Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 1 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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t I 1 ■ I * - jHniiiimnm|numiunmiiinnmmnunm«inmmniniiiinHii; >• Erscheint wöchentlich am Freitag. Äezugspreis pro Viertel- : - jahr: .2n Franksuri am Main bei der. Neuen Indischen Presse, : : "Äuschärts bei der Post abonniert Mk. 2^0, ftei ins Haus 15 pfg. ■ ■ mehr./BeiZusendung durchStreifbandsurOeutschland Mk.14.00, ■ : für aNe übrigen Länder Mk.20.00jährlich, im Voraus zahlbar. : L..!........i.m.....m....nnM»M--miuiiniinnitinimnniinuiH! Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa LSV3 Herausgeber: Satz Geis Insertionspreis für die sechsgespalientNonp.Zeile?0 jW, für; die Veklamezeile Mk.2.—. Lei Wiederholungen , entsprechender : Vabatt. / Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit: / : Annoncen-Annahme bei der etzped.und in a.Annoncen-Äureaus. : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Jkr. 4864. : ... 18. Jahrgang. FreUag, Le« 18. ^>V68 S680 (9. Januar 1920) Rr. 1. y.:, ■i'f. A! x Die OstjAden in DemfchlanL. Prefefior. Dr. Albert Einsteins Ausführungen im . i „Berliner Tageblatt " . s In der deutsche» Oeffenttichkeit mehren sich die Stim- . inen, die gesetzliche Maßnahme» gegen die Ostjuden verdsiangei». Man behauptet, 70 000 Rusieit, d. h. Ostjuden, lebe» "allein in- Berlins diese Ostjuden seien Schieber, Schleichhändler, Bolschewisten oder arbeitsscheue Elemente. All diese" Argumente ziele» daraus hin, schärsste Maßnahmen, d. h. -Zusammenpferchuug in Konzentrationslagern oder Aus-^ Wanderung aller Zugewanderten zu erzwingen. i Eine so viele Existenzen u^ilichtende-Maßregel darf sticht auf Grund schlagwortmäßiger-Behauptungcu erfolgen, 'lim so weniger, als eine sachliche Nachprüfung ergibt, daß '."es sich um demagogische Agitation handelt, die weder dem - wahren Sachverhalt gerecht wird, noch auch geeignet ist, tatsächlich vorhandene Schäden wirksam zu bekämpfen. Gep'i'.rade bei der Agitation gegen Ostjuden liegts von vorn- - >" herein die Vermutung sehr nahe, daß das ruhige Urteil durch die. starken antisemitischen .'Instinkte getrübt und gleichzeitig -auch die Methode gewählt wird, durch Ein» H' Wirkung aus-die Stimmung des Volkes die Aufmerksamkeit j?- von 'den wirklichen Problemen und von. den wahren Nr- « - sachen der allgemeinen Notlage abzulenken. i. Eine Nachprüfung, die, soviel bekannt geworden, von 7 den-Xamtlichen Stellen noch niemals versucht worden ist, würde zweifellos die Hinfälligkeit der vorgebrachten Beschuldigungen erweisen. Wohl mag es richtig sein, daß in' Berlin, 70000 Russen wohnen; von ihnen bilden jedgch <■ nach den Angaben sachverständiger Beurteiler die Juden nür -einen geringen Bruchteil, die überwiegende Mehrheit - ist deutscher A b st a m m u n g. Seit dem Friedensschluss find nach maßgebender Schätzung nicht mehr als' 15000 Jude» aus dein Osten zugewandert. Diese sind ''fast ausnahmslos Durch die. furchtbaren Zustände in-''Polen zur Flucht gezwungen worden und wollen hier eine Zufluchtsstätte finden, bis ihnen die Möglichkeit zur. W e i t e r w a n d e r u n g gegeben wird. Hoffentlich werden "-diele von ihnen in dein neu entstehenden jüdischen Palästina als freie Söhne des jüdischen Volkes eine wahre Heimat finden. -Bolschewistische'Agenten dürfte es wohl in Deutschland geben, diese.haben aber zweifellos ausländische Pässe, verfügen über reiche Geldmittel und können durch irgendwelche Organisatorische Maßnahmen nicht erfaßt werden. Die großen Schieber unter den Ostjuden haben sicher auch längst 'Borkehrungen getroffen, die sie behördlichen Zugriffen ent- . ziehen. Getrosten würden ausschließlich jene Armen u'n v U n g l ü ck l i ch e n, die in den letzten Monaten unter unmenschlichen Entbehrungen den Weg nach Deutschland gesunden haben und.hier Arbeit suchen. Nur diese, der deutschen Volkswirtschaft sicher unschädlichen Elemente werde» die Konzentrationslager füllen und dort körperlich und, seelisch? verkommen. Dan» wird man sich über 'die selbflgezüchttzjen „parasitären Existenzen" beklagen, die.es verlernen, in einen! normalen Wirtschaftsleben ihren Platz auszufüllen. Die verkehrte Politik, Tausende zwangsweise während "des, Zkrieges nach Deutschland gebrachte vstjüdische. ArbeiterHplötzlich zu. entlassen und dadurch brotlos zu wachen und-sie systematisch von Arbeitsgelegenheiten fernzuhalten, mgßfe tatsächlich Menschen, die nicht -mit' i . ihrer Familie -verhungern wollten, zum'Schleichhandel Ü zwingen. Auch dlDl/jdeutschen Wirtschaftsleben wird sicheret sich damit am. besteche gedient, daß die Oefscntlichkeit die iu. Beinühungen "jener ÄMise unterstützt, welche es sich-(wie. zuG Beispiel das schpMöfters genannte „jüdische Arbeitsamt") tzum Ziel gesetzd^ben, dje ostjüdischen Einwanderer produkttver Arbeit-zuzuführen. Jede. „Ausweisungsversügung", die jetzt sostürmisch verlangt wird, hätte, nur? . die Wirkung, daß die? schlechten und schädlichen Elemente t?im..Lande bleiben, dagegen die arbeitswilligen, ins bit-!?- terste Elend wid zur Bdrztyeiflung getrieben werden.. Das Gewissen der Oeffentlichkeit ist gegen die Mahnungen zur Menschlichkeit so abgestumpft, daß sie das entsetzliche Unrecht, auf das hier hingearbeitet wird, nicht mehr unmittelbar empfindet. Ich unterlasse es, darauf näher einzugehen. Aber befremdend ist es, daß selbst führende Politiker nicht überlegen, wie schwer durch die von ihnen gewünschte Behandlung der Ostjuden die p o l i t i s ch e u n d wirtschaftliche Stellung Deutschlands beeinträchtigt wird: Hat nian schon vergessen, wie die Deportierung, belgischer Arbeiter den moralischen Kredit Deutschlands untergraben hat? Und heute ist Deutschlands Lage unvergleichlich kritischer. Trotz aller Bemühungen ist es überaus schwierig, die unterbrochenen internationalen Beziehungen wiederyerzustellen; wenige geistige Menschen inj allen Völkern machen -erste Versuche; die Hoffnung auf neue wirtschaftliche Verbindungen (z. B. die materielle Hilfe Amerikas) ist heute noch sehr schwach. Die Austreibung der Ostjuden, welche namenloses Elend zur Folge hätte, würde aller Welt als ein neuer Beweis „deutscher Barbarei" erscheinen und. einen" 'Anlaß bieten, im Namen der Menschlichkeit den Wiederaufbau Deutschlands zu erschweren. Die Gesundung Deutschlands kann wahrlich sticht dutch Anwendung von Gewalt gegen einen kleinen wehrlosen Bruchteil der Bevölkerung herbeigeführt werden. Die Frankfurter Zeitung nnft Sie Lstjüdeu. Wir find es gewohnt, die Frankfurter Zeitung als eine von gerechtem Denken und sachlicher Behandlung geleitetes Preßorgan zu betrachten. Die Art aber, wie die Frankfurter Zeitung dem vernünftigen.und in unserer Zeit des getrübten menschlichen Empfindens so wohltuend berührenden Erlaß des Ministers Heine in den Rücken fällt und dann ein Ostjudenproblein in Deutschland entrollt, ist ein Hohn auf ihre Traditionen, denn sie ist nichtnur ungerecht und unsachlich, sondern auch oberflächlich und demagogisch. Ein großer Teil der zuziehcnden Ostjuden bestehe aus Leuten, 3,tcteit Einwanderung und Ansiedelung in Deutschland auf begründete Bedenken stößt." „Der Mangel an gewissen Hemmungen macht viele von ihnen zu unerwünschten Erscheinungen im Erwerbsleben, während andere in ihrer Heimat zu Elenienten geworden sind, die jegliche Fähigkeit zur Abschätzung westlicher Lebens- und Lckaätsnotwendigkeiten verloren haben." Ganz die Sprache der Antisemiten-' presse. Aber auch das Beweismaterial ist echt antisemitischdemagogisch. Bei einer Schieber-Razzia in Frankfurt seien von 125 Festgenommenen 30 galizische Juden gewesen. Nach unseren Feststellungen sind bei den Razzien in Frankfurt im ganzen nur 5°/o der Ausgegrissenen Ostjuden gewesen, die wiederum meist nur das eine Unrewr getan hauen, daß sie als arme Flüchtlinge nicht polizeilich gemeldet waren. . . . .. Die Schlußfolgerung des GeislesprodukteS in der Frankfurter Zeitung ist seiner, ganz würdig: Maßnahmen zur Steuerung der Einwanderung aus - dem Osten und nicht, wie die Verfügung des Ministers Heine vorschreibt, eine humane Behandlung der Flüchtlinge.' Wcim's nicht die Frankfurter Zeitung wäre, lohnte es sich wahrlich nicht, gegen einen Artikel von einer solch niedrigen Oualität überhaupt zu polemisieren. So sei wenigstens per Geist dieses Artikel hier festgenagelt und zum Schluß der Frankfurter Zeitung gesagt: Nicht die Kultur Westeuropas muß vor dem Einfluß der Ostjuden, sondern die Ostjuden müssen vor dem Einfluß der entsittlichenden Kultur Westeuropas geschützt werden. Das Schiebertum, d. ch. die rücksichtslose, nur auf den eigenen Vorteil bedachte Ausnutzung der Konjunktur, wird seit dem Weltkriege in allen Schichte» der Bevölkerung Westeuropas betrieben, — und wenn ihm in den armseligen Nestern des Ostens ansgcwachsenc Juden im Kampf ums Dasein aiiheimfalli.ii. kann man die» eher entschuldigen, als wenn die wohlerzogene, vornehme und reiche Elite Westeuropas diesen teuflischen Tanz ums goldene Kalb angehoben hat und in immer stärkerer bacchantischer Leidenschaft den Dortanz führt. ' . gut Berufsfrage der Juden. Jnr Frankfurter „Verein für Statistik und Demographie der Juden" sprach der Nationalökonom Dr. Cohn über ,.Di^ Berusssrage der Juden und die gegenwärtige Wirtschaftslage." Der Redner zerlegte das Thema .in zwei Abschnitte. Deren 'erster die nationalökonomisch - theoretischen Grundlagen wie die Fest- 'legung der Problemstellung überhaupt, er darzustelle» bestrebt war. Deren zweiter — wenn ich nicht irre — wohl der näheren praktischen Ausführung des theoretisch Festgelegten mit eventuellen Lösungsversuche», deren ali- 'gemeine Tendenz ' der. Redner -mir einstweilen festlcgte, gewidmet sein wird. E Das ganze Problem, zerfällt nach Auffassung des Redners in drei Teilprobleme: das soziH^h»nome, das sozialpolitische und das ethische. Die — und das ist die grundlegende Voraussetzung, der Angelpunkt, der Hebel der Lö» sungsbestrebungen — allein vom Wähle des Ganzen, von der Prävalenz der - Gesamtheit über ihre Teile auS.. — seien es Gruppen oder Einzelne betrachtet werden müßten. Die Gesamtheit, das Ganze ist für Dr. Cohn Deutschland. Hier insbesondere das deutsche wirtschaftliche, soziale, ethische Interesse. Von einer Gesamtheit, einer Ganzheitz der Juden, von einem ebensolche» jüdischen' Interesse 'weiß er anscheinend nichts, erkennt es entweder nicht an oder glaubt es vernachlässigen zu niüssen, zu dürfen. Oder aber — er trägt die stille Ueberzeugung in sich, daß auch diesem Gesamtheitsintercsse nur- und am besten gedient fei, wen» jenes allein Berücksichtignug finde. Wir halten jedenfalls diese naiv optimistische und gar so assimilatorisch sich selbst aufopfernde Auffassung für beide Teile wenig nützlich. Sondern für uns ist es ein ernst-' Haftes Problem, dos gebieterisch Anerkennung^ BertiesunL, Lösnugsversuche erheischt, eine Versöhnung und wechselseitige Nutzwirkung zwischen den beiden Interessengruppe^ — venta verbo — herzustellen. Deren berechtigte Interessen auf Erhaltung ■ und Förderung wir - beiderseftSanerkennen, sodaß wir grundlegend nicht zugeben dürfet^ - daß Pflege und Behauptung der einen den anderen schade« dürfen. j* Die Gesamtheit kann nichtden Untergang ihrer Teile wünschen. Es sei denn tatsächlich, daß die Antisemiten recht hätten Aber auf diesen Standpunkt wird man,'sich auch, als .Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens" nicht stellen können. Andere Völker leben von ihrer organischen^ territorial abgegrenzten Struktur innerhalb des Staats, z. B. die Bayern, Badener usw. Dir Juden von einer iprorganischen. Wie man von jenen nicht verlangen kann» zu Nutz und Frommen des größeren Deutschland, zugrunde zu gehen, sondern sie im natürlichen Setbstbewußtstin deS Tüchngen. des aut seine Art Stolzen, im Gegemeib ge» radc glauben, durch ihr gesteigertes Sein der Gesamtheit zu dienen, so kann man auch an uns Juden Forderunaen nicht stellen, die unsere Epstenzbedingungen »ntergrabeir und -unser ganzes Sein als Juden in Frage stellen. Eine in sich organisch wirtschaftliche Eingliederung bedeutet bei einer Minorität ohne Territorium, ohne Ansiedlungsrayon eine gleichmäßige Zerstreuung in die einzeknert Organe des Wirtschaftslebens. Ein gleichmäßiges Verteile!», ganz entsprechend dem natürlichen Aufbau organisch 'auf einem Territorium ruhender Bolksteile. Das Judentum kann sich »dieser Gefahr der Zerstreuung, die der eigene» Auslösung gleichbedeutend wäre, nicht aussetzen. Diese wirtschaftliche und damit soziale Zerstreuung bedeutet ei» Verlassen unserer wirtschaftlichen, sozialen und damit geistige» Geschlossenheit. Ein Auflösen in' wirtschaftlich, sozial' uni» damit geistig isolierte Teile und somit unsere» Untergang. Man kann es als Gesetz aufstetlen: Eine unorganische» d. i. extra territoriale Minorität kann sich nur erhalte»: wenn!sie auch in sich wirtschaftlich und sozial unorganisch ist. D. h. Uniform, einheitlich, geschlossen.*) Eine BerufSumschichtung darf daher nur soweit" E» Frage kommen, als sie innerhalb dieser. Geschlossenheft möglich ist. Und cs fragt sich nun, wie weft macht, der soziale, wirtschaftlich und politische Umbau Deutschlands ein Hinauswachsen aus den bisherigen Bernsen, ein Sichausdehnen über andere hinaus möglich, ohne die ,Ge-- -schloisenheit zu gefährden. Eine andere und die für uns wichtigste Frage wäre: Erfordert nicht gerade unser» Erhaltung, das Interesse der jüdischen Gesamtheft mit'dem eigenen Bestehen eine Umschichtung der Berufe bei. der», wirtschaftlichen, sozialen und polftischen llmbau der Gegenwart und den Umwälzungen, die vielleicht noch zu erwarte» sind, — und wie ist diese Umschichtung vorzuiiehmen, ohne die Einheitlichkeit der bisherigen Struktur zw gefährden Das sind die beiden Gesichtspunkte, die man bei Untersuchung der Berufsprobleme vor allem anlegen muß. Die Fordenrng de» dritten Gesichtspunktes-das Gedeihen, de» Vorteil der deutschen Gesamtheit möglichst zu steigern,.wären von unserer Seite aus nur durch unsere eigene Existenz über- *) Deswegen kann sie doch organisch in den Wirtfchaftskörper der-Gesamtheit eingegliedert sein, insofern sie sich aus-ein bestimmtes Organ desjelben möglichst konzentriert; dort Geltung' erlangt und von hier aus dem Gesamt^ Organismus zum Segen und Nutzen wird. Wie'es auch bei uns Juden der Fall ist, wenn man nicht infolgeantisemitischer Ueberzeugung an eine, schädliche Wirkung glaubt. x „N? v