Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 3 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurlerIsraelilisches Familienblatt f jniiinmmiiiiinimniimnmniiiiiiiinniimiiiinwiiiniiiniiiiinj j Erschelnt wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel, j fahr: Zn Frankfurt am Main bei der Neuen IMschen Presse, : : auswärts bei der Post abonniert Mk. 230, frei ins Haus JS pfg. : r mehr./Le!Zusendung durchStreifband furDeusschland Mk.7r4.o0,; : für alle übrigen Länder ML20.00jährl!ch,im Voraus zahlbar. - Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 7 Fernsprecher AmtHansa 2903 Herausgeber : Satz Geis nni im i Insertionspreis für die sechsgefpaltenr3konp.Zeile70 ptz^ M i die Reklamezeile Mk.L>—. Bei Wiedecholungen «kttzrrechmd«! Rabatt. / plah. und Datum-Vorschrifi ohne VechindlichKL / : Annoncen-Annahme bei der ltzped.und in «.Annomen-BureauS.! Konto bei dem Postscheckamt ül Frankfurt a.M. unter Nr. 4864,. . 18. Jahrgang. Freitag, den 3. »680 (23. Januar 1920) Nr. 3. Zur Palästiuaausbau-Woche. Unser Grus; gilt der Festwoche. Festlich wird über- 'all in Deutschland der Ausbau des Landes begrüßt, das uns allen teuer ist. Festlich ist die Stimmung, in der neuer Zusammenschluß für unsere Aufgaben gesucht wird; in der das Judentum insbesondere Deutschlands . sich dessen bewußt werden soll, was als nächste Pflicht ihm für die Errichtung der neuen Gemeinschaft aufer- ' legt ist. Außerordentlicher Mittel bedarf die Erschließung, die Sicherung, die Entwicklung Palästinas. Die politischen Grundlagen, nach denen sich Jahrhunderte hindurch unsere : Glaubensbrüder sehnten, denen die Lebensarbeit so vielen Führer galt, sind setzt geschaffen, die Möglichkeit, die Z neue Gemeinschaft zu begründen, ist erreicht. Die materiellen Mitte! für die Schaffung aller Einrichtungen, die das Land fordert, aufzubringen, ist jedoch Vorbedingung jeden -Erfolgs. Die politische Möglichkeit des eigeneil Landes ist - nur der Rahmen, in dem sich der Aufbau vollziehen kann. , Der Aufbau selbst dagegen ist schon das neue Leben, ist schon «in Stück der Zukunft, des neuen Judentums, das wir ' ison der Erringung der alten Heimat erhoffen. ' v Wenn andere Völker ihre Lebensformen ändern, wenn, - sie ihre Organisationsfvrmen erneuernd umgestalten, Wirtschaft und Gesellschaft nach neuen Grundsätzen aufbaneu ' Wollen, so finden sie die Mittel ihrer Tätigkeit in ihrem! » Lande, in ihrem Vermögen, in den Kräften und Schätzen des Volks, die auch vorher die Stärke, den Kern, den Inhalt der Volkswirtschaft bildeten. Das jüdische Volk hat kein Volksvermögen, keine organisierte Volkswirtschaft und Volkskraft. 'Es will sie sich schaffen. Es kann nicht in den Forinen staatlicher Organisation die Mittel in -Anspruch nehmen, die bei seinen Angehörigen zu finden find, die es für seine Umgestaltung bedarf. Es ist da-- rauf angewiesen, in freiwilliger Mitarbeit seiner Angehörigen, in . freiwilliger Selbstbesteuerung,, in Opferwilligkeit und Pflichtgefühl -seiner Glieder seine Kräfte und Mittel zu suchen. Nach jahrhundertelanger Mißwirtschaft soll in Palästina? eine neue.Volkswirtschaft aufgerichtet werden. Sie , soll das Land zu einem blühenden Garten machen, in dem ' . die Traube neben der Orange wächst, in dem Olivenhaine die / Bergrücken bedecken, in dem wieder wie ehemals Milch und s Honig fließt. Sie soll die Grundlagen der Bolkswirt- ' fchaft auf ein soziales System stützen, 'in dem jeder auf seinem Eigentum sitzt, in dem jedem Volksgenossen der -'. Erwerb eigener Scholle, die Möglichkeit selbständiger Wirt- / schaff, die Sicherung hochstehender Lebensformen, eines vol- _ Jen - Anteils an Wirtschaft und Kultur deS Volkes ge-* währleistet wird. Die Vorbereitung hierzu muß auf allen Gebieten des f Lebens neue Grundsteine -legen. Es fehlt der sichere Untergrund alten Bestehens, den andere Völker genießen. Gibt . ' dies die Möglichkeit, alle Einrichtungen von Anbeginn den Zielen anzupassen, denen das junge Gemeinwesen zustrebt, - so,Ziel Rückständiges, nur Ueberkommenes, der Entwicklung 'Widersprechendes, all den alten Plunder und Zopf des Gewordenen zu vermeiden, sir entbehren wir andererseits! , der Kraftreserve, die in der Zurüstung des Landes seit alters her ruht. Mit Kultur und Recht, mit Wirtschaft amd Erziehung stehen wir am neuen Anfang. .Unsere wichtigste kulturelle. Aufgabe der nächsten Zeit Wird der Ausbau des jüdischen Schulwesens sein. Ueberall müssen die Bildungsstätten erst geschaffen Werden, die die junge Generation im Geiste des neuen Gemeinwesens erziehen sollen Für das Land selbst ist die sanitäre Arbeit die nächste Voraussetzung der Wirtschaft. Die Volkskrankheiten Palästinas, insbesondere Malaria und iTrachon, können eint«schränkt, können ausgerottet werden, wenn systematische. ncherung der gefährdeten Landstriche, systematische Bekämpfung der Krankheitsträger einsetzt. Zwangsimpfung, Zwangsbehandlung, Sanierung der Wohnungen, Schulen und Gemeinschaftshäuser, Kanalisation und Wasserversorgung müssen geregelt werden. Es bedarf der Einrichtung von Untersuchungs- und Behandlungsanstalten, der Ausbildung .und Bereitstellung des ärztlichen und Pflege-Personals. ■ Das Wirtschaftsleben wird in erster Linie Ausbau 'und Unterstützung des Genossenschaftswesens verlangen. Der Einwandererstrom muß in Gruppen geteilt werden, die sich selbst' regieren, die ihre Wirtschaftsverhältnisse selbst regeln^ die als Gesamtheit eine Verantwortlichkeit übernehmen, eiq Vertrauen erhalten können, wie es dem Einzelnen versagt werden .müßte. Alle diese Aufgaben verlangen ungeheuere Geldmittel. An die Juden aller Länder ergeht der Ruf, sich in diesem für den Aufbau des Landes entscheidenden Augenblick, in dem-Augenblick, in welchem Millionen unserer Brüder gezwungen werden, die Stätten ihres Aufenthaltes zu verlassen, in dem die Sehnsucht nach einer neuen eigenem Heimat in den Massen des Ostens leuchtend aufflammt, nicht tzu versagen. Dem Ruf an unsere Brüder gilt die Festwoche. Sie soll in festlicher Form allen die Verpflichtung deutlich machen, den Gedanken daran wachrufen, daß die Kraft jedes Einzelnen verlangt wird, daß die Mittel, die wir alle für den Aufbau bereitstellen können, notwendig sind, wenn nicht das Werk scheitern soll. Palästina oder Untergang. Was wnS Juden in zwei Lager trennt, ist heute in der gegebenen Wirklichkeit nicht so sehr der'Unterschied zwischen der Auffassung von einem offenbarten und von einem geschichtlichen, evolutionistischen Judentum, als vielmehr? das'Bekenntnis zu einem Judentum mit dem Palästina-,' Ideal oderohne dieses Ideal. Denn was sich heute liberales Judentum nennt, ist viel weniger charakteristisch wegen seiner individuellen Auffassung vom Wesen des Judentums, als vielmehr deshalb, weil sich dieses Judentum, das die Mehrheit der westeuropäischen Judenheit umfaßt, gleichzeitig mit dem Verzicht auf die Palästina-Hoffnung verband, aus der einen Judenheit, Judenheiten der einzelnen Länder machte, deren Kulturen sich anzupafscn selbstverständlicher Weg wurde. Das letzte Heft der Monatsschrift „Liberales Judentum", Organ der Bereinigung für daS liberale Judentum in Deutschland, bringt in einem Artikel „Der jüdische Klassensricdhof" ein Musterbeispiel, wie geradezu wähl- und gedankenlos jüdische Werte zu Gunsten der Anschauungen der umgebenden nichtjüdischen Kulturen aufgegeben wurden. Der Aufenthalt als Krieger im Osten, hatte den Blick des Verfassers auf die in Deutschland außerhalb der orthodoxen Judenheit bestehenden jüdischen Friedhofszustände gelenkt, die, wie er sagt, „niemand vor Gott verantworten kann." Dem Verfasser hätte, nun die Frage aufstoßen sollen, warum die Führer der liberalen Judenheit bisher geschwiegen und wie anderem Loslösen von jüdischer Sitte auch dieser Abkehr nachgegebcn haben; der' Verfasser hätte dann den angeführten Fall vervielfachen ünd die Tatsache fcststellen können, daß das Eigene deS Judentums überall dem Assimilationsstreben - weichen mußte, wo dieses Assimilationsstreben es verlangte. Dem Assimilationsstreben fiel auch das auf der Einheit der Judenheit beruhende Palästina-Ideal zum Opfer. Selbst aus den Gebetbüchern wurde es auSgemerzt, damit es ganz aus dem Denken schwinde. Und die Folge: eine Verödung der jüdischen Interessen, eine Apathie, die. zum Schluß beim Nichts enden mutz und. viele Tausende bereits bis zum Nichts geführt hat. Wenn es sowohl dem Judentum wie der Judenheit gegenüber keine Bindung gibt, was soll dann im Fluß der Zeiten Widerstand bie-, ten? Selbst, wer mit seinem ganzen Fühlen und Denken dem offenbarten Judentum sich unterstellt hat, muß anerkennen, daß die Einheit der Judenheit die natürliche Einheit darstellt, da die Einheit des Judentums stets ein für die Gesamtheit zu erstrebendes Ziel bleibt. Das liberale Judentum hätte sich daher auf die Einheit der Judenheit stützen müssen, wenn es nicht den Boden unter den Füßen verlieren wollte, — durch die Verbindung mit der Assimilation hat es sich jedoch dieses Haltes beraubt. Ein Judentum der Assimilation, ein Judentum ohne Palästina heißt Selbstmord. Alle Anstrengungen gegen ein Untergehen unter den Völkern sind mit dieser Parole vergebliche 'Mühe, und wenn manches scheinbare Positivum über den wahren Stand der Dinge hinwegtäuscht, so ist das dem jüdischen Erbe zuzuschreiben, daß auch noch der Assimilant-in mehr und weniger geringem Maße gegen seines bewußten Willen unbewußt in sich trägt. Doch dieses von den Vätern ererbte Gut muß allmählich den anders gerichteten Tendenzen weichen. Die jüngste Gegenwart hat die Frage der jüdischen Zukunft im höchsten Grade zu einer dringlichen gemacht.. Auch Hinsichtlich der politischen Lage der Juden hat sich heute in krassester Form gezeigt, daß nur eine Assimilation, die vor den letzten Konsequenzen, dem Selbstausgeben, dem Selbstmord, nicht zurückschreckt, oder die Ablehnung der Assimilation mit allen Konsequenzen, wie Bekenntnis eines' jüdischen Volkes über die Grenzen der Länder hinweg unfc Annahme des Palästina-Zieles für die Zukunft dieses Volkes, Sinn hat. Bor der Revolution bestand der Glaube^ daß nur die in der Regierung ihre Stütze habende SReaStiort die wirkliche Emanzipation hindere, heute aber hat sich bereits gezeigt, daß die Völker es sind, die eine Emanzipation der Juden ablehnen und daher eine halbe Assims, . lation «ine dauernde Tragödie ist. Ganze Assimikätion oder freies, offenes Bekennen zur jüdischen Einheit und Pfleg» -ihrer Eigenwerte und ihrer Zukunftsziele, nur daS eine od«ß das andere Programm löst die Judenfrage, — das eine durch Untergang, das andere durch ein bewußtes jüdisches Leben mit dem Blick auf Palästina. Die MiSrachi-Weltkonferenz in Amsterdam. Hermann Struck- Berlin eröffnet die Sitzung. Wilty David -Berlin beantragt als Ehren-Prästdenten: Oberrabb. Landan-Zabrzcs (Polen) und Chacham-Ba» , schi Benzion Usiel-Jaffa; als ersten Vorsitzenden: Rabb» Maier Berlin-Newyork; als Beisitzer: Hermann Struck- Berlin : Rabb. Dr. K Schönfeld-London und- Rabb. d» Vries-Haarlem. Der Antrag wird einstimmig ängenomme». Es werden weiter ernannt Ausschüsse für palästinewsischc Probleme, für kulturelle Probleme und für Organbsationsftagen. Rabbi Maier Berlin, das Präsidium antretend, betont,, daß das Ziel der Konferenz die Schaffung einer kräftigen Zentralorganisation sei, und gedenkt der Hingeschiedenen seit der letzten Konferenz vor dem Kriege: Rabbiner Reines, Gründer und allverehrter Führer des Misrachi» Dr. Jakob Möller-Aftona und Dr. Heinrich Barth-Berk». ' Auf Vorschlag des Rabbiner de Bries wird beschlossen, an die Königin eine Huldigungsdepesche $u senden. Die Ehrenvorsitzenden begrüßen die Konferenz. Rabb» Usiel übermittelte dabei die Grüße der organisierten pae 'lästinensischen Rabbiner sowie des Jasfaer Rabbinates. Danw sind die Referate an der Reihe. Rabb. Fischmann verbreitet sich über Palästina. Die Position der dortigen Inden ist stark nicht nur infotze der Balfour-Erklärung, sondern durch ihre Leistungsfähigkeit«. Dies geht am deutlichsten aus der Tatsache hervor, dajz die Araber Schulen.mit hebräischer Unterrichtssprache errichtet haben. Die wirtschaftliche Lage ist verhältnismäßig stabilisiert. Alles ist erhältich. nur sehr teuer. Auch besteht eine große Wohnungsnot. In kultureller Hinsicht vmyrsachte der Krieg einen erheblichen Schaden.. Die Türken versuchten längere Zeit, jeden jüdischen Unterricht unmöglich; zu machen. Doch auch nach der Okkupation hat^sich die Lag» noch nicht erheblich gebessert. Die orthodoxen' Unterrichts- Anstalten sind im Niedergang begriffen. In Jerusalem besuchen von 6460 Schulkindern 4000 nichtreligiöse Schule». Der MiSrachi sucht zu bessern, er übt auch bereits ement merklichen Einfluß auf die palästinensische Orthodoxie aus. In Jerusalem zählt der Misrachi mehr als 4000 organisierte Anhänger. Das Zentrum des Misrachi befindet ftcfc in Jaffa. Die dortige Tachkemoni-Schule mit 500 Schüler» ist die größte Unterrichts-Anstalt Palästinas. Im ganze» stehen 13 Schulen direft unter dem Misrachi. TiberiaÄ und die Kolonie Petach-Tikwah sind fast völlig misrwchislisch. Palästina soll das Zentrum des Thorastudiums unk der Thorapraxis werden. Es fehlen aber fast völlig gute Lehrer, deshalb ist in erster Linie ein Lehrerseminar notwendig. Voraussichtlich wird letzteres mit Hilfe Amerikas zustande kommen. Die Indolenz zahlreicher führender Pos» fönlichkeiten hemmt die palästinensische Misrachiarbeit. I» der provisorischen Verwaltungsbehörde Jaffas befindet fich. nur ein orthodoxes Mitglied, sodaß die Orthodoxie sich an deren Gründung nicht beteiligen wollte. Daher trägt ' diese Behörde der Orthodoxie nicht genügend Rechnung» Die Aussichten des palästinensischen Misrachi sindgünstig; er bedarf jedoch der Stütze der ganzen misrachistische» Welt. Rabb. Dr. Schönfeld erstattete in geheimer SitzuuU einen Bericht über die politische Konstellati»»« worin er u. a. betont, daß nach Ansicht englischer Staatsmänner Palästina innerhalb eines Jahrzehnts ein jüdischer Commonwealth genannt werden darf.