Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 48 (13.12.1918)
- Date
- 1918-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion und GXpedition.: Frankfurt a. M. » Langestr. 7. Fernsprecher, Amt Hansa 2903. -MW- Hnaitsgever: Kakg ch>-is. 16. Johrgo»-. Freitag, de« 16. Tewes 5679 (13. Dezember 1918) Kr. 48. Ins-rtiousprr» für die sechsgespaltene Petitzeile 4V Pfg., für die Reklamezeile Mk. I.Lü. Bei Wiederholungen entsprechender . Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Armahme bei der Exped. undina.Annoncen-Bureaus. Konto Lei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. Erscheint wöchentlich am Freitag. Semgspreis pro Zliertetjatzr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.80 frei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.80, frei ms Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. —; Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreichs Ungarn Mk.2.25 " für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel-Nummern kosten 18 Pfg. W 1. Januar lautet der Titel unserer Zeitung: Reue Jüdische Presse (Frankfurter Israelitisches Familienblatt). . In der neuen Postzeitungsliste ist bereits die entsprechende Aenderung vorgenommen worden. Der neue Name soll für uns eine Vermehrung der redaktionellen Aufgaben bedeuten. Die Tendenz unserer Zeitung bleibt unverändert. * Das alte Stzstem. Am 3. November, in jenen schweren Tagen vor dem Waffenstillstandsabschluß, veranstaltete der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin eine große Demonstrationsversammlung, um zu bekunden, „daß das deutsche Judentum treu zum Vaterland stehe". Und in der vorwöchentlichen Nummer unserer Zeitung veröffentlichte die gleiche Vereinigung gemeinsam mit dem Verband der deutschen Juden und dem Deutsch-Israelit. 'Gemeindebund, eine Erklärung, daß sie, die „die überwiegende Mehrheit' der Deutschen jüdischen Glaubens in sich vereinigen", im Gegensatz zu den Zionisten sich als „unablöslichen Bestandteil des deutschen Volkes fühlen, eine Glaubensgemeinschaft, nicht aber ein jüdisches Volk in Deutschland sind und jeder nationalen Absonderung widerstreben", ..... Tie Demonstrationsversammlung hatte niemand verlangt, sie war überflüssig und unangebracht, aber sie war harmlos. ' Der zweite Schritt ist jedoch weniger harmlos, denn er hat feine Spitze gegen jene jungjüdischen Bestrebungen, die gerade durch .die Erfahrungen des Krieges Beweismaterial für ähre Berechtigung erhielten. Hat denn die treueste Hingabe der deutschen Juden an den Kämpfen des Vaterlandes, Me schweren Blutopser den Antisemitismus verstummen lassen?. Gab es treuere 'Vasallen des Holentums als das jüdische Bürgertum der Städte Galiziens und Polens — und trotzdem das Blutbad von Lemberg? Kann man-. . sich feurigere Patrioten als die ungarischen Juden ' denken, — und trotzdemwandten sich in Ungarn die Plünderungen in den ersten Revolutionstagen - gegen die Juden? Cs gibt ein gemeinsames Geschick der Judenheit der ganzen Welt, — und das Bestreben, ihrerselbst' in den fortgeschrittensten Ländern unsicheren Lage durch eine autonome Heimstätte in Palästina - endlich einmal Halt zu geben, wird heute von den weitesten jüdischen 'Kreisen als der einzig Vernünftige Weg anerkannt. Die gewissenhafteste Erfüllung der Staatsbürger- Wichte» der Juden her einzelnen Länder wird dadurchnicht im geringsten berührt: ' Die Regierungen der Großmächte haben alles Verständnis für diese Bestrebungen gezeigt, selbst der Pabst hat seine Zustimmung für eine jüdische Heimstätte in Palästina .kundgetan, — nur die i„Notablen" der deutschen Judenheit, die selbstherrlich ohne Anteilnahme der jüdischen Masse deren Angelegenheiten zu entscheiden gewöhntsind, stehen abseits: Es ist deshalb angebracht, uns einmalmit - diesen., führenden, Kreisen; ju beschäftigen. We Zeit ist-'zuernst) Äs. daß man. es: -scheuen dürste, ein offenes- Wort zu -sprechen. Die „Notablen" sind keineswegs die Gewählten all' derer, die die drei genannten Organisationen nominell vertreten, denn die Wahlen vollzogen sich stets unter — man sagt nicht zu viel — Ausschluß der jüdischen Oeffentlichkeit. Eine, so wichtige Erklärung wie die jetzt erlassene, ist von dein engen Kreise dieser Notablen am grünen Tisch abgefaßt worden,.— die deutsche Judenheit hat man wieder tote Unmündige behandelt, man hat sie wie stets nicht gestagt, und sie,hat ihre Einwilligung nicht gegeben. So sieht die überwiegende Mehrheit der „Deutschen jüdischen Glaubens" aus, die hinter der Erklärung steht. - Früher freilich dursten sich die Notablen ungehindert solche Uebergriffe erflauben, heute aber geht die jüdische öffentliche Meinung nicht mehr - so ruhig darüber hinweg. - Auch die' deutsche Judenheit will endlich Herr ihres Geschicks sein. Auch unters ihr tönt heute laut und nachdrücklich der Ruf nach Demokratisierung. Doch an die der Ruf ergeht, sie tun so lange als möglich, als ginge sie der Ruf nichts an. Ter Vorstand der Kölner jüdischen Gemeinde z.B. hat, unbekümmert um alle Ereignisse der Außenwelt, die Wahlen zur Repräsentanz^ nach dem bisherigen Treiklassenwahlsystcm angesetzt, eine Handlung, die in diesem Augenblicke sicherlich keine zweite Körperschaft im Deutschen Reiche wagen dürfte. Auch die Führungen der Hrei großen jüdischen Organisationen Deutschlands haben mit der selbständigen Abgabe der so schwerwiegenden Erklärung bewiesen, daß sie aus.sich heraus keine Konzessionen machen wollen. Noch hat in der deutschen Judenheit das alte System die Vorherrschaft. Es hatte ihm nur geschadet, nichts genützt. Gleichgültigkeit, Mischehen und Taufen nahmen unter ihm ständig zu. Wie konnte es denn auch anders sein? Die Erwählten, die sich berufen fühlten, ihre Geschicke zu -leiten, stellten eine soziale Oberschicht dar, der die Verbindung mit der jüdischen Gesamtheit fehlte. Meistens wären es Herren, die, nachdem sie ihre beste Kraft Jahrzehnte lang ihrem Berufe und allgemeinen öffentlichen Angelegenheiten gewidmet hatten, nun auf ihre alten Tage sich ihrer Zugehörigkeit zum Judentum erinnerten. Und wenn dieses Judentum noch bewußte jüdische Religion gewesen wäre! Was sie jüdische Religion nannten, »war bei den meisten ein unklarer, verwässerter Monotheismus, den sich jeder nach seiner Privatmeinung gestaltete. Dieses alte System hat das deutsche Judentum an den Bankrott gebracht. Wäre nicht seit Jahrzehnten der Zuzug vom Osten gewesen, der Bankrott wäre schon eher und krasser sichtbar geworden. Doch ein neues jüdisches Geschlecht will nicht mehr gedankenlos und haltlos zwischen einem ihm unbekannten Judentum und den Anschauungen der sie umgebenden rcichtjüdischen Welt.stehen, es will Boden unter seinen Füßen sehen. Dieses neue Geschlecht verlangt sein Recht — uyd wird es bekommen! Die deutsche Revolutio» uud das Judentum.») Tie deutsche Revolution bedeutet, für das gesamte Judentum ein Ereignis von größter-historischer Tragweite. Bor allem tst sie von geradezu revolutionierender Wirkung hinsichtlich der staatlichen und politischen Stellung der deutschst Juben- *) Die „Neuen Jüd. Monatshefte". veröffentlichen in ihrer neuesten Nummer die nachfolgende Würdigung der Bedeutung der deutschen R volution für das Judentum D. Red. heit. Man darf heute ohne Uebertreibung sagen,.daß die Revolution erst den deutschen Juden die wirtliche Gleichberechtigung gebracht hat. Wir wollen heute, da das alte Regime in Deutschland zu Boden liegt, nicht auch all die Sünden auszählen, die es dem Judentum gegenüber begangen hat. Begnügen wir uns mit der Tatsache, daß zurzeit dieses alten Regimes die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland wohl ein Grundsatz der Verfassung, aber noch sehr weit von ihrer wahrhaften Verwirklichung entfernt war. Auch war nach diesem Kriege nicht zu hoffen, daß das alte Regime ür' dieser Hinsicht eine prinzipielle Aenderung seiner Haltung vorzunehmen gewillt wax. Von allen Großmächten der Welt war so, nachdem der russische Zarismus gestürzt war, Deutschland dasjenige Land, in dem die Stellung der Judenheit die am wenigsten zufriedenstellende war. All dies hat sich mit der Revolution von Grund auf geändert. Die Parteien und Richtungen, die sie herbeigeführt hat, und durch sie zur Macht gelangt sind, haben seit jeher das' Prinzip der wahrhaften und restlosen Gleichberechtigung vertreten und gegen den Antisemitismus des alten Regimes gekämpft. -Ein Deutschland, in dem diese Richtungen und Kräfte vorherrschend sein werden, wird ein Deutschland sein, in dem die Frage der Gleichberechtigung der Juden nicht mehr existieret! wird. Der relativ starke Anteil, den die Juden jetzt an der neuen Regierung haben, ist ein deutliches Synrptom dieser Wandlung. Für das deutsche Judentum bedeutet dies eine bedeutsame Veränderung seiner gesamten Lage. Zweifellos war das jüdische Leben tn Deutschland, die Politik der deutschen Juden und ihre gesamte Psyche sehr stark beherrscht von dem Bewußtsein ihrer Ausnahmestellung. Die Beseitigung dieser Ausnahmestellung wird auch innerlich auf däs deutsche Judentum von tiefgreifender Wirkung mit der Zeit werden müssen. Der Abwehrkampf gegen den Antisemitismus, der bisher den wichtigsten Inhalt der Politik und Aktivität des größeren Teils der deutschen Juden gebildet hat, wird seine bisherige Bedeutung, verlieren. Die Aengstlichkeit, die das politische Auftreten weiter Kreise der deutschen Judenheit beherrscht hat, das dauernde Schielen nach dem, „was die Anderen sagen werden", wird fo auch gleichfalls mit der Zeit aufhören. Und statt dessen wird ein stolzeres, selbstbewußteres Auftreten und eine mehr von positiv jüdischen Zielen und Gesichtspunkten beherrschte Betätigung und Politik der deutschen Juden kommen. Von nicht minder großer. Bedeutung ist - die Revolution auch vom internationalen jüdischen, Ge > sichtspunkt gesehen. Die Beseitigung der antisemitischen Haltung der.deutschen Regierungskreise wird von großer Wirkung werden müssen hinsichtlich des. Standpunktes der deutschen Regierung, in international jüdischen Fragen. Bekanntlich hat Deutschland während des Krieges nicht das Verständnis für die Bedeutung' der jüdischen politischen Fragen bewiesen, das die meisten anderen Staaten dokumentiert haben. Zweifellos haben bei diesem Unverständnis auch die' latenten antijüdischen Vorurteile der maßgebenden Regierungskreisc mitgewirkt. Das neue Deutschland der Demokratie und des Sozialismus ist von solchen Vorurteilen: ftW und wird zu den internationalen jüdischen Frage», zu den Forderungen und Unterstützungen deI'jüh^ scheu'Volkes eine neue, freiere und verständnisvollere Haltung einnchmen können. Auf der anderen Seite aber wird durch: die Revolution auch die Haltung des gesamten Juden-