schulfrage in Palästina. Auf dem einheitlichen Boden des geoffenbarten Thora- Jüdentums war stets ein weiter Spielraum für verschiedenartige Auffassungen, mochte es nun die Auslegung des Gesetzes oder das Denke» über die Welt und ihre Erscheinungen oder das Gefühlsverhältnis zum Judentum betreffen. Ja, häufig entstanden solche Gegensätze, daß der eine verneinte, was der andere bejahte. Zwei Hauptströmungen lassen sich zu allen Zeiten in dem sich als Erbe der Tradition begreifenden jüdischen Geistesleben feststellen: einerseits das Bestreben, die Prinzipien des Judentums ohne Rücksicht auf die Realität des Hebens des jüdischen-Volkes zur Geltung zu bringen und andererseits das Bemühen, bei treuester Befolgung der Prinzipien die Tatsachen des Lehens in den Kreis seiner Erwägungen miteinzubeziehen. Ist dort das Prinzip der Ausgangspunkt alles Tuns, so ist es hier im Hinblick auf die Unvollkommenheit der Wirklichkeit das Ziel, das es zu erreichen gilt. ' Als Beispiel sei an die Schulen Schammais und Hillels erinnert. Ihre Debatten sind richtunggebend für jene Reihe von Geschlechtern unserer Geisteskorophäen geworden, deren Lebensarbeit in unserem Talmud vorliegt; — jedoch nicht die theoretisierende Schule Schammais, vielmehr die die Theorien an der Praxis immer wieder messende Schule Hillels ist maßgebend geworden. Und in der Neuzeit! Da brachte vor 150 Jahren im Osten das Ueberwiegen der abstrakten verstandsmäßigen Erfassung des Judentums den Chassidismus hervor, der das Gefühlsmäßige in den Vordergrund stellt und sich bewußt »der unbewußt zu Zugeständnissen an das konkrete Leben »ersteht, um so in der großen Masse für die religiöse Erfüllung zu wirken. In der Gegenwart sind es Trennungs- und Klall- Orthodoxie (letztere als Gemeinde-Orthodoxie und Misrachi), die in die Erscheinung treten. Diesen beiden Flügeln des zeitgenössischen traditionellen Judentums ist es höchste Aufgabe, die Reinheit der Prinzipien zu wahren, die zusammen die jüdische Welt- und Lebensanschauung nach dem Gottesgesetze ergeben; — der Unterschied ist nur wieder Her,- baß die eine Strömung nur auf die Idee sieht, Ne andere hingegen neben der Idee auch die. Judenheit, :;*rie sie nun einmal ist, all die komplizierten Fragen, die mit ihrem Sein verbunden sind, ins Auge faßt. Der Radikalismus der Trennung nimmt den Kampf mit den Problemen der Judenheit nicht aus, er zieht sich auf sich zurück und kommt mit der großen jüdischen Gesamtheit -nur insofern in Berührung, als eS der Defensivkampf erfordert; das Verpflichtende der Klall-Orthödoxie, allen Schattierungen und Parteiungen der Judenheit gegenüber im Interesse des Thorä-Judentüms tätig zu sein, bedeutet . hingegen Aktivität in lebendigster Kraft. Unendlich schwieriger, doch stählender und klärender für den Kämpfenden und ihm Einfluß gewährend auf die der Thora entfremdeten kreise der Judenheit ist das letztere. Doch es gehört der Glaube dazu, in seinem eigenen Judentum unversehrt «mS diesem Kampfe hervorzugehen, — und wenn die Trennung allein, schon vor der.Auseinandersetzung mit allen Unjüdischen Einflüssen schützen würde, so könnte man sich fragen, ob man es wagen solle, sich den Gefahren der Betätigung im Klall aüszusetzen. ~ * -T Wenn es nun gilt, an die aktuelle Schulfrage in älästina heranzntreten, muß grundlegende Voraussetzung kn: der Versuch der Einflußnahme .aus das gesamte jüdische Schulwesen ohne.Gefährdung der Interessen, die das 'Thora-Judentum gebietet. Geändertes Schulwesen würde Heißen, auf die Gestaltung eines Teils der Schulen nach «er Tradition' hin . zu verzichten. Ein einheitliches Schulwesen wäre aber nur dann möglich, wenn bestimmte Mindestforderungen der Klall-Orthodoxie, in diesem Falle des Misrachi, erfüllt würden. . DaS Problem ist schwierig. In dem gegenwärtigen zionistischen Schülwerk in Palästina sind solch antireligiöse Lehrer vorherrschend, daß selbst Männer wie Ussischkin, Rüben Brainin und Weizmann, die wahrlich nicht zur Orthodoxie gehören, das abfälligste Urteil hinsichtlich der jüdischen Erziehung ausgesprochen haben. In den feiten» den zionistischen Kreisen ist die Erkenntnis zu konstatieren, daß die Erziehung vor allen Dingen führen muß zu Verständnis und Begeisterung für die Bibelunser Nationale Heiligtum, die auch für-den nicht'Offenbarungsgläubigen als das reinste' und größte Erzeugnis des jüdischen Volksgenius gewertet werden muß, und zu Achtung vor jüdischer Sitte und Tradition, — und daß andere Pfade Produkte der Assimilation, Reste eines Golus-Judentums sind. Erwägt man, daß das elterliche Haus und nicht die Schule für die religiös-jüdische Erziehung bestimmend ist, so sollte man meinen, es ließe sich in dem eben geschilderten Rahmen ein Modus für eine auch dem Misrachi genügende Einheitsschule finden. Die Amsterdamer Misrachikonferenz ist nach langen Debatten schließlich zu einer anderen Meinung gekommen. Es gelangte die Anschauung zum Durchbruch, daß es trotz des dem Misrachi selbstverständlichen Einheitsbewußtseins, mit der Gesamtjudenheit vorerst nicht möglich sei, sich für die Einheitsschule zu entscheiden. In weiten Kreisen des Misrachi 'hat dieser Beschluß lebhaften Protest hervorgerufen. Man glaubt, daß sich bei aller Wahrung der Pflichten des Thora-Judentums ein Weg ßur Einheitsschule erreichen und wenn nötig erkämpfen lassen muß und sieht in dem Beschlüsse der Amsterdamer Konferenz die Methodik einer Trennungs- und nicht einer Einheits-Orthodoxie. Sei dem, wie es wolle, — im gegenwärtigen Augenblick hat jedenfalls die Zionistische Organisation die Hauptverantwortung. An ihr liegt eS, die Initiative zu ergreifen und die Steine wegzuräumen, die dem Misrachi Schwierigkeiten machen. Bis jetzt hat es anscheinend an dem zu verlangenden Entgegenkommen der Zionistischen Organisation gefehlt. Die Zionistische Organisation vergesse nicht, daß dem thoratreuen Juden seine Grenzen gezogen sind. Ein vom Misrachi getrenntes Schülwerk der Zionistischen Organisation widerspricht überdies aufs schärffte ihrem eigenen Interesse, denn durch das Fehlen der Traditionstreuen würde ein Radikalismus der Negation begünstigt werden, der die schwersten Gefahren für den inneren Frieden des künftigen .jüdischen Palästina heraufbeschwören könnte. Die Lo«do«er Tagung. Die Londoner Tagung des Großen A. - C. der Zionistischen Organisation läßt in der jüdischen Welt ein Gefühl der Erleichterung und neuer Ermutigung zurück, — und hierin ruht die hauptsächliche Bedeutung der Londoner Absprache. Denn die große, restlose Klärung der politischen Dinge, wie sie vielleicht in einzelnen Teilen des Volkes erhofft wurde, ist ausgeblieben. Und über den Stand unserer Sache haben wir noch kein klares, auch in 'den Einzelheiten erkennbares Bild. Es ist vielleicht in der' Tat der Zeitpunkt für diese endgültige Klärung noch nicht gekommen; in jedem Fall aber ist er nicht mehr fern. Die Forderung der Engergestaltung des Verhältnisses, des Konnexes zwischen Führer und Volk — wie wir sie in dem Leitaufsatz der letzten Nummer erhoben haben —, ist in London von verschiedenen Seiten mit aller Betonung ihrer Dringlichkeit und Bedeutsamkeit ausgesprochen worden. Unter Hinweis auf die jetzige ungünstig wirkende Lockerung und Lösung des Zusammenhangs zwischen den einzelnen Gliedern der Zionistischen Organisation ist verlangt worden, daß die Leitung mit Energie auf die Herstellung einer ständigen, zum wenigsten geistigen Verbindung zwischen ihr und den nationalen Judenheiten aller Länder hinwirke. Der Weg hierzu führt über die ununterbrochene politische Aufklärung und Informierung der gesamten! jüdischnationalen! Oeffentlichkeit. Und darum ist der Zusammentritt des z i o - nistischen Kongresses so erwünscht und entscheidend, weil hier dem Volk durch seine Vertreter die Möglichkeit gegeben ist, die ganze Lage klar zu überschauen, und ferner eine breite Tribüne geschaffen ist, die.-einen hin- und hergehenden Austausch der verschiedenartigen Ausfassungen Änd Anregungen zwischen Leitung und Volk zuläßt. Es ist zu beklagen, daß die Einberufung des Kongresses für absehbare Zeit nicht erfolgen kann und daß darum zum Aus- Hilfsmittel der Jahreskonferenz gegriffen werden muß. Auf jeden Fall ist es eine beschlossene Sache, daß wenigstens die Jahreskonferenz binnen dreiundeinhalb Monaten zusammentreten wird. Aus den Londoner Reden, vor allem Weizmanns und anderer E. A. - C. - Mitglieder spricht mit aller Deutlichkeit der Wille, der Führer zur baldigen Regelung der Beziehungen zur zionistischen Gesamtheit, zum jüdischen Volk im Sinne Nationaler, demokratischer Politik. Denn eS ist heute dem Auge keines schärfer blickenden Beobachters mehr verborgen, daß'sich innerhalb veS nationalen Judentums in ununterbrochenem Prozeß eine innere Umstellung und Neueinstellung geistiger wie politischer Art vollzieht, eine neue Konstellation der Parteien sich herausbildet und eine Auseinandersetzung der Geister, Parteien, Weltanschauungen ankündigt und anbahnt. Die Zeit des — im großen und ganzen — in seiner Politik einheitlich auftretenden und vorgehenden, weil völlig auf daS Ziel: Palästina eingestellten Zionismus ist dahin; eine Kröche innerer Scheidung und Teilung hat eingesetzt urch wird von nun an das Wesen und Wirken des Zionismus, vor allem das Werden des neuen Palästina gestaltend beherr-. schen. Und es wird notwendig, den neuen Kräften innerhalb der Organisation Raum zur fruchtbaren Auswirkung zu schaffen. Die Frage der Anerkennung der einzelnen neuen Richtungen, Föderationen im Zionismus taucht auf,, die Frage, die bei den Londoner Beratungen vielfach eingehend, entsprechend ihrer Bedeutung, erörtert wurde. Es ist ei» ganzer, innerlich zum Teil fest zusammenhängender Komvlex von Fragen: die Stellung zu den sozialistischen Parteien und Strömungen, zum Bolkssozialisnms und Poale- Zionismus, die Auseinandersetzung mit dem Misrachi, die Haltung gegen den Maximalismus. Es werden die hier angedeuteten Gegensätze und Gegenströmungen in unferner Zukunft mit Wucht aufeinandertreffen; auf der Londoner Tagung haben sich die Tendenzen schon schärfer und klarer herausgehoben. Die große Aussprache wird erst möglich sei« auf der Jahreskonferenz und später auf dem Kongreß; sie muß sich vollziehen, um. wie wir wünschen, zur Volk» Klärung und zum Ausgleich zu führen. Die politische Lage der Gegenwart ist für das Volk, wie wir schon eingangs sagten, auch durch die Londoneck Tagung nicht völlig erhellt worden. Wir wolkn nicht in dem Moment kurz vor der Entscheidung mit der Leitung darob rechten, zumal manches ihrer Argumente für eine Geheimhaltung der vertraulichen Beschlüsse und Verhandlungen gewichtig und beachtenswert erscheint. Im ganzen aber hat man dennoch das Gefühl — das sich wohl von den Teilnehmern der Londoner Tagung durch ihre hoffnungsgetragenen Aeußerungen auf das Volk übertragen hat —, daß unsere Sache günstig steht, daß wir fortschreiten zu unseren Zielen und beruhigt, glaubensstark in die Zukunft schauen dürfen. Palästina wird unser werden, bas Galuth aber für uns erträglicher, gefahrloser, gestaltet werden, ist unsere Hoffnung, die durch die Londoner Tagung zweifellos einen neuen Impuls und neue Stärkung erfahren hat. Die Summe der Fragen von Politik, Finanzen, Organisation, Kultur, die auf der Londoner Konferenz aufgeroklt worden sind — und die wir -nur zum Teil und nur in wenigen Strichen andeuteu konnten — ist groß an Dimension und Bedeutung. AuS der Zahl all dieser Probleme (auf die wir in folgenden Betrachtungen noch näher -eingehen wollen) erkennt die jüdische Gesamtheit, welch schweres, fast beispielloses Werk ihr bevorsteht. Es ist eineS der 'bedeutsamsten Momente an der Londoner Tagung: daß sie die Augen aller öffnet und die Lage und die Zusammenhänge groß erschauen läßt. Die Schwere, der Ausgabe» die der Erfüllung harrt, wirkt aber, wenn sie in ihren Ursache» erkannt ist und ein mächtiger Wille zur Verwirklichung sich ihr entgegenstellt, nicht entmutigend und niederbeugend, sondern wird zum Ansporn, zur Befeuerung. So gewinnt die Londoner Tagung ihre hohe Bedeutung: als ein vorbereitendes Ereignis für den Beginn der nationalen Arbeit in Palästina in großem Maßstabe. Ihr Ergebnis ist: Stärkung des nationalen Einheitsbewußtseins des Volkes, und seines Willens zum neuen großen Werk in Palästina. Suerkeunusg -er jüdische» Nationalität i» der Tschechoslowakische» Republik- „J.P.Z." bringt aus Prag folgende bedeutsame Nachricht: »Der Motivenbericht zur Berfassungsurkunde, der vo» der Regierung der Nationalversammlung vorgelegt wird, enthält die authentische Anerkennung der jüdischen Rationalität mit all den Rechten, die im Friedensvertrag de» nationalen Minoritäten zuerkannt werden. Bon der Aufzählung der nationalen Minoritäten wird in der Berfassungsurkunde Abstand genommen und nur daraus hingewiesen, daß die Juden in der tschechisch-slovakischen Republik nicht gezwungen werben können, sich bei Volkszählungen, Wahlen und anderen politisch«» und amtlichen Handlungen sowie in alkn Angelegenheiten, die sich