Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 9 (5.3.1920)
- Date
- 1920-03-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint wöchentlich am Freitag. Äezugspreks pro Viertel-;! fahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Iübischen Presse, : - auswärts bei der Post abonniert Mk. 2.50, stel ins Haus 15 pfg. : mehr./BekZusendung durch Streifband fllrDeutschland Mk. 14.00, : für alle Lbrtzen Länder Mk.20.OOjährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße I Fernsprecher Amt Hansa 2903 - Herausgeber: Satz Geis EiiiiiiiniuiiiimmimmiiiinmnimiiiiimmumiHiiHiiumiimi Infertkonsprels für die fechSgetzrakteneRonp.Zeike 80 pfK, Ar die Rektamezelle Mk.L2L Lei WKdecholvngen entsprechender Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. / Annoncen-Annahme bei der «Wred.und in «.Annoncen-ÄureauS. Konto bei dem Postscheckamt ü» Frankfurt a.M. unter Rr.sSb-L. 18. Jahrgang. Freitag, de» 15. Adar 5680 (5. Marz 1920) «r. S Bor der Entscheidung. Von Be« Aephnne. - Keinen, Zweifel ist niehr unterworfen: das jüdische! Volk befindet 'sich heute auf dem Wege, nach Palästina, zur alten, im Gedenke» stets innig umfangenen Heimat. Hat es schon die größere Strecke dieses aufwärtsführenden. Wegs zurückgelegt, seine kritische Enge überwunden? Es scheint heute in diesem Stadium des Fortschreitens begriffen, in dem Moment der entscheidenden, klärenden, 'bedeutsamsten Wendung. Der Weg geht nach oben, darf allen Anzeichen getraut werden. Nur gilt es, über den I momentanen Zustand der Stagnation in der Bewegung, vber zweifelserfüllten, bangen Ruhe vor der letzten Entscheidung hinauszukommen, die Statik in emporstrebende 'und befreiende Dynamik zu-verwandeln. Denn .es liegt heute zweifellos über der jüdischen Welt | eilte Schwere, eine beengende Ungeivißheit, die lähmt und hemmt und die nach schöpserischem Ausbau verlangenden, zum Werk entschlossenen und bereiten Teile des jüdischen BolkeS' zur quälenden Untätigkeit verdammt. Wen nähme es. wunder? . Als die Balfoursche Deklaration vom 2. November 1917, die am Beginn der zweiten Aera in der Geschichte des Zionismus, der der äußeren Durchsetzung richtungiveisend steht, erschien, löste sie einen machtvollen, nationalen Enthusiasmus von.ungemeiner Intensität und Stärke innerhalb des jüdischen Volkes , aus. Der Tag der Ueberwindung des qualvollen Diasporadaseins und des Neuwerdens in Erez Jisroel schien uns gekommen. Und wir ^wähnten, unmittelbar vor dem Beginn der Erfüllung^pnsres tiesste'n, glühendsten Wunsches zu stehen. Ununterbrochen wurde nnsernn Streben nach Wiedergewinnung der alten Heimat immer neue Anerkennung, befeuernde Billigung, und unsere Ansprüche fanden vor dem politischen und moralischen Forum der Nationen Legitimierung und Bestätigung. Nichts schien mqhr unserem Willen zur Verwirklichung unserer großen, großartigen Plätte iin Wege ztt stehen. -Damit aber war das Stadium sämtlicher gedanklicher Möglichkeiten durchlaufen: die Gestaltung der realen Dinge geschah, nicht durchweg nach unsrne-Wünschcn, das Tempo des fortschreitenden Geschehens in der Richtung unsres völligen -Sieges verlangsamte sich, wurde träg und schleppend. Und hervor aus dem Werden unsrer -Wirklichkeit stiegen Hemmnisse. vergessene oder nie in ihren: ganzen Umfange geahnte Probleme, widrige Momente und Tatsachen mannigfachsten Ursprungs, verschiedenster Natur. Wir aber, die wir uns so unvermuteten feindselige« Wirklichkeiten bedrohlicher Dimension gegenüber sahen, würden jäh. aus dem Rausch unserer Begeisterung geeisten, fanden uns'wieder in einem Zustande trostarmer Nüchternheit, Niedergedrücktheit, seelischer Ermattung und Entspannung. Wir überließen uns einer Stiminung, die nicht weit von Resignation und voll von Gefühlen der Beklommenheit war. .Wer könnte, wer dürste das Volk der Unbesonnenheit,' törichter Uebereilung und unverzeihlicher Leichtgläubigkeit anklagen, das Volk, das in den letzten zwei Jahrtausende,, seiner Geschichte ununterbrochen in einer Atntosphäre des Leidens und der.Freudlosigkeit gegenüber dein Außen lebte, | üttb nun in einem Augenblick von so unerhörter Neuartigkeit in seinem äußeren Dasein, von solcher' historischen l Größe .und solchem Reichtum an Möglichkeiten eine zeitlang sein inneres Gleichgewicht, seine große abweisend^ Ruhe und j Besonnenheit verlor und > sich einem mächtig aufwallendei? Gefühl der Befreiung von niederbeugendem Druck überließ? . Es mutet durchaus natürlich an, daß die Wirkungen^ die das bestimmte Ja der politischen Welt als Antwort aus unser Drängen, auf Billigung unserer Forderungen ausgelöst hat, zuletzt in einem Ausbruch stärkster Begeisterung offenbar wurden. Nichtsdestoweniger bleibt der Umschlag', der Rückschlag als ein objektives Geschehnis, als eine Tatsache, die^bedeutsam ist im negativen Sinn und Möglichkeiten negatiber Art in sich birgt, eine Tatsache, der die Stirne geboten werden muß. . Es ist vor allem Sache der Führenden, der zur' Leitung Ausersehenen,' dem Volke die feste, aufrechte innere Haltung | Liedergeben zu helfen, in der es durch die äußeren, mächtig auf es eindringenden Ereignisse schwankend geworden war. Sache der Führer erst heute und nicht auch während des kritischen, stürmischen Gestern, wo doch der Grund zur Depression und Entmutigung des Heute gelegt wurde? Wir sind von.dem Bestehen einer wahrhaft wesentlichen und aktiven Schuld der Führer an dem Aufkommen-einer über-! mäßigem schrankenlose« Begeisterung und dem damit verbundenen unheilvollen Rückschlag in der Stimmung des Volkes nicht überzeugt. Der Ruck, die Erschütterung,, die bei der Verkündigung der britischen Regierungsdeklara-. tion durch die gesamte jüdische Welt ging, hatten auch die Führer erfaßt und vor allem: sie ließen sich nicht durch Reden und Proklamationen hemmen und unterdrücken. Wer aber von einer bewußt „illusionären, auf bloßen Effekt hinzielenden" Politll der leitenden Zionisten geredet hat und noch redet, tut es aus Unkenntnis oder aus Gründen wohl berechneter Politik. Wir haben derartige Borwürfe gegen die Leitung für nicht eigentlich berechtigt, kür verfehlt. Aber dennoch empfindet das Volk vielfach ein Gefühl der Unzufriedenheit mit der Haltung und dem Tun der Leitung. Es ist heute die Zeit gekommen, einige grundsätzliche Worte zu dem Grundmotiv für diese kritische, negierende Stellungnahme innerhalb des nationalen Judentums zu sagen. Es ist feine Summe pon Ablehnungen und Verurteilungen, die sich in dem Schlagwortbegriff: Gehoimdiplomatie europäisches Gebaren in der Politik kundtut. Wer diesen Vorwurf ausspricht, denkt an das konsequente Schweigen und Verschweigen, das Ausweichen und Zurückhalten des führenden Zionistentnms in London und Paris in den jüdisch - politischen Dingen und Fragen während der ganze» letzten Zeit. Er hat den Eindruck, als ob die zionistischen Politiker in London sich davor scheuen,' das wahre Gesicht der Lage dem Volke zu enthüllen, weil es einzelne bedenkliche, unerfreuliche Züge trägt und von großem 'Ernst beherrscht ist. Und ihm Möchte scheinen,, als ob diese. Führer vor das Volk ersküach vollzogener Entscheidung mit sicherein Bürgschein treten möchten. Nun braucht nicht die Feststellung wiederholt zu werden, daß _ eine restlose Öffentlichkeit all der Beratungen und Konferenzen vielfach vertraulichen Charakters ohne Nutzen und Sinn sei und 'nur in entgegengesetzter Richtung zu wirken geeignet ist (zumal die -heutige politische Welt trotz aller tönenden Reden und Versuchen der Reform noch immor geheimdiplomatisch arbeitet). Sie ist aber, glaubei^Mr, fruchtbarer und wünschenswerter als eine vollendetzMyeimlichkeit des politischen Beginnens und Tuns, wie sie von der Leitung in London nicht immer vermieden worden ist. Man hat in London zu Zeiten höchster, lastender, unerträglicher Spannung, wo ein klares, offenes Wort erlösend wie auch immer gewirkt hätte, beharrlich geschwiegen und hat vor allem die große jüd. Masse kaum etwas von den zu bewältigenden Schwierigkeiten und Hemmnissen ahnen lassen. So, daß die mählich durchsickernden Nachrichten über die entgegenstehenden Dinge in hohem Grad Unruhe erzeugten. Zwischen Führung und Volk bestand keine ununterbrochene wechselseitige Beeinflussung, kein steter 'Austausch der Gedanken, keine fortwährende Aussprache und Auseinandersetzung über Wege und Ziele der jüdischen nationalen Politik und dies zum Schaden beider. Hierüber, ob von Unterlassungsfehlern der Leitung gesprochen werden kann, Ivird endgültig ein Urteil erst später zu füllen sein, wenn auch heute schon einiges zu erkennen und festzustetlen ist. Wichtiger ist heute die Forderung für die Zukunft, das; mit dem seitherigen Brauch — unrecht wäre es wohh von einem SYsteni zu sprechen — 'geheimdiplomatischen Agiereus von Seiten der Leitung gebrochen wird und baldmöglichst ein lebendiger, beide Teile befruchtender innerer Zusammenhang zwischen dem Volke und seinen politisches Führern, die Vollstrecker seines Willens sein, und bleiben müssen, hergestellt wird. Die Tagung des Großen A.-C. in London bedeutet einen ersten Schritt iii dieser Richtung. Zusammentritt des Kongresses, Schaffung einer Repräsentanz der jüdischen Gesamtheit werden weitere Etappen auf diesem Wege sein. In dieser Zeit, in der Entscheidungen von grundlegendster Bedeutung für das nahe Morgen beschlossen liegen, ist es für das jüdische Volk unerläßliche Notwendigkeit, klar seinen Weg zu sehen bind zu gehen. Es mutz klar in der Einsicht und unerschütterlich im Entschlüsse sein. Dann wird es den Weg zum (tonten Zion glücklich vollenden. Die Sitzung des GrotzeuAttions-Comitees der Zionistischen Organisation. . Die Debatte über die Kulturarbeit nahm folgenden Verlauf: Dr. Lewins Referat forderte Hebraisierung Palästinas, zur Vorbereitung hierfür mindestens 20 Lehrerseminare in den Diäsporaländern, Herstellung von Lehrbüchern für Lander) wir Infolge niedriger Valuta die Neuherausgabe von Bücherrr erschwert worden ist. Dr. Bergmann machte detaillierte Angaben. Die Schulen der Zion. Organisation in Palästina zählen 12Ü8ld Schüler, ihnen sind die Schulen der „Jca" mit 1200 Schülern angeglichen. In Petach Tikwah wird eine Lanb- Wirtschafts-Schule errichtet. Es müssen 40 Schulgebäude errichtet werden; dadurch wird sich auch die Schülerzjahl sehr vermehren. Es fehlen Lehrbücher. Adolf Boehm berichtete über das Pädagogium in Wien. Das Verhältnis zur Orthodoxie ist ein sehr gutes. Indem die -jüdischen Fächer sachlich vorgetragen werden ,^ und es dem'Gegenstand selbst überlassen wird, wie er auf die Schüler wirkt, ist jeder Konfliktstoff ausgeschieden. Rev. Goldbloom beklagte, daß palästinensische Lehrer vielfach öffentlich gegen das Religionsgesetz verstoßen. Rabb. Rabinowitsch führte aus, daß die Trennung von Staat und Kirche beim jüdischen Bolle unmöglich sei. Was der Misrachi verlangen müsse, sei. daß er in seiner Kulturarbeit nicht gestört werde. Einigkeit und Verträglichkeit sei nötig. Sprinzak wies auf die religiöse Strömung unter den Kindern Palästinas' hin, die jedoch nichts mit emer religiösen Politik, die auch der Misrachi betreibt» zu tun habe. Bei Errichtung der Institution des Friedensrichters verlangte gerade die extreme Seite, daß die Rechtsprechung auf dem Choschen Mifchpat fuße. Podlischewski berichtete über die großen Fortschritte des Zionismus in Polen. Abrahams teilte von Südafrika mit, daß dort die nächste Generation nicht nur nichtzionistisch, sondern auch nichtjüdisch zu sein Gefahr laufe. Man müßte Lehrer nach dorten schicken. - .fi e t nt a it n Struck stimmte den vom Erziehungs- Departement vorgeschlagenen Resolutionen bei. Der Misrachi verlange von dem Nichtorthodoren kein Opfer der Ueberzeugung, aber eine wirklich jüdische Kultur und nicht ein zionistisches Phrasentum. Der Zionist soll die Bibel und die Elemente des Talmuds kennen. Eine hebräische Kultur, die nicht mtf der alten fußt, würde ein Produkt der Assimilation sein. In. Palästina muß das Schulwesen so' gestaltet werden, daß jede religiöse Richtung frei ist.' Dr. Auerbach beklagte den Mangel an Lehrern in Konstantinopel, wo ein Drittel 'der jüdischen Kinder ohne Unterricht ist. Ing. Stricker -Wien forderte für die Orthodoxen volle Autnomoie. da es ln Weltanschauungen keinerlei Komprontisse gebe. Er warnte den Misrachi vor seiner neue» Gefolgschaft, er 'werde bald nicht mehr der Führende, sondern der Geschobene sein. Dr. Schoenfeld verlangte für Palästina Respektierung des Altjüdischen im Erziehungssystem und autonome Konstituierung der orthodoxen Schulen. . Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, ging Dr. L e w i n in seinem Schlußwort auf die Verhandlungen über die orthodoxen Schulen ein. Die Londoner Konferenz im Februar hat an der einheitlichen Oberleitung des gesantten Schulwesens festgehalten. Er verwies darauf, daß auch im Lager des Misrachi dieselbe Anschauung Vertreter findet und daß die misrachistische Jugend in Berlin und in Frankfurt gegen die Beschlüsse der Amsterdamer Konferenz protestiert und eine Einheitsschule (verlangt. Wir wollen mit dem Misrachi freundschaftlich auskommen. Dies will auch Herr Ussischkin in Palästina, der in orthodoxen Schulen volle Autonomie und einen eigenen Waad Hamfakeach zugibt. * Am 19. Februar wurde die Palästinadebatt« fortgesetzt. Sie schloß mit der Annahme folgender Resolutionen:. „Die A.-C--Sitzung spricht sich dafür aus, daß die Mittel, welche die Zionistische Organisation für landwirtschaftliche Kolonisation aufwendet, nur solchen Ansiedlern zugute kommen soll, welche sich den Grundsätzen der Bodenpolitik des Jüdischen Nationalfonds unterwerfen." ,D>as Große Aktions - Comitee betont, daß die Errichtung von Siedlungen von Eigenarbeitern (Maschawoth Owdim) in die erste Reihe der nächsten Aufgaben in Palästina fällt." „Das Große Aktions-Comitee anerkennt die Notwendigkeit der Bildung einer speziellen Abteilung für die Angelegenheiten der jüdischen Arbeit urü» Arbeiter in Palästina, welche als ein Teil der Zionist Kommission angesehen werden soll." ,D)as A.-E. genehmigt'prinzipiell die Begründung eines Instituts für ko operativen» Arbeiterkredit in Palästina» Es beauftragt das E.-A.-C.. das mit den Arbeitervertretern inr