Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 43 (8.11.1919)
- Date
- 1919-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurierZsraelitisches Familienblatt |iiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiimimiiTnniiiiniiiiiimmni Erscheint wöchentlich am Freitag. Äezugspreis pro Viertel- : jabr: In Frankfurt a.M. Mk. 4. SS fiel ins Haus. Äei der Post : abonniert Mk. 4.80, ftei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Äei; Zusendung durch Streifband fürOeutschland und ösierreich-llngarn j Mk. 2.25, für alle übn'gen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer 20pfg. i ............■■■■■■■■■■ ............ iimummin Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa LS03 Herausgeber: Gaty Geis Insertionspreis für die sechsgespaltene p-tiizeile70 pfg., für die ReklamezellL Mk.2.—. Äei Wiederholungen entsprechender j Rabatt. / platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. / \ Annoncen-Annahme bei der Exped.und kn a.Annoncen-Äureaus.; Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864. : »immimtii luua 17. Jahrgang. Samstag» Len 15. 6Ii68eL^an 5680 (8. November 1919» Nr. 4L. ^Kampf der AsfimUation. Ein altes Wort sagt:. Wie es sich christelt, so Isüoelt es sich. — Wie es sich christelt, ist durch die IKatastrophe oes Krieges offenbar geworden. Trotz aller I Religion wenig Religion. Gerade die Hiiter der gesell-- Ischaftlichen Ordnung, die Vertreter des historisch Ge- I wordenen hatten die Religion meist nicht um der Religion willen, sondern weil sie ihren Interessen nützlich schien, gestützt, i^nen war die Religion meist nur ein Deckmantel imd keinb Herzenssache,.— und so mußte, als der Sturm I des Krieges bai von ihnen Erbaute nmsauste, es. so »kommen, wie es gekommen ist: der Sturm riß die I hohlen,- unwahren Grundlagen ihres Gebäudes nieder, und eine sich groß gebärdende Kultur lag in jämmerlicher Kleinheit aufgedeckt vor der Welt. ' Auch wir Juden haben für unsere besondere silbische > Sphäre Kreise, die sich für berufen halten, unsere gesellschaftliche Ordnung zu bestimmen, unsere Geschicke zu leiten. Auch wir haben eine Masse, die nicht selbständig denkt, und eine Oberschicht für sich denken und handeln läßt. Aber auch wir sind nicht. gut bei dieser Methode gefahren, denn d'ie wahren Interessen der Gesamtheit, | konnten auf 'diese Weise Xricht -zur Geltung ’ gelangen. ' Es liegt die Frage nahe, wieso man hier zwei un» I gleiche Größen miteinander vergleichen kann. Die Würden und AcMter in unserer Mittse sind doch in der Hegel nicht mit materiellen Vorteilen verbunden, wie dies m unserer Umwelt der Fall ist. Die Männer,, auf deren Schultern wir unsere Verantwortlichkeit abwälzen, sollten daher. I keine Veranlassung haben, anders , als aus rein ideellen s Betveggründen geleitet zu werden. .Das stimmt und stimmt wiederum nicht. Es -stimmt I infofern, als wirklich keinerlei materielle Erwägungen mit' unseren' Angelegenheiten verbunden sein körmen. Es stimmt aber nicht, da die bisher führenden Kreise, die als, Hüter der jüdischen Religion auftreten, .entgegen! üen Erfordernissen für die Erhaltung und Verwirklichung der jüdischen Religion einem nach einer anderen " Richtung führenden Wege und zwar der Assimilation zu-, streben und dahLr alle Strömungen zu unterbinden suchen, I die diesem Streben entgegengesetzt" sind. So haben auch. — ganz wie im politischen Leben — I in unserer jüdischem Welt die führenden Kreise sich allen. Demokratisierungsversuchen, allen ' Selbständigkeitsregimgen der- Masse widersetzt, denn die ungeschminkten Aeußerungen der jüdischen Gesamtheit können nur auf die Erhaltung dieser Gesamtheit'und daher aus das Her- I Vorkehren ihrer Sonderheiten lauten. Die Kämpfe sin I innerjüdischen Leben besonders der westeuropäischen Judenheit sinb reich, an Beispielen, mit welcher ostpreußi-. schefi Junkern würdiger Hartnäckigkeit die jüdische Plntokratie ihre Alleinherrschaft behauptet. Wir weisen hier nur auf das bekannte Beispiel der Berliner Jüdischen j Gemeindehin, von deren 150,000 Seelen bisher nur 16,000 wahlberechtigt waren, da der Vorstand oer Berliner - Jüdischen Gemeinde nie etwas unternahm, was j eine, gerechtere Wahlordnung hätte bringen können, — und es hat erst jetzt einer Verfügung der nunmehrigen! sozialdemokratischen Regierung bedurft, um in Rücksicht » .aus daS heutige Rechtsempfinden und . den sozialen! Geist der alten jüdischen Gesetzgebung" dem preußischen Judengesetze vom, 23: Juli 1847 eine Auslegung zu geben, die das Wahlrecht auch solchen Gemeindemitgliedern ge>vährt, „die nicht zu Abgaben veranlagt.worden sind oder die erst kürzere Zeit als drei Jahre im Gemeindebezirke wohnen"- oder deren Steuern „gestimdet - oder erlassen" worden sind. Daß der Vorstand einer jüdischen Religionsgemeinde von einer sozialdemokratischen Regierung auf den „sozialen Geist der alten jüdischen Gesetzgebung" hingewiescn werden' muß, ist übrigens eine wohlverdiente, wenn auch bittere Nuß. Die letzten Wochen haben noch ein weiteres, für den Geist unserer Führung äußerst bezeichnendes Beispiel gebracht. Es ist der Centralverein - deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der bas Vertrauen der deutschen Judenheit hat, weil -er -gegen den Antisemitismus kämpft. . Dieses Vertrauen wäre in der Tat vollauf gerechtfertigt, wenn der Centralverein sich nur mit der Abwdhr des Antisemitismus befassen würde, seine Leitung betreibt aber auch jüdische Assimilationspolitik, und so finoen wir in dem Organ des Centralvereins folgende, jedem bewußten Jude die Schamröte ins Gesicht treibende Notiz: „Angabe der Religion in Abgangszeugnissen. »Die Schulverwaltung unter der alten Regierung hafte den Brauch, die Abgangszeugnisse mit der Angabe der Religion zu versehen. Auf ein Ersuchen wurde nun in einem speziellen Fallevor kurzer Zeit ein neues Zeugnis ohne diese Formel ausgestellt. Diese Tatsache sei zur Nachachtung allen^ jüdischen 'Interessenten nahe- . gelegt:" ' - Die so belehrten jüdischen Interessenten werden aber nicht nur auf ihren Zeugnissen, sie werden eines Tages auch in den Mitgliederlisten des Centralvereins und der jüdischen Gemeinde ihr Judentum streichen lassen. Das eben ist die Folge der Assimilationspolitik, daß sie zum Bankrott führen muß. Und vor dem Bankrott steht heute der Teil.der deutschen Judenheit, der sich von den Assimilationspolitikern in den Gemeindestuben und in den Leitungen der großen jüdischen Organisationen leiten ließ, denn hilf- und -ratlos muß er dem Abfall durch Mischehe und Taufe zusehen: Als Bürger des deutschen Staates ist uns ein jähes Erwachen über den wahren Stand der Dinge im deutschen Volke geworden, — möge es uns auch als Juden in unseren Beziehungen zum'innerjüdischen Leben der deutschen Judenheit werden, damit dann der Sturm einer Revolution alles Unwahre Hinwegräume und neues,, zukunftsfrohes Keimen hervorbringe! Assimilauteustreiche. Wien, Ende Oktober. Die Abgeordneten Stricker und Genossen'hatten in der Nationalversammlung den Antrag gestellt, cs bei der demnächstigen Volkszählung den Juden freizustellen, sich als „jüdische Nation" einzutragen. Da die Formulare für die Volkszählung schon gedruckt sind, so konnte für diesmal dem Antrag nicht stattgegeben weroen, — doch 'wurde von der Mehrheit der Nationalversammlung oie Berechtigung des Antrages anerkannt. Diese „Gefahr" hat natürlich die jüdische Assimilation auf den Plan gerufen. Die „O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e litischc Union", die für Oesterreich das ist, was in Deutschland der Centralüerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens darstellt, ist schnell aus ihrer chronischen Lethargie erwacht und hat den Wiener Zeitungen eine- ErUärung eingesandt, in der es heißt:. „Wir betonen in Uebcreinstimmung mit 0er überwiegenüen Mehrheit der österreichischen Staatsbürger jüdischen Glaubens neuerdings unseren in der Presse und in Versammlungen wiederholt kundgegebenen Standpunkt, daß das einigende Band für 'die Judenheit nur die, iw unserer Religion enthaltenen ethischen Grundsätze sind und . daß es jedem Juden fteistehen müsse, sich zu jener Nationalität zu bekennen, der er sich durch Heimat, Sprache und Erziehung zugehörig fühlt. Für die Konstituierung einer jüdischen Nation in der Republik Oesterreich fehlen oienn- . - erläßlichen Grundlagen der sprachlichen Gemeinschaft und der geschlossenen territorialen Siedelung." All den gerade in der Gegenwart so unendlich ’ schwierigen Problemen der österreichischen Judenheit gegenüber hat das Notabeln-Regiment der Union geschwiegen, Pich bei oer jüngsten jüdischen Flüchtlingsausweisimg war' kein, Sterbenswörtlein von der Existenz der Union zu vernehmen, - — aber kaum zeigt sich eine Aeußerung . der Stärkung jüdischer Solidarität, da findet oie Union ihre Energie als Gegner, — und es treten Leute als Garanten der „jüdischen Religion" auf, die sich mahrlich das ganze Jahr hindurch außer vielleicht -am NeujahcA- und am Bersöhnungstage nicht um die „jüdische Religion"-, kümmern. Wäre ihnen die jüdische Religion wirklich teuer, oann wäre ihnen auch das Wohl und Wehe der Judenheit ans H-rz' gewachsen. Wir Juden haben nur nach „Mischen" Gründen zu ftagen. Was unserer Erhaltung als Juden dient, muß allein bestimmende Richtschnur sein. Doch gerade - in oem bisherigen Oesterreich mit seinem Nationalitätenmischmasch waren es auch politische Gründe, die das Bekenntnis zur jüdischen Nation forderten, und es wäre für die Judenheit Oesterreichs besser gewesen, wenn nicht ihre assimilierte Plutokrarie ihre politischen Geschicke geleitet hätte. Doch auch in dem jetzigen Oesterreich würde es auch politisch durchaus nur zweckmäßig sein, wenn die Juden sich als Nation organisierten. Nur auf dieser Grundlage kann oie Stimme, der österreichischen Judenheit sich Gehör verschaffen! > Der Antisemitismus in Ungarn. (K f-d- O-) Führende Kreise der assimilatorischen Judenschaft in Budapest hatten Besprechungen mit dem Ministerpräsidenten. in £er sie die Wiederherstellung des gesetzlichen Rechtszustandes, d h. unbeschränkte Zulassung, auf der Universität und den anderen Hochschulen. Zu- ' laffung der jüdischen Offiziere zum Heere, Schutz der Lehrfreiheit und Behandlung der jüdischen Angelegenheiten im Kultusministerium in einer besonderen Abteilung, schließlich angemessene Vertretung im Staatsral forderten. Ministerpräfident Friedrich erklärte sein, prinzipielles Einverständnis, weil er die Mitarbeit der.' teilweise in jüdischen Händen befindlichen Banken braucht.^ Es wird aber schwer halten, die antisemitische Bewegung selbst ganz e nzuschränken, da es fest geschloffene Organisationen gibt, die mit systematischen Mitteln die Juden aus'ihren bisherigen Positionen verdrängenwollen.» Besonders rührige Tätigkeit entfaltet die christ»v lich-nationale Liga, die angeblich bereits 15 000 .Mit-, gliederzählt, und die. „erwachenden Ungarn".' den Universitäten gibt es christliche Student-nbataillone, :' die die Juden an der Fortsetzung ihrer Studien hindern und die jüdischen Professoren boykottieren. Die Universttätsbehörden find diesen christlichen Studenten^ bataillonen gegenüber machtlos, denn diese erklären, durch Ehrenwort zu ihrem bisherigen Verhalten den >.-• Juden gegenüber verpflichtet zu sein. Diese Bewegung ' wird aber von den beiden genannten Universitätsver- ' bänden unterstützt. Sie macht sich auch aus den Mittelschulen gellend. Durch Monopolisierung des Außen-,