Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1919)
- Date
- 1919-04-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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- j Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis -pro BkerteljaLr: In Frankfurt a.M. Mk.1.80 ftei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.80, frei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Bei -Zusendung durch Streifband furDeutschland urw Österreich-Ungarn ' : Mk.L25,fur alle übn'genLänderMk.2.so.Einzelnummer ISpfg. ....................... .....mm iiiiimiimiimia Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M.,Langestraße z Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galt) Geis IIIUIIIUI, Insertionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile SO pfg., für die Reklamezelle Mk. 1.50. Bei Wiederholungen entstrrechenber Rabatt. / platz- und' Datum-Borschrist ohne Berbindlichkeit. /■) Annoncen-Annahme bei der ^ped.und kn a.Annoncen-BureaüS. Konto bei. dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr. 4864) 17. Jahrgang. Freitag. Sen 11. Nissan. 5679 (11. April 1919> Rr. IS Peffach. - .• f (: Wieder zieht in Israels Häuser Pessach, die Erinnerungsfeier an die erste Revolution der Weltgeschichte, ein. Wohl hat in den seitdem verflossenen Jahrtausenden die Welthühue manche/ Umwälzungen gesehen, doch jene Uniwälzung an dem Nilstrom vor dreieinhalb Jahrtausenden ist in ihrer wunderbaren Ereignisschnelle und in ihrer gigantischen sittlichen Größe einzigartig geblieben. , Die Aegypter waren damals das Volk der Macht in der Welt; noch heme bezeugt dies der Pyramiden ungebrochene Feste. Für die Dauer der Zeiten waren diese Steinriesen errichtet, und der Schöpfer glaubte, mit der Ewigkeit seines Werkes auch seiner eigenen ungebrochenen Machtfülle Ewigkeit sich verbürgt zu haben. Nie hat ein aller menschlichen Erwägungen barer Materialismus größere Triumphe gefeiert als in dem Aegypten der Pyramiden. Erforderte'es das scheinbare Staatsrecht, dann-wurden Säuglinge zu. Tausenden im Wasser ertränkt oder die 'Kraft von.zehntLuseuden Männern in endloser, erdrückender und zerschmetternder Frohnarbeit gebrochen. Selbstvergötterung war der Angelpunkt jedes'-Denkens der Machthabenden, und fremd jedem Gedanken an die Möglichkeit einer^ Vergeltung warf sich Aegyptens.König in die Brust und rief: Wer ist Gott, '.daß ich .auf' seine Stimme höre? Ich kenne Gott nicht! - Doch Gott gab die Antwort. In einem einzigen Augenblick lag die Pracht und die.Stärke des AegyptertumZ wie ein verwelktes, abgefallenes Blatt za Boden. Eine Mitternacht war's, da Gott alle Erstgeborenen Aegyptenstötete und nur, die Erstgeborenen jenes, Sklävenvolkes verschonte, das 'Aegyptens Pyvqmidengröße mit Hingabe' jeglichen Anspruches auf Besitz, Selbstbestimmungsrecht und Leberisfreude errichten mußte.' In diesem Mitternachtsaügenblick ward das Volk der unüberwindlichen, für die Zeiten Dauer"gegründeten Macht zum Volke der Ohnmacht, sah seine Erstgeborenen und seine Götter sterben und konnte es nicht bindern, sah die unterste Sklavenhorde -seines Kasten- . staarswesens als freies Volk zum Auszug rüsten und mußte dazu noch Hilfe leisten. Ein Befreiungswerk vollzog sich, für dessen Ausführbarkeit durch menschlichen Geist und menschliche Mittel' jede Möglichkeit fehlte. Doch welch' ein Wiinder, — ohne Waffen, nur den Wan- .derstab in der Hayd^—mitall' seinen Frauen, , Kindern und ' Herden, noch den Peitschenhieb de? /Drängers auf. dem Rücken spürend, zog das Volk /Israel., ans Aegypten^ — und kein Aegypter wagte es', .ihm zu lvehren. Denn in diesem Mitternachtsaügenblicke ward die Erkenntnis auch dem ganzen ägyptischen Volke offenbar, daß es noch etwas stärkeres als die überragendste menschliche Macht gibt: Göties/WiÜen. ' . - X So spricht denn die Geburtsstunde des Volkes .^Israel den Sieg des Idealismus über den Materialismus, irer wahren Religion über das Götzen- .:tuyt .,aus. ,/Fch, Gott,. Dein.Gott, bjn's allein/ der Dich ausdem Lande Aegypten,, aus dem Hause ' des SKaventumsgeführt, hat, Labe - deshalb keine arideren-Götter vor meinem Angesicht!" - ‘ Auch der Name wje die'Symbolik des Festes, die diese Begebenheit für alle Geschlechter des Volkes Israel wachhalten will, lehren, daß dieses Volfes Lebensdasein und Lebensaufgabe den schärfsten Protest gegen jene Weltanschauung bilden soll, die in 'dem Aegypter die reinste Verkörperung fand. Chag ha' Pessach, das Fest des „Hinüberschreitens" über Israels Häuser, als der Tod' in Aegyptens Häusern wütete, wird durch das Pessach-« Opfer und die ungesäuerten Brote versinnbildlicht. Das Pessach-Opfer weiht Schwelle und Pfosten des Hauses Gott, und der Verzicht auf das gesäuerte Brot für die Dauer des Festes, als Sinnbild der Tätigkeit der menschlichen Hand, spricht es gleichfalls aus, daß das Götzentum des Materialismus in des jüdischen Volkes Mitte keine Stätte finden soll.- Die Nutzanwendung des Jdeenkreise-, zu dem das Pessachfest das jüdische Volk in jeder Generation erziehen will, für unsere jüngste Gegenwart ' liegt auf der Hand. Nicht die geschichtliche Tatsache seiner Volksschöpfung, sondern die Art, wie diese Schöpfung vor sich ging, will in diesen Tagen besonders, beherzigt werden, da wieder ein-. Mal ein Gewitter gewaltiger Weltereignisse den Blick geöffnet hat in all das Unrecht und Unheil, in all den Drück' und das Fluchbeladene des nur auf sich bedachten, Gott, den Vater aller Menschen, nicht kennenden Machtstrebens. Auch in unseren Reihen beugt die,Masse die Knie vor dem goldenen Kalb des Materialismus; Menschenliebe und Wenschenachtung, ruhiges Gottvertrauen ' find auch in unserem Reihen seltener geworden. An. den Sünden unserer Zeit, die die Wirrnisse unserer Zeit herbeigesührt haben, trägt man auch aus unseren Reihen heraus einen schweren Teil Schuld. Da tritt denn Pessach, das Fest des „Hinüberschrcitens", Chag ha'Mazzaus, das Fest der ungesäuerten Brote, vor unser Gewissen, es auszurütteln aus seiner satten Selbstgenügsamkeit. Der. Schwächste schreitet fort zu immer lichterer Frcihejs, zu Kraft und Größe, währendder Machtvollste zu Grunde geht; entscheidend für unser Schicksal und für den Segen, unseres Lebens ist nur die Auffassung unserer Verhältnisses zu Gott und der Mitmenschheil. Das gilt für den einzelnen Menschen, das gilt aber auch für die Völker, denn zwischen der sittlichen Pflicht des einzelnen und der Völker gibt es' keinen Unterschied. , Aus einem unendlich tiefen Brunnen abgeklärtester Weisheit schöpfen, wir Juden an unseren Festen. Möge gerade in unserer schicksalsschweren Gegenwart die Spracheiws Pessach? und Mazzausfestes Gehör finden! Das jüdische Volk ringt heute - nach seiner Verjüngung, nacheinem schöneren, sich selbst gerechteren- Leben; es wird ihm werden, wenn es den Sinn seiner Völksschöpfung ver- . steht. ' Ei» Interview mit Hermann Struck. Ein Redakteur der .„Deutschen Mg. Ztg." (früher „Nordd. Allg. Ztg.") interviewte Hermann Struck über die Jüdenfr.age ans der Friedenskonferenz. Hermann Struck äußerte sich wie folgt: Wenn mir von der deutschen Regierung, der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden ist, als Sachverständiger bei Besprechung der jüdischen Auge-- - legenhciten aus der Friedenskonferenz Ar die"); deutsche Delegation zu dienen, so glaube ich das ) auf zwei Gründe zurückführen zu dürfen. Einmal habe ich.in den ein und einhalb Jahren meiner. - Tätigkeit als Referent für die jüdischen Ange? .■ legenhciten in der politischen Mterlung des Ober- .' besehlshabers Ost Gelegenheit gehabt, mich ein- . gehend mit der Lage und den Wünschen der oft- - jüdischen Massen und den sozialen, kulturellen und' nationalen.Gründen der ostjüdischen Frage ver- ' traut zu machen. Sodann darf ich mich ge,visier-- maßen als Exponent einer vor etwa drei Monaten gewählten Kommisiion betrachten, die in ihren . Mitgliedern die hauptsächlichsten Richtungen des ' deutschen Judentums in . sich vereint: Herrn Geh. Justizrat Fuchs als Vertreter der im »Zcntrakverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glau» : Lens" zusammengefaßten nationalüentschen Juden, - Herrn Rabbiner Dr. Pinchas Kohn als Repräsen- . tonten der strengen Orthodoxie und Herrn SRiüji." Lichtheim, den langjährigen Vertreter der zionistischen Organisation in Konstantinopel. ' Ich möchte im übrigen von vornherein be-; tonen, daß die deutsche Regierung sich zur ' Berufung eines jüdischen Sachverständigen und zur 3 aktiven Teilnahme an den Besprechungen hes» i, internationalen jüdischen Problems, trotzdem fürdie 600000 deutschen Juden eine eigentliche natia°» - nale Frage nicht wie in den Ländern jüdischer- ''. Massensiedlung existiert, nicht nur deshalb ent« , .schlossen hat, weil die maßgebenden englisch-ame- ’ litauischen Kreise großen Wert auf die Lösung^ der jüdischen Frage' in einem Sinne legen, der den in der jüdischer Kongreßbewegung der verschiedenen Länder in den letzten Kriegsjahren.einheitlich zum Ausdruck gekommenen Prograuny-- punkten der jüdischen Massen entspricht. Vielmehr herrscht in der Reichsregierung die Üeberzeugnng i vor, daß' das neue Deutschland dort nicht fehlen wo durch Zusammenwirken der Mächte zum-; ersten Male der Versuch gemacht wird, das tratsche Geschick eines alten, von unendlichen Leiden hcimgesuchten Kulturvolkes so zu wenden, wie es.. - der historischen Gerechtigkeit, de» elemyvtaren Lebensbedürfnisien dieses Volkes.und nicht zuletzt auch den Interessen der. Länder entspricht, in denen Juden' in größeren Mengen wohnen. Was zunächst die Stellung zu einem jüdischen Palästina betrisst, so hat, nachdem schön / im vorigen Frühjahr Freiherr von dem Bussche- ' Haddenhausen im Namen des Auswärtigen Amtes, allerdings mit der damals gebotenen Rücksichtnahme auf die türkischen Interessen, das palästinensisches .jüdische Kolonisationswerk der Sympathien' den3 deutschen Regierung versichert hatte, auch die neue Regierung keinen Zweifel .darüber entstehen lassen, daß sie in der Besiedlung des menschenarmen Lundes durch Inden, die es einer neuen wirrschast-! lichen Blüte entgegensühren können und dabei ins der Lage sind, ihre Eigenkuttur wieder, zu ent--,. wickeln, ein Ziel sieht, das den deutschen Interessen in keiner Hinsicht zuwrderläuft. Ich halte es für selbstverständlich, datz^es! in dem jüdischen Palästina keine Einwanderungsbeschränkungen für demsche Juden geben wird.dernr den jüdischen Interessen wird nur dcmn. wirklich ' i •~*S tff K - V» . :c -4 ■ft Ä