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Neue jüdische Presse · 1919-08-22 · Heft 33 (22.8.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 33 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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4%* *£ KrankfurterZfraelittfches Familienblatt jfffllfTTlWTfTfTTTftTlfITfTllTfTTTTfTTTTTTmTTTfftTTmTfTTITTlffTTTTmTfTTTTTj : Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel-;; jabr: In Frankfurt a.M. Mk. 1.95 stei ins Haus. Bei der Post : : abonniert Mk.1.80,stei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Bei : j Zusendung durch Streifband furOeutschland und Österreich-Ungarn ] : Mk.2.25,fV alle übn'gen Länder Mk.2.50. Einzelnummer 20pfg. : /Redaktion und Expeditton: Frankfurt a.M, Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis .iiimiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiKriiiiiiiiiiuiiiiiiinmimmmTvmvmvT» : Insertionspreis für die sechsgefpaltene petitzeüe?0 ptz., für \ : die Reklamezelle Mk.2.—. Bei Wiedecholungen entsprechender^: : Rabatt. / Platz- und Oatum-Vorschrist ohne Verbmdvchkeit. V \ W ■ Annoncen-Annayine bei der^ped.und in a.Annoncen-Bureaus. \ * 31 | Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.4864. : ' J ..... . . 17. Jahrgang. Freitag, de» 26. Aw 5679 (22 August 1919) «r. 38. Die ZukuuftSaufgaben der Frankfurter jüdische» Gemeinde. Bon Dr. W. Hanauer. Sie haben mich, sehr geehrter Herr Reoatteur, darüber interpelliert, wie ich mir die Zukunft unserer Gemeinde denke. Nun bin ich kein Prophet, kein großer und kein kleiner, der mit hellem Auge die Zukunft Vorhersagen kann, immerhin gestatten mir meine genauen Kenntnisse der Frankfurter Gemeindeverhältnisse unter Berücksichtigung der politischen Lage zu einigen Schlüssen Zn kommen, hie ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Was znnächst'die Verfass u n g s f r a g e n und das Wahlrecht anlangt, so hat ja die Revolution Veranlassung gegeben, daß die Revision des Gemeinderegulativs, die vor etwa 10 Jahren vom Centralverein israelitischer Gemeind'emitglieder zum ersten Mal öffentlich verlangt wurde, und die nach langjähriger Mhand-* lung auf einem toten Punkte angLlangt war, erneut ausgenommen wurde. Nachdem der Vorstand und Vertreter der Gemeinde sich (in einer Versammlung in der Frankfurt-Loge) . auf diese Revision quasi feierlich sestgelegt haben, kann es hier kein Zurück mehr geben. Tatsächlich bat der eingesetzte Verfassungsausschuß die neue Verfassung jetzt auch so weit gefördert, daß sie als gesichert gelten -kann, zumal es gelungen ist, auch über die so schwierigen Kultus- und Ritusfragcn eine Einigung Zu erzielen. Wenn diese Verfassung in Kraft getreten sein wird, dann wirdähnlich tche das deutsche Volk mit Stolz von seiner Verfassung sagen kan.n, daß sie die freieste der ganzen Wlt sei, auch die Frankfurter jüdische Gemeinde von' sich sagen können, daß sie die demokrakratischste Verfassung §on allen deutschen Gemeinden besitze. Und dies will bei dem bisherigen aristokratischen Zuschnitt unseres Regulativs viel besagen!So weit von anderen jüdischen Gemeinden Revisionsbestrebungen bekannt, geworden sind, werden dort lange nicht so durchgreifende Reformen zu erwarten sein, das gilt vor allem von Berlin und Breslau. Ganz zu schweigen von Köln und Leipzig,, wo noch Kämpfe über die elementarsten Grnndforderungen ausgefochten werden. - Die wichtigsten Fortschritte, die das neue Regulativ bringt, sind -vor allem die Erweiterung der Rechte des . Ausschusses, der nunmehr Gemeindevertretung heißen soll, gegenüber dem Vorstand, und die Einführung oes PropvrtionalwahlrechteS. Ein ideales Wahlrecht ist letzteres allerdings auch nicht, es igewährt aber den Vorteil, daß alle. Richtungen innerhalb^ der Gemeinde in der Gemeindeverwaltung ihre Vertretung finden können, daß also auch die Rechte der Minoritäten gewahrt werden. ■ Das Proportionalwahlrecht bietet vor allem den Vorteil, daß jede Richtung-in der Aufstellung ihrer Kanoidaten völlig selbständig ist; der leidige Mißstand bei.oen früheren Kompromißwahlen-, ,daß die von der «inen Partei aufgestellten Kandidaten der anderen „genehm-fein mußten, komm,t also in Wegfall. Dem Zug der Zeit folgendhat natürlich auch das Fraueystimmrecht stipuliert werden müssen. Das neuerdings bekannt gewordene Gutachten von Rektor Dr. Hosfmann über das passive. . Frauenwahlrecht verdient bei der Autorität Dr.-Hoffmanns erste Beachtung. Ob der Eintritt der Frauen in die gemeindepolitische Arena den Gemeinden und der Frau zum Segen gereichen wird, muß abgewartet werden, . - : Eine Beteiligung an der Gemeindeverwaltung Verlangenlauch die Rabbiner; sie beanspruchen Sitz und Stimme im Vorstand und Ausschuß. In mehreren Gemeinden ist hies Verlangen glatt abgelehnt worden, in Frankfurt hat sman ein Kompromiß geschlossen. Wir stehen den Forderungen der Rabbiner sehr skeptisch gegenüber, wir stehen ans dem Standpunkt, die Rabbiner gehören in oie Studierstube und auf die Kanzel und nicht in die Gemeindestube. Er sollte den Kämpfen des Tages ulü> dem Parteistreit entgegen und über demselben stehen. Natürlich müssen die Rabbiner bei Beratung von Fragen des Kultus und Ritus zugezogen werden, aber dies kann geschehen und .ist zweifellos auch geschehen, ohne daß sie Sitz und Stimme im Vorstand haben. Wenn solche Fälle von Zurücksetzung bedauerlicherweise vorgckommen, so handelt es sich doch um vereinzelte Vorkommnisse, diese dürfen nicht verallgemeinert werden. Ein jeder vernüMige Gemeindevorstand wird bei Angelegenheit des Ritus^mno Kultus seinen Rabbiner befragen, schon, um sich -in seiner eigenen Verantwortlichkeit zu entlasten. Wenn aber von den Rabbinern zur Begründung ihres Verlangens geltend gemacht, wird, ,ihr Ansehen werde gehoben, wenn sie Mitglieder des Gemeindevorstandes seien, so ist dies ein arger Trugschluß. Das Ansehen des Rabbiners hängt nuhr oavon ab, sondern von seiner Persönlichkeit, von seinem Wissen >und. Können, und von seinem Charakter; das Ansehen muß erst gewonnen werden. Wir erwarten von einer ecclesia politaos in der jüdischen Gemeinde mehr Gutes. Und wenn erst die Rabbiner in die Parreitämpse eingreifen und der Frieden in der Gemeinde gestört wird, den auftecht zu erhalten sie am ersten berufen sind, dann werden sie sogar einsehen, daß. es ein Danaergeschenk ist, um das sie gekämpft haben. Die Beschleunigung der Berfassungsreform in unserer Gemeinde hat ihreri Ausgang genommen von der Revolution und der von ihr ausgegebenen Parole: Trennung von Staat und Kirche. Nun ist hier im Laufe des Monats eine Klärung erfolgt. Die Trennung von Staat und Kirche wird nicht in der Weise kommen, wie sie von den extremen Parteien geplant tvar. Vor allem wjstd die'jüdische Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt und ihr das Besteuerungsrecht erhalten bleiben. Letzteres ist die Hauptsache. Ohne dies wäre der Bestand unserer Gemeinde erheblich gefährdet worden. Auch so wird der erleichterte Austritt,und die Aufhebung der Frage nach dem Religionsbekenntnis sich als nachteilig erweisen, aber all dies wird sich in erträglichen Bahnen halten. Verluste waren auch früher zu verzeichnen, aber sie wären bei einer konsequenten Trennung von Staat uno Kirche katastrophal geworden, dies namentlich im Hinblick auf den wirtschaftlichen Medergang und die schweren finanziellen Lasten, denen wir entgegen gehen. Für gar viele wäre die gepredigte Sparsamkeit der erwünschte Anlaß gewesen, vor allem an den Gemeindesteuern zu sparen und ihren Austritt aus der Gemeinde zu erklären. Aber auch ohne dies hat,die Gemeinde allen Grund, mehr zu tun. als. bisher, um die Gemeindemrtglieder an sich zu fesseln. Sie muß aus ihrer splendid isolation heraustreten und ihrer jahrzehntelang geübte vornehme Zurückhaltung aufgeben. Sie -muß den 'Gemeindemitgliedern mehr bieten, als es bisher der Fall-war, sie muß damit rechnen, daß eben viele Tausende,'— man mag dies bedauern, muß sich aber damit absinden, — kein Genüge mehr finden an der religiösen Betätigung und der Uebung wie kulturellen Grundlegung. Diesen muß alsdann etwas anderesgeboten werden. . Damals hat die Statuten-Kommission beschlossen, daß die soziale Fürsorge und die Wohlfahrtsfrage in den Aufgabenkreis der Gemeinde einbezogen werden soll. Um diese hgtte sich die Frankfurter Gemeinde bisher nicht gekümmert, da das Regulativ dafür keinen Anhalt bot, andererseits die privaten Vereins und Mißlungen die Armenpflege und das Wohlfahrtswesen besorgt hatten. Von einer Kommunalisierung der Wohlfahrtspflege wird auch für die Folge schon der finanziellen Konsequenzen wegen keine Rede , sein können, wohl aksee wird sich doch die Gemeinde um diese Dinge mehr kümmern müssen, als es bisher der Fall war. Es lvird in Frankfurt, wie ich dies schon seit Fahren vorgeschlagen, unter Führung der Gemeinde eine örtliche Centralstelle der Wohlfahrtspflege^gebildet werden müssen, eine Art Delegiertenkonferenz, bei welcher die Vertreter der einzelnen Organisationen in periodischen Konferenzen zusammentreten, hier ihre Erfahrungen austauschen, sich gegenseitig anzuregen und zu befruchten, Lürstn festzustcllen und auszufüllen. In unserem Frankfurter Vereinsleben — das Darf offen ausgesprochen werden — hat sich mancher Rückständige bis auf den heutigen Tag ' erhalten, der nicht mehr in unsere Zeit paßt, ein fortschrittlicher, freier demokratischer Geist muß auch unßev jüoiiches Vereinsleben beseelen. Neben der Wohlfahrtspflege gibt es aber noch weitere Gebiete, auf welche die jüdische Gemeinde ihre Handlegen muß. - Hier sind zunächst die jüdische Wissenschaft, die Bevölkerungspolitik und endlich die sog. Gemeinsamkeit bahnbrechend. Die jüdische Wissenschaft, auf die jeder gebiloete Jude, ganz gleichgültig wie er sich sonst zu jüoischen Fragen stellt, mit Stotz erfüllt sein sollte, müßte von den jüdischen Gemeinden ganz anders gefördert werden, als es jetzt der Fall; ist, um so mehr als Mische Mäcene ganz.vereinzelt sind und es leichter ist 1000 Mk. für Wohlfahrt als 10 Mst. für wiffenschaflliche Zwecke zu erhalten. Um so mehr müssen die Gemeinden es M ihre Pflicht betrachten, ausgleichend anzutreten. Sie müssen Hochschulen, Akademien und Seminare unterstützen, wissenschaftliche und Bolksbibliotheken gründen und finanzieren, Vereinen, welche die Wiffenschaft pflegen, subventionieren, Gelehrten Unterhalt gewähren usw. Bo» diesem Ziel sind wir heute noch weit entfernt. Was die,Beziehungen der Gemeinde zur jüdischen Bevölkerungslehre und -Politik anlangt, f» habe ich Mich darüber 'eingehend in meinem Aussatz«: „Die Statistik im Dienste der Mischen Gemeinden" unjfc Statistik der Juden herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden 1918, verbreitet; ich verweise, aus. diese Autzeichnungen, nur möchte ich auch hier bemerken, daß der Verein für Statistik in Berlin, der von einige» jüoischen Gemeinden .subventioniert wird, nicht. seine» - Aufgaben genügen kann und nur ein kümmerliches' Dasein stiftet, weil diese Subventionen lächerlich gering sind und so viel wie nichts! bedeuten. Hier muß gang anders zugegriffen werden- Die Gemeinsamkeitsbestrebungen endlich anlangend, so müssen die Beziehungen der Gemeinden z» . oen sog. großen Organisationen aus eine neue Basis ge- - stellt werden. - Die Abwehrbestrebung, die bisher allem. üeni Centralverein deutscher Staatsbürger überlassen blieb, dessen Wirksamkeit eine durchaus segensreiche war mtd mit der man abgesehen von seiner verfehlten Zionisten- - Politik durchaus einverstanden sein konnte, müssen für, die .: Folge Aufgabe der Gemeinden sein, Centralverein und Gv, meinoe müssen zusaminenwirken. Die Gemeinde hat gerade gegenwärtig in der Aera der starken antisemitischen Bedrohung sogar ein besonderes finanzielles Jntexeffe da'randenn bekanntlich sind solche Zeiten Dem Aerger besonders günstig, laue und schwankende Elemente bergen sich i»' '3* i Ä

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