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Neue jüdische Presse · 1920-02-06 · Heft 5 (6.2.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 5 (6.2.1920)
Date
1920-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V Frankfurter Israelitisches Familienblatt p—»iiiüiiiiiiiiiiiiHMimiiwwww»iiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiimiii«|; eNsiheinl wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel« : - fahr: In Frankfurt am Main bei -er Neuen Zübifchen Presse, :; «mswärts bei -er Post abonniert Mk. 2.50, stet ins Haus 15 pfg. j i mehr./ÄeiZusendungdurchStrelfbandfürDeuffchlandMk. 14.00,; :stir alle übn'gen Länder Mk.20.00jährlich, im Voraus zahlbar, j UM....— Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 290L Herausgeber: Sach Geis anmiHniiniHniiiiwinmmupniuminnmiHinin Insertionspreis für die s«chSgefpaUe«Jt»a-.Zekle70 Ptz., M die Neklamezeile Mk.2.—. Bei Wiedechotmigen entsprechender Nabalt. / Platz- und Datum«Vorschrift ohne Verbindlichkeit. / Annomen-Annahme bei der ^ped.und kn a.Annoncen-Vurea«t. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr.4S64. 18. Jahrgang. Freitag, de« 17. Schwat 5680 (6. Februar 1920) Rr. 5. Die Amsterdamer Sonfere«). Die im Gemeindesaal der Niederländischen Hauptshna- «oge zu-Amsterdam in fünftägiger ernsten und arbeitsreichen Beratungen tagende Misrachi-Weltkonferenz hat die Aufmerksamkeit der allgemeinen Oeffentlichkeit in Holland in hohem Maße erregt. Die angesehensten Tagesblätter brachten ausführliche Berichte. Einen starken Widerhall aber dürft« die Versammlung in der holländischen Judenheit gefunden haben, und es ist anzunehmen, daß der Misrachi in Holland das Verständnis für seine Bestrebungen und damit die Zahl seiner Anhänger ganz außerordentlich vermehrt hat. Die Unklarheit der Gegenwart und der vorerst noch ganz problematische- Charakter der Anfangsarbeit in Palästina haben sich naturgemäß auch den Beschlüssen der Tagung trotz aller Zielbewußtheit bis zu einem gewissen Grade aufdrücken müssen. Denn die Entscheidung, wie die Tätigkeit in Palästina einzusetzen hat, appelliert doch nur anS Gefühl, da für die verftandesmäßigen. Erwägunge» und Berechnungen noch die erforderlichen Unterlagen fehlen. Wer vermag bei dem gegenwärtigen Tohuwabohu aus der Anschauung der Dinge heraus zu sagen, durch welche Politik oder Methode der Misrachi sich in der palästinensischen Judenheit Gehör verschaffen kann? Und da eben das Gefühlsmäßige hier das Entscheidende ist, so kamen auf der Tagung zwei'Strömungen zum Vorschein und rangen mit einander. Eine Synthese zwischen Ost- und Westjudentum herzustellen,' wie es gerade in den letzten. Jahren das Bestreben der traditionstrruen Judenheit -wurde,, ist vorläufig nicht mehr als eilt frommer Wunsch. Ostuyd Westjudentum sind eine Zweiheit — der Ostjude lebt, auch wenn er jüdisch entartet, solange er sich mit dem Ostjudentum eins fühlt, im Judentum; — der Westjude hat selbst in seinen Besten mehr jüdisches Wollen als Lat. Der Ostjude schreitet daher sicherer und fester in seinem Judentum einher, und seine Solidarität mit der Ge-, samtjudenheit lebt in ihm als ein natürliches Gegebenes. Der um sein Judentum ringende und es gegen Assimilationseinflüsse ständig wehrende Westjude muß dagegen stets unl die Idee besorgt sein, und er sucht vor allen Dingen seine Id« vom Judentum zu schützen. Man versteht daher, daß die der Tagung zur Entscheidung vorgelegten Fragen seitens der ostjüdisch orientierten Delegierten mit ganz anderem Temperament betrachtet wurden als seitens der westjüdisch orientierten Das ostjüdische Element rückte in der Behandlung der Probleme die Einheit mit der Zionistischen Organisation und mit der palästinensischen Gesamtjudenheit in den Vordergrund seiner Erwägungen und fühlte sich stark genug, innerhalb dieser Einheit nicht nur die Interessen' einer Parteirichtung zu vertreten, sondern auch, auf die Kraft der Idee vertrauend, die treue Wahrung und Neubelebung der Tradition und den endgiltigen Sieg des wahren Judentums herbeizuführen. Das westjüdische Element (auch ostjüdische Vertreter Amerikas) war hingegen mehr um die Prinzipien seines Judentums besorgt. Hieraus erklärt sich z. Bdie Debatte über den ideell wichtigsten Gegenstand der Tagesordnung: Die Erziehungsfrage in. Palästina, bei welcher Debatte es sich darum handelte, ob ein Erziehungsrat »er Zionistischen Organisation oder zwei höchste Erziehungsbehörden und demgemäß zwei getrennte Schulwerke in Palästina errichtet werden sollen. Einen recht interessanten Beleg für die verschiedenartige Auffassungsart von Ost und West, von dem noch in einem eigenen Milieu lebenden Ostjuden und dem in den Kulturen der westlichen Völker ausgewachsenen Westjuden, erbrachte auch die Debatte über die Stellungnahme zum Wahlrecht der Frauen. Die hervorragendsten Vertreter des östlichen Judentums, in der Thora grau gewordene Männer, erklärten, daß der gesamte jüdische Gesetzeskodex keine gesetzliche Handhabe gegen das aktive und auch nicht gegen das passive Wahlrecht der Frauen biete und es daher nicht nötig sei, nun ein Problem zu schaffen, das Zersplitterung mnerhalb der Judenheit Hervorrufe. Die anderen sprachen sich gegen eine sofortige Entscheidung in einer Frage «uS, die nun einmal in den letzten Jahren zu einem »mstrittenen Problem in der jüdischen Orthodoxie geworden ist» und so wurde die Beschlußfassung vertagt. Konnte so die Konferenz noch kein Wegweiser sein, so war ihre Abhaltung dennoch von epochaler Bedeutung vir die weitere Entwicklung des Misrachi. Nach sechs Jahren d« Unterbrechung und damit der Entfremdung seiner einkelneu Glieder hatten sich seine hervorragendsten Vertreter wieder zu gemeinsamem Beraten zusammengefunden, und diese persönliche Fühlungnahme der Führer all der Landesorganisationen gab einem jeden von ihnen erst die Abschätzungsmöglichkeit für die im Misrachi vorhandenen Kräfte und damit einem jeden eine Steigerung seiner Arbeitskraft und seiner Entschlußfähigkeit, die bald nach innen in der vermehrten Energie jeder einzelnen Ortsgruppe und nach außen in einer Festigung der Position und des Ansehens des Misrachi der zionistischen Gesamtbewegung gegenüber zum Ausdruck kommen werden. Die Amsterdamer Konferenz war die notwendige Vorinstanz für den künftigen Misrachi-Weltkongreß, — möge sich bis dahin zu dem einheitlichen Willen auch eine einheitliche Politik als die Politik eines von AssimilationSeinflüsscn befreiten, wahrhaften Traditionsjudentunis herauskrystallisieren. Aus den Berhaudlurrge» der Amsterdamer Koufereur. »er Misrachi in Polen, Auf der Amsterdamer Konferenz führte der Reickstagsabg. F a r b st e i n - Warschau aus, daß der Misrachi in Polen in 300 Ortsgruppen mehr als 25,000 Mitglieder, darunter mehr als 100 Rabbiner, zählt und fuhr dann fort: Die Arbeit 'in Polen ist sehr schwer. Es ist für die orthodoxen Juden praktisch fast unmöglich,, eine Reise zu machen, da er der Gefahr ausgesetzt ist, daß man ihm den Bart a b s ch n e i d e t. Dennoch hat sich die Arbeit so vermehrt, daß Rabbiner G l o t n i k sei» Rabbinat in G u mbiu niederlegte und das Generalsekretariat des Misrachi übernahm. Monatlich kommen ca. 6200 Mark zusammen. Obgleich diese Summen für die ungünstigen ökonomischen Verhältnisse viel zu gering sind, ist dieses doch ein sehr großer Betrag, wenn man die grösste Armut der polnischen Jirden in Betracht zieht. Dem polnischen Misrachi sind heute ungefähr 100 Chcdarim unterstellt. In Warschau hat der Misrachi eine Talmud-Thorasch-ule zur Verfügung mit 300 Schülern und ein Cheder mit 124 Schülern. Es herrscht aber ei» großer Mangel au Lehrkräften. Darum wird man ein Jeschiba-Seminar auf neuer Grundlage unter dem Namen „T achtem oni" errichten. Dem Misrachi sind auch viele Handwerkerschulen unterstellt, wclchz die Jugend ^gleichzeitig für dir Palästina- Emigration vorbereiten. Es wird im Hebräischen Unterricht erteilt. Man beabsichtigt eine Handelsschule zu gründen. Das (alles kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß infolge des Krieges eine große Verwahrlosung in der Erziehung der jüdischen Jugend festgestellt werden muß. Zehntausende meist elternlose Kindrr gehen aufder Straße umher und bringen ihr junges Leben unter dem freien (Himmel zu. Es sinh /darunter Kinder zwischen 10 und 12 Jahren, welche noch nicht lesen können. Der Misrachi hat ein Waisenhaus gegründet, in dem bis jetzt schon 100 Kinder verpflegt werden. Cs gibt 72 misrachistische kooporative Vereine, weiter eine Sparkasse und eine Anleihebank. Mit den Assimilanten hat der Misrachi keine Polemik, doch mit dem äußersten rechten Flügel der Orthodoxie und den allgemeinen Zionisten. Kulturbrbatten. Der Bericht der Kulturkommission wurde von Professor Dr. Pick-Berlin erstattet. Der Bericht erklärt sich mit der politischen Tätigkeit der zionistischen Bewegung eins, nicht aber mit der Kulturarbeit. Es sei deshalb eine Autonomie deS religiösen Schulwesens in Palästina zn fordern, was die Londoner zionistische Konferenz auch anerkannte. Werde die zionistische Organisation trotzdem nicht zu der Errichtung Zweier Erziehungsbehörden innerhalb zweier Monate -schjreiten, dann werde der Misrachi den religiösen Unterricht unabhängig von der Zion. Organisation durchführen müssen. In der lang andauernden Debatte warnten besonders Dr. R a b i n - Frankfurt, Osias Großvogel-Straß-- burg, Rabbiner Trunk-Kutno vor Spaltung. Am Schluß der Debatte stellte Prof. Dr. Pick fest, daß die Londoner zionistische Konferenz es war, die sich für zwei. Unterrichtskommissionen aussprach und betonte weiter, daß vorerst «ule Beschlüsse einen provisorischen Charakter tragen. Erst nach der endgültigen Entschidung über das Schicksal Palästinas werde an den Aufbau des jüdischen StaatSwesenS ernsthaft gedacht werden können. Dann werde iu erster Reihe die zionistisch« Kommission ihre Tätigkeit niederlegen müsseil. Redner schloß: Wir denken an keinen Austritt. Iw dieser Beziehung betrachten wir uns schon heute als Bürger des jüdischen Staates. Wir brauchen aber nicht ,güu» rohaliste gue le roi" zu sein. Wenn in London das Einsetzen zweier Unterrichtskommissionen beschlossen wurde, kann niemand uns etwas vorwersen, wenn wir aüf der Ausführung dieses Beschlusses bestehen." \ Daraufhin erklärte sich die Versammlung rinstimmiU mit dem Inhalt des Antrages einverstanden und beschloß, das misrachistische Unterrichtswesen in Palästina unter die Leitung eines erfahrenen Pädagogen zu stelle». Die Kulturfragen brachten noch Referate von Proiesso» Dr. Pick und Privatdozent Dr. Fraenkel -Marburg über eine hebräische Universität in Jerusalem, nach der, wi» Dr. Fraenkel sagte, tausende religiöse jüdische Studenten besonders Osteuropas mit Sehnsucht ausschimen. Die Referate wiesen die Kompliziertheit des so wichtigen, ^Problems auf, das die Lehrfreiheit mit einer dem Tdorastandpunk» genügenden Form verbinden npisse. Die Schlußsitzung. Die Schlußsitzung war von unvergeßlichem Eindruck auf die Anwesenden. Alle Redner fanden eine» Ton der Innigkeit und der Zuversicht, wie es nur Worte aus den Tiefen des Herzens vermögen, Worte von einer solchen Ursprünglichkeit, Reinheit nick» Kraft, daß sich ihnen die Herze» der Zuhörer weit austun mußten. ES sprachen u. a. der ehrwürdige greise Oberrabbiuer Landau-Zawierce, der ausrief: »Mir sino alle bereit, nach Palästina zu gehen", Benzion 11 fiel, der Chacham-Baschi von Jaffa, Lessen Vertrauen in die jüdische Zukunft Palästinas die Konferenz so sehr gefestigt hat un^ Rabbiner Dr. Ricardo - Amsterdam, der den Eindruck der Tagung auf die Judenheit Hollands hervorhob. Das Schlußwort hatte der erste Vorsitzende, Meyer Berlin. Er sagte: Jedes andere Volk hat seine eigene Kultur, die es nicht zu suchen braucht, da dies durch eine motorische Kraft in ihm selbst gebildet wird. Wir Jude:« allein sind verpflichtet, unsere Lehre zu „lernen", wir «Nein müssen unser Land suchen. Aber wir dürfen nicht aUein wünschen, unsere Lehre und unser Land zu empfange«, sondern wir müssen ihm geben, was in uns ist. Sie müssen die dynamischen Kräfte in uns sein. Der Misrachi verbindet dieses Empfangen und Geben und wird so den Juden zu einem in sich selbst harmonischen Menschen machen. Redner dankte sodann Prof. H. Pick, der seine wissenschaftliche Laufbahn abbricht, um sich in den Dienst der Bewegung zu stellen, Dr. Schoenseld, der sein Ideal, Rabbiner in Erez-Jsrael zu werden, aufgibt, um in der Londoner Misrachizentrale mitzuwirken, und Hermann Struck, der" sich ebenfalls ganz zur Verfügung der Organisation g«- stellt hat. Redner endete mit folgenden Worten: »Mächtig« Ströme, und wären es auch Ströme von Blut, werden nicht die Macht besitzen, die Begeisterung zu löschen, die in niK geweckt wurde." Giuber»fu«g der Trotze» AMous- KomtteeS. Für den 10. Februar wurde nach London eine Sitzung des zion. Großen Aktions-Komitees einberufen. Die Beratungen dürften eine volle Woche in Anspruch nehmeu. Gleichzritig werden auch Beratungen der Jüd. Koloniakbank und der Anglo-Palestine Company stattfinden. vericht aus Amerika. Das Zentralhilfskomitee, das die traditionell gesinnte Judenheit Amerikas vertritt, hat wiederum eine Million Dollar gesammelt. Das Geld soll wie folgt verteilt werden: 600000 Dollar für Polen, davon 200 000, Dollar speziell für Mazzaus. 200 080 Dollar für Oesterreich, 20 000 Dollar für Jeschiwaus in Litauen und Weißrußland, 130000 Dollar für Palästina und der Rest

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