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Neue jüdische Presse · 1919-04-25 · Heft 16 (25.4.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 16 (25.4.1919)
Date
1919-04-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■iiiiiiiiiiimiiiiiiimiiiniiiiiiiiiiiiimHinnmiiimiiniiiiiiiiniiiiii; £ Erftheini wöchenttich am Freitag.'Bezugspreis pro Viertel- £ £ jabr: 3n Frankfurt a.M. Ulf. 1.80 frei ins Haus. Be! der Pos! : : abonniert Mk. 1.30, ftei inS Haus,4 pfg. pro Monat mehr. / Bei : £ Zusendung durch Streifband fir Oeutschland uno Hfierreich-llngam £! 3Jlf. 2.25, für alle übrigen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer 15pfg. : Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M.,Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis .iiiiiiiiiinmiiiimimmuimiimniiiiiimmiwnmmmmiwuiiii Infertionspreis für die sechsgespaltene petiizeile50 pfg., für £ : die Reklamezeüe Mt. 1.50. Bei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrifi ohne VerbindvchkeL / £ ' £ Annoncen-Annahme bei der t^ped.und in a.Annoncen-Bureaus. £ £ Konto bei dem poMeckamt in Frankfurt a.M. unter Ar. 4864. : 17. Jahrgang. Freitag, de» 25. Nissan 5639 (25. April 1919) ——«m»—aaaa——■ i n >! »»■aaaa~~'\' « i i . ■ ^~**~* Rr. 16. Las neue Werde». Zu den sozialen Neuordnungen. Von Be n Jeph une. ’ Das Gesicht der unruhvollen, erregten Gegenwart wird von dem Zug einest einzigen großen Werdens beherrscht, eines Werdens von unvergleichlich stärkerer Intensität und größeren Ausmaßen, als jemals zu irgend einer Epoche ver menschlichen Geschichte. Die Periode der (scheinbaren) Erfüllung, allmählichen Stagnierung, inneren Stillstandes und innerer Verarmung wird von einer Zeit mächtigen Geschehens, vorwärtstreibender Impulse, umstürzender und aufrührender Neugestaltung der Dinge abgelöst. Waren Trägheit und Schwunglosigkeit Kennzeichen der verflossenen Entwicklungs-, epöche, so ist nur das Heute der Bannkreis einer Auswirkung und Entladung ungeheurer Energien, eines Widerspiels der Kräfte, die, verstärkt, potenziert, hervorbrechend, .das neue Werden bewirkten und bedingten. Und dieses Werden will Reinigung, Erneuerung, Verjüngung bedeuten — trotz aller Zerstörungs» und Zertrümmerungslendenzen, die es aufweist. Weil jedes emporführende Werden qualvoll und zugleich erhebend ist, weil es immer schmerzhafte Loslösung vom Alten, seine Ueberwindung, weiter aber beglücktes Schreiten zum verheißungsvollen- Neuen ist. Hier gilt es, den Sinn dieses Neuen' in ganz großen Zügen zu erkennen und zu begreifen, um ein Bekenntnis dafür oder dawider ablegen zu können, entschieden, überzeugt, , entschlossen. Das Werden unserer Tage spiegelt ein Ringen um höchste Ziele wider, iip. das sich Rufe der Verzweiflung und Mißtöne niederen Verlangens .mischen: es rüttelt an den Grundlagen von Staat, Wirtschaft, Kultur. ' Es nimmt seinen Ausgang bei der Wirtschaft -und wirkt über den Staat in der Kultur fort. Es trägt so den Stempel einer sozialen Krise von gewaltigen Dimensionen an sich. Ihren geistigen Sign erhalten diese tiefgrryfenden Bewegungen durch das Wollen, das sie beherrscht, das! Ziel, dem sie zustreben. Schaffung des Au sg leichszwischen Mächtigen und Machtlosen, Reich und Arm, zlvischen Besitzenden und Besitzlosen, zwischen Mensch und Mensch (in materieller - Hinsicht). Der Ausgleich äst die Form der sozialen - Neuordnung, ihr Ursprung ist der Schrei und der Drang nach Gerechtigkeit, ihr weserchaster Inhalt ist( der Wille zum Recht, ist der Kampf um die - Gleichberechtigung aller Bewohner der Erde. Es ist.nichts anders äV> der uralte, durch die Wand der. Unnatürlichkeiten und Unwahrheiten oer nackten " Wwalt immer wieder durchbrechende Wille, das durch Machtworte und Machttaten entthronte Prin- : zip: der ewigen, göttlichen, unwandelbaren Gerechtigkeit auf den allbeherrschenden Sitz in der Welt ‘ zu' führen. Die einzelnen Glieder der menschlichen Gesellschaft sind vor diesem Prinzip' gleich. Nicht unterschieden, sind Menschen schlechthin; und niemand darf das Recht des autonomen Wachens über fein Selbst, seinen'kostbarsten Besitz, und seine freie . Entfaltung genommen werden. Und. das Idol der Macht;. verrucht und unsittlich^ muß von seiner j Höhe, für; ewig herabgestürzt undzertrümmert : werden, Aus dem Erkennen -und. Erfühlen , dieser Notwendigkeiten heraus ist die soziale Umformungsbewegung geboren. Sie will Ausgleich uni> Gerechtigkeit, Ziele, die sie aber durch alle Erschütterungen, über alle Lockungen und Versuchungen durch die Macht hinweg, nicht aus dem Auge - verlieren darf. Nicht anders lautet diese von dem Willen zur Gerechtigkeit eingegebene Forderung, auf das Leben der Nationen angewandt. Sie heißt: Ausgleich .der'Nationen nach Maßgabe von strengem Recht und wirklicher Billigkeit, Zuerkennüng oes Rechts auf volle Entfaltung der Volkspersönlich keil des Rechts auf Wahrung der eigenen Physiognomie an jede einzelne Volksgemeinschaft. . Es will jedoch ein tragisches Verhängnis, daß die Idee der ausgleichenden Gerechtigkeit, in dem Moment, da sie ihren. Einzug in die Welt der Realität halten will, die Gefahr läuft, in ihr Gegenteil verkehrt zu werden; und es droht der Ausgleich zwischen Klaffe und Klasse, Kolk und Volk in eine Entrechtung und Niederhaltung ber seither Mächtigen durch die seirher Leidenden auszumünden, auszugrten. Es droht neben dem Willen zur Gerechtigkeit, ein Zweites, 'Größeres verloren zu gehen: der Wille zur Versöhnung, und zur Verbrüderung. Ist Ausgleich durch Gerechtigkeit Anbahnung, so ist Versöhnung im weitgefaßten Sinn Fortsetzung und halbe -Vollendurig, ist Ausgleich primäres Postulat, so ist Versöhnung ein im Grunde dem ersten Ziel erst den höchsten Wert verleihendes Moment. Zu Unrecht pflegt man von den drei Losungsworten der französischen Revolution; kiiborttz, sZalits. frateniite." das letzte kurz äbzutün und zu vernachlässigen. Denn es ist nicht Rausch und eitler Ruf gewesen, sondern. Ansdruck eines innerlich tiefempfundenen Bedürfnisses, eines plötzlichen Jnnewerdens der Gemeinsamkeiten aller Menschen, d es Verlangens nach wahrhaftem, brüderlichem Zusammenleben mit den Mitmenschen und Mitvölkern. Und daraus ergibt sich jenes zweite, höhere Ziel der großen sozialen Bewegungen. Der Sinn des neuen Werdens um uns ist so durch die Ideen der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit gegeben, ist Umban und Ausbau'im Geiste gerechter und brüderlicher Menschlichkeit. . Das jüdische Volk ist von der Neugestaltung der Tinge in hohem Maße betroffen. Der Ausgleich der- Nationen, der sich mit dem Be-' ginn der großen Kriegsrevolution angebahnt hat und allerdings nur zum Teil eine Wirkung sozialer Neuordnungen war, hat dem zweitausendjährigen Unrecht an dem jüdischen Voll ein Ende zu .setzen begonnen. Wir Juden, die wir von dem endgültigen Sieg der Gerechtigkeits-Idee immer tief durchdrungen waren' inmitten der Düsterkeit unseres Galut, sehen - in der Wieoereinsetzung unseres Volkes in - seine Rechte nur einen' Beweis für die Macht und die Notwendigkeit der Durchsetzung .jener ewigen, göttlichen Idee. Wir sehen in dem Sozialismus, gleichviel wie wir uns zu ihm stellen, eine Ausprägung des europäischen Willens zum Recht, zur ethischen Umkehr und zur ^Erneuerung. Dem Volke, das mit Leidenschaftlichkeit die Grundsätze der Gerechtigkeit verfochten hat und das im Grunde^ stets brüderlich empfunden hat für seine ein- ' zelnen Glieder, für Wett und Menschen, wird es g leicht, die innere Berechtigung und Notwendigkeit des neuen Werdens, das ein mächtiger Wille zur geistigen und sittlichen Erneuerung gebar, zu bejahen. -Mer nur soweit, als die neuen Bewegungen von den Ideen, aus denen heraus sie entstanden sind, getragen und. beherrscht bleiben und. als sie, den Verlockungen des Machtgedankens widerstehend, nicht in eine Reihe von Gewaltsamkeiten ' und Gewalttätigkeiten physischer wie geistiger Arch ' zerfallen. Dem jüdischen Volk in seinem neugewonnenen Lande aber wird die Aufgabe zufallen,. eine geistig reinere, vollendetere Form der vollen . Verwirklichung jenes Gemeinsamkeits-Gedankens, eine höhere Form des Gemeinschaftslebens zu sinken, eine Form, in der die Paradoxie der großen sozialen . Bewegungen, die jetzt durch die Welt gehen, sich ausgeglichen hat, in der die Gegensätze von Gegebenheit und Ideologie sich durch synthetischen Geist ausgesöhnt und vereinigt haben. Und das - jüdische Voll, wird bereit sein und wird sich bestimmt fühlen, nach Fundierung seinK' palästinensischen Heimstätte seine innere Kraft auch für die Verwirklichung der Menschheitsziele einznsetzm ' — in welcher Form auch immer — und sein . großes Pathos dafür einzulegen. Wenn wir den Sinn und die inneren Tendenzen des neuen Werdens zu erkennen suchten, so \ gingen wir von der Ueberzeugung aus, daß der - Gegenwartsmoment jeden Einzelnen, jedes Volk und jede Gemeinschaft zu einer eindeuttgen Stellungnahme zum Neuen, Kommenden zwingt. Und es kann sich nur um eine klare Entscheidung l handeln, um eine Bejahung oder Verneinung, Zustimmung oder Verwerfung. Von unsereM jüdischen Volk fordert seine Vergangenheit und seine Zw-., kunst, glauben wir, nichts anderes als das glaubensstarke Bekenntnis zu einer verinnerlichten Gemeinschaftsidee — das Bekenntnis znm jüdischen Morgen. Die neue rrngarische Revolution und •>. die Juden. i Budapest, im April. Der Umstand, daß unter den Urhebern der jüngsten; revolutionären Bewegungen zahlreiche Juden zu finden sind, verleitet gar manche dazu, die Revolution als etwas dem. jüdischen Wesen und Lebensinteresse Gemäßes zu betrachten. Man übersieht dabei leicht, daß neben den auf den hochgehenden Wogen' des Aufruhrs einporgehobenen einzelnen Führern > Tausende und aber Tausende von Juden als erste; in den Abgrund hinuntergeriyen werden, daß . das überall den Mittelstand bildende jüdische Element das erste Opfer jedes Umsturzes wird. Wenn es je ein augenfälliges Beispiel dafür gab, so bildet es die ungarische Umwälzung. Es ist unleugbar: die Führer des un- > garischen Bolschewismus sind zum überwiegenden Teil Inden. Nahezu ein Dutzend Juden sind in der neuen ungarischen Räteregierung vertreten. Juden sind die „Bol8beaufiragten" Sigmund Cnnfi (ehemals Cohn), Dr. Scirtble'r, Dr. Hamburger, Dr. Warg», Tibor- Samneli, Dr. Pogan (dessen Vater auf Schwarz hört und bei der Pester Neologischen Chewra Kadischa beamtetist), Wilhelm Böhm und viele andere. Auch die von der Gefängnispritsche ans den Regierungssitz erhobenen. Kommunistenführer Bela Knn und Bela Wargo sind Jnben. Sie sind: es freilich nicht mehr» wahrscheinlich noch weniger uls ihre russischen Geistesbrüder Trotz tt, Radek und Sinowiew, die immerhin aus einem jüdischen. Mlien hervorgegangen sind und daher dem Judentum' viel näher stehen, als die bis ans die Knochen magyarisierten ungarischen Auchjnden. In dieser Perfonenliste erschöpft sich aber auch der Anteil der-ungarischen Judenhert an der revolutionären X -Umwälzung vollauf. .Größer «nd surchtbarar alS diesen '

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