Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 36 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis iii»'iiuiiiiniiiiiiiuimminnimiuiiii»iinmiiiiiniiiiiinim»ii»i. | Fnseriionsprels für dle sechsgespaltene Peiitzetle70 pfg., flr; : die Rellamezelle Mk.2.—. Lei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / Platz- und Datum-Dorschrifi ohne Verbindlichleit. / : : Annbncen-Annahml bei der Exped.und in a.Annomen-Bureaus. \ | Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr. 4864. \ ‘nn.nn.nin..mm.nm......m....... KiHiiHiniiiiniiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiimimiiimminiiinmiiij ■ Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel- : : jabr- Zn Frankfurt a.M. Ml.1.95 frei ins Haus. Bel der Post : : abonniert Mk.4.S0,stei ins HauS 4 pfg. pro Monat mehr./Bei : : Zusendung durch Streifband fiirOeuischland undösterrelch-llngarn : : Ml. 2.25, für alle übrigen Länder Mk.2.50. Einzelnummer 20pfg. : 17. Jahrgang. Freitag, veu 17. Ellul 5679 (12. September 1919) Nr. 36. Das Volk des Protestes. Seit dem Urbeginn unserer Geschichte sind wir Juden das protestierende Volk. Als Leidende, als Unterdrückte, als Entrechtete traten wir im Sklavendienst Ägyptens in die Geschichte der Völker ein, und unsere erste nationale Tat war der Hilferuf zu Gott, war ein Gebet um Erlösung, war -ein Protest gegen das uns angetane Un-. recht. Inunserer Thora, in unserer Gottesausfassung, wurde dieser Protest grundsätzlich und zentral. Er richtete sich gegen die gesamte Dascinsform brr anderen Völker, gegen ihr Lebensgefühl und ihre M^ltaufsassung, gegen ihre Religionen und Moralen, gegen ihre Idee und ihre Politik. Die protestierende Haltung fand ihren gewaltigsten Ausdruck in der Prophetie. Zu der unerschütterlichen Ueberzeugtheit von der grundsätzlich anderen uno höherwertigen eigenen Lcbensanschauung trat das Pathos .und die leidenschaftliche Wucht hinzu, die aus dem Solidaritätsgefühl mit den anderen, aus dem Bewußtsein einer Verantwortung auch um ihre Taten floß, und schuf das einzigartige Phonomen der Propheten, die größte Erscheinung eines protestierenden Volkes in der Geschichte. Mit ^Esra fand die Form des prophetischen Protestes ihr Ende. Es begann der stille Protzest, nicht meyr durch Gebärde und Rede, durch Anklage und Mahnung, nicht mehr leidenschaftlich und pathetisch, vielmehr still und - reserviert, durch eine bewußte Abkehr von allem Fremoen und ven Willen, innerhalb des eigenen Landes eine andere, bessere, die jüdische Lebensform zu verwirklichen. Noch der ganze Talmud ist von dieser Haltung beherrscht. Mit dem Galuth ward auch kie unmöglich. Und «unser Protest fand nunmehr seinen Ausdruck in unserem Leiden. Wir waren überall dre Fremden, die außerhalb der europäischen Kultur- und Lebensform Stehenden, die bewußt und gewollt außerhalb Stehenden, die oarob Verfolgten und Mißhandelten. Wir trugen diese Leiden still, stark, heroisch, wie seine natürliche, selbstverständliche Plage; wir wußten irgendwie im Innersten, daß sie -uns zukamen, daß sie unvermeidlich waren, weil wir- Fremde sein wollten, weil wir dauernd und ständig protestierten, weil wir nicht teil haben mochten an dem Dasein und xm der -Kultur der europäischen Völker, oeren Widersittlichkeit.und Fluchwürbigkeit ivir fühlten. Wir blieben so in all den Jahrhunderten ües Galuth durch unser Dasein, durch unsere Fremdheit, durch unsjer Ghetto, durch unser Leiden, durch unser tzeroentum protestierend. Bis das Eirde unserer eigenen, selbstgeschaffenen Lebensform im Galuth heranbrach, das Ende des Ghetto. Das Judentum trat aus seiner Abgeschiedenheit, aus seiner gewollten Fremdheit, aus seinem Ghetto heraus; es vollzog seinen Eintritt in die europäische Kultur. Und. «s versöhnte sich mit chr. Indem es teil hatte an ihren Genüssen und Bequemlichkeiten, an ihren Manieren und ihren Formen, bejahte «es sie, mußte -cs sie bejahen. Es gab seine protestierende Haltung auf. Es hörte auf, das Volk des Protestes zu sein. In einzelnen nur lebte noch das Erbe fort. Es erstanden die jüdischen Revolutionäre und Berneiner; die Schöpfer des Sozialismus und seine Propagatoren, die wenigen, die papathetisch odet^ still, anklagend oder leidend, im Fluch ooer im .Dulden, daS heutige Europa verneinten, die Unsittlichkeit seiner Daseinsart fühlten und protestierten. Das Gros des Judentums aber, soweit es sich von ihm emanzipiert hatte oder sehnsüchtig bereit der Emanzipation entgegyrging, wußtet nichts mehr.von Protest und Ab-; lehnmig; ewollte Äeik dieser Kultur '«nö.dieser "Sphäre sein und nahm alles auf sich, was die anderen oon ihm als Preis dafür forderten. Die nationale Bewegung, vor allem der Zionismus, brachte die Erkenntnis von der Unwürdigkeit, von der .Unwahrhaftigkeit, von der Amoralität dieser Assimilationssucht und forderte die Selbstbesinnung auf das Eigene, auf jüdische .Art und Lebensform. Zugleich aber verwarf das nationale Judentum die passivje, dulvende, leidende Haltung des Ghdttojudentums. Rückkehr ’jum' Judentum sollte nicht Rückkehr zum Ghettojuventum sein, vielmehr zum alten Palästinajudentum mit seiner Aktivität und seinem Geltungswillen; Rückkehr zuni Willen zu eigener Selbständigkeit und autonomer freier Selbstgestaltung des nationalen Daseins. Dies hätte'bedingt, daß auch die Rückkehr zur aktiv protestierenden Haltung des alten Judentums vollzogen oder zumindest doch gefordert wurde. Dies geschah nicht. In feinen geistigen und auch feelischsen Wurzeln zum größten Teile der europäischen Sphäre cntstammcnv, war auch das nationale Judentum zu sehr noch dem Europäischen verhaftet, ihm zu nah, zu undistanziert, um die Fähigkeit zum -Proteste, ja auch nur die Erkenntnis seiner Notwendigkeit zu haben. Wie in allen anderen Hinsichten, war es auch hier fragmentarisch, mehr ein Wollen als ein Verwirklichen, mehr Suchen als Erfüllung; Sehnsucht und Ahnung, noch nicht Erkenntnis und Gestaltung. So war es noch nicht fähig, in seiner Haltung zur Umwelt das Erbe und die Tradition der Väter aufzunehmen und fortzusetzen. Noch war das Judentum nicht geeint:- und nur ein geeintes Judentum, hätte dtze Rückkehr zur protestierenden Haltung, zu der spezifischen, ihm gemäßen Haltung seiner Geschichte vollziehen können. Als der.-Krieg kam, diese gewaltigste und furchtbarste Aeußerung okzidentaler Lebensart uno Kulturform, diese große Probe seiner inneren Gesittung, war daS jüoische Volk noch nicht geeint;* war die Rückkehr zum Judentum noch immer Parole, noch nicht Wirklichkeit. Und so konnte es nicht die Aufgabe erfüllen, die ihm eigentlich zugewiesen war, die ihm seine Vergangenheit und seine historische Entwicklung, die ihm sein« Lehre und seine Stellung in der Weltgeschichte zugewiesen hatten, die Aufgabe des protestierenden Volkes. Wären wir innerlich schon wahrhaft zurückgekehrt zu den Traditionen unserer Geschichte, wären wir in Instinkt und Erkenntnis jüdisch, wir hätten in oiesem Kriege das protestierende Volk sein müssen, protestierend gegen die innere Sinnlosigkeit und Widersittlichkeit einer Kultur, die diesen Krieg notwendig werden ließ. Wir konnten es nicht sein, well wir alle zu sehr in dieser Kultur verwurzelt waren und so von ehren Extasen und Rasereien mitgerissen-waren, an ihren Lastern und Verzerrungen mit teil hatten. Zu oberflächenhast und. schwach war der Judaisierungsprozeß fortgeschritten,-als daß wir schon instinkt- und' willenssicher genug hätten sein können, um dem Ausbruch aller Leidenschaften und Süchte des heutigen Europa.bei Kriegsbeginn zu widerstehen und gegen diesen Orkan von Haß und Gift die große Stimme des unbeirrbaren Rechtsgefühls zu "erheben. Einzelne taten es; das Volk als Ganzes tat es nicht, konnte es auch nicht tun. Der Krieg ist zu Ende. Doch die durch ihn cingeleitcte Periooe der Weltgeschichte fängt aber recht eigentlich erst an. Ter Krieg war ein Anfang, ein Auftakt. ein Vorspiel. Was folgt, ist die Krisis Unserer Kultur; ihre Wandlung oder ihr Untergang; ist Zerstörung und, "Aufbau, ist Revolution im weitesten und tiefsten Sinne. -Und die Geister scheiden sich, die daS Alte bewahren und die das Neue wollen. Die die Vergangenheit bejahen und die an das Morgen glauben. Wo bleibt das Judentum? Was es im Krieg nicht vermocht hat, vermag es dies auch Heute noch nicht? Ist auch jetzt noch seine Jnstinktunsicherheit, feinte innere Richtungslosigkeit so stark, ist eS auch heute noch aller jüdischen Wertgefühle so bar, daß es nicht zn seiner spezifischen Haltung zurückkehreirkann? Alles sammelt sich, was die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit der bisherigen Daseinsform sich errungen hat; sollten wir in diesem Lager der Verneinenden, der Protestierenden fehlen? , Es geht um den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung, einer neuen Lebensform, einer neuen Kultur, um ihr» Begründung auf der Basis der Gerechtigkeit, um den Versuch, die Postulate des Judentums ihrer Verwirklichung näher .zu bringen, und das Judentum sollte bei diesem Versuche, in diesem Kampfe fehlen? Unser Protest war nie notwendiger als jetzt, die Rückhehr zur Haltung der Propheten nie dringender als ßeZt. Hier muß die Einheit des Judentums, das Ziel aller wahrhaften jüdischen Politik, zuerst verwirllicht werden: in ver Einigung unseres Volkes zur Erfüllung seiner Aufgabe, beim Aufbau der neuen Lebensform voranzuschreiten; in der Nnheit deS Judentums! als Volk djes Protestes gegen eine sinnlose Kultur, als Volk des Postulates einer neuen Zukunft. Eine wichtige Depesche -er englische» Negiernng. Die englische Regierung depeschierte -an den Gouverneur von Palästina, daß gemäß der Erllärung vom 2. November Palästina als die nationale Heimst cktte der Juden zu betrachten ist. Daher sei die jüdische Bevölkerung Palästinas in einer Weise zn behandeln, die mit der Entschließung der britischen Regierung, wie sie in der Regierungserklärung zum Ausdruck gelangt ist, im Einklang steht, und zwar ohne Rücksicht auf die Tatsache, daß die Juden gegenwärtig noch eine Minorität in Palästina bilden. 1 (Sine amtliche französische Doknmentensammlnng zur Jndensrage. Die französische (Regierung hat als Ergänzung zu den Bulletins der auswärtigen Presse ein« Dammlung von Dokumenten zur jüdischen Frage herausgegeben. Die. Sammlung zeigt leider, daß in' den von den einzelnen jüdischen Komitees der Friedenskonferenz überreichsten Vorschlägen verschiedene Standpunkte vertreten werden. Das Dokument , zeigt ferner, daß diesmal, wie: noch-nie zuvor, die i Judenfrage in ihrer Totalität vorgebracht wurde. Die Sammlung enthält folgende Dokumente: a) zur Emanzipationsfrage: 1. Memorandum des Joint Foreign Committee, 2. oie Resolution des Amerikanisch-jüdischen Kongresses, 3. die uon der Jnternattonalen Sozialistischen Konferenz in jAmsterdam am 28. April 1919 angenommene Resolution, 4. das Programm des Deutschen Auswärtigen Amtes vom 30. März 1919 und den Kommentar von Hermann Struck in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" vom 3. April; b) in ver Frage der nationalen Rechte: