Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 41 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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tninnimiiiiuiiiiiiiuiimniiiiiiiuiinniuiiiiimiiinuiiiimiinn: | Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel. : jabr: In Frankfurt a.M. Mk.4.SS stei ins Haus. Lei der Post : abonniert Mk.4.80,stei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Lei : Zusendung durch Streifband für Deutschland und österreich-llngarn i Mk. 2.25, für alle übrigen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer 20pfg. :»»»»,»»»»»»»»»»»»»»--»»»»»»» »»»»»»»»»»»«.. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis - Insertionspreis für die sechsgespaltene Ketitzeile70 pfg., für! die Reklamezeile Mk.2.—. Lei Wiederholungen entsprechender! Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrifi ohne Verbindlichkeit. / > Annoncen-Annahme bei der Exped.und in a.Annomen-Lureaus.! Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr. 4864. 17. JahrganZ. ® Freitag, den 30. Tischri 6680 (24. Oktober 1919) Nr. 41. Hie Abwehr, des »«tisemttismus. Der österreichische Abgeordnete Staatseisenbahnrat Robert Stricker hat in der ihm eigenen mutigen und offenen Sprache eine Broschüre geschrieben, die die unzulängliche, ja widersinnige bisherige Methode der Bekämpfung des Antisemitismus aufzeigt und dann jenen Weg weist, der allein vernünftig und unser würdig ist Der in der Kriegs- und noch mehr jetzt in der Revolutionszeit riesenhaft gewachsene Ant semitismus hat der Frage nach, seiner wirksamen Abwehr Aktualität verliehen, und es ist daher notwendig, sich mit dieser Frage ernsthaft auseinanderzusetzen Nach dem gewohnten Rezept wäre nichts anderes zu tun, als die Haltlosigkeit der gegen uns Juden gerichteten Anklagen und Verleumdungen der Welt zu demonstrieren. Stricker nennt dieses Verfahren „ebenso alt wie schlecht " Es ist ungefähr so ersprießlich „wie her Versuch, den Ozean mck einem Likörglas auszuschöpfen " Er charakterisiert ein denprtiges Verfahren aber auch als „entehrend", als „schmählich", denn auf diese Weise wird „die Berechtigung der Kampsesweise der Antisemiten, welche das jüdische Vokk nach seinen Verbrechern beurteilen wollen, anerkannt." „Wir sollen beständig die eigenen Lumpen verkleinern und reinwaschen und die gesellschaftlichen Senkgruben der anderen Völker durchschnüffeln, ob da nicht mehr und noch schmutzigere Zuchthauspflanzen zu finden sind als bei uns. Von dem Ertrag dieser appetitlichen' Ernte soll unser Volk sein moralisches Dasein fristen. Wahrlich, ein schönes Leben, wert, gelebt zu werden!" ' ruft Stricker aus . Bester kann sicherlich nicht unsere b isherige Stellung- ■ nähme zum Antisemitismus gezeichnet werden, als es j. hier geschieht Und wenn unsere Juden, die als Menschen sonst so klar sehen,-in sie als Juden berührenden Dingen r nicht - so unglaublich verworren wären — eiste Folge t ihres anormalen GolusdatzinS —, dann hätten sie sich schon längst sagen müffen, daß es ein unwürdiger Zustand sei, immer wieder seine Anständigkeit nachzuweisen, j Jm gewöhnlichen Leben lehnt man doch e-n solches Ansinnen kurzweg ab! ES gibt eirze würdige und wirksame Abwehr des Antisemitismus! - Sich offen und stolz als Glied der großen jüdffchen Gesamtheit, des jüdischen Volkes bekennen! so muß der Spruch lauten. „Die Organisierung. .> aller Juden als Volk" — sagt Stricker —, wird die Situation mit einem Schlage' ändern- Die kleinen und* lgroßen Tyrannen, welche wehrlosen, isolierten jüdischen Individuen gegenüber keine Rücksicht und Scham kennen, L werden sich hüten, auf eigene Gefahr die Entrüstung Äne's ganzen Volkes heraufzubeschwören Auch ist es undenkbar, daß eine Regierung dauernd an den Wünschen -und Beschwerden einer geeinten Nation stumm oder mit unverbindlichen Phrasen vorbeigeht Der Antisemitismus wird gewiß nicht ganz verschwinden, insbesondere der gesellschaftliche Kampf gegen die Juden wird nicht -restlos aufhören Aber es wird kein Kamvf mehr sein, der. ausschließlich auf dem schwachen Rücken einzelner- Menschen ausgetraaen wird und daher scheußliche Formen hat und scheußliche Wirkungen ausübt, der den Angreifer roh und übermütig und den Angegriffenen charakterlos macht Es wäre ein Kamps von Volk gegen Volk, von Gesellschaft gegen Gesellschaft Die auf volkstümlicher Basis geeinigte jüdische GemAnschaft, welche eine Fülle geistiger, wirtschaftlicher und politischer Machtmittel aüszubringen vermag, wird diesen Kampf bestehen können, gewiß nicht ohne Opfer, aber auch ohne , korrumpiert und zerrieben zu werden." Die Behauptung, die man immer, zu hören bekommt, das Bekenntnis eines jüdischen Volkes sei Wasser äuf die Mühlen der Antisemiten, ist durchaus falsch Stricker hat recht: einer geschloffenen jüdischen Gesamtheit gegenüber werden auch die Antisemiten sich vorsichtiger verhalten, es wird sich demnach die staatsbürgerliche und gesellschaftliche Lage der Juden. nur bessern Wir Juden sind nun einmal „ein scharf umriffenes Gebilde in der Gesellschaft; die Völker lehnen die jüdische Assimilation ab und betrachten und behandeln die Juden als eigenes Volk". — was soll da von unserer Seite eine Vogelstraußpolitik, die uns in unserem Verhältnis zu unfern andern Mitbürgern nichts nützt, und uns überdies zu entwurzelten und daher häufig unsympathischen Menschen gestaltet, die sich assimilieren wollen, aber nicht restlos können, weil es die ablehnen, denen sie sich assimilieren wollen. Ueberdies kann es uns Juden staatsbürgerlich ungünstiger gehen ' als bisher, da wir mit aller Macht der. Assimilation züstrebten unt/jegliche Eigenart zurückzudämmen suchten? „Ganze Zweige der Verwaltung, vor allem die Aemter der Städte' und Länder, sind völlig judenrein, der politische Dienst desgleichen; nur in wenigen Spezialrefforts sind Juden in größerer Zahl beschäftigt. In Wien find seit zwanzig Jahren überhaupt keine jüdischen Lehrer angestellt worden. In den unteren Kategorien der öffentlichen Bediensteten find überhaupt ke'me Juden zu finden", erzählt Stricker von Oesterreich. — und wir können von Deutschland dasselbe erzählen. So hat das Assimiiationsstreben die äußere Lage der Juden nicht im geringsten gebeffert Das Gegenteil ist sogar bewirkt worden ' Das starke Anwachsen des Antisemitismus in der letzten Zeit ist der Beweis, denn dieses starke Anwachsen ist ungemein durch die Beteiligung an dem Bolschewismus seitens etlicher radikal assimilierter Juden, die längst das. Tischtuch zwischen sich und der jüdischen Gemeinschaft zerschnitten hatten, gefördert worden. - Stricker spricht in feiner Broschüre noch eine Reihe beherzigungswerter Wahrheiten aus. sie gehören aber nicht dirett in den Rahmen unseres heutigen Arttkels, dessen Aufgabe es war. die Aufmerksamkeit auf ein isftoblem zu konzentrieren, an dem alle Juden, welche religiösen Anschauungen sie auch haben, interessiert sind. Was ist Zionismus! ■ D r P a s m anik, früher an der Univeksität in Gent, gegenwärtig Mitglied der Krimer Regierung, beschäftigt sich in „Jewish Times" mit dem Vorwürfe — besonders seitens Zangwill—. die zionistische Leitung gäbe mit der „Heimstätte" zu wenig gefordert Er erwidert u a: . „Was ist Zionismus? Ein jüdischer Staat, den man von einer oder vielen Großmächten erhält und -Schluß! So denkt die Masse, und so denken bedauerlicherweise alle großen und kleinen. „Träumer aus dem Ghetto". Dies ist aber nicht richtig Wenn man den Zionismus auf d-st einfachsten Ausdruck bringen will, so ist er zu allererst keinpolitischer Erfolg, sonderiu eine Aufgabe für eine Organisation der ökonomischen Kräfte des Mischen Volles- Die Verwirklichung des Zionismus hängt davon ab,, was unser Volk mit seinen eigenen Kräften schaffen wird: Er ist vor allen Dingen praktisch ein Problem - der Massenansiedlung von Juden tit: ' Palästina, ein sehr schweres Problem und ein' Unternehmen, zu dem man Hunderte Millionen Pstind Sterling benötigt; wenn man von einer Emigration nicht nach New-Pork ober London in schon fettige üko-. nomifche Zentren spricht, sondern nach Palästina, wo , man alles erst von Grund auf schaffen muß ES handelt sich nicht um eine Immigration von städtischen - Arbeitern und Kaufleuten, sondern um eine solche, die - eine agrikulturelle Bevölkerung schaffen soll Alles Fragen einer systematischen Organisation der ökonomischen Kräfte, — die Politik kann bestenfalls bloß Bedingungen für die Arbeit schaffen, aber nicht die Tatsachen, die Witt- , lichkeit. 'i. Man darf nicht vergeffen, daß unsere wirkliche " Polittk erst dann beginnen wird, wenn die Juden die- - Mehrheit der palästinischen Bevölkerung bilden wer? ~. den Mit anderen Worten: wir müffen zu allererst in jTden nächsten Jahren in Palästina 600,000 Juden an- - fiedeln Dies ist eine riesige ökonomische Aufgabe Laut Berechnungen der maßgebendsten Fachleute benötigen".-^ wir für die nächsten Jahre mindestens 20 Millionen.: Pfund, um eine planmäßige Immigration in Palästina leiten zu können, das heißt, um raschestens eine Mischen Mehrheit in diesem Lande zu schaffen, eine Mehrheit, die in ihrer ökonomischen und kulturellen Schöpfeckast stark sein soll, stark nicht mit Prätentionen, sondern mit realer Kraft. Um diese Frage zu lösen, bedarf es der Anstrengung aller Kräfte unseres Volles, dev . matettellen und geistigen Da8 Voll muff alle Schwiettgkeiten der vor uns stehenden Aufgabe kennen .,^ und muß verstehen, daß von feiner eigenen Energie, .^' Organisierung und Opferwilligkett die Erreichung unseres' ,' Ideals, das heißt seiner Rettung, abhängt." * Die Flucht aus dem Judeutum. Die jüdische Gemeinde zu Berlin gibt allmonatlich^' ein Gemeindeblatt heraus, in -dem sie ihre Bekanntmachungen,^ und Personalien-Uebersichten ihrer Mitglieder, wie Tran--,. ' ± ungen, Beerdigungen, Austritte aus dem Judentum, bringt- Ur? Die Oktobernummer des Gemeindeblattes war nun: eine Ueberraschung. Statt der gewohnten wenigen Zeilen fiM» die Rubrik „Austritte aus dem Judentum" diesmal ntzchr . _ als eine halbe Seite und enthielt fast 150 Namen. Die massenhaften Austritte aus dem Judentum, wir jüngst von Budapest als Folge der Furchtt troxr^- antisemitischen Ausschreitungen seststellten, scheinen sichausE-' - der gleichen Veranlassung auch anderswo zu wiederholt. Es ist das auch wahrlich nicht verwunderlich. Mankann Kreisen, die einzig durch ihre Geburt mit dem Judentum. <-- verbunden sind, und denen das Judentum nichts, garj nichts bedeutet, «nicht die Kraft zumuten, für dieses Juden- ' tum leiden zu wollen. ' Vorwürfe sind vor allen Dingen allen Bertreterschaf»- ten jüdischer Gesamtheiten, den Gemeinden und den nisationen, zu machen, daß sie die ihnen anvertraute des Judentums nicht, besser wahrten und in toeüeit eine Verödung Platz greifen ließen, die in ruhigen Zeiten zu einer allmählichen Zersetzung durch Mischehen, in stH-^ “ mischen Zeiten aber zu einer schnellen Zersetzung. dMch direkten Abfall führen müssen. ' - .'V'* Es dürfte für die jüdische Oeffentlichkeit von Interesse {ein, die Berliner Liste mit den dortigen Austritten UhUhrend der letzten Monate zur Kenntnis zu nehmen. Die Li^ ■< zeigt, daß die Austrttte aus allen Schichten der Berliner , Judenheit erfolgen und gerade deshalb die größte Auf» - merksamkeit beanspruchen. Die Liste ist diese: . .X