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Neue jüdische Presse · 1919-01-10 · Heft 2 (10.1.1919) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 2 (10.1.1919)
Date
1919-01-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. Neue Jüdische Presse. i;Bis^ter Aufsicht des Herrn Babb. Dr, Bamberger, Hinan a. ,M. stehende ▼on J. Reiahardt Sohn, in Waehenbnchen, nimmt noch. Bestellungen entgegen. Lieferung’ zum amtlich* festgesetzten’Höchstpreise, frei Haue. Man verlange Bestellschein durch Postkarte oder Fernsprecher Amt Hanau 581. Seine besondere ZustellnngsgebOhr. —-1 J. Reinhardt Sohn, HathenbacbeiL Krias-Hatora-Vereln. Wie wir hören, sind die Schiller der Fortbildungsu»d. Handelsschulen neuerdings nicht mehr am Schabbos vom Unterricht befreit, so daß der größere Teil voransichtlich nicht Zeit findet, am Morgengottesdienst tellzunehmen und die Thoravorlesung zu hören. Es sei deshalb darauf hingewiesen, daß seitens des Krias-Hatora-Vereins jeden Schabbos, nachm. 3 Uhr, ein Gottesdienst tallfindet, in welchem die Thora verlesen und anschliejend Mincho gebetet wird. Das Lokal befindet sich z. Zt. Börnestr. 52 (Mainz'sche Synagoge). Die Stellung der Ara« im jüdischen Gemeindeleben. Eine Mitgliederversammlung des Centralvereins israel. Gemeindemitglieder befaßte sich mit der Frage der Stellung der Frau im jüd. Gemeindeleben. Jacob S. Posen gab aus dem jüd. Schrifttum eine Blutenlese von Musterungen über die Frau. Der Geist aller dieser Aeußerungen spreche nicht für die aktive Beteiligung der Frau am öfftntlichen Leben, nach diesem Geiste verlange die. Ehre der Frau als ihren Wirkungskreis das Haus, und ihre erste 'Aufgabe sei die Erziehung des'kommenden GeschLchtes. Doch da gesetzliche Bestimmungen nicht vorhanden seien, wolle er zü./,der'> Frage nicht Stellung nehmen. Die weiteren Redner, Dr. Heine mann, Dr. atzen sie in und Dr. Lehmann, ttaten sehr warm dafür ein, daß die Frau nicht nur das Wahlrecht, sondern auch «Sitz in der Gemeindeverwaltung erhalte. Dr. Heinema n n wies auf die bedeutende Rolle der Frau in der jüdischen Geschichte hin und betonte, daß eine falsche Auslegung dazu geführt habe, daß in Polen bei den Juden die-' ärgste Gleichgiltigkeit hinsichtlich der religiössittlichen Bildung der Mädchen bestehe. Die jüdische Frau habe gerade auf sozialem Gebiete gezeigt, daß ihre Kraft im jüdischen Gemeindeleben sehr wertvoll sei. Kleine Notize«. Wie wir hören, übernimmt Rabb. Dr. Winter- Homburg, der früher als Oberlehrer an einem Gymnasium wirkte, die Leitung des Dr- Heinein ann scheu Lyz e u m s. Er dürfte bereits Mitte Februar nach Frankfurt kommen. .Dr. S. in g.er begrüßte beü PMidenteg als einen s Mann der’Wahrheit.,)und Schützer des Rechtes, gab der 'l Freude der, jüdischen' Natton üher seine Wahl Ausdruck und 'entwickelte das Programm des Jüdischen Nattoual- .rates, wobei er insbesondere für die Botschaft des Präsidenten an die amerikanische Zionistenföderation dankte und die in dieser Botschaft enthaltenen Grundsätze, daß Präsident Masaryk die Juden als nationale Minorität im tschechoslowakischen Staat anerkenne und ihr politische Rechte im öffentlichen Leben und im Schulwesen zubillige, hervorhob. Präsident Masaryk bekräftigte die Authentizität des ihm vorgelegten englischen Textesder Botschaft und betonte, baß er nach wie vor auf den in dieser Botschaft dargestellten Grundsätzen vetharre. Sodann legte Dr. Singer ein Memorandum vor, in dem die Anerkennung des rechtlichen Bestandes der jüdischen Nation im tschechischen Staate gefordert und weiters der tschechischen Nationalversammlung anheimgestellt wird, der jüdischen Nation eine von der Nationalversammlung zu bestimmende Anzahl von Mandaten einzuräumen. Präsident Masaryk erklärte, daß er diesen Forderungen sympathisch gegenüberstehe und sie im Rahmen seiner verfassungsmäßigen Befugnisse unterstützen wolle. Rudolf Kohn, der sich gleichzeitig in seiner Cigenschast als Vorsitzender des Jüdischen Sozialistenrates vorstellte, entwickelte hierauf das Programm der jüdischen sozialisttschen und gewerkschaftlichen Organisationen, insbesondere der in Bildung begriffenen gewerblichen und landwirtschaftlichen jüdischen Kooperattvgenossenschaften, über die sich der Präsident durch Detailfragen orientierte^ Mit großem Interesse nahm der Präsident von den Problemen der jüdischen Berufsumschichtung Kenntnis. Mit Dr. Br ob besprach der Präsident u. a. Fragen der jüdischen Presse, Schulfragen und die Demokratisierung der jüdischen Gemeinde, wobei Dr. Brod nochmals darauf hinwies, daß den ersten Schritt zur Lösung aller dieser brennenden Fragen die rechtliche, nicht bloß die faktische Anerkennung der jüdischen Rationalität bilden müsse. Der jüdische Ratioualrat bei Präsident Masaryk. » Der Präsident der tschechoslowakischen Republik Th. Masaryk empfing am 31. Dezember bas Präsidium des 'Jüdischen Nattonalraies für den. tschechoslowakischen Staat, Dr. Ludwig Singer, Rudolf Kohn und Dr. Max Brod. Zionistische Nachrichten. London. Nahum Sololow begeht am 10.Januar seinen 60. Geburtstag. London. Eine Kommission, der Lorh B r y c e, Herbert Samuel, Sir Alfred Moud, Sir Livnel Abrahams, Mr. Robert Waley Cohen angehören, hat die Forderungen des jüdischen Volkes an die englische Regierung und den Friedenskongreß ausgearbeitet. Kopenhagen Wie das diesige zionistische Büro melivt, ist fast die gesamte Judenschaft der Südslawischen Länder der Zionistischen Organisation beigetreien. Biel (Schweiz). Menachem Sternbach. Vorstandsmitglied der Zion. Ortsgruppe, trotz seiner Jugend einer der angesehensten Kaufleute der Stadt, verschied — 26 Jahre alt — 'an der Grippe. l Kiew Der bekannte Zionistenführer Ingenieur W. S y r k i n, Vorsitzender des Jüd. Nattonalrats, ist gestorben. Während des Begräbnisses, an dem 'Repräsentanten aller Organisationen und jüdischer Institutionen, auch einige Militärabteilungen des Ukrainischen Tirektoriats teilgenommen haben, waren alle Geschäfte in der Stadt geschlossen. Auf dem Rathause der Stadt Kiew wehte eine schwarze Fahne. Literarische Chronik. Dr. S. Bernstein. Der Zionismus, sein 'Wesen und seine Organisation. Herausgegeben auf einem Spaziergange begegnet wäre, da kratzte er sich verlegen hinter dem OM und verzog sein Gesicht in eine komische Grimasse. 1 Besitz, Eigentum, äußere Lebensstellung scheiben die Menschenmehr als geistige Befähigung und seelische Vorzüge.- Erst mit dem Tode werden die Menschen gleich, der Tote besitzt nichts mehr. Deshalb werden die Toten auch alle-gleich behandelt bei den Juden, unbezahlte Hände erweisen die letzten-.Liebesdienste, ob der Verschiedene im Lebenreich öder arm war, die gleichen von Liebeshänden geschnittenen und zusammengenagelten, ungehobelten Bretter ohne Anstrich, Form und Verzierung umhüllen arm und reich, die. gleichen Kleider aus weißer Leinwand von den fußbedeckenden Socken bis tzur hauptumhüllenden Mütze dienen hoch ijiitb niedrig. ( Einen Tag int . Jahre schwindet bei den Juden auch fürchte Lebenden der Unterschied zwischen Besitzenden und Besitzlosen, für Herrschende und Dienende) selbst für die in ihren Kreisen als Gerechte! oder Bemakelte bekannten Menschen Mn diesem Tage bleibt der. Reichste wie der Aermste ohne Speise und Trank, alle haben Schmuck und Zierat abgelegt und stehen in'den alles gleichm ichenden Gewändern, in denen sie einst zur Erde gebeitei werden, alle, bekennen in gleicher! Weise, daß sie schuldbeladene, dem’ Fehl und Irrtum.unterworfene Kinder dessellen Gottes sind, alle gleich jedes berechtigten Vorzuges bar. ' Dieser Tag nahte , heran, und am Vorabend desselben amfaßte die Synagoge nicht nur alle Juden und Jüdinnen der.Gemeinde, auch die nichtjüdischen Bewohner strömten herzu und füllten in-dichtem. Gedränge den breiten Mittelgang und jedes etwa in den Bänken freigewordene, Plätzchen. Der Zudrang war jedes Jahr so. groß, daß der städtische Polizeidiener von».der Gemeinde bezahlt wurde, am einen'übergroßen Andrang zu verhindern und Kinder md andere Besucher, von-denen eine Störung befürchtet vertun konnte, abzuweifen. Wie strahlte die Synagoge auch im hellsten, sehenswürdiaen Lichterglanz! Nicht nur alle Kerzen der sonstigen Festbeleuchtung erhellten den Raum, da standen auch an beiden Seiten der heiligen Lade, auf dem Pulte des Vorbeters, auf dem Mlmemor, überall standen die langet- Kerzen, welche vom Vorabend bis zum 'Ausgang des Jom Kippur burchbrannten, von jedem Mitglied eine als Seelenlichi gestiftet. Pulte uud Tische mit weißen Decken bedeckt, die heilige Lade hinter einem weißen Vorhang verborgen, alle Beter in schneeiges Weiß gekleidet, das war ein Anblick, der auch die nichtjüdischen Besucher zu fesseln vermochte. Und noch etwas zog sie herbei, heute abend predigte der Jndenlehrer. Wenn das gewöhnliche Wendgebet vollendet, ehe mit den poetischen Festgebeten bei geöffneter heiliger Labe begonnen wurde, bestieg der Lehrer die Kanzel, die sonst nur noch einmal im Jahre der Rabbiner auf seiner regelmäßigen Revisionsiour benützte. Der Kolnibrevortrckg machte einen großen Eindruck, weil der Prediger im Gefühle eigener moralischer Unvollkommenheit es vermied, den Tadler und Moralisten zu machen und sich darauf beschränkte, die Wichtigkeit des Tages für die Judenheii zu betonen, an der Hand der dichterischen Ergüsse in den für den Jom Kippur bcstimmien Gebeten und die herrlichen, oft mit orientalischer Glut durchtränkten Gedanken dieser Dichtungen gaben seinen Worten einen Schwung, der auf die nichtjüdischen uhörer einen hinreißenden Eindruck machte und in beit emütern der Gemeindemitgliedern eine tiefe Andacht erweckte, die sie Iden ganzen folgenden Tag beherrschte. War der Kolnidregottesdienst beendigt, so sttömte alles nach. Hause, nur drei Beter blieben auch die Nacht hindurch au ihrem Platze stehen. Diese drei waren so in ihre Gedanken vertieft, daß außerdem noch zwei besondere Wächter hableiben mußten, damit durch die vielen die Nacht hindürchbrennenben Kerzen kein Schadenfeuer entstand. Verschieden wie ihr Charakter war auch die Be- Seite 5. von dem Kopenhagener Bür» der Zionistischen Organisation. 1 Mark. Ter Zionsgedanke in seiner Entwicklungsgeschichte nom Beginn des jüdischen Gplut an bis auf unsere Gegenwart bildet den Gegenstand der Bernstei »scheu Darstellung. Die mannigfachen Wandlungen, die die uralte Renaissance- Idee des jüdischen Voltes dnrchgemacht, die verschiedenen Äusdrucksformen. die sie im Laufe der zweitausend Jahre jüdischer Diaspora gefunden hat, werden in llarer und anziehender WÄist veranschaulicht. Naturgemäß ist der letzten, wohl grandiosesten Form, worin sich der national« Drang und Wille des jüdischen Volkes zur Wiederkehr nach dem Lande der Väter, zur staatlichen Wiedererneuerung ausgeprägt hat: dem modernen Zionismus, der breitere Raum des' Werkes gewidmet. Es sind hier die bedeutsamsten Geschehnisse in der Geschichte des Zionismus, zumal der jüngsten Epoche zu einem groß umri§» jenen, einprägsamen Bilde' zusammengefaßt und in ihren geschichtlichen Zusammenhängen llargelegt. Bernstein weiß manch kluges Wort über Sein ui>ch Wesen des Zionismus zu sageck: die von ihm gegebenen Definitionen sind zum Teil in recht hübsche und prägnante Form gefaßt. Zu rühmen ist aper vor allem die klare, einheitliche Linie, die der Verfasser feinem Werk zn geben vermochte, wodurch dieses pmf» stärker wirkt. Es gst gewiß: das Büch 'über den 'Zionismus ist noch nicht geschrieben uni» kann noch nicht geschrieben sein!' Aber ebenst» gewiß ist, ' daß. Werke wie das vorliegende, ihre volle Berechtigung haben, weil sie geeignet und bestimmt sind, orientieren!» zu wirken. Notlvendigkeiien der Stunde aufzuzeichnen, geistige Entscheidungen anzurufen, kurz: für die zionistische Idee erfolgreich zu werben. Tiie Arbeit ist darum warmer Empfehlung und weitester Verbreitung wert. —z. Stimmen ans dem Leserkreise. Die Frankfurter jüdische Bibliothek und Lesehale. Ms vor einigen Jahren die Mitteilung von der Gründung einer jüd. Bibliothek und Lesehalle durch die Presse ging, da ward diese Gründung allenthalben mit großer Freude begrüßt. Sollte doch ein gemütliches Heim geschaffen werden für solche, die den Drang in sich empfinden, in ihren freien Stunden ihr Wissen an den Würben der jüd. Wissenschaft zu bereichern und sichüber die Vorgänge in der jüd. Welt zu orientteren. So würde gerade jetzt an den langen Winterabenden gern mancher einige Stündchen zur Forschung und Unterhaltung dort verbringen. . Leider sind die Verhältnisse der Bibliothek.aber nicht derart, ein solches Publikum anzuziehen. Anstatt eines gemütlichen Heims starrt dem Besucher ein kalter, schlecht beleuchteter Raum entgegen, sodaß man Mitleid empfinden muß, wenn jemand, wie beispielsweise der Aufsichtsbeamte, gezwungen ist, dort einige Stunden zu verbringen. Kein Wunder, wenn die Jugend, für die sie am ersten bestimmt sein sollte, es vorzieht, zu den besser erwärmten ümd beleuchteten Kaffees oder Kinos ihre Zuflucht zu nehmen. Wenn man sieht, welche behagliche Wärme in den alleren Bibliotheken den Besuchern entgegenströmt, ft» sollte man doch meinen, das. was diesen möglich ist. müßte bei einigem Interesse auch für dis jüd. ^Bibliothek zu er- > reichen sein. Ich hoffe, daß diese Zeilen genügen, uni die zuständigen Kreise zn bewegen, diese Mißstänbe zu beseitigen und die Bibliothek zU dem zu machen, was sie von Anfang an sein sollte, zu einem „gemütlichen Heim für Wisiensdursiige". M. Offenbaaber Dvuekluft-Anlage Offanbach a. I, Telefon 123. kAnschluss mit Frankfurt). Bewährteste TaDDlChralBlOinib (100,000 qm jährlich) sowie unObertraffans BsttfndsrnralnfgimB mittelst Druckluft und Wasserdampf. schästigung der drei Zurückbleibenden. Der llar und nüchtern denkende Parnes hatte sein Bergnügeu an der Bibel, die er jahraus, jahrein wiederholte, daß er in fast allen 24 Büchern so bewandert war, daß er jede Stelle genau nach Kapitel und fast nach der Nummer der Berse angeben konnte. Der immer nachdenkliche, grübelnde alte Machoel hatte sich in der Mischnah den Traktat über Jom Kippur,a'ufgeschlagen und suchte im Geiste, ob nicht der Kommentator irgendwo Aehnliches oder Widersprechendes gesagt habe. Drum stand er auch nicht so ruhig wie die andern, sondern legte die Hand an die Stirn, schaukelte mit dem -Oberkörper, gestikulierte mit Hand und Daumen, während er mit seinem eigenen Geiste Zwiesprache hielt. Ter dritte war der poettsche, immer Träumereien Und abstrakten Tedukttoneu ergebene alte Sußmann, der in seinen Gedanken eigentlich selbst ein Dichter war. Der hatte „die Königskrone" von Salvmon Jbn Gabriol vor sich aufgeschlagen und erbaute sich an den Verherrlichungen des in seinem Wesen immer unsichtbaren, iu seinen Werken stets bemerllichen allgütigen Welkenschöpfers und Ankers aller irdischen Geschicke, Der alte, träumerische Mann spann jedes Wort des Dichters bis zu den weitesten, Ursachen und Endwirkungen aus. Eines hatten 'alte dreigemeinschaftlich, sie waren so in sich vertteft. daß sie weder rechts noch links schauten, und daß sie böse geworden wären, wenn man sie gestört hätte. Do» den beiden andern, die während der Nacht in der Synagoge als Wächter gegen Feuersgefahr verblieben, lag die „Schabbessrau" zwischen den zwei Hinteren Bänleu auf der Erde und verbrachte ihre bezahlte Nachtwache in ungestörtem Schlafe, während der die Schabbesgoje bemachende Synagogendiencr Mendel immer unruhig umherlief. . (Fortsetzung folgt.)

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