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Neue jüdische Presse · 1919-12-12 · Heft 48 (12.12.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 48 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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FrankfurterLsmelttischesFamilienblatt miiiininmninnriiiiiiiiiminiiiHiiiiniiiiiiiiiiiHiniiiiiiniimn! Erscheint wöchentlich em Freitag. Bezugspreis pro Viertelj fahr- In Frankfurt am Main bet der Neuen Iüdkschen Presse, : auswärts bei -er Post abonniert Mk. 2.50, stet ins Haus 15 Kfg. : mehr./BelZusendung durch Streifband furOeuischland Mk.14.00,; für alle übrigen Länder Mk.20.00jährlich, im Voraus zahlbar. : Redaktion Md Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis : Insertionspreis für die sechsgespaltene petitzeüe?0pfg., für; : die Neklamezeile Mk.2.—. Bei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / plah- und Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. / j ■ Annoncen-Annahme bei der Exped.und in a.Annoncen-Bureaus. : : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864. j 5limnminii.il..im. .................. ..^ 17. Jahrgang. Freitag, Sen 20. Kislew 5680 (12. Dezember 1919) Rr. 48. Bom Mitleid. Rachamoninl bnei rachamonim, — diese Bezeichluig der alten Midraschliteratur für die jüdische icsanltheit verdient es gerade in unserer Zeit, in hrev. ga^zjen Tiefe und in ihrer Besonderheit erißt zu werden. Rachamonim "bnei rachamonim, mitleidsvolle Söhne likleidsvoller Väter! Das Mitleid als empfangene Traition, wie sic die Thora und der Gang der Väter urch die Geschichte dem Blute einimpften, wird hier ls das Ilntericheidende zwischen der jüdischen Geamtheit und den anderen Gesamtheiten der Menschleit, zwischen dem jüdischen Volk und den anderen Völkern bezeichnet. Und wahrlich, selbst die assimilierte -westeuropäische Judenheit, so viel sie auch von hreni Lätererbe eingebüßt hat, das Gefühl des Ermrmens ist ihr als unvertvüstliches Eigengut geblic- -cki.. Dreieinhall. Jahrtausende jüdischer Religion mit ihrckn Forderungen sozialen Empfindens und sozialer Lctätigung dem Mitnieiischen gegenüber und Mitleid zegeii das Tier, dreieinhalb Jahrtausend jüdische Geschichte, in deren meisten Zeit wir Juden im eigenen. Erleben die Lebensglück vernichtende Mitleidlosigkcir unserer Mitmenschen zu fühlen bekamen und so aus Mangel an Mitleid der anderen das Mitleid lenkten, dreieinhalb Jahrtausende der Erziehung zum Aitkeid müssen selbst in Geschlechtern noch nachwirken, die nicht mehr im jüdischen Kreise, sondern vielmehr außerhalb des jüdischen Kreises ihre Ideale suchen. MMan greife heute z, B. zu einer deutschen Tageszeitung. ^Jm Augenblick wird für die hungernden Kinder in Wen gesammelt. Die Annahme liegt nicht fern,; daß bei den üblichen Methoden des „gemütlichen" Wiens der Genuß der Sammlung vielleicht mir christlichen Kindern zugute konrmen wird, Kindern- . die ihre jüdischen Kameraden mitleidslos verfolgen, weil sie Inden sind. Doch neun Zehntel der Spender sind Juden, trotzdem gemäß der Verhältniswahl zwischen Nichtjuden und Juden in Deutschland neun Zehntel der Spender Nichtjuden sein sollten und trotzdem man es verstehen könnte, wenn Inden bei'einer allgemeinen Sammlung für das antisemitisch durchseuchte Wien überhaupt nicht spenden würden. Aber. Menschen leiden, — und Luden spenden. Dagegen zweitausend Jahre Christentum und trotzdem Mangel an Mitleid. Erst wenige Jahre sind es5 her, — es war, als man noch nicht an die Möglichkeil des fürchterlichsten der Kriege glaubte —, da sonnte sich. die unter dem Banner des Christentums einherziehrnde Kulturmenschheit in der Illusion der Menschlichkeit als endlich erworbenes Gemeingut. Doch der Krieg kam, und seine Stürme legten die Tiefen der Seele dieser Kulturmenschheit bloß, nno cs ofsenbarte sich eine solche erschreckende, jedes Mitleids bare Härte, eine solche Erbarmungslosigkeit, daß mansich in die Weltcroberungstage deS heidnischen Roms zurückversetzt glaubte. Und wollte man den Krieg mit seinen Millionen Menschenopfern übergehen, da Grausamkeit im Wesen des-Krieges liege, — Pie Zustände kann man «her nicht übergehen, unter denen seit nunmehr länger als einem Jahre die als Sieger , hervorgegangenen christlichen Völker die bksiegten christlichen Völker vorsätzlich verelenden und verkommen lassen.' Upd in unserem armen Deutschland selber! Sein Geschick hängt über einem jähen Wgrund, fürchterlich ist seine Lage, — doch In seiner eigenen Mitte geben mitleidlose politische Selbstzerfleischung und mitleidlose wirtschaftliche Preistreibereien, die nur nach dem eigenen Vorteil und nicht nach dem Wohl und Wehe der Gesamtheit fragen, das vorherrschende Gepräge. Wir glauben: zu gegensätzlich verhält sich das Mitleidlose Denken der Gegenwart zu dem mitleidvvllchi jüdischen Herzen, als daß nicht jeder denkende Jude aus diesen klaffenden Unterschied gestoßen werderi und zu der Erkenntnis kommen müßte, daß es im Judentum Güter zu wahren gilt, die das Beste sind, das ein Jude der Menschheit geben, kann. Die Bederttrmg der jüdische» Schule. Es scheint, daß die Frankfurter Israelitische Ge- Meinde nicht nur hinsichtlich der demokratischen Um* gchtalhung ihrer Verfassung, sondern auch auf dem Gebiete der jüdischen Schulsrage für die anderen jüdischen Großgemeinden Deutschlands vorbildlich sein soll. Schon seit längerer Zeit machen sich innerhalb der Frankfurter Israelitischen Gemeinde immer stärker Bcstrebungeil geltend, die eine bewußte Förderung der jüdischen Erziehung im Auge haben, und nimniehr haben diese Bestrebungen in einem Ausschuß von Eltern, deren Müder die einzige Schule der Israelitischen Gemeinde, das Philanthropin, besuchen, ihre Verkörperung gefunden. Letzten Mittwoch fand die erste Veranstaltung des Ausschusses statt. Direktor Gans sprach über die Bedeutung der jüdischen Schule. Es stehe zur Frage;, wie der zu Mischehe und Taufe führende Jndifferentismus beseitigt werden könne. Das Suchen nach einer Antwort auf diese Frage lenke den Blick ans die Erziehung der jüdischen Jugend. Die staatlichen Md städtischen Schulen, die die jüdische Jugend besucht, sind Simultanschulen, die eine christlich-germanische Weltanschauung vermitteln. Eine jüdische Jugend, die dem Judentum erhalten bleiben soll, müsse sich jedoch zuerst an den' großen Persönlichkeiten der jüdische» Geschichte bilden, — und das kann nur in besonderen jüdischen Schulen geschehen. Auch für die körperliche Ertüchtigung teien jüdische Schulen empfehlenswerter, da das jüdische Kind unter dem kritischen Blick seiner körpe.lich gewandteren christlichen Kameraden im Turnunterricht leicht ängstlich und ungeschickt wird. Die so notwendige berufliche Umgruppierung weiterer Kreise der deutschen Judenheit, ihre Zuführung zu de» produktiven Berufen könne gleichfalls nur in jüdischen Schulen gefördert werden. Der nächste Redner, Dr. Höxter, zeigte aus seinen Erfahrungen, welches Martyrium bei den gegenwärtige» antisemitischen Verhetzungen in zahlreichen Schulen — so sind in Hiesigen höheren Schicken Flugblätter mit dem unflätigste», aufreizendsten antisemitischen Inhalt verteilt worden — die jüdischen Kinder häufig erdulden. Rechtsanwalt Horovitz hielt es für wichtig, von den von dem Referenten angeführten Gesichtspunkten ans das Philanthropin als die jüdische Schule der Frankfurter Israelitischen Gemeinde zu betrachten. Das Philanthropin sei wohl eine Schule jüdischer Kinder, doch es habe die Lehrmethoden allgemeiner Simultanschulen und nicht einer Schule, dieden Namen jüdische Schule verdient. Das Philanthropin müsse jüdischer werden. Die weitere Aussprache führte u. a. in Dr. Galliner und Rechtsanwalt Dr. Selig mann, dem Vorsitzenden des Philanthropiner-Vereins, Vertreter des liberalen Judentums an das Rednerpult, die durch persönliche Vorwürfe an die Adresse des einberufenden Ausschusses einen Mißton in die Versammlung brachte^ und durch den Kampfruf „Hie Orthodoxie —' j hie Liberalismus" zeigten, daß sie die Situation durchaus verkannten. Der Liberalismus, der die geschichtliche, evolutionistische Auffassung des Judentums im Gegensatz zur Orthodoxie mit ihrem Ossenbaruugsglauben — vertritt, sollte es sich angelegen sein lassen, spezifische Werte des Judentums zu fördern. Der verstorbene Direktor Lldler, ein Führer des liberalen Judentums, hat durch sein warmes Eintreten für" die jüdische Schicke dies auch im Prinzip anerkannt. wenn er auch in seiner Leitung des Philanthropin nicht die notwendigen Konsequenzen daraus zog. Der Liberalismus umfaßt freilich in seinen Massen die indifferente, nur vom Assimilationsstreben geleitete Judenheit, und so kommt es, daß häufig das als Liberalismus verkündet wird, was in Wirklichkeit nur der Assimilation dient. Hätten die Führer des liberalen Judentums über diesen Unterschied gewacht. Manches Jüdische wäre erhalten worden, das so vom Geiste der Assimilation nivelliert worden ist. >,,Hie Judentum — hie Assimilation" heißt die Parole, die entscheidet, ob. das deutsche Judentum endlich gegen Zudifferentismus, Mischehe und Taufe einen Danim setzt oder nicht. Wählen die Liberalen den ersten Teil dieser Parole, dann werden sie auch nicht mehr uns Orthodoxe als den schwarzen Mann fürchten, sondern freudig manchen jüdischen Wert wieder von uns annehmen. Dann werden den jüdischen Versammlungen auch Episoden erspart bleiben, wie sie die hier geschilderte Versammlung brachte. Die Parole „Hie Judentum" muß zur jüdischen Schule führen; das Problem der jüdischen Schule selber ist ei» besonderes Kapitel. Deutsches Reich. Riederheifischer jüdischer Jugendtag, Am 30. Nov. fand in Spaugenberg ein Jugendtag statt, zu dem per dortige jüdische Jugendverein eingeladen hatte. Die von Hermann Spangenthal und Siegfried Windmüller vorzüglich'vorbereiteten Veranstaltungen wurde» durch eine Freitag-Aöend- Feier eingeleitet. Sonntag fand die offizielle -kundgebnng statt, bei der etwa 250 Personen ans 35 jüdischen Gemeinden Niederhessens, sowie die Vertreter von 10 Vereinen des „Verband der Jüd. Jugendvereine Deutschlands" anwesend waren. Nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden, He.-m. Spangenthal, sprach Dr. Kurt Alexander, Berlin, über .Iiesen und Ausgaben des Jüdischen Jugendverbandes". Fritz Schwarzschilb -Frankfurt a. Main, Vorsitzender des Hessischen Landesverbandes, über „Jugendbewegung". Den Schluß bildete eine Kundgebung fiir den „Verband der Jüd. Jugendvereine Deutschlands", Berlin, an den eine Adresse abgesandt wurde, die ein warmes Bekenntnis zu seinen Aufgaben enthielt. Eine von künstlerischen Darbietungen umrahmte gesellige Veranstaltung hielt die Teilnehmer am Abend noch lange zusammen. Zur Demokratifiernng der jüdische» meiudeu. In Düsseldorf »ahm eine jüdische Volksversammlung nach einem Referate des Rechtsanwaltes Jonas einstimmig folgende Resolution an: „Die mn 25. November 1919 in der Tonhalle zu Düsseldorf versammelten etwa 1000 MitgljedMd der

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