Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 49 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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+ 1 + +1 + Erscheint wöchentlich am Freitag. Kerugsprris xrs Nirrtrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.80 frßl ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.80, frei rns Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung. durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.2.25 für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel»Nummern kosten 15 Pfg. AeduKtion und EXpedition: Frankfurt a. 19. :: Langeslr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Hsrapsgevep: Kakg cheis. Insertionspreis für die sechsgespaltene Petitzelle 40 Pfg., für die Rellamezelle Mk. 1.50. Bei Mederholungm entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist, ohne Berbindlichkell. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884» -S s. -I f ''W 16. Jahrgang. Freitag, de» 17. 5679 (29. Dezember 1918) Nr. 49. Ab 1. Januar lautet der Titel unserer Zeitung: Rene Mische Presse (Frankfurter Israelitisches Familienblatt). In der neuen-Postzeitungsliste ist bereits die entsprechende Aenderung vorgenommen worden. Der neue Name soll für uns? eine Vermehrung der redaktionellen Aufgaben bedeuten. Tie Tendenz unserer Zeitung bleibt unverändert. Pole«. -Ob man den Polen flucht, ob man Protest- 'Versammlungen veranstaltet, ob man Spenden sammelt für die unglücklichen Opfer einer zwei- ( tausendjährigen christlichen Kultur, — alles zusammen hat nicht den geringsten Einfluß zu verhindern, daß an irgend einem beliebigen Tage sich die . gleiche Tragödie in irgend einem Orte ‘ Polens wieder abspielt. Und doch.müssen wir Juden aus Mittel- und Wege sinnen, eine Wiederholung der Tragödie zu verhindern, damit unsere Läfsigleit uns nicht selber an der Blutschuld teilhaftig werden läßt! Polen, einst das Land der Freiheit für die Juden, in das sie aus dem Westen Europas fluch-, teten, um "dem Mordpahl einer von der Geistlichkeit fanatisierten Menge zu entgehen und in dem sie seit dieser Zeit das Zentrum der gesamten " Judenheit des Golus bilden, ist.heute für seine. Juden eine Hölle geworden. Wie ist diese Umwandlung vom Hellen ins Dunkle entstanden? Welches sind die tieferen Ursachen für eine Entwicklung, deren letzten Mt unsere Tage erleben, denn weiter kann diese Entwicklung nicht stehen, sie heißt heute: Vernichtung oder Auszug aus einem Lande, dem vor vierhunderl Jahren die Juden als willkommene Einwanderer Aufblühen brachten. Mit dem. Antisemitismus, mit dem einfachen Judenhaß ist nichts erklärt. Er besteht überall in der Christenheit,— und doch läßt man den Juden ( leidlich leben und überliefert ihn nicht zu Tausenden -r1 Greise, Frauen, Kranke, Kinder, nichts wird verschont — dem Feuertode, als seien - plötzlich . die Zeiten der Hexenprozesse und des schwarzen Todes wieder lebendig geworden! . ’ Ein gehäuftes Maß von.Gründen muß in Polen - übervoll geworden fein und zur Explosion ge« trieben haben, — und als dann die Explosion kam,! da packte man den Juden, weil man wußte, daß; man ungestraft alle feine entbundene, zügellos ge- .' wordene Leidenschaft an ihm austoben durfte. Kein 'Ententeheer' wird in Polen einrücken, um den Juden Sicherheit des Lebens und Anerkennung ihrer Rechte zu verschaffen, kein Friedenskongreß die Ansprüche der Polen wegen der Schandtaten an den Juden schmälern, so glauben die Polen. In Polen hatte sich allmählich ein Uebernationalismus herausgebildet, der in seiner Brutalität nur noch ein Recht auf den Boden, den oie Polen für sich als den ihrigen beanspruchen, . kannte:. da? Recht in Polen. In Galizien wohnen ’ mehr Ukrainer als Polen, — und doch gab es nur ein Recht: dcB der Polen. ' . Bis zum'Kriege mußten die polnischen Herren freilich die Fgüst mitunter-in der Tasche behalten, denn cs drohte die russische Knute, und auch im österreichischen Polen waren durch die Oberhoheit des österreichischen Staates wenigstens gewisse Anstandsrücksichten zu nehmen. Und doch war man damals schon sorücksichtslos und anmaßend in der Verfolgung der.Interessen des polnischen Volkes, daß man die Juden in Galizien zwang, als Polen zu wählen und sich dadurch das Uebergewicht über die Ukrainer erschwindelte, und daß Uran, als kürz vor dem Krieg die Warschauer Juden den ihnerr präsentierten polnischen Kandidaten, weil er ein bekannter Antisemit war, nicht wählten, in ganz Polen den Wirtschaftskrieg gegen die Juden eröffnetc. Nun warf der Krieg dein polnischen Volle ganz unerwartet und ohne sein Dazutun die Erfüllung feiner nationalen Träume in den Schoß, — was Wunder da, daß nach 150 Jahren des Ersehnend seiner nationalen Selbständigkeit ein Volk wie das polnische von einer chauvinistischen Raserei ergriffen sein muß! Wohl zeigten sich Schwierigkeiten in Hülle und Fülle. Die durchaus anormalen Verhältnisse auf wirtschaftlichem Gebiete infolge der Vorherrschaft einer allmächtigen Adelsklasse und die Anordnung in der Verwaltung, all das, was im Friesen in der Welt „polnische Wirtschaft" hieß, aber in vierjähriger schwerer Kriegszeit einer inneren Katastrophe zutreiben mußte, — dies jetzt dem Rufe aus dem Volke nach sozialen Rechten gegenübergestellt und die Kämpfe mit den vergewaltigten Ukrainern in Galizien, — man vergegenwärtige sich die Situation bei einem Volk von dem Charatter des polnischen und seiner durch.die Ereignisse überchauvinistisch..gewordenen Stimmung! Und wenn man sich dies vergegenwärtigt hat, dann fasse man folgendes ins Auge: Die Adelsklasse will die Macht behalten. Sie braucht einen Blitzableiter der Masse des Volkes, gegenüber und sieht da nur den Juden,, auf den das Volk aügelenkt werden kann. Jetzt kommt dazu, daß in dem Kampfe der Polen gegen die Ukrainer die Juden sich nicht für die Polen totschlagen lassen wollten, sondern mit richtigem Taktgefühl sich vollkommen neutral verhielten. Erst hatte es in der gesamten Presse der Rechten, trotzdem die herrschende sozialistische Partei judenrein ist, geheißen: Ter Sozialist — das ist der Jude. Und nun hatte der Jude die Frechheit, nicht mit dienerndem Lächeln nach der Miene des Poriz, der die Gnade hat, mit ihm zu handeln, zu sehen, sondern in politischen Dingen selbständiges Denken zuverratene — das mußte zu. einer unerhörten Gewalttat der Polen führen — und hat dazu geführt. Lemberg erzählt davon. * Tie Lage der' Judenheit in Russisch- und Oesterreichisch-Polen war schon seit Jahrzehnten wirtschaftlich unhaltbar geworden, seit 40 .Jahren ergoß sich ein Auswandererstrom nach dem Westen, — und ^dieser Auswandererstcom war der sichtbarste Beweis dafür, daß in der Judenheit des Ostens ein gewaltiges Problem, das Problem ihres Seins, der Lösung wartete. Doch die Deutschen, Engländer, Franzosen usw. jüdischer Konfession kannten keine jüdischen Probleme, weil sie den Zusammenhang der Judenheit der ganzen Welt nicht anerkennen wollten und verstanden sich ttt Zeiten der Not nur zu Spenden, die der Menschenbruder dem Menschenbruder gewährt. Da erstand .der Retter für eine zukünftige 'Zeit, die er selbst nicht mehr erleben sollte, in einem dem Judentum fremden, von der höchsten geistigen Kultur Europas erfüllten Mann. Er erkannte durch den Dreysußprozeß,. daß ein ge-, meinsames Schicksal die Judenheit der ganzen Welk verbindet, und getragen von dem edelsten Wollen und dem erhabendsten sittlichen Verantwortlichkeitsgefühl stellte er seine ganze Persönlichkeit bis zur letzten Faser ihres Seins, bis zum letzten Atemzug seines Lebens in den Dienst her Konsequenzen, die sich aus seiner Erkenntnis, ergaben. Heute keden zu vielen Tausetiden seiner Jünger, unh diese Jünger sind Bürgen, daß das Problem der Judenheit Polens seine jüdische Lösung sindet! ..s» <frä ■Ja $§j Ei» Interview mit I. H Ka»», Haag^D Das Jüd. Korrespondenzbüro Haag hat I. H. Kann, den Leiter des Jüd. Nationalfonds, nach H seiner Rückkehr von einem sechswöchentlichen Auß^ A enthalt in London über seine Eindrücke behUgk.<r-D Wir entnehmen, der Unterhaltung folgendes:;'-||| Die gesamte öffentliche Meinung Englands hat. Vf* volles Verständnis für die Palästina-Bestrebungen ° des jüdischen Volkes. Professor Weizmann, der.. Führer der *Jp Palästina-Kommission, hatte für seine Bestrebungen. .^ die Unterstützung des Generals Allenby, des eng-ÄH lischen Oberbefehlshabers in Palästina. Es ist-heute bereits folgendes erreicht worden: jüdische Steuer-. W behörden für die jüdischen Kolonien, jüdische Poki-^' W zei, von den fünf hohen Richtern in Palästina sind drei Juden, hebräische Korrespondenz mit den(^ englischen Behörden. Heute ist die jüdische Bevölkerung Palästinas - '-Ij noch nicht zahlreich genug, und deshalb erscheint- H es notwendig, daß ein Trustee Palästina verwaltet^. H bis das jüdische Volk selbst über Staats- und Re- H giernngsform wird bestimmen rönnen. Und wie.ij die Sachen heute -liegen, scheint es . eine gegebene .;{§ Tatsache, daß England der Trustee wird. ' : Das Wesentlichste ist eine starke jüdische 'Ein-- Wanderung in das noch menschenarme Palästina. (Ä Von dein Trustee ist zu verlangen, daß. H einen jüdischen Gouverneur für Palästina ernennt, Ä der selbst, natürlich im Einvernehmen mit dem,<M Trustee, die hohen Beamten zu wählen hätte. Natürlich nrüßte auf der Friedenskonferenz in aller Deut- . lichkeit ausgesprochen werden, daß es die Absicht M der Konferenz ist, aus Palästina einen jüdischen Staat zu machen. Wenn diese Forderungen befriedigt werden, dann würde es vollständig genügen, ein Amt einzurichten, das alle Vorbereitungen zu treffen hätte, welche für die jüdische Kolonisation des Landes nötig sind. Es versteht sich von selbst/daß alle öffentlichen Anlagen, wie Hafen, Wege, Eisenbahnen usw. nicht im Wege von Konzessionen an Privatleute vergeben werden dürsten, sondern der Gesamtheit zu Gute kommen müssen. -.«m Die Araber, welche es unter dem türkischen Regime aushielten, werden erst recht mit dem jüdischen Gouverneur zufrieden sein. Die Schwierigkeiten mit den Arabern werden vielfach überschätzt.- - Die arabischen Fellachen verständigen sich sehr gut mit den Juden. Was die Efsendis betrifft, von - '-vf denen es in Palästina nur etwa 3o00 gibt, so werden diese ganz gerne auch den Juden ihren Böden verpachten oder für einen guten Preis verkaufen. Viele jüdischen Soldaten werden sich in Palästina: ansiedcln, besonders die von den iüdischen Bataillons, die auf Initiative Jaöotinsktts gebildet den, und die einen bedeutenden Anteil an den Ep folgen in Palästina : genommen haben. . - -