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Neue jüdische Presse · 1919-10-08 · Heft 40 (8.10.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 40 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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FrankfurterLfraelittfches Familienblatt! Erscheint wöchenillch am Freitag. .Bezugspreis pro Viertel' F fair: In Frankfurt a.M. 2Jlf. 1.95 frei ins Haus. Le! der Post : abonniert Mk.l.Sv,stei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Lei : Zusendung durch Streifband furOeutschland und Üsterreich-Angam! Ml. 2.25, für aste übrigen Länder Mk.2.50. Einzelnummer 20pfg. «»»»»»»»» uu ................................................ Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galt) Geis Inferiionspreis für die sechsgespaltene petiizeile70 pfg., für die Reklamezeile Mk.2.—. Lei Wiederholungen entsprechender Rabatt. / Platz, und Oatum.Vorschrist ohne Verbindlichkeit. / Annoncen-Annahme bei der Exped.und in a.Annoncen-Lureaus. ■ Konto bei dem Postscheckamt m Frankfurt a.M. unter Rr. 4864. : uuu 17. Jahrgang. Mttwoch, den 14. Tischri 5680 (8. Oktober 1919) Nr. 40. Infolge des Suttansfestes fällt die nächstwöchentliche Nummer ans. Zum Bnttansfeste. Kaum ist der Schofatton des Bersöhnungstages verklungen, noch an demselben Abend soll der Jude Hand an den Ausbau der Sukkoh, oer Laubhütte, legen, unter deren schwachen Dache er das siebentägige Fest des Erntesegens begehe. Die Frucht der Hände Arbeit füllt Speicher und Keller des Hauses, — doch ihr Besitzer verlasse das in den Erdboden fest eingefügte Haus, bas Wahrzeichen des Besitzes unv wohne in einer Hütte, oeren schützendes Dach nicht mit. dem Erdboden verbunden ist. Was die zehn Tage der Einkehr immer wieder, das.bessere Ich anftüttelnd, gefordert hatten, wäS' besonders der lehre dieser zehn Tage mit der ganzen Wucht seiner Eindringlichkeit erziehen wollte: die höhere Wertung des Lebens,, ein Leben, das seine Weisungen vermittelst der Religion von der Stimme Gottes empfängt und sich nicht durch die kleinen, Haß und Zwietracht schaffenden Interessen des Jchs bestimmen läßt, — diese Lehre der Worte will das Hüttenfest durch die Anschauung, gleich zur Tat gestalten, indem es für sieben Tage die wunderbare Entstehungsgeschichte des jüdischen Volkes, sein vierzigjähriges Hüttenwohncn in der Wüste, wieder lebenoig werden läßt. ,;- v * Das Judentum verurteilt nicht den Besitz. Sein Hüttensest der Besitzlosigkeit ist auch gleichzeitig sein Erntefest, sein Fest des Einsammelns. Das Judentum will nur verhindern, daß der Besitz zum Selbstzweck werde. Sein Erntefest dokumentiert wohl die Freude an dem Genuß der Güter unserer Erde, jedoch nur dann, wenn, es eine Freude im Angesichte Gottes ist. Gottes Willen gerecht zu werden, sei die erste Triebfeder jedes Gedankens, — und Gottes Wille verlangtbaß nicht das Recht des anderen geschmälert werde. Wo der Besitz das Höchste ist, da wird das Gebot „Du sollst nicht gelüsten!" verachtet» da wird die Begier nach dem Eigenen des Nächsten geweckt, und das Gelüsten führt zum Rechtsraub mit all seinem Unheil: „Du sollst nicht gelüsten!" —Ibas Unglück unserer Tage- Millionen in der Blüte vernichtete Menschenleben und .rin Dasein der Sorge und des Druckes der Ueberlebenden sprechen wahrlich deutlich genug eine tiestraurige Sprache von den Folgen der Ueberwertung des Besitzes. Darum sei gerade in unseren Tagen das Symbol des Hüttenfestes in Israel laut verkündet. Wenn dir. Völker gezählt' werden? dann ist das jüdische Volk eines der kleinsten; werden die Völker aber gewogen, gewogen nach ihrer Bedeutung, dann tönt des jüdischen Volkes Stinuna sehr vernehmlich. Das jüdische Volk hat die Kraft des Geistes, weithin zu wirken. Möge es jm Bewußtsein dieser Begabung seine Hüttenmoral wieder in seiner Mitte in reinem Lichte erstehen lassen! Die Frage jedoch ist, wie das jüdische Volk zu seinem Selbst, zu dem Ursprung seines Wesens zurückzukehren vermag, wie. es wieder 'zu dem'Israel, das die Fähigkeit, hatte, 'weil Gott es befahl, in Hütte und Wüste vierzig Jahre zu wohnen, werden kann? Zersprengt und zei^plittert, innerhalb der. Völker überall kleine Minderheiten bildend, umbranden es die Wogen der umgebenden Kulturen und dringen immer tiefer in sein Inneres. Nur Splitterteilchen dieses zersplitterten Volkes sjno es heute, die sich noch mühen, den Geist des Judentums zu erfüllen- — doch' die^ Thora wurde nicht einer Auslese deS- Volkessondern dem - ganzen - Volke gegeben. Daß das ganze Volk sich wieder dem ethisch-moralischen Empfinden der Thora nähere und nicht weiter her sein Wesen vernichtenden Assimilation verfallen ist, dieses hohe Ziel ist aber nur zu erreichen, wenn ein eigenes MPieu der jüdischen Gesamtheit wieder nach innen und außen Festigkeit gibt. Schaffung eines eigenen Milieus muß die Losung sein. fiU von Zion aus wieder das Gotteswort ausgehen. Dann wird das Fest der Hütten erst wahrhaft verstanden und gelebt werden. Der Eeutralverei« «,d die deutsche» Jude». Eine Betrachtung. Die Geschichte des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ist in ihren entscheidenden Grundzügen die Geschichte des Großteils der deutschen Judenheit seit der Zeit seiner Gründung (vor 26 Jahren). Er ist damals gleichsam Ser politische Niederschlag der Grundstimmung innerhalb der deutschen Judenheit in ihrer Mehrheit gewesen und ist es eigentlich biS auf den heutigen Tag. geblieben. Die innere Stellung nick» Einstellung der deutschen Juden zur Umwelt, ihre jüdisch-politisc^n Bedürfnisse und Wünsche sind in seiner Entstehung, in seinem Tätigkeits- Programm zum klaren, manifesten Ausdruck gekommen — so, daß er in der Tat von Anfang an als Verkörpere! und Vollstrecker des Willens der jüdischen Mehrheit gelten durfte und gegolten hat. Wenn man darum das polinsch-gcistige Gesicht und Wesen des Centralvereins erkannt und in ihren Grundzügcn bloßgelegt hat, ist man imstande und fähig, Tendenzen der inneren Entwicklung der deutschen Judenheit in den 26 Jahren seines seitherigen Bestehens leichter wahrzunehmen und.festzustellen. So sollen denn auch uh solgenden — anläßlich des' Erscheinens einer Sammlung der Reden und Aufsätze von Eleh. Justizrat Eugen Fuch s, dem bekannten Führer des Centralvereins*) — einzelne bedeutsame Momente in der Wirksamkeit dieser Organisation, wertender Betrachtung unterzogen, es ermöglichen, die geistige und seelische Verfassung eines großen, des zahlenmäßig bei weitem überwiegeichen Teils der deutschen Judenheit von einigen Seiten zu beleuchten. Was 'dem Centtalverein von seinen Gegnern seit jeher vorgeworfen worden ist: der defensive Eh'arakter seines Programms, seiner, ganzen Tätigkeit, das entschechende innere Regativum in all seinem Tun und Lassen, erweist sich bei dem Studium der ehrlich'-aufrichttgen Reden und Aufsätze von Eugen Fuchs als durchaus begründet und wahr. Mit der Gebärde des friedlichen Bürgers, der von der Not gezwungen sich zur Gegenwehr gegen die Belästigungen und Angriffe des unentwegt offensiven Feindes aufrafft, bereit, die rücksichtslos und Unablässig geführten Schläge wirksam; zu parieren, entschlossen, ihm zugefügtes Unrecht ju süHnen und vorenthaltenes Recht unerschrocken geltend zu machen, ist oer Centralverein in die Welt des Wirkens zetteten. Wenn er so nach außen defensiv und abwehrcnd (in beschränktem Maße aktiv) vorgegangen ist, ist er in jüüischen Dingen von vornherein in seiner Tätigkeit aus Passivität eingestellt gewesen, hat er sich, nach innen als durchaus unentschieden, untätig, unfruchtbar erwiesen, *) Eugen FuchS: Um Deutschtum und Judentum. Gesammelte Reben und Aussätze. Herausg. i. A. deS Centralvereins von'D-r. L.,H irschselt». Verlag von I. Kansftnann, Frankfurt a. M. 1919. i wie es seinem Programm auch' ganz gemäß war. Denn hier erhebt nnd verficht er Forderungen innerjüoischest Art nicht. „Die Devise des Vereins ist die Abwehr", stellt Fuchs in einer seiner ersten Reden fest und kennzeichnet damit die Richtung und Bahn, in der sich die Tätigkeit des Centralvereins vollzieht, scharf und deutlich. Die Tatsache, daß der Centralverein ganz ans daS - Ziel: Bekämpfung und Ueberwindung des staatlichen und politischen Antisemitismus, Erringung der vollen jüdischen Gleichberechtigung im Deutschen Reich eingestellt : ist, bedeutet zugleich, daß seine Wirksamkeitsvauer einer ' in sich beschränkte, seine» erstrebren Ziele 'in sich begrenzte ’’ sind (weil die negativ gerichtete* Tat gegenüber der posi- , tiven immer, in ihrer Wirkungsdauer und ihrem Wir-'' kungsbereiche in sich begrenzt ist). Sie bedeutet, daß ' der Verein, der, seiner ganzen Wesensatt gemäß, aus der Gegenwart heraus für die Gegenwatt geschaffen \ worden, ist, bei Entfallen des ihn zum aktiven Handeln ( zwingenden Grundes seine Daseinsberechtigung verliert. Stellte doch seine Entstehung eine „Reaktion ank Aktion". ' „Gegenbewegung auf Bewegung" dar und fand undfindet doch seine Existenz ihre eigentliche, primäre Voraussetzung in fremdem Tun und Aktivsein. ' - „Der Centralverein ist ein Kind bedrängter Zeit und. nicht für die Dauer geschaffen", erllärt Fuchs 1904. Und - alle die' späteren Versuchs ihn innerlich zu reformieren, ' ihn in jüdischer Hinsicht unabhängiger zu machen, seiner jüdischen Tättgkeit absoluten Wert zu verleihen, vie negativen Tendenzen: Defensiv- und Gegenwartseinsteklung , in fruchtbare positive zu verwandeln, sind erfolglos, ergebnislos geblieben, weil er geistig überhaupt auf zu schwachen jüdischen Fundamenten beruht, — weil er zu 4 sehr die innere Stellungnahme der Mehrheit der deutschen- Juden zu den -jüdischen jGruudfragen, ihre jüdische Wesens-» rinstellnng überhaupt zum Ausdruck bringt und wider» . spiegelt. Denn jene Atmosphäre der Defensive, der negativen Wirksamkeit, der Unfähigkeit zu spontanem nei^r schassendem Tun, wie sie den Centtalverein umgibt, kenn- ' zeichnet auch die große jüdische Mehrheit in Teutschkan»- in weitestem Maß. 'Jene Atmosphäre der unpositiven, unklaren, unfruchtbaren Stellungnahme, Wahl, Entscheidung,'die das Kennzeichen inneren Stillstandes und innerer Stagnation zu sein Pflegt, — Atmosphäre einer, Politik des Reagierens und nicht des Agierens, des gezwungenen Handelns und nicht der aus festem eigenen Entschluß unternommenen Tat, einer Politik, die kurzlebig, weil arm an eigenen Impulsen und Ideen und darum im Grunde keine Politik ist. Der Art ist die'Konzentration des Mischen Interesses der deutschen Jiü>en. . in ihrer Mehrheit auf die Aeußerungen des Aniisemstis-:' "4 mus in Deutschland. Es bedeutet dies: eine oft zu ver--^ | hängnisvollen Folgen führende Verlegung des geistigen H jüdischen Schwerpuntts nach außen, die sich ails dein * (- J Mangel an jüdischen Inhalten ergibt. Durch den Kampf .^ gegen den äußeren Feind diese innere Schwäche rcgcnbwfe-..^ zu heilen, diesem inneren Mangel abzuhelfen, ist: ein aussichtsloses, sinnloses Beginnen. Es bedeutet darnr» '$■> schon eine Selbsttäuschung, wenn Fuchs'sagt: „Die Ab-..-.- wehr verinnerlicht das Judentum"; vielleicht zuweilen '. .H den einzelnen Juden in ganz geringem, fast unmerkbarem^ Maß — zu bedeutsamen inneren Ergebnissen führt sje uicht (generell gesprochen). ' ' .*■ Das war der eine GrundKlg: Der zweite ist onr^ ihn bedingt, — es ist das, was wir bereits oben als . die falsche Gegenwartseinstellung, die njur in oer Richtung ' '-Z des Heute mü> nicht auch 'der Zukunft weist, bezeichntten. ' , .>31 -'Ä --?5* i

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