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Neue jüdische Presse · 1919-03-21 · Heft 12 (21.3.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 12 (21.3.1919)
Date
1919-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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: Erscheint wSchentllch am Freitag. Bezugspreis pro Viertel«; : jabr: In Frankfurt a.M. Mk.ck.so ftei ins Haus. Sei der Post :; abonniert Mk.ck.Sv,stei kns Haus 4 pfg. pro Monat mehr./Lek : : Zusendung durch Streifband furOeutschland unvi5sterreich«Lngam : : Mk. 2.25, für aNe übn'gen Länder Mk.2.50. Einzelnummer cküpfg.! [UBUIIIIIlUUIlUIUMMlIlUIUUIIIIIIIllMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIli Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2902 Herausgeder: Galtz Geis Insertionspreis für die sechsgespaltene petitze/le 50 pfg., für die Reklamezeike Mk.it.Zo. Lei Wiederholungen entsprechender Rabatt. / Platz, und Datum «Vorschrift ohne VerbiadlichM./ j Annoncen-Annahme bei derttzped.und in a.Annonren«LureauL. : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Nr.4864. i gin.i.i.......ii.............................................................. 17 Jahrgang. Freitag» de« 1V. svLvinl 5679 (21. Marz 1919) Nr. 12. Brief ans Petrograd. Petrograd, Mitte Februar. Seit November v.Js. sind wir von der übrigen Welt abgeschnitten. Nicht-bolschewistische Zeitungen existieren seit langer Zeit nicht -mehr. Ab und zu erscheinen! zwar in der Presse Mitteilungen der englischen Funkentclcgraphenstation in Karnarwone, die uns bisweilen auch über die wichtigsten jüdischen Vorgänge informieren. So erfuhren wir auf 'diesem Wege "von der Einberufung der Londoner Friedenskonferenz sowie vom! Stand der Palästina» »i frage auf der Friedenskonferenz. Derartige Nachrichten , werden aber nur selten von der hiesigen Presse gebracht. 7 Es ist daher ein großes Glück, daß die zionistischen Büros '-in EuropaluntfAmerika stets bemüht sind, uns Informationen zukommen zu lassen. Das Hauptunglück unseres öffentlichen Lebens ist gegenwärtig der Hunger. Das reich gewordene Dorf streikt. . Der Bauer will um 7 keinen Preis Brot abliefern. Die bolschewistischen' Kommissare versuchten durch Strafexpeditionen, die auf dem ganzen platten Lande die Lebensmittel requirieren sollten, den Bauern die Bedeutung der . Städte nahezulegen, jedoch ohne Erfolg. Die Bauern besaßen übrigens auch nur wenig Getreide, da im vorigen , Jahre wegen der Unruhen, sehr wenig gesät wurde. Die - vorhandenen Kartoffelmengen haben die Bauern für das Vieh verwendet. Als schließlich die Requisitionsarmee das lebende Inventar einfangen wollte, schlachteten die Bauern' das Vieh und verbrannten es zum größten Teil. Zahlreiche Bauernaufstände haben in diesem Zusammenhänge stattgesunden. Allein sim Gouvernement'Tambow wurden im Laufe dieses Jahres nicht weniger als 180 Bauern-Aufstände ge- ' : zählt, die in Aderen von Blut erstickt wurden. Im russischen Bauerntum haben die Bolschewiki ihren Todfeind. Tie Folge hiervon ist, chaß in-den Städten, wo ja der größte.Teil der jüdischen Bevölkerung konzentriert ist, keine Lebensmittel vorhanden sind. Es kam so weit, daß die ’ Bolschewiki sich gezwungen sahen, das Verbot des Handels . mit Lebensmitteln aufzuheben. Das Verbot blieb vorläufig nur. für den Handel, tnit Brot und Fleisch in Kraft. Tiefe Einsicht kam aber zu spät; denn inzwischen ist das platte Land.ruiniert Und ider chormale Handelsverkehr voll- ‘ > kommenvernichtet worden. Tie einzige Rettung bilden jetzt die Hamsterer und verbrecherischen Preistreiber, die zum großen Teil in den' Reihen der Beamtenschaft zu finden sind. '• Die Massenflucht aus Petrograd — es zählt zur Zeit etwa .00000 jüdische Seelen — hat naturgemäß eine schwere Krisis für das jüdische Gemeindeleben gebracht. Ab und zu erhalten wir zwar aus Amerika Beträge — so sind erst vor .kurzem vom Joint Distribution Committee in Newyork bei dem hiesigen Hilfskomitee (Vorsitzender: Heinrich Sliosberg) 50000 Dollar eingegangen —, aber diese Summen lsind ein Nichts gegenüber der Not. Bor pttva 14/Tagen erließ der Gemcinderat einen verzweifelten Aufruf an die jüdische Bevölkerung zur Selbstbesteuerung.' Beim besten Willen ist aber Öie Bevölkerung nichts in per Lage, ausreichende Hilfe zu leisten. Die reicheren Elemente befinden sich! längst in der Ukraine, in der .Krim -oder in'Sibirien. : Inmitten dieses schweren finanziellen Ringens ist die Gemeindeverwaltung vor die schwierige Aufgabe der Trennung der Kirche vorn Staat gestellt worben. Laut dein Dekret der Bolschewiki ist die Gemeinde verpflichtet, binnen kürzester Zeit die Trennung der Synagoge ngemeinde mit allen dazu gehörigen Institutionen vom Staate durchzuführsn. Qtw -Durchführung dieser Aktion ist' mn' sbesonderer Ausschuß aus 'Vertretern des Gemeinderates und der'Synagogenvereine gewählt worden. Es soll «ne-" „jüdisch-religiöse Gesellschaftgebildet werden. Laut dein! neuen Dekret fallen sämtliche Immobilien der Gemeinde,, so auch der Friedhof, in den Besitz des Justizckommissariats, welches bereits erklärt hat, mit der zukünftigen jüdisch-religiösen Gesellschaft.-ein Abkommen zu treffen zwecks Beimtzung der in Betracht kommenden ejcpro- ^priierten Jmmobilien und Anstalten für die religiösen Interessen der Juden, j ‘ s;?Dre russisch^ Judenheit hat stets in deni/schwersten Taigen sozialer Not'den jüdischen Geist mit allen.Kräften Hoch- Tagen ' seine VerwiEichnng 'gefmchen'haL'Mit igroßu: Freude würde dir Mitteilung d«S AüSfchüffeS zur Gründung der Volksnniversität über die am 1. März bevorstehende Eröffmmg der Volkshochschule ausgenommen. Unter den Lektoren finden wir die besten zur Zeit erreichbaren Kräfte. Ueber jüdische Geschichte und Literatur werden lesen Dubnow, Losinsky und I. D. Brutzln s. Ueber das jüdische Recht und über die Ethik des Judentums werden lesen die bekannten Gelehrten I. M. uno M. I. Kuli scher, über jüdische Kunst lesen die berühmten Künstler I. Giuzburg und M. Maim»n. Ueber die neue jüdische und hebräische Literatur lesen S. Epstein und Eljaschew (Baal-Mach-choves). Die in Paris tagende Friedenskonferenz hat; auch innerhalb der russischen Judenheit daS grüßte Interesse hervorgerufen. Der Rat der jüdischen Gemeinde-Organisationen Ijat Ende Dezember an sämtliche jüdische Parteien die Aufforderung gerichtet, einen jüdischen Kongreß sofort einzuberufen zwecks Ausarbeitung unserer Forderungen zur Friedenskonferenz. Zustimmende Antworten sind von den Zionisten, von der Bolkspartei und von der Organisation Achdus (Orthodoxie) eingegangen. Die jüdisch-sozialistischen Parteien haben ihre Beteiligung an dem „burgeoisen" Kongreß abgelehnt. Am schroffsten lautete die Antwort der Poale-Zion, die erklären, daß der einzige Vertreter und Träger des organisierten Willens der Judenheit das jüdische Proletariat sei, und ihm ^allein stehe es gu, über das Schicksal des Volkes zu entscheiden. Trotz der ablehnenden Haltung der linken Parteien wird der Kongreß in Bälde abgehalten werden. Die Lage per Juden in Bessarabien. Don absolut zWerlässiger Seite erhält die ,/Wiener Morgenztg." die folgenden Zeilen: Seit Bessarabien von den Rumänen -besetzt wurde, herrscht dort ein wahres Schreckensregiment, das namentlich die Juden zu fühlen bekommen. Au!f allen Gebieten find sie Repressalien ausgesetzt, wobei man sich aller möglichen Borwände bedient. Prügelstrafe und Plünderungen sind an der Tagesordnung, es werden beständig Requisitionen vorgenommen, kurz, es herrscht ein despotisches Regime hes rumänischen Militärs. Man geht systematisch gegen die Inden vor und möchte sie am liebsten ganz ausrotten, weil die Juden als Wortführer der liberalen Ideen gelten und dadurch den Haß der Rumänen Hervorrusen, die sehen, daß die Stimmung des ganzen Landes gegen sie ist. Die in Bessarabien wohnenden Rumänen sind gänzlich russisiziert und wollen von den rumänischen ,/Befreiern" nichts wissen. Sogar die Bojaren sind gegen sie, so daß die Rumänen aus keiner Seite Freunde finden. Esin Plebiszit würde sich völlig gegen die rumänische Herrschaft aussprechcn. Unter solchen Umständen ist es die Hauptsorge der Rumänen, das Land zu nationalisieren. Mit den Schulen ist schon begonnen worden. Die jüdischen Schulen sind geschlossen worden unter dem Borwand, daß die Umgangssprache nicht die rumänische sei. In verschiedenen Städten ist es zu Ausschreitungen und Mißhandlungen der Juden gekommen, wobei die beteiligten Soldaten straflos blieben. In Chotin wurden Juden ohne jeden Grund von Gendarmen erschossen und unbeerdigt liegen gelassen. Es wäre höchst wünschenswert, eine europäische Kommission nach Rumänien zu schicken, welche die Verhältnisse untersuchen sollte. Die Juden in Bessarabien erklären, sie würden alle auswandern, falls Bessarabien rumänisch bliebe. - Die Palastivafrage in der englische« Presse. Der „Manchester Guardian" schreibt: „Die zionistischen Führer sprachen auf der Friedenskonferenz vielleicht für die 'größte und älteste der kleinen Nationen. Vierzehn MMonen Juden fordern mit leidenschaftlicher Volksliebe die jüdische Kolonisation Palästinas. Obwohl die Juden gegenwärtig in Palästina, nur eine kleine Minorität sind, hat die jganze jAnsche Ration ein Anrecht auf Palästina: . - Glücklicherweise besteht üuf der Friede Hs-kv-nfe renz-ket nx MeinungSvarschieb«tt heit über die Äerechtiglait dar jüdischen Forderungen, aber die Friedenskonferenz muß mehr ' 4 tun, als nur das Prinzip proklamieren, daß die Jaden, volle Freiheit haben müssen, Palästina «ls ihr Heim anszubauen. Die Konferenz muß jeden Beistand leisten^.?., der dazu notwendig ist. Wenn der Weg frei rst, kann^ man vertrauen, daß das jüdische Volk, das so fähig ist, ' - sich für Ideale zu -opfern, zu seinem- Ziel gelangen wird." ,Kvening Niew s", die früher antisemitisch waren, schreiben:- : ' - ' - „Bon allen Fragen, die die Friehynskonserenz beschäf- 7 tigen, übertrifft keine an Wichtigkeit'-die des Zionismus,' der das Herz der jüdischen Frage ist. K beseelt das' Judentum und die äußere Welt mit jüdischen Afpirationen, die alt wie die Diaspora find Und fordert Sympathien und Zustimmung derjenigen, die ihn behandeln. “ Kein Staatsmann ist fähig zu regieren, außer wenn er das-- - Judenproblem studiert hat. - - . * ' Kein Problem - ist so schwer zn verstehen, wie das jüdische. Sind 'die Juden eine Rasse, eine Nation oder ein Glaubensbekenntnis? Tatsächlich sind alle drei Fak- , toren vorhanden. Die wichtigste Kraft des Zionismus siegt , in seiner Aufrichtigkeit. Die Juden haben mehr, für die Zivilisation geleistet, als alle anderen Völker, die Griechen vielleicht ausgenommen. Sie haben das Recht, auch ein- - mal zu zeigen, was sie leisten können. - •(£,, In dem Augenblick, wo die Dreieck Nationen eine neue - Welt schaffen, kann das Streben der Juden micht ignoriert^ ~ werden, und jetzt, wo der türkische Gisthauch beseitigt ist, müssen ihre Wünsche erfüllt werden. Damit der Zio- -7, nismus erfolgreich sei, müssen die Führer, die,für..sich selbst Gerechtigkeit fordern, auch gegen andere gerecht-sein. Tie Nichtjudcn müssen die Juden als Brüder behandeln, damit der Judenname ein Ehrenname fei und die mensch- .v licke Achtung erwecke." Tie Zeitschrift „Everyman" tritt dafür ein, daß Palästina dem Völkerbund unterstellt wird, der direkt vder durch ' eine dazu bestimmte Macht die Entwicklung Palästinas zur jüdischen Heimstätte erleichtern, einerseits die Juden und 7 r andererseits die Nichtjudcn vor einer Verletzung ihrer be- - £ rechtigten Ansprüche schützen soll . . . Sie.fährt dann fort: „Eine der wichtigsten Aufgaben, die dem Völkerbund- E zitfallen wird, ist die Bevölkerung Palästinas und der Nach»... barländer, die nunmehr von dem verderblichen Einfluß türkischer Fremdherrschaft befreit sind, vor fremden Äapttalisten, Konz ssiouären und Bodenspekulanteck zu' schützend Palästina muß im Interesse der Palästinenser und picht von Finanzleuten in London, Paris oder Newyork. entwickelt" werden. Die unerschlos.enenen Ländereien und Mineralquellen müssen Palästina gehören und durch Palästinenser für Palästina ausgenützt werden. In dieser Hinsicht hat/'' '■ die Zionistische Organisation bereits ein glänzendes Beispiel, - gegeben. Sie erwirbt Land in Palästina durch den Iw» bischen Nationalfonds, zu dem in der ganzen Welt beige- . steuert wird. Das so gekaufte Land kann nicht veräußert 7 und an Einzelpersonen verkauft werden, alle Erträge des. . Nationalfonds in.Palästina werden wieder für Palästina'- 7 verwendet. Bis zum Kriegsausbruch ging Hand in Häich- ... mit der Korruption türkischer Verwaltung der nodjr-E>r> 7' ruptere Bodenspekulant und Konzessionsjäger. Wenn der - - Völkerbund seine Pflicht erfüllt-, dann muß-diese Wirtschaft - - ein Ende nehmen und damit die Ausbeutung des Bauern." Die zionistische Konferenz in London. Nach WeizmannS Bericht in der historischen Mitt- ^' woch-Sitzung referierte abends Färb st ein - Warschau für - die Immigrations-Kommission.. Am Donnerstag wurde.die Aussprache darüber fortgesetzt und alle von ihm vorgeschlagcnen Resolutionen Ader die Regelung der Auswanderung und die Errichtung der Auswanderungsämter angenommen. Es wurde beschlossen. das Jmmigrationszentrum nach London zn legen und eia zweites Zentrum in ein neutrales Land. 4 - Am Donnerstag nachmittag berichtete Ei sende r-g- - Rechoboth über den Zustand der jüdischen Ko lon-ren Palästinas und Dizengoff über ihre Entwicklung im Kriege. Am Freitag morgen referierte Wilkansky über die Grundlngen der Kolonisation., - Dann sprach Jean Fischer über die Grundsätze,die dir politische-Komuri fßto n znx Konferenz der der;/ FriedLnskonftrenz vorgelegten zionistische» tzchch«». 1

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