Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 18 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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,Nr 18 NeueWdische Messe. Seite 3. " «n Opernplat» ErsthlaHsiges Familien-Kaife e Täglich Ton 4. Uhr ab . Künstler - Konzert. in fifett 3 Wünschen nolens volens einverstanden erklärt werden. HenrietteFürth, die sonst Dr. Strauß zustimmle, spracb auch die Meinung aus, daß das Statcsinden des jüd. Kongresses sich nicht mehr verhindern läßt. Sehrimrat7Dr. Geiger, Juliizrat Dr. Auerbach -und Herr Schiff sind gegen ein Paktieren mit den Zionisten und gegen die Beschickung eines Kongresses. Austizrat Dr. Löwenthal steht in der Gründung eines jüdisches Staates in Palästina einen großen Vorteil für die gesamte Judrnheit. Er ist kein Zionist und steht auf dem Standpunkte, daß die westlichen Juden in der Kultur ihres Landes aufgehen müffen. Für die Ostjuden ist. jedoch Palästina unbedingt notwendig ünd eine Lebensfrage^ Niemand kann ferner bestreiten, daß es auch um das Los des Diasporajudentums bester bestellt sein wird, wenn hinter ihnen eine politische Macht, wie es ja früher oder später das jüdische Palästina bilden wird, stehen wird, weil noch für lange Zeit hinaus geistige Kulturwerte allein in Europa nicht ausschlaggebend sein werden. Ein Judenstaat in Palästina wird sicherlich daö Ansehen -der Judenheit der ganzen Welt heben und ihre Lage in jeden Hinsicht nur günstig beeinfluffen. Redner polemisierte gegen den Leitartikel der Frankfurter Zeitung vom 26. April und besonders gegen dessen letzten PastuS. als ob die Juden aus Mangel an Phantasie keine eigene. Kultur schaffen könnten. Das „Hohe Lied" und die anderen Werke der alten jüdischen Literatur, enthalten eine Fülle, von Poesie in sich und stehen den Schöpfungen „anderer Völker sstjoiß nicht nach. Li e Abstimmung ergab eine Mehrheit für die Beteiligung im Sinne und nach dem Vorschläge deS Vorsitzenden- > M. B. Die Sozialistenkovferenz in Amsterdam rmd die rurrrauische Judeusrage. Einem .Telegramm aus dem Haag zufolge, wurde , folgende Resolution von der Amsterdamer Sozialistenkonferenz einstimmig angeiummen: . Die Konferenz protestiert aufs Entschiedenste gegen die schmachvolle Behandlung der Juden Rumäniens. Sie fordert die Regelung der Judeusrage.dieses.Staates, sowie aller' ihm etwa zufallender Gebiete im -Sinne voller bürgerlichjer Gleichberechtigung und nationaler Selbstverwaltung unter internationaler Garantie. Sie fordert die uneingeschränkte, ausnahmslose Naturaliesierung und Gleichberechtigung aller Juden Rumäniens und verwahrt sich gegen jeden Versuch der rumänischen Regierung, durch einschneidende Maßnahmen, wie das Verlangen der ^Vorlegung von Akten und sonstiger Beweise .über Geburt im Lande und dergleichen, die Rechtlosigkeit eines großen Teiles der Jmwn zu verewigen..«Der Völkerbund muß darüber wachen, daß eine Wiederholung des Vertragsbruches seitens der rumänischen Regierung unmöglich" gemacht wird. Furchtbare Judenpogrome in Wilna. Ter Weg, auf dein die polnischen Truppen vorrücken, ist mit dem Blute unschuldiger Jrrden besudelt. Jeder Tag bringt neue Hiobspost. Soeben erhalten wir folgende authentisch« Nachricht: ' Einen Tag nach, ihren: Einrücken in Wilna veranstalteten die polnischen Legionäre einen furchtbaren, vier Tage dauernden- Pogrom. Eine sehr große Anzahl von Juden ist getötet und verwundet worst>en. Die Plünderungen dauern fort. Ter ganze Vormarsch der polnischen Armee vollzieht sich unter schrecklichen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Tie Panik bei der jüdischen Bevölkerung ist umso größer, als neuerdings die B olsche w i ki w ieder vor rücken und die Polen mit Rache drohen,, falls sie Wilna wieder räumen müssen. Die Polen nehmen sämtliche Lebensmittel weg, sodaß Hungersnot herrscht. Die Judenmetzeleieu in Pinsk. Ueber die Vorgänge in Pinsk sei noch folgendes nachgetragen: Die Zahl der getöteten Juden beträgt 56. Me Verhafteten, 40 an der Zahl, wurden nach vielen Bemühungen befreit, nachdem sie in den Gefängnissen gefoltert worden waren. - Drei Frauen, die ihre verhafteten Männer begleiteten, wurden ebenfalls verhaftet und nackt durchgepeitscht. Fräulein Mulezka, eine Lehrerin, ist durch die Auspeitschung 'wahnsinnig geworden. Alle Synagogen wurden geschlossen. Die jüdische Bevölkerung wird zu Zwangsarbeiten geschleppt, wobei viele junge Leute erschossen werden. Die Militärbehörden belegten die jüdische Gemeinde mit einer Kontribution von 1,00 000 JL Der Kommandant erklärte, falls das Geld nicht innerhalb 24 Stünden ausgezahlt werde, würden die jüdischen Gemeindevorsteher erschossen werden. ' * Der angesehene katholische Geistliche B u k r a w a protestiert feierlich! gegen die Beschuldigung, daß die erschossenen Juden Bolschewiki waren. Sämtliche Erschossene ivaren Zionisten, darunter ältere Juden von sechzig '.Jahren. Bukrawä ist nady Warschau abgereist, um der Regierung Beweismaterial Vvrzulegen.. Der Kommandant von Pinsk Luszynski, der das Todesurteil erlassen hat, ist abgesetzt worden. Sämtlich« jüdische Zeitungen in Warschau, die über dieses Verbrechen schreiben, werden konfisziert. Tvkiillvl'MLlvreiu.VVvissbinllvi'Lrbeiien Philipp Trauner Textorstrasse 68. Telephon Römer 5778. Arkadia’s Knnstlerspiele and .- Arkadta-DIele' Kaiserstrasse 69. Telefon: Hansa 5516. ■ Die ersten Kdnstlerspiele am Platze. B Ukraine. 21 jüdische Mandate in der Westukraine. Das „Jüdisch« Korrespondenzbüro" Zürich" meldet: Nach dem neuen, soeben angenommenen Wahlgesetz werden die Inden im westukrainischen Landtag auf 220 Sitze in** gesamt 27 Abgeordnete wählen. - Kurze politische Nachrichten. New Nork. Die Staatsvcrsammlung ron Albanh beschloß, Wilson zu ersuchen, seinen ganzen Einfluß für die Errichtung eines jüdischen Palästinas gelterA zu machen. , - Auch die Staatsversammlungen von Alba Ny, Ohio, Wisconsin, Newyersey und Rhode Irland sprachen sich für ein jüdisches' Palästina auS. Paris- Das Komitee für jüdische Rechte (Bors. Richter Mack) und die Alliance Israelit« Universelle pflegen ständig Konferenzen, um über ein« Verständigung bezüglich der nationaljüdischen Rechte z» gelangen. — Professor D ahn d a-Madrid ist hier eingetrosfen. Warschau Nicht in Polen geborene Juden sind hier als „Fremde" ausgewiefen worden. Nur die Erklärung, National-Pole zu werden, kann die Ausweisung wieder rückgängig Aachen. Zionistische Nachrichten. Berlin. Palästina-Telegiertentag. Der Palästina-Delegiertentag der Zion. Vereinigung, für Deutschland findet vom 26. bis 29. Mai im „Rhein- - gold", Bellevuestraß«, statt.. ’ Referate halten: Richard Lichtheim (Die pok. Form des Gemeinwesens in Palästina),DavisTrietschs fllnsiedlungsmöglichkeiten), Dr. Brünn, Dr. EliaS Auerbach (Sanitäre Fragen), Professor Baenwald (Bau- und Unterkunftssragen), Sonia Gronemann (Frauenarbeit), Dr. Fritz Sternberg (Nationalisierung des Bodens), Dr. Max Strauß (Kapital und Arbeit), Hans Goslar (Die Finanzierung der . Kolonisation) und Prof. Dr. L o ew e '(Bildungswesen). Scala - Lichtspiele Schafergasue 29. Scb&fergaase 29. Modernes Theater Vorführung stets neuer und hervorragender Filme. Märchen aus dem Ghetto von Leopold Kompert. ÄeS Großvaters Ermahnungen. „Fischel," sagte einst der blinde, fünfundachtzigjährige Großvater zu seinem Enkel, „gib gut acht, was ich dir jetzt Vorreden werde: Tu. mir um Gottes willen bei Nacht nicht pfeifen. Du kannst ein krumm' Maul bekommen, und das hat dann der Satan gemacht. Geh auch nicht in bloßen Strümpfen hemm, Werl du noch Vater und Mutier hast; es könnt' eines davon, Gott sei dafür, sterben, und das sag' ich dir vor allem: Leg den Laib Brot immer auf die rechte Seit' — damit du's all dein Leben zu essen hast. . . . Daß man keine Schwalbe beleidigen darf, weißt du schon lang'; die Schwalben haben Wasser gebracht, wie der Tempel in < Jemschalaim ist zerstört worden; aber eine Spinne darfst . du am heiligen Schabbes zertreten, die Spinnen, die haben feurige Kohlen aufs Dach getragen. . . . Noch etwas darf .ich nicht vergessen. Wenn du dir die Nägel abschneidst, tu's nicht der Reihe näch, übergeh immer einen Finger, und wenn du sie dann verbrennst, leg zwei Stücklein Holz dazu. Du wirst fragen wamm? Die zwei Stücklein Holz sollen einmal .Zeugen sein, daß du die Nägel verbrannt hast. Und wamm verbrennen? Was ist denn an diesen Nägeln? Hör mich an! Sind die Nägel nicht an deiner Hand gewesen?' Und hast du mit derselben Hand dir nicht die Tefillin (Gebetriemens umgeschnallt? Und hast du damit nicht Almosen gegeben? Warum soll etwas vom Leib verworfen werden, waS Gott gedient hat? .. ." Es ist der Segen^hineingekommen. Braut und Bräuttgam standen schön geschmückt da, um . .unter die Chuppe lTrauustgshinpnel) zu gehen. Draußen schallte fröhliche hochzeitliche Musik, und an der Ecke der Gaffe richtete der Schameß die vier schweren Stangen auf, worüber eine schwere goldgestickte Decke als Brauthimmel gespannt wurde. Was schrien und sprangen da die Knaben des Ghettos, wer die Stützpfeiler trägen sollte! Aber gemach, gemach! Wie sich der Zug in Bewegung setzen wollte, schrie der Braut Schwiegervater. - „Was eilt ihr, Lenk? Zuvor muß ich den Nedan (Mitist), für meinen Sohn auf dem Tisch aüsgezählt sehen, früer Ifein Schritt." „Das Geld ist .Euch, so sicher," sagt darauf der Vater, „als.wenn eS schon .in Eurem Kasten wäre! — Laßt daS vis nach der Ehuppe, Mendel I ' „Ich soll sterben," schwört hingegen der Schwiegervater, „wenn ich einen Schritt weiter gehe! Erst muß die Mitgift auf dem Tfich liegen." Da wird seufzend der Geldsack aufgetan; Taler für Taler, Gulden für-Guldenstomnst bervor; die Häufchen reihen sich aneinander, "und das dauert wohl eine lange halbe Stunde, bis die Summe rund ist. '..Das flnd-erst vierhundert Gulden," sagt Mendel, „da fehlen noch zweihundert dazu." „Mehr geb' ich nicht," meint der Vater mhig. Noch ruhiger sagt daraus Mendel: „Gut, aber die Hochzeit hat 'n End'." Alsbald nun brechen., die Geister der Zwietracht stürmisch in die Verwandten ein, Braut und.Bräutigam werden voneinander getrennt; zwischen sie ist der Tisch gedrängt, darauf flimmert das Geld. „Und wegen dem. wegen dem!" ruft die Braut mit entsetzlichem Jammer. Die Bänder der goldenen Haube, die mit den Fransen ihr tief über die Augen herabhing, lösten sich, sie fiel nach rückwärts, und ein bleichenes, erschrockenes Antlitz ward sichtbar. Da ward mit einem Male der Schwiegervater, Mendel schwach bis zum Umsinken. „Leut', Leut'," ruft er, „seht her, da ist ein Wunder vom Himmel geschehen, auf dem Tisch liegen die .sechshundert Gulden." Hundert Hände wühlen, zählen zu gleicher Zeit in dem Geld«; die sechshundert sind vollzählig. „Da ist der Segen hineinkommen," denken, sagen die Leute, stiller Schauer fliegt über die Herzen. Man geht zur Hochzeit. ' Noch etwas vom Segen. Wenn man Len „Segen" in seinem Hause bemerkt, so spreche man libber nichts davon! Hinter jedem Segen lauert ein böser Sched (Geist), der im Augenblicke des Aussprechens seinen giftigen Hauch darüber bläst. — DaS hat sich Josel Kozanda, der ein Dorfgeher war, sehr wohl gemerkt. Denn als ec eines Freitags von der Woche nwanderung durch die Dörfer zurückkehrte, war seine Seele traurig und gramvoll, weil er nickst einmal so viel „gelöst" hatte, um sich> damit den Sabbat zu machen. Wenn er zum Wirtshause in der'großen Mlee kam, wußte er, stand sein gutes Weib Perl und begehrte Geld von ihm auf eben diesen Sabbat- Und mit Verzweiflung dachte er dc^ran, wie er den letzten silbernen Löffel, den er noch > von seinen Hochgeitsgeschenken her hatte, werde nehmen und zu Kalme, dem Goldschmied, werde hintragen müssen. »Mas soll mack tun," meinte er Ml in sich!, „der SchiabbaS muß gehalten werden." Fast'in dem nämlichen Augenblicke stand ein Bauer vor ihm, der zu kaufen be- ,; gehrte. Josel öffnete den Pack, der Bauer „handelte" nicht und beluh sichi mit der Ware, worauf er ihm das bar« Geld in die Hände zählte. Damit ging Josel Kazand«, fröhlich und Gott preisend weiter; nur wunderte er sich, daß, als er sich nach dem Bauer umblickte, nichts von ihm zu sehen war. Die Straße machte doch keine Krümntzing. ' Bei. dem Wirtshaufe fand er sein Weib; er gab ihr.; Geld auf „Schabbes". > - Nun traf es "fidji, daß am nächsten Freitag sein Weib seiner'-nicht wartete, nämlich dort beim Wirtshaus; ja, |\ als er in seine Stube trat, dünkte es ihn noch sonderbarer. ' Denn da leuchtete und duftete der Sabbat durch alle Räume. Ans dem Tische lagen schon die herrlich gebräunten weißen Brote, und Perl schuppte soeben, einen großen Fisch ab.- “ .Warst du vielleicht bei Kalme Goldschmied?" fragte er sie verwundert. „Was fällt dir ein?" entgegnete sie. ' ' „Und wie hast du Schabbes gemacht?" '„Ich Hab' noch Geld von vergangener Woch'." Sie sahen sich darauf einander an; es war ein Gedanke in ihrer Seele, aber sie sprachen ihn nicht Nus. Am folgenden Freitag wartete Perl wieder nicht» und Josel fand wieder Schabbes gemacht, leuchtender und duftender als je zuvor. Das ging ffo durch viele lange Jahre; nicht nur für den Sabbat, für die ganze Woche war-immer Geld da. Es blühte und grünte in dem Häufe deS Torfgehers, sichtbar rauschten die Fittiche des Segens darüber. Er, der arme verachtete Mann, der nicht eimnäk das Wochengeld für den Rabbi aufbriugen konnte, schickte ihm nun zu jedem Feiertag mehr als jeder andere, und" Perl, die in einem versteckten Winkel der „Weiberschiul'" gestanden, wo sie von dem, was in der Männer schul' vorging, nichts erfuhr, hatte ihren „Ständer" jetzt oben» den dritten. von der Vorsteherin. Am Totenbette Josel Kozandas stand Chewra und sagte mit ihm die letzten Gebete. Er aber hieß sie sämtlich hinausgehen, bis auf sein treues Weib Perl, die ihm! nähectreten mußte. „Ich geh' jetzt aus der Welt." sagt« er, „soll ich nichts reden?" „Schweig lieber," entgegn nete sie, „bis du drüben bei Gott bist, da kannst du dich bedanken." Also .schwieg er; aber ein Lächeln konnte er sich nicht versagen, und sie lächelte auch. Konnte essich du glänzender offenbaren^ daß der Segen über sL gekoW* -men war? - >