Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 18 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurterZsraelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße I Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis j SlMeint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis proBiertel- :! jabr: 2n Frankfurt a.M. Mk.-i.so frei ins Haus. Bei der Post : : abonniert Mk. 1.30, frei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Bei; ■ Zusendung durch Streifband fiirOeutschland unv österreich-Llngam : : Mk.r.rs,fiir alle übrigen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer 15pfg. : ... ■iiiiniiiiimuniiiiiiiiiiiiiuiniiiiimmimiiiiniiinnmmiiimiiin, : Znsertionspreis für die sechsgespaltene petitzeile SO pfg., für : die Reklamezeile Mk.-l.so. Bei Wiederholungen entsprechender. : Rabatt. / platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. / ■ Annoncen-Annahme bei der Exped.und kn a.Annoncen-Bureaus. : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.4864. 17. Jahrgang. . Freitag, Le» 9. Ijar 5679 (9. Mai 1919) Nr. 18. Den Druckereien Frankfurtist plötzlich wiederum und zwar rückwirkend ans den 28. April, eine 351» Lohnerhöhung auserlegt wsrde«. Es mutz daher, solange dieser Zuschlag in Kraft ist, der Preis der sechsgespattenen Petitzeile ans siebzig Pfennig und der Reklamezeile auf zwei Mark, festgesetzt werde». - Geschäftsstelle, der Reue« Indische« Preffe (Fraukfurler Israelitisches Fqmilieublatt.) \ ‘ Unterredung mit dem litauischen UnterstaatSsekretär Rosenbanm. Frage« -er Orthodoxie. Rechtsanwalt.Rosenbaum, der Vertreter der litauischen Judenheit in der Regierung Litauens und Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, gewährte uns anläßlich seiner Anwesenheit in Frankfurt eine Unterredung. Da die politische Lage vorerst noch zir unge-- klärt ist, so wollten wir seine Ansicht über innerjüdische Fragen hören. Er sagte: Die Judenheit Litauens unterscheidet sich von der Deutschlands dadurch, daß es keine Trennung zwischen orthodoxen und liberalen Juden gibt. Fronime und Unfromme find noch extremer als in Deutschland, doch zwischen den Extremen gliedern sich eine große Masse von Abstufungen ohne Scheidewand. Man ist nicht besonders organisiert, und" in Gemeindefragen arbeitet alles zusammen. ' Für die Orthodoxie Deutschlands hat man sowoU feindliche wie freundliche Gefühle. Daß jemand den anderen durch Propaganda zu seiner Ueberzeugung bekehren will, versteht man. Wenn sich die Gesetzestreuen — ich möchte das Wort „Orthodox" vermeiden — zwecks Propaganda organisieren, so ist damit wohl die; Gefahr der Spaltung verbunden, aber die Organisierung hat doch-so viele Vorzüge, daß wir sie nur begrüßen können. . Anders verhalten wir uns zur Organisierung als politische Partei, Wir leiden vielleicht an Unkenntnis des richtigen Sachverhaltes, aber wir haben die. Empfindung, daß diese Partei ihre religiösen Ideen nicht, so sehr durch Propaganda als vielmehr durch weltliche.-Gewaltmittel anstreb^ — und da diese Machtmittel sich doch in letzter Linie in den Händen der Nichtjuden befinden, so ist der Appell an die Nichtjuden zut Änmischung in rein religiöse Angelegenheiten mindestens antinational. Die jüdische Geschichte kennt leider viele solcher Fälle — so z. B. die Anrufung der preußischen Regierung in' dem Streite Emden-Eibenfchütz und die Anrufung der reaktionärsten ruffischen Regierung im Streite zwischen den Chaffidim und den MiSnagdim. AWdiefe^FäMhaben großesErbitterung im Andenken der Judenheit zurückgelaffen. ' Die Erbitterung-war auf den Tatsachen begründet; so" hat z. B.-dev Streit zwischenden Lhaffidim und den. Msnagdim^hauptsächlich zur Zerstörung der jüdischen Gemeinden geführt. Es fehlt auch in späteren Zeiten nicht an Beispielen. Wenn wir nun befürchten müffen, daß jetzt dieses Sichwenden an fremde Mächte in innerjüdischen Angelegenheiten durch organisierte Kräfte geschehen soll, so müffen wir dagegen Verwahrung einlegen. Begreiflich wäre es noch, wenn Affimilanten diesen Fehler begehen, unbegreiflich aber, wenn die Hüter des Judentums sich seiner schuldig machen. Noch etwas. — In der Politik gilt leider noch 'immer das Prinzip: do ut des. Indem irgend eine Partei die Regierung um Hilfe anrust. begibt sie sich in die Gefahr, der Regierung zu Liebe Anschauungen Vertreter! zu müffen, die ihrem Wesen fremd sind. So entstand denn bei uns die Ansicht — vielleicht auch eine falsche —, daß die gesetzestreue Judenheit Deutschlands in mancher Hinsicht affimilatorisch ist. Wir, die wir in der Ferne stehen, können uns nur aus diese Weise den Kampf gegen den Zionismus und seine nationalen Bestrebungen, trotzdem der Zionismus nre gegen die Religion war und die religiöse Ueberlieferung bei-uns mehr als bei allen anderen Völkern ein Bestandteil unserer Volkskultur ist, erklären. Die litauischen frommen Juden kennen keine prinzipielle Gegnerschaft zum Zionismus. Es gibt wohl manche Rabbiner, die sich aus religiösen Gründen — jedoch keineswegs aus politischen Gründen — nicht zu ihm verstehen können, andere aber — und das^sind die meisten — gehen mit den Zionisten. Was da- Verhältnis der deutschen Orthodoxie zürn Zionismus anbetrifft, so wird — glaube ich — eine Versöhnung Platz greisen, wenn der Gegenstand des Streites zu bestehen qufhört' und zwar, -wenn Kirche und Staat getrennt werden, d. h. wenn!; | j politische Fragen den politischen, religiöse Kragen den religiösen Organisationen überlassen, werden. Da die Rabbiner nicht verlangen, daß der Zionist antireligiös sei, so müssen sie auch nicht verlangen, daß der Religiöse antizionistisch sei. Biele Zionisten warew sehr froh, als die Orthodoxie Palästina in ihr Programm aufnahnr; ich war es Nicht; mir wäre es lieber gewesen, wenn sie gesagt hätte,-der Zionismus sei Ueberzeugungssache, unabhängig von der Stellung zur Religiosität, ebenso wie es umgekehrt die Zionisten gesagt haben. Ich begreife und billige den Wunsch, daß in Palästina ein religiöses Zentrum gebildet werde; — ich begreife und billige aber nicht, daß dies mit Hilfe der weltlichen Mächte geschehen soll. Die Juden werden sich weder von den. weltlichen Mächten in religiösen Fragen belehren, noch religiöse Ueberzeugungen gegen ihren Willen aufdrängen lassen. Der einzige Weg, das gesetzestreue Judentum in Palästina^!! wahren, ist der) daß die Gesetzestreuen auf dem Wegeder Propaganda möglichst viele-ihrer Gesinnungsgenossen nach Palästina schicken. Me alte Fabel voor Sturm und von der Sonne muß auch in dieser Frage zur Belehrung dienen. Anmerkung der Redaktion. Es ist stets verdienstlich, ein kompliziertes Fragengebiet auf «ine einfache Formel zurückzuführen. So vielgestaltig das Aufgabenrerchj der gesetzestreuen Judenheit ist, ihre wesentlichste Hut bleibt doch die Verwirklichung des religiösen Gedankeninhalts des Judentums in'ihren eigenen Reihen. Dies ist ihr festester Halt nach innen nnd ihre wirkungsvollste Propaganda nach außen. Zur Förderung dieser religiösen Interessen bedarf die gesetzestreue Judenheit der Organisation. Sie bedarf ihren aber auch noch aus einem anüereu Grunde, uäullich zum Schutz gegen schädigende Einslüsse von außen, — und hier kann sie der politischen Attttel nicht entraten. S» wird sie eo ipso zur politischen Partei. Die Frage, um die es sich dreht, ist aber die, ob die gesetzestreue Jndenheit sich organisieren soll innerhalb beä jüdischen Gemeinde- und Gesamtheitslebens ooer neben diesem, :— die Gemeindeorthodoxie und der Misrachi haben das erste getan, die separierte Orthodoxie das zweite und die AgudaK Jisroel wird wohl auch das zweite tun. Wir haben «s stets als einen Mangel der gesetzes treuen Judenheit Rußlands betrachtet, daß sie gar keine politische 'Schulung besitzt und nicht im geringsten eingestellt ist Mf die Kenntnis der geistigen Strömungen der. Zeit. Die Ziele des Msrachi. Bon Alexander Adler, Lübeck. Der Zionismus hat bis jetzt eine organisatorische Arbeit geleistet, eine ausgesprochene Golutharbeit. Er hat versucht, das im Laufe des letzten Jahrhunderts locker , gewordene Band, das alle Juden der Diaspora umschlingt, fester zu knüpfen und dort, wo der innere Zusammenhang der Juden mit dem Judentum aufgehört hatte oder aufzuhören drohte, diesen Inden einen neuen Lebensinhalt zu geben. Er hat die Juden aus dem ganzen Erden- : rund auf ein politisches Programm zu einigen unternommen, sie zu einer großen Arbeitsgemeinschaft nnd Jnteressenvereinigung zu organisieren, llnd obwohl auch heute, noch nicht mehr als etwa 50—60 Prozent der. Gesamtjndenheit hinter dem zionistischen Panier vereinigt ist, obwohl es auch heute noch eine starke Opposition gegen die zionistischen Ideen gibt, kann doch die Aufgabe der Bewegung im Goluth als gelöst betrachtet werden. Denn letzten Endes ist doch das zionistische Programm: die Schaffung einer Heimstätte für die Juden in Palästina, nicht der Zweck, sondern das Mittel, jüdisches Leben dort wieder entstehen zu lassen, wo es zu verschwinden drohte, jüdischen Lebensinhalt und jüdische Ideale wieder zu geben allen Söhnen d^s Volkes, zu einer Einheit znsammenschmelzen alle zerstreuten Telle der Judenhell, das Bewußtsein bei allen Juden zu wecken, daß sie - sich ansrajfen müssen zu jüdischer Tat und Betätigung. Und das ist dem Zionismus gelungen auch, bei seinen Gegnern. Ueberall im jüdischen Lager ist heute ein regeres Leben,- als es noch vor wenigen Jahren der Fall war. Ueberall, sogar bei ausgesprochenen Assimllantea, hat sich das Interesse an jüdischen Dingen belebt uni» verinnerlicht, und man sagt wohl nicht zu viel, wenn man den Satz ausspricht: Der Zionismus war der Sauerteig, der dadurch, daß er das Gesamtjudentum in Gärung versetzte, verbindend wirkte auf alle feilte einzelnen Bestandtelle und diese zu seiner eigentlichen Bestimmung erst brauchbar machte. Nichts Neues hat der Zionismus gebracht und nichts Neues wollte er bringen. Er hat Kräfte und Ideale, die schlummerten, wieder erweckt, nicht neu geschaffen. Er hat einer großen Masse von Juden, die sich vom Judentum fortbewegten, die Richtung gewiesen, in der sie gehen mußten, um sich ihr Judentum zu erhalten. Zur Reubelebung hat er Anlaß gegeben, Mittel und Wege gewiesen und Erfolge, erzielt, die beispiellos sind in der ganzen Geschichte unseres Volkes. Aber well der Zionismus, und dies besonders in den Westländern, sich in erster Linie an die Juden wandte,' die, bewußt oder unbewußt vom wahren Judentum sich bereits well entfernt hatten, und weil es ihm gelang, diesen von seiner Begeisterung für das Jüdische einzuflößen, - konnte oder mußte eS geschehen, daß diese auf ihrem Wege zum Judentum vieles mitbrachten, was nicht jüdisch war, und versuchten, in bestem Glauben, fremde Sihten» Gebräuche und Ansichten, die die ihren geworden waren, ins Jüdische einfach, zu übersetzen. Das ist kein Beweis gegen den Zionismus, sondern für ihn. Es zeigt, wie nötig es war, die von^ moderner, europäischer Kultur durchtränkten Juden zur Selbstbesinnung aufturufen; «S zeigt, wi»