Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 8 (27.2.1920)
- Date
- 1920-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bei Beginn der 4. Sitzung wurde folgendes Schreib't:n des französischen Ministerpräsidenten; Millerand zur Kenntnis gegeben: „Ich habe von Ihrer mir 'freundlich gemachten Mitteilung vom 9. d. Mts. betreffend der Errichtung einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina Kenntnis genommen. Es bedars keines Zweiseis Ihrerseits, und es freut mich, Ihnen die Versicherung des Interesses der französischen Regierung an diesem Werk im UrsprungsMnde Ihres mit so viel Widerstandskraft und Jntellektualität ausgestatteten Volkes zu erneuern. Alles, was getan werden kann, um bei der Schaffung einer derartigen Organisation behilflich zu sein — unter Berücksichtigung der gerechtfertigten Ansprüche und Interessen der in Ursprung und in Religion verschiedenen Völkerschaften, welche die Geschichte in Vorderasien vereinigt und vermischt hat — wird die Unterstützung Frankreichs genießen." Die 4. und die 5; Sitzmng wurden von der Generaldebatte ausgefüllt, an deren Schluß Dr. Weizmann die vorgebrachten Einwände behandelte und die wichtigsten Momente der. politischen Arbeit der letzten Jahre darstellte. Er ging davon aus, daß es, wenn es, sich um das Endziel handelt, falsch ist, eine Differenz zwischen.'politischen und nichtpolitischen Zionismus zu - machen. Das Endziel war immer das gleiche. Der Unterschied kann nur darin gefunden werden, daß die Methode, die die sogenannten, „politischen" Zionisten verfochten, zwar nicht falsch, aber Unzulänglich und einseitig war. Deshalb »wurde ihm eine Anschauung cntgegengebracht, die er — Dr. Weizmann — auf dem Haager Kongreß den synthetischen Zionismus nannte. Und dieser Zionismus hat durch die Erfahrungen und Erfolge seine glänzendste Rechtfertigung gesunden. Im Sinne dieses synthetischen Zionisnius müsse nun an die konstruktive Arbeit, den Grundstein der ganzen Zukunst, herangegangen werden. Die Rede Dr. Weizmanns übte einen gewaltigen Eindruck auf die ganze Versammlung; selbst Jean Fischer und Dr. Marmorek stimmten .ihr begeistert zu. Die Sitzung vom 15, Februar, die 6. Sitzung, war Technikum und Universität gewidmet. v.... Dr. Weizmann, referierte. Die Universität dürfe fetzt nur eine durchaus hebräische sein. Dennoch mutz ein llebergangsstudium geschaffen werden, während dessen wir die Baulichkeiten, die Lehrbücher und die Menschen vorbereiten. Derzeit befindet sich auf dem Skopusberge ein für die Aufnahme eines Kerns der Universität geeignetes Gebäude. Die Universität möge mit Forschungsinstituten eröffnet' werden, Ivelche den Bedürfnissen des Landes dienen, und zwar miteinem physikalischen, eincm chemischen und einem mikrobiologischen Institut sowie für die humanistischen Fächer, einem hebräischen Institut, das allmählich zu einem Institut für Orientalistik ausgebaut werden lüunte. 'Diese Institute hätten die Resultate ihrer Forschungen in wissenschaftlichen Publikationen hebräisch und in einer anderen Sprache zu veröffentlichen. - Das physikalische Institut wäre zugleich eine Anstalt, in der wissenschastliche Apparate, Meßinstrumente nsw., nachgeprüftiverden könnten. Zugleich - würden diese Institute zwanglose Kurse abhalten und den Geist der Gründlichkeit der wissenschaftlichen Betätigung ins Land tragen. Die Wissenschaft, die-in hebräischer Spräche-gepflegt wird, darf nicht nur eine Art Fassade kein, sondern mutz jeder Kritik standhalten können. Das Technikum-in Haifa, das Jacob Schiff-Newyork für die Zionistische Organisation ankaufte, mutz nach dem Programme eröffnet werden, das vor dem Kriege vorgesehen-war. In der Debatte unterstützte zunächst Prof. Ornst e i n von. der Ntrechter Universität Dr. Weizmanns Ausführungen^ Er wies auf die Notwendigkeit der Chemie für den Ausbau Palästinas hin, die Chemie ihrerseits setzt die Physik voraus. Er beantragte, an die Universität eine Schule für Feinmechanik nach dem Muster der Universität Lyden anzuschließen. Das Technikum müsse den Rang emer Mittelschule behalten, und die technische 'Hochschule, die wir einmal machen werben, muß mit der Universität verbunden werden. Er beantragte,. die Universität einem von politischen Einflüssen freien Kuratorium zu unterstellen. Sacher betonte die Notwendigkeit der Anlage eines Gclehrtenviertels um die Universität.' Dr. Nordau und Dr. Schoenfeld unterstützten gleichfalls die Weizmannschen Ausführungen. Boris Goldberg empfahl die Schaffung!eines allgemeinen Kuratoriums für Hochschulwesen. Die Arbeit der nach Palästina entsandten Experten erleide große Verzögerungen dadurch, daß im Lande keinerlei wissenschaftliche Laboratorien bestehen. Diesem Uebel müsse möglichst bald abgcholfen werden. Prof. Marburg betonte die Notwendigkeit, neben Her Naturwissenschaft die Geisteswissenschasten, insbesondere die Orientalistik, zu pflegen. Die -Universität solle zunächst keine Doktorate verleihen. Der Sacher'sche Antrag auf Anlage eines Gelehrtenviertels sei warm zu befürworten. Podlischewski.B oehm und Motzkin wandten sich gegen die Beschränkung des Universitätsprogramms auf rein realistische Fächer. Boehm .wies auf die ungeheuere propagandistische Anziehungskraft hin, welche der Plan einer Universität in Jerusalem in allen jüdischen, ja sogar in nichtjüdischen Kreisen habe. Dr. R u p p i n empfahl die Gründung, eines Wirtschaftsinstitutes für den Orient- und eines archaeologischen Institutes. Hermann Struck wandte sich dagegen, daß man die judaistischen Fächer als Tabu behandelt. Wenn auch ein Gegensatz der Weltanschauungen bestehe, so bleibe dennoch die Möglichkeit eines durchaus freundlichen Wettbewerbs. Er empfahl, für diejenigen Fächer, wo Gegensätze der Anschauungen bestehen, eine doppelte Besetzung. In seinem Schlußworte stellte Dr. Weizmann die Wiederherstellung der landwirtschaftlichen Versuchsstation! Aarönsohns in Aussicht. Er betonte die politische Wichtigkeit des archäologischen Institutes. Die Universität wird einmal alles enthalten. Es handelt sich nur darum, die Zelle festzustellen, mit der sie beginne. Prof. Ornsteins Anregung einer Werkstätte für Feinmechanik ist außerordentlich wichtig. Die Juden haben hierfür ererbtes Talent, und Palässina hat vorzügliche Lichtverhäktnifse. Das Recht, den Doktortitcl zu verlangen, müsse sich die Universität erst durch tüchtige wissenschastliche Arbeiten erwerben. * Die 7. Sitzung wählte Dr. Jacobson, Jacobus Kann, Dr. Bodenheimer, Motzkin und Sprinzak als Kommission, mit dem Auftrag, die in der politischen Debatte vorgebrachten Vorschläge zu prüfen und über das Resultat dem Plenum zu berichten. Hierauf erstattete S.o ko low Bericht über den Empfang beim Präsidenten der französischcn! Republik Paul D e s ch a n e l. Die bald einstündige Audienz bezog sich auf die zionistische Frage im besonderen und auf die jüdische Frage im allgemeinen. Sie trug einen sehr herzlichen Charakter. Nach diesem Bericht wurde der in der vorigen Sitzung eingebrachte Antrag, den amerikanischen Zionisten einen besonderen Dank auszusprechen (.Antrag Dr. Weizmann, Dr. Lewin), einstimmig angenommen. Hierauf begann die Paliistinadebalte,) eingeleitet durch ein ausführliches Referat Julius Simon' s. - An die Spitze seines. Referats stellte er die Grundsätze für die Landpolitik in Palästina, die. anläßlich der Beratungen im vergangenen Herbst zwischen dem Aktions- Comitee -umd der Zionistischen Delegation aus Amerika - aufgestellt wurden. Die Einzelheiten des Referats entsprachen im allgemeinen dem schon vor einiger Zeit veröffentlichten Rundschreiben des Palästina-Departements. Sie wurden ergänzt durch die Verlesung der Gutachten, welche die vom Aktions-Comitee herangezdgenen Fachmänner auf kolonisatorischem, finanziellem und technischem Gebiet abgegeben haben. Diese Fachmänner haben ihre Untersuchungen in einem mit dem Palästina-Departement zusammenarbeitenden Advisori-Committee durchgeführt, dessen Vorsitzender Herbert Samuel ist. Dr. Ruppin führte ergänzend aus. das Finanzprogramm müsse sowohl den Verhältnissen Palästinas als der Psychologie der Kreise angepaßt sein, von welchem die notwendigen Mittel erwartet werden. - Notwendig -sei -es aber, den Plänen ganz großzügigen Charakter -zu geben. Mit Rücksicht auf die finanzielle. Katastrophe in' Mittelynd Osteuropa schlug Dr. Rupp in besondere Maßnahmen vor, die gestatten, daß vorläufig die finanzielle Arbeit von den jüdischen Kreisen des Westens, speziell Amerikas, getragen wird, aber auch die Möglichkeit offen lassen, den an der Palästinaarbeit interessierten jüdischen Bolkskreisen in Osteuropa, wenn sich die Balutaverhältnisse gebessert haben, auch noch Anteil an dem Aufbauwerk zu geben. Dr. R u p p i n schlug im besonderen Gründung einer großen Häuferbaugesellschast für den schnellsten Bauvon Ärbeiterhäusern.vor, da dieser der eigentlichen Privatinitiative nicht überlassen werden kann' und doch die Voraussetzung einer großzügigen Kolonisation ist. Schon dieser Häuserbau wird einer großen Anzahl von Arbeitern Beschäftigung geben. Ferner müsse eine große Pflanzungsgesellschaft gegründet werden, die vorläufig mit den aus dem Westen kommenden Finanzmitteln zu arbeiten hat, aber vorsieht, daß das auf - diese Weise kulturfähig gemachte Land auch für die Emigranten aus dem Osten erreichbar bleibt, sobald sich die finanziellen Verhältnisse geregelt haben! In der Nachmittagssitzung begann die Debatte mit einer Rede Dr. Bodenhermers, der forderte, daß der ganze für jüdische Kolonisationszwecke verwendete Boden dem Jüdischen Nationalfonds als Eigentum verbleibt. Boris G oldberg, sprach über die Privatinitiative beim Aufbau 'des jüb. Palästina, die genügenden Spiel-, raum haben müsse, aber im Interesse der nationalen Wirtschaft bestimmten Kontrollen zu unterwerfen sei. . Dr. Jacobson.wies darauf hin, daß die von Julius Simon angedeuteten Mittel des Ausbaus und der Errichtung von Finanzinstituten nur jene Institute schaffen wollen, die imstande sind, weitere Mittel für die Aufbauarbeit heranzuziehen. Dr. Ruppins Vorschläge müßten als Ergänzungsvorschläge aufgefaßt werden, welche insbesondere auf die gegenwärtige Notlage eine Antwort geben. Na i di t sch betonte, daß es nicht so wichtig sei, neue Gesellschaften zu gründen, als vielmehr den JArifchrn Nationalfonds zu stärken, und wandte sich gegen eine allzugroße Freiheit der Privatinitiative. Dr. Goldstein sprach die Hoffnung aus, daß-es gelinge, die Ueberzeugung zu verbreiten, daß auch jene Gelder, die speziell für die jüdischen Opfer des Krieges in Osteuropa bestimmt sind, ihrem Zweck am sicherste« zugeführt werden, wenn die Zukunft dieser Kriegsopfer in einem jüdischen Gemeinwesen in Palästina sichergesteklt wird. > - Dr. Weizmann griff in die Debatte ein. Es werde selbstverständlich notwendig sein, dem jüdischen Bock klar zu sagen, daß es die ihm gebotene Gelegenheit des Aufbaus.- seines nationalen Heims nur durch eine gewaltige Opferwilligkeit ansnützen könne. Dr. Weizmann ist sicher, daß die für eine derartige Aktion notwendige Begeisterung vorhanden sein werde. In den Mittelpunkt einer solcben Aktion sei der Jüd. Nationalfonds zu stellen, dessen Möglichkeiten bisher auch nicht annähernd ausgenützt worden sind. Dr. Weizmann führte dann aus, in welcher Weise die Leitung sich die sofortige Inangriffnahme der Arbeit in Palästina vorstellt. Podlischewski verlangte für die Liquidierung-der Vermögen der jüdischen Emigranten in Osteuropa Liquidationsbanken und Maßnahmen, damit die Emigranten auch Maschinen mitnehmen können, mit deren Hilfe sie in Palästina produktive Existenzen aufbauen.können. Dr. F e i w e l betonte die Notwendigkeit geschäftlich fundierter Finanzinstitute und eines großen Kolonisationsfonds, der auf den - Opfern des jüdischen Volkes beruht. Anleihen sind nur auf Grund rentabler Werte mit gesichertem Zinsendienst möglich. Sie haben große Finanzinstitute auf sicherer Grundlage, welche die Anleihen zu garantiere,, imstande sind, zur Voraussetzung.- Vielleicht wird es dann möglich sein, Anleihen nicht nur in -jüdischen Kreisen unterzubringen. . ' Die Palästinadebatte wurde Dienstag, den 17., fortgesetzt. D e L i e m e wünschte vollkommen einheitliches Auftreten der Leitung. Für Palästina gelten dieselben ökonomi-- . scheu Gesetze wie für die übrige Welt. Deswegen sins. gutsondierte reale Pläne notwendig, die auch den Weltmarkt eröffnen. Anleihen sind unmöglich, solange kein, sicherer Zinsendienst garantiert ist. Der.Jüdische Nationalfonds kann gewaltige Steigerungen seiner Erträgnisse erwarten, aber seine Organisation-muß ausgebaut werdet. Seine Kolonisationsarbeit in Palästina-darf nicht in eiga»