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Neue jüdische Presse · 1919-12-19 · Heft 49 (19.12.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 49 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dezember 1919- Rr. 49. Josef «ndko. Gedanken zur jüdischen Kunst der Gegenwart. Erst der Psychologe einer spätett Zeit wird zu einem eindeutigen Begriff über jüdische Kunst gekommen sein, nicht ra« weil die Heutigen allzu verschiedene. Begriffe haben, die sich im Laufe der Entwicklung erst klären müssen, sondern hauptsächlich, weil das Werk der gegenwärtigen jüdischen Künstler ein viel zu mannigfaches ist (aus den verschiedenartigsten Quellen schöpfend) und daher nur in einem ungenauen Sinn den Anspruch auf Einheitlichkeit erheben darf. Nun mag es vielen zweifelhaft sein, ob das Werk eines Künstlers überhaupt einheitlich sein kann, weil sie ganz unklar an ein freies Schöpfertum glauben und nicht an ein inneres Gesetz des Künstlers, das ihn in eine bestimmte Schaffensart treibt. Wir glauben an diese Gesetzlosigkeit nicht. Uns ist das Werk. des schöpferischen Talents Ausdruck seines ganz bestimmten. Lebensgefühls, der organisch sich ihm entringt, auch wenn sein Entwicklungsgang ein vielfältiger ist) sodaß er erst allmählich sich selbst gefunden hat. Grundlage also jeder künstlerischen Beurteilung ist: das Persönliche, ganz Einzigartige des Künstelrs allgemein - als sein Gesetz zu begreifen, als seine innere Formel. * Aber das Persönliche vereinigt sich mit einem Allgemeinen.' Denn wenn wir von jüdischer Kunst sprechen, setzen wir voraus, daß sich ein Gemeinschaftliches finden müßte in allen Kunstwerken/ die jüdische Künstler gestaltet haben. Wir werden von dem untrüglichen Erlebnis getragen, daß sich in ihnen eine Art Bolks» i feele ausspricht, daß um alle Verschiedenartigkeiten der individuellen Temperamente ein tief-gemeinsames seine vereinigenden Ketten schmieden muß. Und wir glauben mit der gleichen Sicherheit an eine innere Einheit der jüdischen Kunst wie an die einheitliche Tatsache der griechischen oder niederländischen oder japanischen Kunst. Es müßte in die letzten Tiefen der künstlerischen Psychologie führen, die Gründe für diese Tatsache aufzudecken. Tarne z. B. hat in seiner „Philosophie der Kunst" gewisse soziologische Gemeinsamkeiten als Begründung anzuführen versucht. Denn es. ist durchaus nicht selbstverständlich, daß der Künstler der Seele seines Volkes eiri* Künder ist. Aber gleichwie der einzelne Mensch schließlich der Träger seines Volkes ist, so wird' im letzten Sinne auch der Künstler Sprecher seines Volkes, oft schon oberflächlich erkennbar, oft aber erst dem Tieferblickenden. Aus dieser Wechselwirkung zwischen Volk und Einzelieele ergibt sich die Möglichkeit einer Volkskunst überhaupt. Selbst das schöpferische Genie kann dieser inneren Bindung an den Geist seines Volkes nicht entbehren; und wenn , hier auch die vereinigenden Fäden tiefer liegen (wie z. B. in der Frage: was >var an Goethe deutsch in seiner antiken Periode, oder an Feuerbach und- Maises obwohl sie bedeutende Jahre in Italien verbrächt^ haben), in ihren letzten Beweggründen sind sie Sprecher ihres Volkes, das ihnen gleichwohl in einem kosmopolitischen Trieb Repräsentant des Menschheitlichen geworden ist. In. der Trittler'schen Kunsthandlung.liegt das graphische Werk Josef Budko's auf. Im folgenden sprechen wir nicht von solchen Genies. Wir wollten eben nur die Beziehung zwischen Volk und Kunst überhast aufdecken. Indem wir Budko's Werk als Ausdruck des jüdischen Lebensgefühls ansprechen, wird es sich also darum handeln, seine inneren Beziehungen zur jüdischen Bewußtseinswelt aufzudecken. Um so inniger wird dies möglich sein, da er selbst als ostjüdijcher Künstler im Heimatlichen und Volklichen" tief verwurzelt ist. Denn ein großer Teil des vorliegenden Werkes ist Heimatkunst im besten Sinne. Es sind die zahlreichen Blätter aus Plomsk, die Synagoge, das alte Bethhamidrasch, „mein Heimatstädtchen", der Judenfriedhof zu Plomsk und vieles andere. Das Gemeinsame an ihnen ist, daß sie ganz einfach wirken wollen, als Anklang an ein gemeingültiges Gefühl und als sein Erwecket, daß sie nur als irgend ein Heimatliches zu sprechen scheinen und daß sie wohl die primitivsten sind. Aber schon hiererhebt er sich zu einer Art Symbolik. Was kann er denn noch Heimarl'ches 'meinen mit diesem fast japanisch anmutenden kleinen Ausschnitt der Natur: Aus Plomsk, wo sich ein schmaler, fein verästelter - Bäum in deutlicher Silhouette vor dem Himmel und einem ganz weit zurückliegenden, kaum erblickten Gehöft erhebt; oder mit dem Baum im Garten in dem Blatte „am Narew"? Wir glauben, daß hier das Heimatliche schon unwesentlich äst, daß hier die Natur anfängt typisch zu werden, typisch im künstlerischen Sinn. Auffallend aber ist, daß Budko diesen Weg nicht weiter gegangen ist. Fast gewaltsam bindet er sich an das Heimatliche, ohne den Weg zur typischen Natur (im Sinne Goethe's) zu beschreiten. Hier liegt auch das Begrenzte seines Talents, vielleicht eine von ihm mit Bedacht erwählte Selbstbegrenzung. Nur in „Adam und Eva" verläßt er die heimatliche und ethnische Bindung. Wir erkennen auf den ersten Blick: hier ist allmenschlich gesehene Natur, allmenschlich erschautes Menschentum. Aber im Grunde sind dies doch nicht mehr die beiden Urmenschen, zu Begimi der Entwicklung unseres ^Volkes stehend und als die Urgeschaffenen und Urschöpfer zugleich des Volkes Leidensgeschichte und den Leidensweg des Menschlichen offenbarend (wie. es Rembrandt oder Massaccio, gewaltige Gestalter, geschaffen haben), es ist ein prachtvolles und reiches Idyll, in der Auffassung ganz zeitlos, denn so könnte es vor Jahrhunderten entstanden sein. Hier glauben wir ein Ewiges in dieser Kunst zu erblicken, den rein menschlichen Blick, die Treue zur Natur, eine weltliche Trunkenheit und Frömmigkeit, die diesem durchaus jüdischen Temperament entströmt sind. -Das Heimatgefühl, von dem wir bisher gesprochen haben, äußert sich noch in einer anderen Form, in dem geistigen Gegenstück zum Landschaftlichen. Vielleicht ist alle volkliche Gedankenkunst nichts anderes als Ausdruck des Heimatgefühls, auf die geistigen Kräfte gerichtet, während in der Landschaftskunst das Heimatgefühl sich am Landschaftlichen auswirkt. Philosophisch könnte man zwischen beiden noch Unterschiede Nachweisen und ganz neue künstlerische Mohnente. Hier verzichten wir auf diese letzte Klärung und prägen nur für unsere Untersuchung den Begriff des Geistig-Heimatlichen, um -mit ihm in Kürze alles zusämmenzufassen, was über das Landschaftliche, rein Aeußerliche hinaus, allgemeiner geistiger-Besitz eines Volkes ist: an Kultur, Sitte, Religion, Nationalgefühl, Geschichte, Sage und Polftik. , Es ist offenbar, daß 'das jüdische Geistig-Heimatliche vorwiegend religiöser Natur ist, denn der ursprüngliche Geist des jüdischen Volkes ist in seinen wesentlichen Aeußerungen religiös. So ist es nur ganz folgerichtig, daß auch Kultur, Sitte, Natioaalgefühl, Geschichte, Sage, Politik usw. (die Faktoren, die wir oben neben dem Religiösen als den geistigen Besitz jedweden Volkes erkannt haben) im jüdischen Volksbewußtsein vorwiegend religiös sind, um nicht zu sagen, letztens atls ihm entstanden. Wir können diese Zusammenhänge hier nicht weiter verfolgen, sondern ziehen nur den Schluß, der uujer augenblickliches Thema berührt. Das Geistig-Heimatliche des jüdischen Volkes ist, wesentlich religiös. So ergibt sich, daß auch die jüdische eigentliche Volkskunst wesentlich religiös ist, die Fakta und Prinzipien der jüdischen Religion in sich aufnehmend und mit ihren Ausdrucksmitteln neu vermittelnd. Denn hier bestätigt sich das llrkräftrze der jüdischen Kunst, daß sie sich nicht in fremde Kulturzusammenhänge rinordnet und gleichsam aus einem ganz fremden Aspekt schaut und gestaltet, sondern daß sie die geistigen Zusammenhänge des Volkes, diese „Wurzeln seiner Kraft" bejaht und gesund iinb kräftig sich auf ihnen erbaut. Unmittelbar begreifen wir jetzt das zweite Hauptgebiet des Budko'schen Werks, das gedanklich ven Inhalt zu vermitteln sucht, den die Landschaft instinktiv und rein gefühlsmäßig gegeben hat. Wohl zeigt sich eine Vielfalt der Themen, der Gestaltung und Auffassung, aber als Grundlage bleibt jenes einheittiche religiöse Gefühl bestehen, das den Grnndcharakter des jüdischen Volkes und dieses Künstlers ausmacht. So entstehen . psychologisch ganz klar seine Holzschnitte, Radierungen und Schabblätter.' ,/Jeremias tröstet Mutter Rahel"", dieser Holz-' schnitt von elementarer Linienführung, wo es so wesentlich ist, daß die Flammen im Hintergrund zu der starren, fast linearen Behandlung des Propheten, besonders aber der Mutter Rahel in Kontrast gesetzt sind. Im vorliegenden Werk ist dies der einzige Vertreter, einer historisch-religiösen Gedankenkunst. Echt mythischen Ton sängst vergangener Zetten trifft er in den „Weisen zu Btte-Brak", und dieser Künstler, lyrisch und episch zugleich, erscheint als fähig »und bestimmt, ein syst-masischer Jllustrqtor.unserer agadischen Schriften zu sein. „Der Tod des Moses" zeigt ihn im Bann einer älteren Jllnstrationsknnst, unmittelbar an Dorse erinnernd. Auch hier sehen wir Bedeutendes, besonders wieder im Landschaftlichen, aber konventionelle und übernommene Züge verbergen sich nicht ganz. '. . Im Wesen jedes religiösen Gegenstandes und seiner künstlerischen Gestaltung ist stets zugleich ein Symbolisches enthalten, jedes Religiöse weist über die ein- . pirischüi Tatsache und Vereinzelung auf, das sich in ihm aussprechende Uebersinnliche und Geistige. Daher, liegt in jedem dieser künstlerischen Blätter zugleich . ein Symbol, da sie alle Ausdruck eines Religiösen sind. Wer es gibt Stufen der Symbolik. Denn wenn auch jedes Kunstwerk letztens dem tiefen Erlebnis entsprungen und so eine Erscheinungsform des künstlerischen Ding-an-sich sein muß, so wird die Symbolik sich um so tiefer ausdrücken, je tiefer der Ideengehalt des Kunstwerks ihm zugeneigt ist. Aber es bleibt wich sehr die Frage,) ob die gesteigerte Symbolik auch dem •3? 4 'I

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