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Neue jüdische Presse · 1919-12-05 · Heft 47 (5.12.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 47 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Fannüenvlatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis 17. Jahrgang. Freitag, den 13. LLslerr 5680 (5. Dezember ISIS) Rr. 47. :iii)iiiiimii'Bniiimiiiiiminiiiiimmiinniiimmniniiiiiiiiiinw! | Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel- ■ \ jahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, : : auswärts bei der Post abonniert Mk. 2.50, frei ins Haus 15 psg.; i mehr./BeiZusendung durchStreifbandfurOeusschland Mk. 44.00, : : für alle übrigen Länder Mk.20.00jährlich, im Voraus zahlbar. : . . ...;imiinrniiiimiiiiiiiiniinnmiiiniiriinmuiiiimiiiiiiii'miimii | Insertionspreis für die sechsgespaltene petitzeüe70 pfg., für : die Reklamezeile Mk.L.—. Lei Wiederholungen enssprechender : Rabatt. / Platz- und Äatum-Vorschrifi ohne Verbindlichkeit. / ■ Annoncen-Annahme bei der Exped.und kn a. Annoncen-Äureaus. : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864. : Wiener Brief. ' Große Not herrscht in Wien. Zwei Plagen, .Hunger und Kälte, sind vereint und ihre verheerende Wirkung wechselseitig steigernd, über die Wiener Bevölkerung gekommen. Krankenhäuser schließen ihre Pforten, weil sie die Kranken nicht mehr verpflegen können, Säuglinge erfrieren in den. Spitälern, weil man dort.-mangels au' Heizmaterial die erforderlichen fünfzehn Grad Wärme nicht erzeugen kann, die Menschen. hungern und frieren, weil es allenthalben an Lebensmitteln und an Holz und Kohle mangelt. In solcher Zeit einer entsetzlichen allgemeinen Not haben unsere Christlich-Sozialen nichts besseres zu tun, als. auf den „Bummel".zu gehen. Ter allfon^tägliche christlich-soziale Antisemiten-B'nmmel ist .die neueste Spezialität der deutsch-österreichischen > Hauptstadt. Seit dem Erlaß des Landeshauptmann betreffend Frenrden-Ausweisung kann die Hetze wider .die jüdischen Flüchtlinge nicht zur Ruhe kommen.- Ta die Bersammlrrngen unter freiem Himiyel verboten wurden, veranstalten die Christlich-Sozialen allsonnräglich. — eine würdige Sonntagsbeschäftigung —-. einen Bummel am Kai, wobei die zufällig norbeigehenden galizischen Juden attackiert werden. ' Früher oder später werden die durch die Berlehrssperre noch tu Wien weilenden Flüchtlinge Wieir verlassen,Mund sie werden cs als Fremde verlajsen. Nach füiss Jahren voll' Mühe und Plage, voll unsäglicher Leiden und unbeschreiblicher.Entbehrungen, ist der galizifche Judeschließlich auf der letzten, untersten Stufe angelangt: als Reichsgeiwssc ist er hierher gekommenals Fremder zieht er von dannen. In. der jüdischeit Geschichte der Vergangenheit ist der jüdische Flüchtling keine seltene Erscheinung; durch seine Häufigkeit und einige Wiederkehr ist er fast schon eine, zum Mythus gewordene Wirklichkeit geworden Das Wort Ahaßver drängt sich einem auf die Lippen, der Flüchtljng in Permanenz, der ewige Wanderer, von dem mandas Woher und Wohin seines Kommens und Gehens nicht angeben kann. Der galizifche Jude jedoch war kein Flüchtling von dieser Art. Er war kein viel und fern gewattderter Mann und durchaus nicht mit der Bestimmung zum Umherirrcn geboren. Er hatte sein Daheim,, wo er einen kleinen oder einen großen Handel betrieb, in seiner Familie und „in seiner Umgebung ein vorschriftsmäßiges Leben führte und treu seinem Gotte diente. Der Krieg,machte, ihn heimatlos und trieb ihn in die Fremde, und es ist wohl, das härteste Mißgeschick, das er erleiden muß, daß aus ihm, dem galizischen Juden von ehemals, der. Flüchtling von gestern und der Fremde von hetcke geworden ist. Das Traurigste jedoch ist, daß parallel mit diesen drei Entwicklungsstufen so mancher Mann im Westen in seinem..Verhältnis zu dieseu Flüchtlingen jene drei Gepnnungsstadien durchlaufen hat, die in. einem. bekannten Grillparzer'schen Epigramm kurz und treffend gekennzeichnet sind. Als Flüchtling hat der galizifche Jude in Wien wenig Verständnis für seine von Natur und Umgebung gezüchtete Art gefunden. Sein Erscheinen oder vielmehr seine Erscheinung hat manchen mit einem gewissen Unbehagen erfüllt. Der Ostjnde war lange für manche Kreise des Westens eine Art von Literatur-. Produkt, eine Kuliur-Skizzen-Gestalt, .eine Witzblatt- Figur, halb komisch und halb romantisch, an deren scharfgewürztem Witz man sich ergötzen und über deren unfreiwillige Komik man lachen konnte. Ter -Ostjude führte länge im Westen eiu unwirkliches Dasein, und. er konnte nicht' einmal über Verkanntsein' klagen, da ja nur das, was zum mindesten in gewissem. Grade gekannt ist, verkannt werden kann. Da kam der Krieg und hob ihn aus seiner Heimat und zugleich aus dem Literaturwinkel heraus und stellte ihn dem Westen in seiner ganzen Wirklichkeit vor Augen. Und erst jetzt, da man Gelegenheit fand, ihn in seiner realen Gestalt kennen zu lernen, erst jetzt ward er gründlich verkannt. Zunächst begann man, nach seinen Fehlern zu suchen und entdeckte natürlicherweise solche in nicht geringer Anzahl, aber man entdeckte — wie es schon, in Fällen, wo Voreingenommenheit das Urteil trübt, zu gehen pflegt — zumeist solche Fehler, die im Gruiioe keine find. Weil man ihn stets nur nach seinem Acnßeren abschätzte, kam man nicht dazu, seinen inneren Wert kennen zu lernen. Jede Eigenart wurde als Unart angesehen, jegliche Eigenkultur als Unkultur gestempelt. Mit verstimmender Absicht und wenig Ueberlegung wurde über dem äußern der innere Mensch in ihm vergessen, und man unterließ es, den Umstand zu berücksichtigen, daß alles aus seinem-Milien Losgelöste anders erscheint als mitten in seiner Umgebung. Dies alles ist die Ursache all jener Mißverständnisse und Jrrtümer,. die' den Wert des ostjüdischen Meiischen tief herabdrückten. Zugegeben, von den galizischen Flüchtlingen hat so manch einer keine sonderlich gute Figur gcmacht. Abcr Armut und Elend haben noch nie ästhetisch gewirkt. Ferner, sollen viele galizisch-jüdische Flüchtlinge sehr lärniend. Geschäfte gemacht haben; sie haben, heißt es, geschoben, gefchleichhandelt und preis'getrieben. Uns ist de», jüdische Preistreiber ebenso verhaßt, wie allen andern auch. Wir wissen, daß der Preistreiber keine Rechtfertigung finden wird; der jüdische nicht und der christliche nicht. Wir sagen ausdrücklich: auch der christliche. Denn — die Tatsache ist unbestreitbar — die Preise in die Höhe treiben, das taten andere auch, die unbeschiiitten sind. Das Wort von dem Unbeschnittenen, der sich aufs Wuchern und Preistreiürn ebenso gut versteht wie der Jude, hat kein in der Apologetik versierter Jude erfnnben; es stammt von eineni guter? Deutschen, von Goethe. Der Weimarer' Allwisser hat also «ich dies gewußt, und in den fünf Jahren des Krieges ist dieser Satz hundertfach bestätigt worden. Aber von alledem abgesehen, warum sah und sieht man nur die im Verhältnis wenigen, die preistreiben? Warum sah und sieht man nicht auch die andern, die vielen, die als jüdische Menschen aller Achtung verdienen? Aber nicht nur kein Verständnis, auch wenig Mitleid hat. der arme Flüchtling im Westen gefunden. 'Man war nicht gerade sehr höflich gegenihn. Man har's -ihn fühlen lassen, daß man seine Gegenwart als lästig empfindet. Er ist überall dem Haß, alserorten der Abneigung und dem Vorurteil in 'jedem Winkel begegnet. Und wenn. er jetzt die westlichen Gefilde verlassen wird, wird er um eine Illusion armer sein. Früher hatte er von der westlichen Kultur eine hohe Meinung; er schwärmte für sie und sah in ihr den Inbegriff der europäischen Humanität. Heute wird er sie nicht mehr überschätzen; vielleicht wird er, heimgekebrt, sich sogar im Stillen sagen: Wir Wilden sind doch, bessere-- Menschen. Anssprache mit Christen. * .Berlin, Ende Novbr. Der »^Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" hatte ziun 25. November eine Versammlung einberusen, zu der eine große Zahl persönlicher Einladungen an jüdische und christliche Kreise ergangen war. Die Versammlung sollte den Zweck haben, aus dem Wege einer Aussprache zwischen Juden und Christen eine Klärung der Lage herbeizuführen und — wenn möglich — eine jüdischchristliche. Einheitsfront gegen den Antisemitismus herzustellen. Dieser Gedanke, der an sich sehr gut ist, wurde durch den Verlauf der Versammlung — zum größten Teil durch die jüdischen Redner — in einer Weise diskreditiert, daß man nachdrücklichst davor warnen muß, den Versuch zu wiederholen, vor allen Dingen nicht, wenn die Veranstalter solcher Aussprachen nicht besser verstehen, die wahren Interessen des Judentums vertreten zu lassen, als es hier geschehen ist. , Den einleitenden Vortrag hielt Sr. Johannes- Maller, /in Mann, von dem diejenigen, vie ihn kennen, wissen, daß er auf dem Bodeil eines entschiedenen (also nicht klerikalen) Christentuins den Kamps um den neuen Idealismus im deutschen Volke sührt, und der sich trotz des systematischen Totschweigens durch fast die gesamte. deutsche Großstadtpresse eine Gemeinde ernster und aufrichtiger Anhänger geschasfen hat. Es war ein überaus glücklicher Gedanke, diesen Mann als Vertreter des deutschen Idealismus sprechen zu lassen. Wir dürfen mit Befriedigung feststellen, daß Johannes Müller die Dinge im wesentlichen so sieht, wie auch wir sie erkennen. Für ihn ist der Antisemitismus in erster Linie eiu deutsches Problem, und er bekämpft ihn in erster Linie als eine Schwächeerscheinung der deutschen Volksseele. „Ein Volk mit 'starkem Nationalgefiihl kennt keinen Antisemitismus, denn^/es erträgt seine Juden". Nur ein Volk, dessen na- ' tionale Ambitionen im Widerspruch stehen zu seiner Willensstärke in. nationalen Dingen, kann aus den Gedanken verfallen, sich im Judentum einen Sündenbock für eigene, Mängel zu suchen und auf ihn das abzuwälzen, was für jedes gesunde Volk eine Sache des selbstverständliche» Stolzes ist. die Verantwortung vor der eigeiidp Tat. Johannes Müller wies darauf hin, daß in den Vorwürfen des Antisemitismus sich objektiv Wahres mische mit Berloqenheit und Heuchelei. Wenn über ,Lriegsschieber" und' „Revolutionsgewinner" als über typische Erscheinungen des' Judentums gesprochen werden, so müsse er demgegenüber feststellen, daß unterschiedslos alle Schichten und Kreise der Bevölkerung gleichmäßig von dem Taumel ergriffen' seien, soviel zu verdienen als irgend möglich, und daß keine Seite das Recht habe, der andern Verletzung - von sittlichen und nationalen Grundsätzen vorzuwersen. Das Entscheidende sei immer wieder, daß die Klagen des Anrisemitismus ein Zeichen von Charakterschwäche >eien, denn selbst wenn alle Juden so wären, wie die Antisemiten sie, zu sehen vorgebcn, so sei es lächerlich zu glauben, daß ein Millionenvolk sich dieser verschwindenden Minorität nicht einfach dadurch erwehren könnte, daß es sie. entbehrlich macht. Leider vergaß Dr. Müller diese sehr richtige,. Erkenntnis anscheinend, als er auf die sogenannte „jüdische" .Tagespresse zu sprechen kam und sichtlich aus eigenen bitteren Erfahrungen heraus diese Presse als eine Hanpthuelle des Antisemitismus bezeichnete. Sehr überzeugend klang, was Dr. Müller über die. -Taktik der Abwehr sagte, die aus jüdischer und vhilosemi-* Kscher Seite bisher geübt wurde. Es war erfreulich, von' einer Seite, die dem Publikum wahrscheinlich maßgeblicher sein wird als irgendeine jüdische Instanz, zu hören,, daß? aller sittlicher Entrüstungsrummel über den AntisemitismW>. den einzigen Erfolg habe, neue Antisemiten zu züchten. Es muß doch nachdenklich stimmen, wenn ein Mann von dieser Qualität sagt: „Mögen die Juden doch nichtimmer das Wort von „der Schmach des Jahrhunderts" im Munde führen. Wenn, der Antisemitismus die Rettung Deutschlands bedeuten würde, so müßten wir eben ohne Besinnen diese Schmach auf uns nehmen wie manche andere auch!" Und irr sehr eindeutiger Weise sprach er sich gegen jede Assimilation VW. „Wir wollen doch nicht verkennen, daß wir verschiedener Rasse und Art sind. In den Adern der Juden-fließt anderes Blut cfls in den unseren" Taufe und Mischehe verwirft Johannes Müller als Unaufrichtigkeiten, die niemals dazu beitragen können, eine wahre Verständigung zwischen Ch'isten und Juden herb izufüh en Der Rat, den er den Juden zur Abwehr des Antisemitismus erteilt, läßt sich

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