Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»»luimuimuiniiimniiiiiiiiinmiiT Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Dierteljabr: In Frankfurt a.M. Mk.-1.80 ftei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk.4.8v,stei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Bei Zusendung durch Streifband furDeutschland urw Österreich.Ungarn Mk. 2.25, für aNe übrigen Lander Mk. 2.50. Einzelnummer 15pfg. Mdaktion und Expedition: Frankfurt a.M,Langestraße I Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis j Insertionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile vttptz., für > : die Reklamezelle Mk. 4.50. Bei Wiederholungen entfprechender : ' : Rabatt. / Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit^/- : -- : Annoncen-Annahme bei der Exped.und in a.Annoncen-Bureaus: : : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr.4SS4. : C . ,■ KÜ ..««>M»MM«i«»»»n»»»»«»»MM»»«»»«»»i«»MTiiiiiiuumimiii»iii»iimiiii 17. Jahrgang. Freitag, den 21. ri8vl»r»un 5679 (21. Februar 1919) Nr. 8. Eine Erklärung der bayerischen Rabbiner. Tie freie Konferenz der bayerischen Rabbiner, der sowohl die neologen wie auch dimeisten orthodoxen Rabbiner Bayerns angehören, veröffentlicht - folgende Erklärung: j- . Die freie,Konferenz »er bauerische« Rabbiner har i« - ihrer, Jahresversammlung vom t>. Januar 1919 eiiimnrig ' folgende Erklärung beschlossen: Nach langiährige» schweren Kämpfen, ist unser :ap- --fpres Heer in oic Heimar znrnikgefehrr. Zn beispiellosem ' Heloennni: und ungebrochener Tapscrkeir har cs das I gesunden» andere sich hohe Auszeichnungen verdien:, an- ' dere wiederum Siechtum und schwere Verwundungen yavongcrragcn. - Ihnen allen gilt unser heißer Dank. Sie haben ' dem Vairrlaude und unserer GlänbenSgemeiiischaft . Ehre gemacht. Unterdessen haben gewaltige staatliche Umwälzungen im Vaterlands sich vollzogen. In Dankbarkeil gedcnren lvir - des. gerechten Schildes, den. unter AaneenS Fürsten und Regierungen anck die israelitische Religion und ihre Bekenner im Lande gesunden haben. Wie diese allezeit in Trene zuin bayerischen Vaterlande standen» so werden auch unter den veränderien Verhältnissen ihm die volle Treue wahreir und dem Gedeihen des balscrischen Volksstaates alle ihre Kräfte widmen. Durch nichts iverden sie ' 'sich hierbei abschrccken, von niemand sich die Iugehörigfeit zun: bayerischen lutb deutschen Vaterlande bestreiten lassen. Wir sind bayerische und deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens und wollen in voller Gleichberechtigung an denselben Pflichten und Rechten teilnehme« wie alle anderen Bürger. In die politische Betätigung der einzelnen kann llnd will freilich das Judentum incht eingreifen llnd kann dafiir auch nicht verantwortlich gemacht 'werden. Es ist keine politische, sondern eine religiöse Gemeiiij'hast und verpflichtet als solche alle seine Bekenner» den Vorschriften der Bibel und der Uebcrlieferung gemäß das - Wohl des Vaterlandes zu fördern und seinen Gescheit - zu gehorchen. Wenn lvir für die Neuordnung im Lande bestimmte Grundsätze als Inden aufstellen» 'i> beziehen sich diese lediglich auf das religiöse Wesen des Judentums. Wir verlangen demgemäß: Volle Freiheit der : religiösen Hebung im Gottesdienst, im öfsentlichen und staatlichen Leben — auch im Dienste des Staates — miö gesetzlichen Schutz aller rituellen Anstalten und Einrichtungen» Gleichstellung ini Staate mit den anderen, religiösen Bekeimtnisseic, gleichmäßige Berücksichtigung des israelitischen Kultus bei Zuweisung öffentlicher Mittel, Erhaltung der jüdischen Schulen und des israelitischen Religionsunterrichtes als' Pflichtfach an den öffentlichen Schulen. In einer Trennung von Staat und Kirche erblicken wir eine Gefahr für die religiöse Erziehung , die uns auch im Interesse des Staates geboten erscheint: unter keinen llmständen dürste jene etlva in religionsfcindlichcm sinne durchgesührt werden. Des- ' halb verlangen wir in jedem Falle: eine mehrjährige llebcrgangszeit zur Neuordnung der religiösen Verhältnisse, Fortbestand' oder Wlösnng wohlerworbener Rechte, . Ucberlassnng geeigneter stunden »nd Räume für Den Religionsunterricht au den. össfentlichen Schulen, Aus- ' schluß eines staatlichen Moralunterrichts als^ Pflichtfach, -..Freiheit zur 'Begründung, von . Schulen und Befreiung - von doppelten -Schulabgaben, Ermöglichung der Ausbildung und Anstellung von jüdischen Lehrern und Änltus- . beamte», Wahrung der Gewissensfreiheit für jüdische Lehrer und Schüler an den .öffentlichen' Schulen,- Kori porations- und .Besteuerungsrecht der Kultusgemeinden ' sowie Unantastbarkeit des Kultus- und Stiftungs- Vermögens. - Bon unseren Glaubensgenossen aber erwarten und .' .forberit wir,; hast sie auch unter den veränderten Verhält- - nissen dem-an'gestammten Glauben die alte Treue wahren und'eifricht sichin den Kultusgemeinden betätigen', daß ' sie ihre Kinder zit -religiösem Leben, in Gottessnrcht -und - Sittlichkeit,' in Vaterlands-- und Nächstenliebe -erziehen und ihnen zu diesein Behnfe während der gesamte» Schulzeit ausreichenden religiösen Unterricht zukommen lassen: endlich, daß sie allesamt, alt und jung, Männer und Frauen, die hohen Ideale des Judentums, zugleich seine messianischen Ziele sür die gesamte Menschheit, „Göttcserkenntiiis, Mensctstnliebe nnd Frieden", durch Bekenntnis nnd Leben zu verwirklichen suchen: dem Vaterlande zum Heile, der Menschheit zum Segen, Israel zur Ehre. , Nürnberg, 6. Januar 1919. Die freie Konferenz der bäuerischen Rabbiner. Dr. Eohn, Ichenhausen, Ehrenvorfitzendyr: Dr. Meyer, Regensvnrg, l. Vorsitzender: Dr. Freudenthal, Nürnberg, 2. Vorsitzender: Banlberacr, Würzburg: Dr. Bamberger, Bad Kissingen; Dr- Batrwald, München; Dr. Brader, Ansbach: Dr. Eckstein, /Samberg; Dr. Ehrentreu, München^ Dr; Einstein. Landau; Dr. Finkelscherer, München; Dr. Grünfeld» Migsburg: Dr. .Heilbronn, Nürnberg; Dr. Meyer, Pirmasens: Dr. Neubürger, Fürth: Dr. «atomon, Bayreuth: Dr. Steckelmacher, Dürckheim: Dr. Stein, Schweinsurt: Dr. Weinbcrg, Ncumarkt: Dr. Wohlgemuth, Ditzingen. Ter erste Eindruck des Schriftstücks ist^er, daß es der Selbstsicherheit entbehrt. Die Herren sind einerseits nach außen, ivas die politische Lage betrifft, wegen der jetzt in Bayern stark bemerkbaren antisenlitifchen Strömung, beunruhigt, und sie fürchten andererseits die Wirkung der Trennung von Staat uikd Kirche aus die innerjüdischeu Zustände. - Deshalb nun die Treue zu Bayern und zu Teutschland unter Verleugnung jeglichen jüdischen Volkstunis öffentlich zu bekennen, erscheint uns nicht als der richtige Weg. Ebensowenig wird die Verwirklichung ihrer Forderungen bei der Trennung von Staat und Kirche das innerjüdische Leben vor dem Zerfall retten, loenn es sich nich» in sich hält. Wenn der Umstand, daß ein einziger ehemaliger Jude — lvir meinen den Präsidenten Bayerns, Kurt Eisner — eine starke politische Gegnerschaft hat, schon iin ganzen Bayernland antisemitische Wetten erzeugt,— was bedarf es da noch des Beweises, daß die Nichtjuden in ihren jüdischen Mitbürgern mehr als Anhänger eines Glaubens, auch noch eine Gemeinschaftlichkeit des Blutes sehen'? Wäre cs da nicht'richtiger, statt als Staatsbürger jüdischen Glaubens die Gleichberechtigung als Mensch zu fordern, als Staatsbürger jüdischen Stammes, jüdischer Volksgemeinschaft mit aller Energie die Respektierung der Gleichberechtigung als Jude zrr verlangen'? Tenn nur wenn wir als Juden unter Wahrung all' unserer Eigenart die Gleichberechtigung erreichen, ist sie eine wirkliche und keine Schein-Gleichberechtigung! Es ist eitet Spiegelfechterei, sich nicht selber das cingestehen zu wollen, worüber man außerhalb der Judenheit in der ganzen Welt nur einer Meinung ist, nämlich, daß wir Juden den Charakter eines Volkes haben.. Und gerade die Rabbiner als Kenner des Judentums sollten am wenigsten dieser Selbsttäuschung fröhucn, denn sie ivissen, wie zahlreiche Kriterien uns eigen sind, die weit über das Wesen einer Glaubensgemeinschaft hinausgehen. Die Juden der. ganzen Welt' jind nicht-nur eines Stammes, eines Blutes, — es gibt auch eine Geschichte der Juden. Ter jüdische Geschichtsschreiber, Heinrich Grätz, hat dies gesühltx — und hätte er es . nicht, gefühlt, er hätte nie eine Geschichte der Juden schreiben können. Wer über all dies hinaus gibt es noch zahlreiche Imponderabilien, die die Juden über die Grenzen der einzelnem SänberJ hinweg verbinden. Als Adols Crsmieux. der stcan-l zösische Minister, der von ihm gegründeten Mlianee» Jsraelite Universelle den Wahrspruch „Alle MrpeM Uten sind mit einander verbunden" auf den BeM gab, da sprach er das Bekenntnis des, nationalen^ Postulals für die Judenheit aus, — und Heinrichs Grätz nnd Adolf Crsmieux wußten noch nichts? ton?| einer zionistischen Bewegung: ihre Zeit Mir noch: nicht vorbereitet für die Verwirklichung emes Ge-j danlens, der vor der Emanzipation einem jeden Indens eine Selbstverständlichkeit war, über die man. nichts nachdenkc, — doch in der Theorie sprachen' fie bief Grundlage der zionistischen Lebensanschauung, nänr-; lich das jüdische Volkstum, aus. Wir .vürdigen es durchaus und haben vollesß Verständnis dafür, wenn die- Rabbiner als HüterZ der Religion ihre ganze Aufmerksamkeit auf die» religiöse Seite des Judentums vereinigen, denn auM uns ist b-c Religion Vas wertvollste Gut, dc^ä Höchste. Aber gerade zur Erhaltung der jüdischere Religion ist die Betonung und Pflege des jüdi-4 schen Volkstums dringende Notwendigkeit. | Ter frühere Rabbiner mar Rechtslehrer, unfc| Richter und der politische Führer seiner Ge-j meinde, wie ivir es auch Heute noch im Osten; Europas finden. Dem Rabbiner Westeuropas obliegt L aber einzig und allein die Hut der. Religion, --i und trotzdem war »wch nie ein solcher Tiefstands in dein Verhältnis der Judenheit zu ihrer Religionß wie heute in- Westeuropa. Krasse Unkenntnis lyifcf vollständige Gleichgültigkeit der jüdischen -ReligioM gegenüber ist eine durchgehende Erscheinung: der? jüdischen Masse, und nur noch hie und da zeige jiM in dieser großen Sandwüste eine Oase, in der hie; Religion des Judentums treu, gepflegt wird. Haben sich die Rabbiner über ihre Ohnmacht noch me Gedanken geniacht, sich noch nie gefragt, was bentif die Ursache dieses unaufhaltbaren Zusammensturzes ist'? Und ist nicht ein heimliches Staunen, über gekommen, als es sich.auf einmal regte unter Jünglingen nnd den Jungfrauen. Israels, aG sich bei all' den Zusanimenstürzen plötzliH eyr.Wiß' bauen Zeigte und gerade unter derintelM tuellen Jugend, besonders unter den stüdMnsck, Jugend, die ionst am schnellsten und am rads-Z kalsten absies, sich diese wunderbare Sinnesänderung vollzog'? Freilich, sie geschah nicht unter dem. Zeit, der Religion, geschah unter dem Zeichen des tums. Konnte dem aber anders sein'? Ist., nicht die Religion ein Anerzogenes, und war sie nicht Tausenden der Wiederbekenner zu dem jtchischen Volkstum, Tausenden der nach einem lcbeudlMn^ bewußten Judentum Ringenden fremd? Währen bisher trotz aller Mühen der Rabbiner die Ei Wicklung jeder neuen Generation immer weiter v einem bewußten Leben im Geiste der jüdisch Religion sich entfernte, zeigte sich hier neben'leb haftestem jüdischen Interesse eine Älnnäherung aur zur Religion. »Tenn Kenntnis der Bchek,- By)h ächrung der Feste, Achtung der durch die Fahsthhmderte . geheUigren jüdischen Sitten sind auch" ir~- arckigiösen Zionisten Pflichten.^ Hätten sich auch die Rabbiner zum jüdisch Volksrum offen bekannt, wären sie Führer sta