Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 30 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Diesel „Urdrängen" folgen, heißt geistig sich ersüllen, heißt höhere Forderungen verwirklichen, heißt nach denr inneren Gesetz. „in Haniivnic niit sich" lim ethischgeistigen Sinn) leben, heißt göttlichem Befehl und Willen entsvrechen, bedeutet religiös sein doch darum nicht auf die Philosophie Berzicht leisten, die wissenfchaftiich-kritische Denkweise abschivören, — bedeutet einer - Synthese von Empfindung und Reflexion., von Religion und Wissenschaft greifbar nahe gekommen sein. Die Weltanfsa'sung des alten Judentums, seine innere Ein-? stellnng zu den Problemen: Religio» und Wissenschaft,? zum Leben überhaupt, wie sie sich in seiner nnvergl ichlichen Ethik widerspiegelt, weist für Dingler solchen Grnndzug und solche Grundtendenz auf. Hier scheint ihm bereits in einer unüberbietbaren Klarheit und mit einem genialen Scharfblick das Problem erkannt und gelöst worden zn fei», — gelöst innerhalb physisch-natürlicher Grenzen. Für das alte Judentum, zum wenigsten ans der höchsten Stufe seiner geistigen Entwicklung, war oberster Grundsatz: „Rach göttlichem Gesetz lesen," worunter nicht allein, Dingler sagt: nicht einmal in erster > Linie die in Worte gefaßten ethischen Gebote, i» Formen gebannten religiösen Eingebungen verstanden wurden, louderin auch — in ebensolchem Maß zumindest - die Snimne;bcr inneren Motive und Antriebe, der inneren Dränge und Wollungen, deren Wurzeln sich im Bereich des Unbewußten verlieren. (Tie Psalmen und das Buch. -Hiob geben wichtige Anhaltspunkte für diese Belrachtungsart.) Was Dingler in. dem ersten Teil seines Werkes als eine geistige Forderung von entscheidender Bedeutung aufstellt: „Bon innen heraccs handeln, gemäß seinem inneren.'- Gesetze leben und wirlen", scheint ihm beim biblischen Judentum in weitem Maße verivirtlicht und erfüllt gewesen zu sein. Au? die quälende .Frage: Religio» oder Wissenschaft'? die seit Jahrtausenden die europäische Menschheit geistig immer wieder und wieder in zwei Teile gesvaltet hqt. die immer von neuem aufgeworfen wird, doch offenbar nie grundsätzlich zu entscheiden ist, hat das alle Judentum die tiefsinnige, befreiende Antwort gegeben: Religion u n d Wissenschaft. Eine andere wirklich bestehende, befriedigende Lösung des Problems kann es nichr geben, es sei denn, daß man sich von der - Wissenschaft oder von der Religion entschieden, lossage. Es ist eine Lösung' durch schöpferische Intuition ge»' runden, eine großartige Bejahung, zugleich ein symbolischer t**'- MWMerMWl^isMwegü»«^ Die Frage de» Frauen-Wahlrrchts t ■ Jerusalem, gou't , Hon rz' habe der Misrächi. da er gegen das Wahlrecht der Frauen ist, Wahlcnthaltung bei den Wahlen zur jüdischen, konstituierenden Versammlung anempfohle». Ans der „Agndas Jisroel"Bkwegu«a. Mitteilungen an» dem Zentralbüro der AgndaS Israel. Wie der Waad Hoir Aschlcnasim wurde auch das der.einig.te sefardische und .aschtenasische Rabbinatder Stadl Jerusalem von der Interalliierten Komimissicn emplfangcn.. Die Deputation brachte ebenfalls' den Wunsch zum Ausdruck, daß bei der Bcrivirklichung der Ralsonr'schrn Deklaration Vertreter der orthodoxen- Oraanisätione», wie „ A g n d a s I i s-r o e l " zugezogen werde» mögen. ( Der „Verein zu r W a h r n n g de r 'Interesse» des orthodox e » Judentum in W i c n kl n d R iederv st erreich ", der schon bisher in, iiinigsten Znkannnenhangc mit der AgndaS Iisrocl stand, hat sich ihr -offiziell als Landesvrganisatio» angeschtosse». Aach die Organisation „Sinai" in Prag ist der „Agud a s> Iisroel " beigetrete». i Frankfurter Berichte Personalien. Iran Mathilde K ir schlier, ged. Hamburger. Rechneistr. 1, begeht am 2. August in Rüstigkeit ihren 80. Geburtstag. AgndaS JiSroel-JugvndgruPpe. I», Anschluß, an den bereits seil mehrere» Wochen bestehenden T u rnkurs für Herren ivird nnnmchr auch ein. solcher für Damen gegründet, beginnend Donner 4 t a g . de» 7. A n g » st a b e n d s 7—!> kl h r in, Turnsaal der Realschule d. I. R. G., Am Tiergarten 8 unter Leitung von Fräulein.Bock. Anmeldungen hiestfüc« werden noch von Fräulein Elara Michel, Langrstr. 1>:i, eiikgegengenoinme»." * Ein jüdisches Volksheim! Z.ir Gründung eines jüdischen Bvlksheims hat sich rill. A'.brilsausschuß gebildet. Näheres siehe Inserat in der heutigen Nummer. - Frankfurter Veranstaltungen. Me kor Ehajim, Samstag, ->>/»: Mikro (Dr- HofmaniO: 80,: Midrasch (Rachclsohu); Mittolvch, 7 lUjr abends: Gcmvro (Dr. I? Breuer). — T'.i feres Bach u r i m , Sonntag, Börneplatz: Besichtigung des tag, nach Schluß des Morgeiigottesdienstes: Mischnah (Dr. F-riedinann), 9 Uhr vorm.: Schulchan Aruch (Li» pinsly): Montag, 8"/» abends: Josuah (Unna); Dienstag, Mi abends: ChanivauS ha' Lewowaus (Dr. Braun),- .Mittwoch, nacl, L-chluß des Morgeiigottesdienstes: Akisch-?^üdh --ssDr.(Hriedma>ln)-:^DoiVnerst'(ch 70« abends/ Hec- Ästsesüfeg 26?- Gemorö (Unna^ -' ' .? >- M ö n fe j-i o r e,* Samstag kl ,Ühr: Schiur (Dr 'May';' 4WO gcniütl. Zusammenlunft.: SöMlag. ,.2>, : Städtbibliolhel: sotadtwaldivanderung'; Montag,. 8 'Ul>r: Heimabend, der' Wandergruppe: Mittivoch, »ß«: Grhächk- »iskeier für unsere Tote». Jchwinn &/frarck Goethestr. 19.' Tapeten- Iinoleur:,. Literarische Rundschau Hugo Dingler: „Tie, Kultur der Jude» ".') Ein tiefes Sehnen nach eineul neuen religiösen Mythos geht heute durch die europäische Welt, und der Drang imch religiöser Entfaltung und Erfüllung ist heute in der xuropäischeu Menschheit stark und lebendig. Es ist überhaupt ciii Streben nach innerer Erneuerung, das durch den Krieg an Tiefe und Inbrunst unmeßbar gewonnen hat. das heute in Europä Eie Bahn zur Verwirklichung sich brechen will. Eine geistigere, von inaterialistischer Denkweise weniger -bestinimte Weltauffassnng, eine wahrere, ethischere Stellung und Einstellung des inneren 'Wesens zur Welt ist das Ziel, dem diese durch jene Kräste ausgesöüe Bewegung znstrebt. Ein Buch, dem eine solche oder ähnliche Tendenz einen besonderen Grnndzug verleiht und das um deswillen so gegenwärtig in jenem oben getennzeichneten. Sinne anm-utel, ist .„Di e Kult n r d e r I u d e n " von D r- H n o o Dingler, das bezeichnender Weise den Untertitel „Eine Bersötznnng zwischen Religion und Wissenjchaft" trägt. Dingler sieht nicht ein erstrebenswertes Ziel daxin, die Wissenschaft zu überwinde» und ihre Ueberflüssigkeit zu erweisen, um ans diesem Wege zu eine-: einheitlichen Weltanschauung zn gelange». Im Gegenteil: er b c j a h t den Wert und die Notwendigkeit die e»t,lheidendc Bedeutung der exakten ivisseiischastlicheir Iorschuna als eines bestimmenden Faktors und treibenden Motors in der allgemeinen kulturellen Entwictlung der. Menschl-eit. Er sucht darum »ach einer umfassenderen geistigen Formel, in der Religion und Wissenschaft gleichermaßen einbegriffen sind und sich miteinander ausgesöhnt haben: er ringt um eine Welterksnntnis und Weltauffassung, die jene beiden Urmotive, Urenergien, die die geistig-kulturelle Aufwärtsbewegnng der Menschheit belvirkeu. und bedingen, als zwei ewige Komponenten der fortschreitenden geistigen Entwicklung der Menschen - - in stets gegenseitiger Beeinslussung und Ergänzung — versteht, die ihnen ihre scheinbar uaturgegeben-uuabä»- derliche Gegensätzlichkeit genommen und sie synthetisch vereinigt hat. *) 1919. Mk. 3.150. Leipzig, Der Rene Geift-Berlag Kisrachi-Spendeu erbeten auf Postscheck »Konto Emil Bflhler 13,503 Frankfurt am Main. Ohne Bewilligung. | E ne G.-citogc'ch'chtykvon Leopold Kompert. (Schluß.) Buhl cncidetc sie il cht mebr die Töchter ihr.s Verwandten, — litten sie für das Vergnügen, tagtäglich ins Lcopvldftädtcr Theater gehen und da die Possen des Komikers belachen zu können, 'nicht Angst und Jammer genug? *** _ Der Kaiser hatte die Bittschrift gelesen, — er luittc' gelächell. Resel war in der Tür des Audienzzinnners in die Knie ■. gesunken, sie war einer Ohnmacht nahe. Da trat der milde Herrscher aus sie zu.'und mit einer Stinime, die wie ei» goldener Strom auf sie fiel, sagte er ihr: „Steh auf-mein Kind, man muß nur vor Gott knien." Aber Resel stand nicht auf; aus der Tiefe ihrer Seele rief sie zu dem Herrscher auf: „Gnade, Gnade. Euer Majestät, geben Sic mciuem Jaikew eine Familie!" . Da fragte der Kaiser: »„Jst's wahr, daß du schv'u einundzwanzig Jahre mit ihm lebst'?" . „Es sind schon bald zweinndzwanzig," entgegnete sie — „und ich Hab' auch ei» Kind."; - Der Kaiser ging' hierauf zum Tische, worauf di.» Bittschris. lag und schrieb etwas auf die Rückseite der». . selbe» ' „Irtz geh nur, mciii Zkind," sprach er daun mit' echt inenschlichcr Milde, „dein /Jaikiw wird eine Familie bekommen. Verlaß dich darauf, es wird schon besser werden." - , Resel ging. Hätte ihre Seele ln diesem Augenblicke das irdische Gewand abgcstreift, ein Gebet für den Kaiser lväre. das erste gelvesen, lvvmit sie die Lichthallen des ewigen Lebens betreten hätte! * * * ' ■ Bier Wochen darauf, nachdem Resel schon längst zu- Airtgekekrt, hundertmal um die „Audienz" befragt unb angestauyt worden war, erhielt Jaikew Leder« eine neue „Zustellung" vom Bürgermeister, aufs Rathaus zu kommen... Mit freudiger Ahnung im Herzen ging er diesmal die enge Wendeltreppe zu», Bureau Nr. 5 hinan. Wie aber ward? ihm erst, als der Bürgermeister mit 'sreundlichea ' Worten erklärte, „es sei allerhöchster Befehl gekommen, heyi Jaikew Lederer die erste beste. Familie zu-verleihen, ,und> da gerade eine erledigt sei, >o solle er darum nur - einreichen, sie sotle keistem andern zuteil w«chenl" . - ,° - Vierzehn Tage darauf war Jaikew Lederer „F-amiliant". Nun eutstand unter den Eheleuten die londerbare Frage, ob sie denn — eine neue Hochzeit feiern sollten. Jaikew bezeigte wenig Lust, denn er meinte: „Jetzt bin ich Familiant wa? schert mich die Welt?" Resel aber sagte: „9tein, Jäikelv, so mein ich's nicht. Wenn ich nach Wien gegangen bin, für dich um' eine Familie bitte», so will ich mich eine ordentliche Hochzeit machen. Reichen wir also um eine Bewilligung ein." Das.ganze Ghetto lobte diesen Entschluß. Wieder wurde das dicke Bündel mit Zeugnissen, Gutachten und Bestätigungen gesammelt, wie wir sie schon früher in den Leiden und Dransalen JaikewS erwähn: haben. Denn die Gnade des Kaisers hatte ihm wohl die „Fa nrilie", aber noch nicht die Bewilligung verschafft. Die inußre natürlich ihren gewöhnlichen Gang gehen. Lustig war es, daß das alte Ehepaar sich aus dem „Bne Zion" rmißte prüfen lassen und noch lustiger, was dabei vorfiel.' „Sag Sie mir," fragte der Kreislommissär, der sie prüfte, „welche Pflichten hat eine Wntter gegen ihre Kinder?" Resel besann sich etwas lange, dann sagtesie mit strahlendem Gesichte: „Sie gern haben, Herr Kreiskoniinissär." Der Kreiskmnmissär sah den Rabbiner, der wieder ihn An. Sie. lächelten beide über die — Einfalt des . Weibes. .. „Und Er", fragte man de» Jaikew,- „sag er mix wie heißt das zehnte Gebot'?" , Dem „ Jaikew wollte das im Augenblicke gerade nicht ' einfallen; der Kreisrabbiner fing also das Gebet selbst an, um ihm aus die Bahn zu helfen. „Du sollst nicht begehren nach deines 'Nächsten Weib —" „Schöne Frag' das, Herr Rabbiner," lächelte Jaikew; „hätte, ich denn so lang' auf meine Resel gewartet. wenn ich hätt' begehren wollen nach eines andern Weib? Das Gebot hat Gott nicht für mich gegeben!" Lachend entließ (der Kreistoinmissär da» alte Brautpaar und stellte ihnen.'das Zeugnis aus, daß sie im „Bne Zion'' sehr ivöhl bewandert seien, woran im Grande niemand zweifeln wird, denn die „Moral" haben Resel und Jaikelv hoch ' .verstanden. Die Bewilligung ließ diesmal statt, der vierzehn Jahre noch» einmal so viele Wochen aus sich warten immerhin ein bedeutender Unterschied. x Der Hochzeitstag ward nun festgesetzt- Die Trauung unter der Chuppe verrichtete nun nicht mehr ein armer Rabbi aus dem Dorfe, sondern der Kreisrabbiner selbst vollzog sie, wie es die Sitte erheischt, unter freiem Himmel. Resel trug ei» seidenes Kleid, und unter der goldenen Haube rannen diesmal nichts als Freudcntränen hervor- Sie gefiel auch dem Jaikeluso wohl', daß er selbst gestand:' „Du siehst heut' wie ein zwanzigjährig Mädel aus." Am Hochzeitskische herrschte die lauteste Luftigkeit! - Das ganze Ghetto hatte Geschenke geschickt, die nun unter Pankenklang vonr Schuldiener ausgernfea wirrden Der reiche Schmul Brandeis hatte sich sogar herbeigelassen, vier silberne Leuchter dem Brautpaar zu verehren. > Gegen Abend, als die Freude schon aufs höchste gestiegen war, sprang Salnie Floh, der auch eingeladen" war. Plötzlich auf den Tisch und gebot Stillschweigen, - „Männer- und Weiber," rief er, „ich will euch ein Rätsel ansgcben: Wer ist heute zur .Hochzeit am zeitlichsten gekommen?" „Jailew!»nd Resel," hieß es von allen Seiten. „Gefoppt, gefoppt," schrie der Rätsclstcller-. ^Jaikew»- kleiner Benjamin war's der ist um acht Jahr zu zeitlich gekommen/' - Altes lachte und lärmte durcheinalider, sogar Resel, die sonst in diesem Punkt keinen Spaß verstand. Dann sprang auch der „Advokat" Lippmann Goldberger anden Tisch: „Und wem, meint's ihr," schrie er, „wem verdankt'» Jaikew» Benjamin, daß er bei dem Hochzeitsmahl seiner Eltern sitzt icnd ein Stück Torte aufißt?" „Resele, Resele," ries man ihm entgegen, „die ist ja beim Kaiser gewesen." „Gefoppt, gefoppt," schrie er nun seinerseits: „mir hat er's zu verdanken, denn ich Hab' die Bittschrift an den, Kaiser gemacht." - Mlgemetnes Staunen folgte diesen Worten, dann Erklärung Lippmanns. wie er, statt zum Kanzelisten, zu , gehen, die Bittschrift selbst aufgesetzt habe, damit der; Kaiser seine eigene Schrift lese, dann stürmischer Daick. des Brmitpaares und Jubel und Freude von allen Seiten .... Aber, Herr Advokat! haben, wir den» da?-alles nicht schon in Wien' gewuHt?? ° Ende.