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Neue jüdische Presse · 1918-12-06 · Heft 47 (6.12.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 47 (6.12.1918)
Date
1918-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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' , Erscheint wöchentlich am Freitag. Kriugspreis pro Mirrtrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.50 srer ins Haus. Bei der Post abonniert Mk.1.35, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.50 - Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. Redaktion and Expedition: Frankfurt a. M :: Catigeftr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. Heraasgevee: Sarg cheis. t Infrrtiouspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 40 Pfg., für I die Reklamezeile Mk. 1.50. Bei Wiederholungen entsprechender I Rabatt. Platz- .und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Sxped. und ina.Annoncen-Bureaus. " > Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4364. 16. Jahrgang. Freitag, den 3.« 5679 (6. Dezember 1918) Nr. 47. Ab 1.-Januar lautet der Titel unserer Zeitung : Reue Jüdische Presse - (Frankfurter Israelitisches Familienblatt). •i - In der neuen PvstLeitungsliste ist bereits' die entsprechende Aenderung vvrgenommen worden. - Der neue Name soll für uns! eine Vermehr mng der redaktionellen Aufgaben bedeuten. Die Tendenz unserer Zeitung bleibt unverändert. Die Trermimg von Staat und Kirche. Ä Mit der Trennung von Staat lind Kirche im Deutschen Reiche muß heute als mit einer in wenigen Monaten Wirklichkeit werdenden Tatsache gerechnet werden. Wie berührt nun diese Trennung die jüdischen Reliaionsgemeinden, die den einzigen Halt für das Bestehen der deutschen Judenheit bilden? _ Auf'den ersten Blick hat es den Anschein, als I ßköinnten die Wirkungen keine tiefgehenden sein. Die . Judenheit Preußens, die allein schon Zweidrittel der gesamten Judenheit Deutschlands zählt, >var bisher schon ganz! auf ihre eigenen Mittel angewiesen. Es bestand die schreiende Ungerechtigkeit, daßdie Juden mit der Zahlung ihrer Staatssteuern zur. Erhaltung der christlichen Kirchen beitrugen, m d er Staat wohl ihr Geld nahm, selber aber nichts ür die Bestreitung ihrer religiösen Bedürfnisse eistete. - Des weiteren liegt die Annahme nahe, daß die -bewährte jüdische Opserwilligkeit auch unter den. neuen Verhältnissen ängstliche Bedenken über >ic weitere Gestaltung des jüdischen Gemeindelebens zu Schänden machen werde. Ist doch z. B. drüben n Amerika mit seinen heute mehr als drei Millionen Zuden das jüdische Gemeindeleben von jeher — vie dort auch bei den anderen Konfessionen —;anz auf Freiwilligkeit aufgebaut! Doch der Vergleich mit Amerika ist nicht stich jaltig. Vor allen Dingen fehlt uns jeder Üeber- Üick, wie hoch zu her jüdischen Bevölkerung der Prozentsatz derjenigen ist, die überhaupt Beiträge für die Erhaltung der jüdischen Gemeinde zahlen., Mr nehmen an, daß dieser Satz ein günstiger ist, Dafj: aber andererseits die Beitragsleistungen der einzelnen Mitglieder im-Durchschnitt eine sehrgeringe! Höhe erreichen. Bei uns in Deutschland jedoch zitzy -es viele Hunderte von jüdischen Zwerggemeinren — sie machen ihrer Zahl nach wohl mehr als. Dreiviertel aller Gemeinden ans —, die mit ihren 2J* nerzig, dreißig, zwanzig, ja häufig noch weniger Familien Synagoge und Lehrer unterhalten. - In Amerika, wo von Anfang an der Gemeinde- )eitzkag rin freiwilliger, war, ging auch kleine Geneinde höhere Verpflichtungen ein, als'es die ihr zu. Gebote stehenden Gelder erlaubten. In Teutscharch sind aber besonders in zahlreichen kleinen Gemeinden die Beiträge nach ihrer Höhe überpannt, — und wenn da ans einer Zwangssteuer ine freiwillige wird, wer weiß, wieviele Mitglieder hrr Zahlung, nicht dann ermäßigen? -'.I.A'ÄerdieS haben sich in Deutschland die Verpflichtungen der. jüdischen Gemeinden während der Alriegsjahire als Folge des Krieges verstärkt, -hän- 'ig mßter Züsammeyrafsung aller finanziellen Kraft n dM Hoffnung auf einen guten Ausgang , des sich- Aber der Ausgang des Krieges iai g* ff n. BJB. ihr. in , I. 27. so gestaltet, daß er jedem einzelnen Staatsbürger schwere Lasten bringt bei wirtschaftlich ungünstigen Aussichten für die nächsten Fähre. Es besteht demnach bei gar manchen Gemeinden — ausgenommen die rein orthodoxen Gemeinden, in 'denen jedes Mitglied seinen Verpflichtungen auch weiterhin Nachkommen wird — bei der Entwicklung, wie sie jetzt die Dinge in Deutschland augenscheinlich nehmen werden, die Möglichkeit einer Katastrophe, — und jede derartige Katastrophe istanch eine Katastrophe für mindestens eine jüdische Lehrcrfamilie. ■; Und dennoch wollen wir nicht pesjimlstisch sein! Vielleicht werden aus'dem Schoße dieser kritischen Zeit Kräfte geboren, die für die deutsche Judenheit in jüdisch-idealer Hinsicht eine Stärkung bedeuten und durch däs vermehrte jüdische Interesse auch eine Steigerung der Opferwilligkett erzeugen. Wiederum steht uns unser „Ceterum censeo" vvr Augen! Es lautet: Wenn nun einmal ein großer Teil der deutschen Judenheit in jüdisch-religiöser Hinsicht indifferent ist, nun! — dann sucht eben ein anderes Fluidum zwischen ihnen und dem Judentum in Schwingung zu bringen; cs, gibt noch eine jüdische Volksseele in der deutschen Judenheit, die die Assimilation zur Verlnmmerung brache», — erwecket sie wieder! Die jüdischen Religiousge-' meinden werden sich dann zu jüdischen Vollsgemeinden umwandeln, da dann auch diejenigen an ihren Angelegenheiten lebhaften Anteil nehmen werden, die sich nur als Glieder eines jüdischen Volkes begreifen. Ihren Ausdruck wird diese Neugestaltung in den Gemeinden durch Uebernähme aller sozialen Aufgaben und Wege dessen, was die Zusammengehörigkeit' fördert,. finden, — . und das erweckte jüdische Interesse wird auch dem religiösen Leben von Nutzen sein. Die Rot unserer Jugend. Wie durchlebt unsere jüdische Jugend diese schicksalsschwere Zeit? Ms der Krieg begann, da hatte, sich wie in anderen Ländern auch in Deutschland die jüdische Jugend mit Leib und Seele in den Dienst des Vaterlandes gestellt. In dem engen Zusammenleben mit nichtjüdischen Kameraden span- - neu sich wohl auch freundschaftliche Fäden, — aber dennoch erlebte einjeder Jude mit Ehrgefühl und offenem Auge während seiner Militärzeit manche bittere -Enttäuschungen, manche Erkenntnis, die er wohl auch in Friedenszeiten hätte erwerben können, doch in der Unbesorgtheit seines Taseinsgesühls und in der Schnelligkeit des Lebens nie in sich eindringen ließ. - Ter Krieg hatte den Blick für die nahen Dinge eingestellt. Und wie häufig war es da sichtbar, daß der Nichtjube in der Tiefe seiner Seele den Juden nicht als gleichberechtigten Mitbruber betrachtet, ihm in der Tiefe seiner ^Seele nicht vorurteilsfrei gegenübertritt. Es bedurfte nur des unliebsamen Ausfallens irgend eines jüdischen Kameradens, und sofort empfand man als Jude ein Stich im Herzen, da man. sah, daß die beanstandenswerte Handlungsweise eines jüdischen Kameraden strenger gewertet wurde, als wenn ein nichtjüdischer ^Kamerad genau das Gleiche getan hätte. Dabei forderte der Krieg die Inanspruchnahme jeden jüdischen Kopses und jeder jüdischen Hand, und es war eine gewisse Rücksichtnahme auf die Juden zwingendes Gebot. Der Krieg ist vorüber, und wir stecken mitten in der Revolution. Die Szenerie hat sich vollständig geändert. Mangel an Arbeit und Uebersluß an Menschenmaterial sind in sichtbarste Nähe gerückt. War die Zeit des Krieges ernst, so steht die jetzige Zeit nach dem Krieg unter dem Drucke katastrophaler Explosionsschwere. Dieser Zustand hat die Verantwortlichkeit jedes einzelnen bis ins Ungemessene gesteigert. y Die Geschehnisse bedeutsamer Zeiten finden ihren tiefsten Widerhall stets ist der Jugend. Welch' wichtigere Aufgabe könne es da für die deutsche Judenheit, für jeden einzelnen in ihr, jetzt geben als die Frage, wie es um die jüdische Jugend bestellt ist. Denn zeigte sich während, des Krieges schon. eine tzejllßhr Not der jüdischen Jugend, — um wieviel größer muß diese Not sein, wenn Augenblicke eintreten, in denen der Rücksicht bare, entbundene Leidenschaft in judenfeindlichen Worten das Ohr dieser Jugend erreicht? „ Vor uns liegt der Brief eines achtzehnjährigen jungen Mädchens, einer Seminaristin iu einer norddeutschen Stadt,. und dieser Brief spiegelt klar die Situation, in die zur jeden Stunde unsere Kinder geraten könne», wieder, zeigt aber auch die einzige Möglichkeit, wie dieser Not zu entrinnen ist. Tie hier heranzuziehenben Stellen des Brieses lauten: „In der Schule ist es bald nicht mehr zu ertragen. Tie Lehrer sind tiefernst und traurig und die Schülerinnen ganz verschieben. Tie einen rot bis ins Herz und radikal, so radikal, daß sie alles stürzen wollen, vor allen Dingen die Schule iu ihrer jetzigen Form. (Es besteht hier jetzt neben dem Lehrerrat auch bald ein Schülerrat, jedenfalls ist er,in der Lehrerversammlung gefordert worden.) Tie anderen sind erbitterte Gegner aller Neuerungen und aller Vernunft. Sie möchten am liebsten selbst noch den Feinden entgegenziehen und sind traurig über ihr „charakterloses, ehrloses" deutsches Volk. Was bei dieser Sache aber am bemerkenswertesten ist, ist, daß, alle jetzt Stellung nehmen zu jüdischen Fragen. Sonst gab es deinen Unterschied. Nie habe ich mich so fremd und einsam in der Klasse gefühlt, wie jetzt. Mädchen, die sonst in mir eine gleichwertige Kameradin . sahen, sehen jetzt in mir, nur noch die Jüdin, das Mitglied eines, verhaßten Volkes, das das Deutschtum gefährdet. Es werden Aeußerungen laut, die früher entweder unterdrückt worden wären oder — ich glaube — meinen Mitschülerinnen gar nicht in den Sinn gekommen wären. Diese Strömung in der Klasse, die von einem“ alldeutschen, antisemitischen Lehrer der Uebungsschüle verstärkt und verbreitet wird, durch unaufhörliches Hetzen, richtet sich direkt persönlich gegen die Juden Sie sieht in jedem Juden einen schienen, unaufrichtigen Menschen, einen Drückeberger oder Kriegsgewinnler. Daneben ist eine Bewegung, die von Anhängern der „Freibeutschen Jugend" ausgeht, Die richtet sich durchaus nicht gegen die Juden als solche, sie möchte vielmehr den Juden eine Heimstätte geben. Sie will aber auch die Juden überall aus führenden Stellen vertreiben. Ich sprach neulich mit einem Mädel aus der Freideutschen Jugend über Zionismus und sie sagte: „Diese Bewegung ist wundervoll, ihr müßt wieder ein Land haben; denn ihr seid ja auch ein Volk, das sich so lange reiu und stark erhalten hat. Da würden wir alle sofort dabei, sein, wenn wir Juden wären. Wir wollen meinetwegen für euch sparen, wir wollen euch helfen, daß ihr bloß wieder hinkommt." Sie können sich denken, daß das allesnicht spurlos an mir vorübcrgeht, und wenn ich sonst immer noch schwankend war in dieser Frage, so hat der Umsturz der jüngsten Zeit mich Mi gemach« Egibt, glaube ich. gar keine gNrchgültigen Mensch:n mehr, oder vielmehr es gibt leine Menschen mehr, die jetzt nicht gepackt werden und aufnmcheir aus ihrem Phlegma, wenigstens in meiner Umgebung nicht. Ich finde, erst jetzt, nach 4 schweren, blutigen, grausamen Kriegsjahren, kommt uns jungen Menschen die Größe der Zeit zum Bewußtsein. Ich mag schon gar nicht mehr reden über alles, was jetzt überall besprochen wird, was jetzt an Ideen und Problemen durch die Lust schwirrt. Und doch fühle ich mich froher und freier und hasse auseine bessere Zukunft, wenn die meisten Menschen jetzt auch schwarz in schwarz sehen und jetzt beinahe mehr jammern als vorher." Wir sagten, daß der Brief den Weg aus der Not heraus zeige. Die christliche Mitschülerin sagte das rechte. Wort, indem sie aus das Vorhandensein eines jüd. Volkstums hinwies. Wahrlich, nur das bewußte Zusammengehörigkeitsgefühl mit d:m jüd. Volle, die bewußte Verwurzlung in seinen Trationen u'.ld das Verwachsensein mit seinen Zukunstsidealen machen diese Not zu nichre. Sie erst geben den Stolz und die Würde, die die innere Festigkeit und Ruhe verleihen; sie geben aber auch jenes Taktgefühl - und jene Zurückhaltung, die zahlreiche Enttäuschungen vermeiden, weil sie sie garnicht heraussordern. Wieviel besser wäre es schon jetzt manchen unserer jungen Leute gewesen, wenn sie sich nicht zu stürmisch in die Strömungen unserer Tage hineingestellt hätten. Manch' einer hätte wahrscheinlich schon jetzt manch' herbes Wort, das ihn als Juden treffen sollte, vermieden. Was nützt es, daß wir zwischen uns und unfern nichtjüdischen Mitbürgern Einerlei Unterschiede sehen wollen, wenn unsere nichtjüdkschen Mitbürger doch Unterschiede empfinden? / Deutsche Judenheit, der größte Teil deiner Jugend leibet! Bar bewußter jüdischer Ideale hindert ihr die jüdische Abstammung die freie seelische Entfaltung, weit

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