Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 31 (8.8.1919)
- Date
- 1919-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2693126-2693157--10819-2706196- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
j|i»iiiiinnuiiiiniuimi|iiiiiiiiiiiijfnmniniiniiiumJiiiiiunniiiJ; Erscheint wöchentlich am Freitag. Äezugspreispro Viertelj j jabr: 3n Frankfurt a.M. 3Jlf. 1.95 frei ins Haus. Lei der Post : : abonniert Ml. -1.80, frei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Äei : - Zusendung durch Streifband surDeutschland und österreich-llngam - :Mk.2.25,füralle übrigen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer 2vpfg. : *******‘**‘*******‘ **.*‘*“***‘.. Redaktion ynd Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 1 Jernsprecher Amt Hansa L903 Herausgeber: Galy Geis - Insertionspreis für die sechsgespaltene petiizeile70 pfg., für ■ I die Reklamezefle Mk.2.—. Äei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbmdllchkeit. /.: : Annoncen-Annahme bei der (tzped.und in «.Annomen-LureauS. j \ Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr. 4SH4. : 17. Jahrgang. Freitag» den 12. kw 5679 (8. August 1919) Tr. A deren sie bedurft hätten. Das Bild änderte sich, als die %\t ystjuhen in Dentschiand. Pyn ve, Dir Zghl der Ostjuden in Deutschland beträgt z. mrgesqhr 100,000 bei einer Gesamtzahl >voar 6 bis 70V,ÜW deutscher Juden, deren endgültige Zahl erst nach Ausführung der Friedensbestimmungen (Oberschlesien ic.) bestimmbar ist. Die Ostjuden, deren überwiegende Zahl aus Galizimi, Kongreßpolen, zum kleineren Teil aus Litauen, vereinzelt aus Rumänien und Südrußland stammt, sind z. T. vor hpn Kriege emgcwandert, z. T. erst während Wselben. Die Einwgnderung begann trotz aller ürgkyyischeg Absperrungsmaßregeln in den achtziger.Jahren, als die berüchtigten Jgnatiewschen Maigesetze größere Waren jüdischer skOwanderer aus Rußland und Polen Äer de» ^ean trieben. Vereinzelten russisch-polnischen und galizischen Juden, welch letztere durch die .virtschastliche Notlage und die skrupellose polnische Wirtschaftspolitik in Galizien aus dem Lande getrieben wurden, gelang es, sich in Deutschland festzusetze», z. T. sogar ihre Naturalisation zu erlangen. Mit welchen Schwierigkeiten diese Einwanderung.zu kämpfen hatte, möge ern BeisPiÄ erhellen: In Ostpreußen wurde russischen Juden hie Einwanderung ~ nur. gestattet,. wenn sie unverheiratet waren; heirateten sie, so wurden sie erbarmungslos ausgewiesen. .Die Folge war, daß sie sich mit der jüdischen Trauung, die sie . selbst ober , ein Freund jenseits der 'Landesgrenze Vornahmen, begnügfen und ihren Kindern damit den Stempel der offiziellen Illegitimität ausdrückten. Wenn sich trotzdem in zahlreichen Gemeinden, besonders in Großgemeinden, jährlich eine Anzahl Juden festsetzen uyd sine Familie begründen konnten, so wurde dies nicht zum wenigsten durch die Verschiedenartigkeit der Landes- Metzgebung der zahlreichen deutschen Bundesstaaten erleichtert.- So ließen sich die in Hamburg zurückgewiesepen tzstjupen in Altona oder Wandsbeck nieder, so wse die in Frankfurt nicht geduldeten Ostjuden im hessischen Ofsenbach. Wirtschaftlich gelang einem kleinen Teil von ihgen ein starker Aufschwung, besonders als Händler Mit den Produkten ihres Heimatlandes, z. 33. galizischen Lßpdesprodukten, in deren Umsatz manche von-ihnen eine führende Rolle erlangten. Der größere Teil von ihnen aber lebte in recht kümmerlichen Verhältnissen und mußte infolgedessen vielfach die Hilfe deutscher Juden in Anspruch nshmjm. Diese Wohltätigkeit geschah.in fast allen ßMn«. Hberlviegend von privater Seite, während die jMschen Gemeinden und Organisationen sich'mir ungern .ohtzr überhaupt nicht.mit ihnen befaßten. Systematisch hat fich ist' der 'Zeit vor dem Kriege keine einzige der großen jüdischen Organisationen mit den Ostjuden befaßt; allenfalls kann man die Bestrebungen zur Bekämpfung des Hünderbettcls - hierher rechnen, die sich jedoch nicht gegen dix Eiggewanderten, sondern gegen fluktuierende Elemente rMeteii. Menso ^verdient die -Tatsache registriert zu tverhey,'dgß eine Reihe jüdischer Gemeinden schon vordem Krieg eiften lebhaften Kamps ausiiahmen, um zu vcrhinderu.ügß die in 'ihrer Zahl langsame zunehmenden Ostjüden'dürch Erlangpng des Wahlrechtes irgend einen lMflich auf die .Gestaltung der jüdischen GemeindeverhßlüMc gewinnen könnten. Dchpch -den Krieg kamen die Ostjuden, soweit sic nicht östxxixÄhisch'e St^atsuntertanen lpärey, in schwerste BedräMiL .Sje wurhen ass feindliche Ausländer interniert Dd/HW'Mchere - dWs. glzmpW behandelt. Die zurstckgxhlKbeuen Angehörigen' ^rieten in hitterste No) und fanden nicht in'allen jüdischen Kreisen die Unterstützung, fortschreitende Arbeiternot in Deutschland dazu führte, daß ein Teil der Internierten freigelassen wurdet sofern sie eine Anstellung Nachweisen konnten. Unterdeß hatte ein Teil von ihnen, um nicht gänzlich unterzugehen, zu Geschäften gegriffen, die nicht als ganz einwandfrei bezeichnet werden müssen, eine Erscheinung jedoch, die aus sie in keinem Falle mehr zutraf als auf irgend welcho deutschen Kreise, sei es in der Stadt oder auf dem Lande. Di« allgemeine Korruption in Handel und Wandel, die in Deutschland während des Weltkrieges in immer steigenderem Maße Platz griff, machte vor dem Ostjuden in Deutschland mit ihrer im Kampf ums Dasein erworbenen Anpassungsfähigkeit keinen Halt. Erklärlich genug, daß manche Ostjuden, die früher nur mit äußerster Mühe ihr Brot hatten erwerben können, durch Bereinigung von Fleiß und kaufmännischer Begabung ihren Anteil an dem Papiertegen abschöpfen konnten, der über Deurschland niederging. So wenig, wie eben ausgeführt, die Verfehlungen Einzelner, soweit diese nachgewiesen sind, beschönigt werden sollen, ebensowenig ziemt es den deutschen Juden, in den wilden Chorus des Antisemitismus mit einzustimmen, der den Ostjuden samt und sonders Bereicherung auf unredlichem Wege vorwirft. Die Pflicht der deutschen Juden ist es vielmehr, diesen Anklagen tvegen ihrer maßlosen Verallgemeinerung aufs schärfste öffentlich wie privat entgegenzutreften. Ebenso-freilich ist es die Pflicht oer veütsck>-u Juden, sofern sie bei ihren östlichen Brüdkru sittliche Mängel sehen, auf sie moralisch Einfluß zu gewinnen zu suchen, um dadurch das Nebel an der Wurzel zu fassen. Nach dieser Richtung ist bisher nichts oder so gut wie ckichts geschehen. In unseren Ausführungen war bisher nur von den vor dem Krieg nach Deutschland eingewanderten Ostjuden die Rede. Während des Krieges ist eine starke Zuwanderung, bezw. eine starke Einführung ostjüdischer Arbeiter aus den ehemaligen besetzten Gebieten erfolgt. Trotz aller Abneigung gegen die Ostjuden seitens der deutschen Regierungsbehörden sahen sich diese durch den Arbeitermangel in Deutschland dazu genötigt, ostjüdische Arbeiter entweder unter größter Vorspiegelung falscher Tatsachen freiwillig anzuwcrben oher sie zwangsweise nach dem Muster oer berüchtigten belgischen Deportationen zum Arbeitsdienst abzutransportieren. Wer Näheres über diese schmachvollen Vorgänge wissen will, sei auf die 3lusführungen von Julius Berger im 2. Baud des „Juden" und im Heft 27 von „Volk und Land" verwiesen; hinsichtlich ihrer Lebensführung und sclbstgeschafsenen Organisationen gibt die Arbeit von Eschelbacher im 3. Jahrgang des „Juden" Aufschluß. Die deutsche Jndenheit hat dazu geschwiegen, die Presse, weil sie geknebelt war, die dazu berufenen Organisationen, weil sie 'nicht den Mut fanden, diese Dinge der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Die Zionistische Organisation hat, so west sie dazu in der Lage war, das Los dieser Unglücklichen zu lindern versucht. Auch vereinzelte Rabbiner und Privatpersönlichkeite», lokale ^Hilfsorganisationen haben ihr Bestes getan, um durch werktätige Hilfe das größte Elend'zu beheben. 3lber dennoch lastet eine schwere Blutschuld auf der deutschen Jndenheit, die gutzumachen ihre erste und wichtigste Aufgabe ist. Es hat Zeiten gegeben, in denen der sephardische Jude in Deutschland voll Verachtung aus den -putschen herabgeblickt hat; der deutsche Jude hat währerid des galyen letzten Jahrhunderts dem östlichen Juden gegenüber-nicht anders gehandelt. Es ist höchste Zeit/ daß dies Verhalten endlich aufhöre, und es soll im folgenden dargelegt werden, warum und wie wir deutsche Juv'en, in unserem eigensten Interesse zu einerwirklichen Verbrüderung mit den in Deutschland lebenden ,- Ostjuden gelangen müssen. Die Ostjuden in Deutschland haben bisher kaum in nahen Persönlichen und gesellschaftlichen BozieHungen zu den Westjnden gestanden. Man betrachtete sie bestenfalls als Objekte der Wohltätigkeit, und höchstens orthodoxe Kreise machten eine Ausnahme, . indem sie zrigewanherte Ostjuden nicht als „Schnorrer" behandelten, sondern sie als Aurach (Gast) an ihrer Tafel sitzen ließen. Zn einem besseren Verhältnis werden wir . erst gelangen, wenn wir uns darum bemühen, in die Psyche und das Milieu des Ostjuden einzudringen, uno wenn-der Ostjudc sieht, daß wir ihn als menschlich gleichivertig ansehen. Wir dürfen uns dabei durch einen Mangel-an gewissen gesellschaftlichen Formen nicht abschrecken lassen, zumal dieser Mangel gewöhnlich in der zweiten Generation nicht mehr vorhanden ist. Die deutschen Inden sollten ferner nicht vergessen, daß sie in sehr, beträchtlicher Zahl selbst aus den Provinzen stammen, die wieder in nächster Zeit zum polnischen Reiche gehören werden. Man sehe sich nur die Listen der Vorstandsmitglieder einer beliebigen jüdischen Großgemeinüe an und wird sicher darunter eine überwiegende Zahl von - Juden finden, hxren Namen auf die Herkunft aus Warschau, Kalisch, Lissa, Kempen u. a. hinweist. Vielleicht trägt der Krieg dazu bei, daß viele, die im Felde in enge Berührung mit den Ostjuden gekommen sind, dort ihre Eigenart so nahe kennen gelernt haben, daß sie leicht die Brücke zum Verkehr mit ihnen in -Deutschlandfinden. Versuche in dieser Richtung sind erst in aller jüngster Zeit unternommen worden, z. B. durch Gründung des jüdischen Volksheims in Berlin, einer ebenso neuartigen wie erfolgversprechenden SchöpfuW, die die zionistische Jugend ans eigenem Impulse geschaffen hat. , Eine ähnliche Einrichtung soll, wie her Aufruf in der vorigen Nummer dieses Blattes lehrt, auch in Frankfurt am Main geschaffen werden, und es wird der Prüfstein für das Verständnis der leitenden Persönlichkeiten der hiesigen Gemeinde sein, inwiergeit sie selbst und die von ihnen beeinflußten Kreise sich nicht bloß materiell, sondern auch durch tätige Mitarbeit an diesem Brüderbau zwischen Ost- und Westjuden beteiligenwerden. Die beste Möglichkeit aber und Voraussetzung für . eine Verschmelzung von Ost- und Westjuden in Deutschland, oie für die deutschen Juden — es sei oies nochmals - in aller Schärfe betont — eine Lebensfrage ist, wäre die . gemeinsame jüdische Schule, in der oft- und westjüdische Kinder sich von Jugend an gegenseitig beeinflussen und einander anglcichen. Dem jüdischen Schulwerk hätte sich ein gleichwerfiges jüdisches Fortbiloungswesen anzuschließen, in dem die schulentlassene ostjüdische Jugend in ihren entwicklungsfähigsten, bedeutungsvollstem-, Jahre» den Einfluß deutsch-jüdischer Kultur erfahren ' würde. Es ist in dieser Zeitung wiederholt von uns X darauf hingewiesen worden und wird demnächst wieder m' einem besonderen Artikel behandelt werden, daß loichtiger; als der Neuaufbau der jüdischen Gemeinden, wichtiger ak/ Frauen- oder Proportionalwahlrecht, wichtiger als irgenM - eine Organisationsbestrebung innerhalb der deutschen:? Jndenheit der Ausbau eines jüdischen Schulwesens ist. Da/« es nur in 3 Großgemeinden überhaupt jüdische Reak° - schulen gibt. Die Forderung: „Dem jüdischen Kinde «me/- jüdischo Schule" muß auch auf die Ostjuden ausgedehnt werden,, zumal ohne eine solche Ausdehnung selbst in vielen mittleren Gemeinden die jüdische Schule, aus