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Neue jüdische Presse · 1920-01-30 · Heft 4 (30.1.1920) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 4 (30.1.1920)
Date
1920-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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FrankfurterIsraelitisches Familienblatt IiinmniiiniunmniHHUnnniiiiiimiimmniiimiiiiniimiim Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel' jqhr; In Franksuri gm Main bei der Ikeuen Jüdischen Presse, : auswärts bei -er Post abonniert Mk. 2.50, frei ins Haus 15 pfg. j mehr./ÄeiZusen d ung durch Streifband fürDeutschland Mk. 14.00, : Kr alle übrigen Länder Mk.ro.Mjährlich.km Voraus zahlbar, j ...............s.„...... Redattion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa LSOZ Herausgeber: Sach Geis a»iiTninwiiiimm»iiiiiiiiiiinn«niminuimmmminiiiHiim! Insertionspreis für die sechsgehraltenrAonp.Zeile70 pfg., Ar die Jleklamezekle Mk.L—. Bei Wiederholungen «ntHrecheaber Vabatt. / Platz, und Datum«Vorfihrist ohne VerbkndllchkeL / Annoncen-Annahme bei der ^ped.und in a.Aunoocen-Bureausi. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.48Sft ...............................................J 18 Jahrgang. Freitag, de» 10. 5680 (BO. Jarmar 1020) - Ar. 4. Bericht über Polen. Bon ven-Jephume. Noch scheint das wiedercrstandene, zu neuem staat-!iiche» Leben wiedergeborene Polen von dem berauschenden Erlebnis des Neuwerdens und Neubeginnens ganz in Bann und Atem gehalten; nochscheint es in dem Stadium williger Hingegebcnheit an die politischen Leidenschaften kmb Illusionen, die es erfüllen, träge, unfruchtbar zu werharten. Denn noch immer streckt das Land in unbefriedigter, unersättlicher Herrschgier die Hand aus nach stetem meüen M^thtzuwachs, strebt es in unbekämpftem, heftigem iExpgnsiyiDgäüste nach neuer räumlicher AuSdehrmng und ^Lrwxitenlng. Es treibt seine Heeressäulen unentwegt weine^ .vor in Nachbarland, bekriegt die heute aufstrebende, doch innerlich sich in Bruderkämpsen und Judenpogromen r,e^sleischende Ukraine, befehdet das neue, um seinen Befand ringende Litauen und holt heute — Entscheidungen Ententemächte noch abwartend — zum neuen Schlage Ugen das nun wiedererstgrkte Rustland des Bolschewis- 7ins auS. Seinen westlichen Aspirationen ist fast völlige.Erchlluya geworden (oher ist ihnen im Begriff zu werden), Wilna hält es fest im Besitz, Lemberg ist seiner Machttzhäre einbezogen — dennoch wird es, die Schicht der Regirrettben im. Lande wie das Volk, seiner Macht nicht ganz stoh, weil es noch per vollen Verwirklichung seines poli- SForderusigsprogramms sehnsüchtig harrt — weil izien seinen nach ihm langenden Fangarmen zu entschlüpfen droht, Ostgalizien, das Polen, Ruthenen und Kuben gleichermaßen zu eigen ist. Verblendet und kindisch, .unreif und bedenkenlos hängt es seine ganze Hoffnung gn hie Erfüllung auch dieses aus ungebändigtem, Ausschweifendem Imperialismus geborenen Wunsches, erhärtet es (oder täuscht Erwarten vor) von der restlosen ilnttkerrnung uckd DurMetzung seiner machtpotitischen Ansprüche die Lösung aller Fragen, die es quälen und besisicken, Befreiung von all den Lasten, an denen es heute, lu einem Teil ohne eigenes Verschulden, zum größeren kbep infolge eigener Sünden schleppt, staatliche Harmonie tnd Glückseligkeit — vor allem wirtschaftlichen Aufschwung Ino sozialen Frieden. Es lebt in diesem betörenden Wahn, Irr tS öQt nicht viel mehr als einem Jahr, in den Tagen ler deutschen Umwälzung, ergriffen und seit dann nicht mehr - losgelassen hat und ist blind für die Gefahren, die tm es-stich, die Abgründe, an denen es in scheinbarer Ahlungskosigkeit vorbei taumelt. I Im Inneren des Landes mehren sich unterdessen die »cgensätze und Zerwürfnisse, klafft zwischen den sozialen ßlasien ein weiter, nur schwer zu heilender Ritz — liegt las Wirtschaftsleben krank, mit fieberndem Puls, darnieder. »>enn ps fehlt die großzügige organisatorische Hand, die Ion einem Augen, besonnenen, überlegenen Geist gelenkt, ^ötzserische Arbeit des Ordnens, Einens, Versöhnens und »ushäuens in dem notwendigen Ausmaß leisten kann. Statt »ssen, statt zunächst innere Ruhe und Festigkeit aus allen «egest» mit allen Kräften anzustreben, verlegt sich der Utaat noch immer' in erster Linie auf die äußere, expan- »ve und aggressive Politik, ohne die Gefahr des zerlürenden inneren Unfriedens in ihrer ganzen Wirklichmt und ihren wahren Dimensionen zu erkennen. Die Lage «rsyzialen Dinge im Lande treibt heute einer Krise »n noch nicht zu übersehendem Ausmatz und Ausgang zu. »chroff, nicht weniger schroff als in anderen Staaten «S „neuen Europa'^ stehen sich Mckschritt und Fortschritt, Upitälistischer Reichtum und soziale Armut, Großgrund besitzleiststchkeit und Arbeitertum gegenüber. Die Rechte, die »persöhnliche Nationaldemokratie, stemmt sich aller sozial » Neuordnung, Neugestaltung, auch nur Besserung und «leichterung mit Macht, zäh und unbelehrbar wie seit je, »gegen. Heute allerdings ist ihre feste, unerschütterbar «einende Position durch außenwie innerpolitische Schlap- In und Niederlagen wiederum geschwächt: der Rücktritt laberewskis, des vor kurzem noch so überschwenglich »eierten neuen HeroS der Nation, ist symptomatisch hier- M —, wenngleich sein Nachfolger, Skulski, ihm in Jtionaler Gesinnung und außenpolitischem Bekenntnis nicht gv fern steht. Die Anschauungen der neuen Regierung, i« sie in ihrem offiziell verkündeten Arbeitsprogramm tdergelegt sind, tragen das Merkmal der Unentschlossenst zu neuer Tat in sozialer Richtung, zum sozialen Um«!d Neubau. Die Unfähigkeit der neuen Regierenden, neue ege gu wandeln : sich von der falschen gefährlichen Romantik iniperialistischer Träume loszusagen, das Land durch Schaffung eines stabilen sozialen Gleichgewichts innerlich, auf. ein sesteS, tragfähiges Fundament zu stellen und uicht zuletzt den inneren Nationalitätenfriedem herzustellen, wird in ihren Worten und Taten immer offenbarer. Während der Streit um Ostgalizien in Paris — zum wievielten Male? — erneuert wird, das Heer Polens sich zum Vorstoß und Vormarsch in das Rußland der Räte anschickt, hält bas chronische Fieber inneren Klassen- und Naiionalitätenhaders im Lande an, wird der Antagonismus zwischen Polen und Juden vertieft und nicht gemildert, durch Haß verschärft und nicht durch versöhnliches Tun und Lassen entspannt. Es ist ein Schauspiel, dem ein Jude nur blutenden Herzens zusehen kann: die in beklemmender Luft, in dem drückenden, lastenden Gefühl der Unsicherheit, des Bangens vor der Zukunft lebende Judenheit Polens, umgeben von dem unerbittlich hassenden, in seinem Chauvinismus verbissenen, ausgleichsfeindlichen Polentum. Noch immer hat in den polnischen Köpfen die einfache, grundlegende Erkenntnis nicht Einzug gehalten, daß die realen Gegebenheiten eine Lösung des so vielfach und unglücklich verschlungenen gordischen Knotensk des polnisch-jüdischen Problems einzig aus dem Wege der kühl/ nüchtern prüfenden und entscheidenden Auseinander-? setzung von Volk zu Volk zulassen (es sei denn, daß der andere mögliche, der grausame Weg der Gewalt, der für jeden Kulturstaat aus Gründen primitivester Menschlichkeit einfach verrammelt ist» beschritteu wird). Doch bas Wort der politischen Besonnenheit, Klugheit oder gar Humanität trifft in dem neuen Polen auf taube Ohren. Was einzelne, die Dinge mit ungetrübtem Blick stauende und erkennende Polen sich im Grunde ihres Herzens längst eingestanden haben: die Notwendigkeit der färblichen, auf maßvollen Ausgleich hinzielenden Auseinandersetzung mit der Judenheit des Landes, wagt niemand dem allerdings andere Töne gewohnten Volk als einfache, reale Wahrheit mutig und offen zu erklären. Wenn zweifellos auch diese Einsicht in die Notwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft nlanchem führenden polnischen Politiker ausgegangen ist, so stellt sich den hieraus gezogenen praktischpolitische >i Folgerungen, dem Willen zur Verwirklichung des in der Nee als notwendig Erkannten die judenfeindliche Leidenschaft in den Weg und überwältigt sie. So ist denn Direktionslosigkeit kennzeichnendes Merk« mal der ganzen Judenpolitik der heutigen Machthaber in Polen. Ein Verschweigen, ein Umgehen der Erörterungen über die Judenfrage, ein Schwank» und Geschehenlassen ssttd die äußeren Ausdrucksforinen dieser unentschiedenen Stellungnahme. Das schon erwähnte Programm der neuen Regierung gleitet über ben heiklen Judenpunkt sachte, ohne ihn auch nur zu berühren, hinweg. Währenddessen bleibt die antisemitische Bewegung nicht passiv, wird der wirtschaftliche Krieg gegen die Juden erbarmungslos fortgesetzt, wird unablässig jüdisches Recht skrupellos verletzt, wirb der freie Lebensraum für die Judenheit Polens in bedrohlichem Maß verengert. Denn was anderes bedeutet die vom Landtag beschlossene gesetzliche Sonntagsruhe für die polnische Judenheit als eine neue Gefährdung der Grundlagen ihres wirtschaftlichen Lebens, als ein Attentat auf ihre religiösen Güter und einen brutalen Eingriff in ihre gesicherte ökonomische Existenz? Fraglos wird ein Teil der orthodoxen Ebenheit auf die Dauer dem Druck der wirtschaftlichen Nöte nicht standhakten und die Sabbathut aufgeben. Doch ebenso zweifellos wird der Kern, die weit überragende Mehrheit der jüdischen Orthodoxie Polens unverrückbar an dem Sabbat, dieser zentralen Institution des religiösen Judentums, festhalten und schwer um sein tägliches Brot zu ringen beginnen. Die Polen haben diese wirtschaftlich auch für sie ungünstige Folge der Einführung allgemeiner Sonntagsruhe nicbt bedacht. Sie sind allen jüdischen Vorschlägen auf Milderungen, allen Anträgen auf Zugeständnisse größerer Art mit bestimmtem Nein begegnet. Und sie haben, ihren judenferndlichen Instinkten folgend, kühl und fest, tue bezüglichen Minderheitsbestimmungen des Friedensver-, träges ignorierend übergangen und verletzt. Wie bei den Erörterungen des Landtages über diesen Punkt, so tritt auch sonst bei Behandlung jedweden jüdischen Themas, der latente Antisemitismus wie er in polnischen Landen zerstörend und vergiftend dominiert, erschrekkend klar zum Vorschein. Jener Haß, der so viele positive Energie, auch des Polentums, auszehrt, der st» viele fruchtbare Kräfte in ihr verderbliches Gegenteil umwandelt, und nur — in Polen, bei der heutigen Lage der Dinge — durch die klare, von Sentimenten jedweder Art unabhängige Erkenntnis der Wirklichkeit, durch die Erwägung rauf»* politischer Vernunft auf ein ertragbares Matz zurückg«> schraubt und gezügelt werden kann. Restlos ist dieser Judenhaß wie in der gesamten übrigen Welt, umso viel weniger nochx in Polen, auf Generationen hinaus nicht zu überwinde». Es gilt denn heute nur, ihm die Tendenz zu exzessive« Ausbrüchen und gefährdenden Explosionen zu nehmen. Und eS m u ß dies Beginnen erfolgreich? sein. Denn die Judenheft Polens, ein Volksorganismus von dreiundeinhalb Millioneck Köpfen muß aus der Lage unablässiger Bedrohung durch kalastrophockq Entwicklungen und Geschehnisse hinausgeführch werden auf ein sicheres Gebiet, daS ihr einen fteiech offenen Weg zum Aufstieg, zur Höhe bietet. ES muß ihnen in ihrer Not Rettung und Befreiung werden — oder das Wort vom „Untergang des Abendlandes'^ wird sich zu erfüllen beginnen. Die MiSrachi-Weltlouserevr i» Amsterdam. Aus den weiteren Berhandlungstagen seien heute bft wichtigsten der angenommenen Resolutionen wiedergegeben: Politische Resolutionen. : Die Misrachi-Welt-Konferenz spricht den politischen Führern der Zionistischen Organisation ihre» tiefen Dank aus für ihre unermüdlichen und erfolgge- ' krönten politischen Bemühungen und gibt der HosfnunU Ausdruck, daß. sie in naher Zukunft die diesbezügliche» Verhandlungen zum gewünschten Resultate führen werde« Der Anspruch des jüdischen Boikes aus Erez-Jsraek beruht auf den göttlichen Verheißungen der Heilige» Schrift. Nie ist aus dem Bewußtsein des Bolkes ba* Vertrauen auf dieses historische Recht geschwunden. Deshalb fordert die MisrachiWelt-Konferenz, daß von Erez- Jsrael bei der Errichtung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk die Grenzen im Sinne der Siet* heißnngen der Heiligen Schriften festgestellt werden. Die Misrachi-WÄt-Konssrenz verlangt, daß der i« de» Proposals vorgeschlagene „Fewish Council" so definiert werde, daß möglichst alle großen jüdischen Organisationen. die sich am Aufbau Erez-JsraestS als jüdischnationales Heim beteiligen Wolken, dem Iewish Couucek beitreten können. > Die Misrachi-Welt-Konferenz spricht den dringlichste» Wunsch aus, daß in den Vorschläge», dis die Zionistische Organisation der Friedenskonferenz vorlegt, gefordert werde: 1. daß das ZivilgerichtSverfahren zwischen Jude» und Juden in Erez-Jsrael auf dem Boden' des jüdische« Zivilgesetzes stehen soll; 2. daß das jüdische Ehegesetz in offizieller Weise «SS> das einzige Ehegesetz für die Juden in Erez-JsraÄ anerkaimt werde; 3. daß der Sabbat als der gesetzliche Ruhetag sn Erez-Jsrael eingesetzt werde. Die Misrachi-Welt-Konfererq fordert, daß bei de» Organisation des allgemeinen sozialen Lebens in Balästi«»: die Verwirklichung der Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit berücksichtigt werde. Das Austreiben der Preise für das Ankäufen von Ländereien und die Ausbeute der Arbeiter ist gemäß dem Thoragesetz zu verhindern. Die Leitung und die Mitglieder des Misrachi werde» vervflichtet, in ausgedehnter, energischer Tätigkeit für de« jüdischen NationalfondS die Gelder zum Erwerb des Landes aufzubringen. Resolutionen über CrzrehungSwese». Der gegenwärtige Zustand deS unter dem »Löaad Hachinuch" stehenden ErziehnngswesenS in 6te^ Israel genügt den Ansorderungen des tradittonelkäß Judentums in keiner Weise. Im Hinblick aus die religiösen Grundlagen unserer Weltanschauung, aus denen unser Erziehungswesen aufzubauen ist, ersuchen wir die Leitung der zionistischen Organisation, den Beschluß de» Londoner 5konferenz auf Schaffung zweier von einander unabhängigen Waadrm für das Erziehungsweseir in Erez- Jsrael innerhalb zwei Monate durchgusühren. Sollte die Leitung der zionistischen Organisation die Ausführung des Londoner Beschlusses ungerechter Weiß» ablehnen, so werden wir die Führung in beut gesamte»

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